Markus 8,1-9

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Beim Rabbi Jesus in die Schule gehen | Erntedankfest| 04.10.2026 | Predigt zu Mk.8,1-9 | verfasst von Sabine Handrick |

Liebe Gemeinde!

Kennen Sie dieses Gefühl? Es geht durch den ganzen Körper.

Du spürst, wie sich die Fasern deines Inneren zusammenziehen.

Es geht dir durch und durch, durch «Mark und Bein», wie man so sagt. Dich überschwemmt eine Welle von deiner Körpermitte ausgehend bis in die Fingerspitzen: Mitgefühl.

Mir geht es manchmal so, wenn ich höre, dass sich jemand verletzt hat oder etwas passiert ist, was mich zutiefst berührt… dann fühle ich mit. Es geschieht unmittelbar, nahezu instinktiv. Dich erfasst Mitgefühl – du kannst gar nichts dagegen machen und es kann sich bis zu körperlichem Mit-Leiden steigern.

Sicher gehen Ihnen solche Momente durch den Sinn, wo Sie ähnliches erlebt haben. …

Wir Menschen sind zur Empathie fähig, wir können uns in die Lage anderer hineinversetzen und dies macht etwas mit uns. Bis ins Innere hinein werden wir von einem Erbarmen ergriffen, das uns motiviert zu helfen, zu handeln, da zu sein für den/die andere/n.

Auch Jesus liess sich anrühren von der Not der Menschen, denen er begegnete. Er sah ihre Krankheiten, ihre Verzweiflung, ihre erbarmungswürdige Lage und er heilte, tröstete, richtete sie auf, erbarmte sich ihrer. Was er sah, liess er buchstäblich an sich heran.

Jesus, der Menschensohn war ein Lehrer der Menschlichkeit.

Davon will ich heute reden: … was wir bei ihm lernen können und was es mit Erntedank zu tun hat, wenn wir bei Jesus sozusagen in die Schule gehen.

Wir sind mittlerweile oft darauf aus, möglichst wenig an uns heranzulassen. Die meisten sind fixiert auf das kleine Gerät in der Hand (Smartphone). Was ringsherum geschieht, versucht man vielfach auszublenden (Kopfhörer auf). Im beruflichen Bereich wird es zum Standard, sich gut abgrenzen zu können. «Wenn jeder auf sich schaut, dann ist für alle gesorgt.» wird zur Maxime.

Im Normalfall des Alltags scheint dies zu funktionieren.

Doch was, wenn die gut geölte Maschinerie des Welthandels aus dem Takt kommt, wenn die Lieferketten der Rohstoffe mit ein paar gezielten, militärischen Vorstössen lahmgelegt werden?

Was, wenn der Anblick der verdorrenden Äcker, der ausgetrockneten Bäche und Flüsse, der Bäume im Hitzestress uns bis ins Mark trifft? Was, wenn die Trockenheit keine vorübergehende, sondern Dauerzustand wird? Was, wenn die Hitzerekorde eines Sommers nicht mehr ignoriert werden können?

Was, wenn die Not der Bauernfamilien, die ihre Tiere vorzeitig zum Schlachten bringen mussten, unser Bewusstsein erreichte? Wenn wir die Sorgen derer an uns heranliessen, die für unsere Nahrung sorgen?

Können wir dann unser Mitgefühl noch immer ausschalten?

Der diesjährige Sommer könnte ein Weckruf gewesen sein, denke ich. Lernen wir die Zeichen unserer Zeit zu erkennen und entsprechend zu handeln! Nehmen wir das Leiden der bedrohten Schöpfung wahr und schützen wir, was uns anvertraut wurde!

Entwickeln wir Mitgefühl für alle, die vom Klimawandel besonders betroffen sind, deren wirtschaftliche Existenz vom Ertrag der Felder abhängt und die ihre letzten Reserven mobilisieren müssen, um die Teuerung abzufedern.  Es ist offensichtlich, dass viele landwirtschaftliche Betriebe gegenwärtig mit grossen Sorgen kämpfen. Zwar konnte die Natur nach mehr als zwei Monaten ohne Regen und mit Rekordhitze dann Ende August ein wenig aufatmen, aber die Niederschläge waren kaum mehr als der berühmte Tropfen auf den heissen Stein…

Noch sind hierzulande die Lebensmittel-Läden gefüllt. Wir leiden keinen Mangel an Nahrungsmitteln. Doch wie viele schlechte Ernten könnten wir verkraften?  Können wir uns überhaupt vorstellen, dass die Selbstverständlichkeit unseres Wohlstands angesichts der Klimakrise ins Wanken kommen könnte?

Liebe Gemeinde, das Erntedankfest richtet unser Augenmerk auf den Zusammenhang des Segen Gottes mit dem Wachsen und Gedeihen unserer Nahrung.

Über weite Strecken der menschlichen Geschichte waren Sorgen um das tägliche Brot alltäglich. Auch die Bibel berichtet immer wieder von Missernten und Hungersnöten, die ganze Landstriche in ein «Todesschattenland» (Mt.4,15f.) verwandelten. Die Speisungsgeschichte, die wir heute bedenken, spielte in einer Zeit, als viele Menschen in Galiläa kaum das Nötigste zum Essen hatten.

Die Basler Theologie-Professorin für Neues Testament Luzia Sutter Rehmann beschrieb eindrücklich («Wut im Bauch»), wie sehr die Erfahrung des Hungers die Lebensrealität der allermeisten Menschen zur Zeit Jesu prägte. Und sie zeigte, dass es kein Zufall ist, wenn Jesus all jene Menschen glücklich nennt, die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit! (Mt.5,6).

Bevor ich zu unserem heutigen Text komme, möchte ich zunächst auf die sogenannte Speisung der 5000 eingehen. Nur zwei Kapitel vorher erzählt das Markus-Evangelium: Als Jesus … die vielen Menschen sah, ergriff ihn tiefes Mitgefühl, denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben. Er nahm sich darum viel Zeit, sie zu lehren. … (Mk. 6,34) – Da haben wir auch jenes Gefühl, das ich eingangs beschrieb, das dringende, aus Leib und Seele kommende Erbarmen angesichts der Not der Menschen.

Wie angedeutet, beim Anblick der wenigen Kühe auf der trockenen Weide, die kaum noch etwas zu fressen fanden, ging es mir in diesem Sommer ähnlich. Auf Jesus wirkt die Menschenmenge wie eine rastlose Schafherde, die ohne Hirten erfolglos und verzweifelt auf der Suche nach etwas Essbarem ist.

Im MkEv. wird mit wenigen Worten sehr viel erzählt. Es lohnt sich, den spärlichen Hinweisen nachzugehen. Dass die Menschen mit einer hirtenlosen Herde verglichen werden, ist brisant, wenn wir es im Zusammenhang sehen. Denn erst kurz vorher berichtet das MkEv., wie während eines Festmahles am Hof des Herodes dem Johannes der Kopf abgeschlagen wird (Mk.6,27).

Was für ein Kontrast: Auf der einen Seite hungern die Menschen und auf der anderen Seite tafeln die Mächtigen auf dekadente Weise. Sie verhöhnen das Volk, indem sie dessen Leitfigur enthaupten.

(Nein) Johannes, dem Täufer wird nicht nur das Maul gestopft, weil er mit seiner Umkehrpredigt zu viel Aufmerksamkeit im Volk erregt, er wird ganz zum Schweigen gebracht. …

Und so werden die Menschen kopflos, führungslos gemacht. Voller Angst irren sie umher, sind ohne Orientierung der Gewalt, der Unsicherheit, dem Hunger ausgesetzt.

Und inmitten dieser Menschenmenge finden wir Jesus, der sieht und hört und spürt, was die Leute umtreibt. Es erbarmt ihn. Er kann sich nicht abschotten und nimmt sich ihrer an.

Sechsmal erzählen die Evangelien, wie es Jesus gelingt, dass Tausende von Menschen satt werden.

Ich denke, dass es nicht sechs Varianten einer Geschichte sind, sondern, dass sich solche Ereignisse mehrmals wiederholten. In Mk.8,1 lesen wir, dass «wieder einmal eine große Menschenmenge bei Jesus» war. Also, erneut waren Tausende beisammen. Wie viele genau, wer will das heute sagen? Ob es nun 4000 oder 5000 oder 10’000 waren, wenn auch Frauen und Kinder mitgezählt werden. Gleichwie… es geht um eine sehr grosse Menge an Menschen, die bei Jesus Hilfe und Orientierung suchen.

Er geht in die Lücke, die der Tod von Johannes hinterlassen hat und übernimmt die Rolle des Hirten und Lehrers. Die Menschen wiederum erweisen sich als aufmerksame und gelehrige Zuhörerschaft.

(Mk.6) Als Jesus zu ihnen sagt, sie sollen sich ins grüne Gras setzen und kleinere Gruppen bilden – was tun die Leute? Sie formieren sich zu «Lauchbeeten», d.h. setzen sich in Reihen, wie Beete im Gemüsegarten.

Mit einem Wort schafft es der Evangelist, dass man gewissermassen sieht, wie den Menschen die Geschichte von der entbehrungsreichen Wüstenwanderung nach dem Auszug aus Ägypten durch den Kopf geht. Da war das erschöpfte Volk so hungrig und mutlos, dass es sich zurück an die Fleischtöpfe der Vergangenheit träumte und von den Beeten voller frischer Gemüse phantasierte. «Lauchbeete»

In der kargen Gegend des Todesschattenlandes Galiläa erleben sich die Menschen wieder wie in der Wüste: Einst waren ihre Vorfahren darauf angewiesen, dass Gott für sie sorgt und das Manna sicherte ihr Überleben, Brot für den kommenden Tag. Und so hoffen sie abermals auf das Lebensnotwendige und erhalten es auch. – Was für eine erstaunliche Interpretationsleistung, die die Menschen da zeigen. Die Leute verstehen Jesu Worte und setzen sie sofort praktisch um.

(Wenn Lehrpersonen heute solche kreativen Lösungen bei Schülerinnen und Schülern erleben, freuen sie sich wirklich!)

Bald darauf kommt wieder die nächste Gelegenheit: Mk.8 – Tausende lauschen gebannt den Worten Jesu. Erneut wird er von tiefstem Mitgefühl überwältigt. Jesus sieht den prekären Zustand, in dem sich die Hungrigen befinden, wie sich unter ihnen quälende Unruhe breitmacht und die Gereiztheit steigt. Die Menschen sind kurz vor dem Zusammenbrechen.  Unmöglich, dass sie in diesem entkräfteten Zustand den Heimweg antreten. Hier handelt Jesus direkt, muss nicht erst durch die Jünger aufmerksam gemacht werden.

Zwar wirken die Jünger noch ein wenig begriffsstutzig, als sie fragen, wo in der ansonsten menschleeren Gegend Brot zu beschaffen sei… Doch dieses Motiv der nur mühsam und langsam verstehenden Jünger ist ein Stilmittel des Evangelisten, das sich durch das ganze Markus-Evangelium zieht.

Jesus nimmt die sieben vorhandenen Brote, dankt Gott und bricht das Brot. Sie verteilen das Brot unter den Menschen und es reicht für alle.

Wir können die Zahl Sieben als eine symbolische Anspielung sehen. Die Sieben steht für das Vollkommene. Und die schlichte Abfolge der Handlung:  Er nahm die sieben Brote, dankte Gott dafür und brach sie in Stücke. Dann gab er sie seinen Jüngern zum Verteilen… lässt bei den Leserinnen und Lesern des MkEv. die Assoziation an Jesu letzte Mahlzeit entstehen, als Jesus das Brot nahm, dankte und brach und es seinen Jüngern gab und sprach…

Wir bekommen bereits hier am Beginn des Wirkens Jesu einen Vorgeschmack auf das Abendmahl, einen Vorgeschmack auf das Brot des Lebens, einen Vorgeschmack darauf, wenn niemand mehr hungert und dürstet nach Gerechtigkeit.

In ihrer Zeit des Mangels und des Hungers geschieht für die Menschen in jener «gottverlassenen» Gegend des Hungers nichts weniger, als dass sich ihr Traum von einer sättigenden Mahlzeit erfüllt. Und die Reste, die von den wenigen Fischen und den Broten übrigbleiben, als alle satt sind, füllen wiederum sieben Körbe. Was für ein deutliches Zeichen setzt Jesus da.

Mir ist diese Bedeutung der Speisungsgeschichten erst richtig klar geworden, als ich begann, sie sie auf dem Hintergrund des Hungers wahrzunehmen. Viele Hungernde werden satt! Die 4000 sind nicht einfach nur viele Leute, die eben mal die Zeit vergessen haben und versäumten vorzusorgen, d.h. Proviant mitzunehmen.

Das MkEv. erzählt dies so, dass wir mit den betroffenen Menschen mitlernen können.

Ja, wir fragen und staunen: wie ist so etwas nur möglich? Und langsam begreifen wir, dass diese wunderbaren Mahlzeiten, die Jesus mit den Vielen teilte, ein Sinnbild sind für uns zu lernen, worauf es ankommt.

Gott hört und sieht die himmelschreiende Not derer, die sich um Jesus versammeln. Jesus erbarmt sich ihrer. Er ist ein Mensch, der sich die Not anderer nahe gehen lässt. Und wie jene Menschen einst, Vertrauen in Gottes Wort fassten, so lernen wir wieder, auf Gott zu hören, dankbar zu werden, uns dem Nächsten zuzuwenden, und die Not um uns zu sehen. (vgl. das Lied: Gib uns Weisheit, gib uns Mut RG 835,2)

Jesus wurde zu seiner Zeit meist als Rabbi angesprochen, d.h. «mein Lehrer», also als einer, der die Weisheit der Heiligen Schriften kennt und lebendig werden lässt.

Das Loblied, das Mose einst sang (Dtn. 32,1ff.) wird durch die Speisungsgeschichten der Evangelien aufs schönste illustriert:  Höre, Himmel, was ich sage, höre, Erde, meine Worte. Was ich lehre, soll wie Regen Leben spenden, meine Rede soll erfrischen wie der Tau ´und Wachstum bringen` wie ein Schauer, der auf Gras und Kräuter fällt. Ich rufe aus den Namen des HERRN! Erweist unserem Gott die Ehre … Amen