Markus 8,1-9

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Der Tisch wird länger | Erntedank | 04.10.2026 | Mk 8,1–9 | Uwe Tatjes |

Predigttext: Markus 8,1–9

1 Zu der Zeit, als wieder eine große Menge da war und sie nichts zu essen hatten, rief Jesus die Jünger zu sich und sprach zu ihnen: 2 Mich jammert das Volk, denn sie harren nun schon drei Tage bei mir aus und haben nichts zu essen. 3 Und wenn ich sie hungrig heimgehen ließe, würden sie auf dem Wege verschmachten; denn einige sind von ferne gekommen. 4 Seine Jünger antworteten ihm: Woher nehmen wir Brot hier in der Einöde, dass wir sie sättigen? 5 Und er fragte sie: Wie viele Brote habt ihr? Sie sprachen: Sieben. 6 Und er gebot dem Volk, sich auf die Erde zu lagern. Und er nahm die sieben Brote, dankte, brach sie und gab sie seinen Jüngern, dass sie sie austeilten, und sie teilten sie unter das Volk aus. 7 Sie hatten auch einige Fische; und er sprach den Segen darüber und ließ auch diese austeilen. 8 Und sie aßen und wurden satt. Und sie sammelten die übrigen Brocken auf, sieben Körbe voll. 9 Es waren aber etwa viertausend; und er ließ sie gehen. (Lutherbibel 2017)

  1. Ein Fest rutscht in die Ferien

Liebe Gemeinde,

im friesischen Dorf Jorwerd feierte man seit Menschengedenken im September die «Merke», das Erntefest. Schon 1775 wird es erwähnt. Im Sommer hatte kein Bauer Zeit: Mähen, Heuen, Einfahren. Erst wenn die Ernte unter Dach war, wurde gefeiert.

1974 fiel das Fest auf dasselbe Wochenende wie eine grosse Landwirtschaftsausstellung. Man wich aus, ausnahmsweise, auf das letzte Juniwochenende. Den meisten im Dorf gefiel der neue Termin, nur den Bauern nicht. Und dabei blieb es. Seither eröffnet das Fest die Sommerferien. Es feiert nicht mehr das Ende der Plackerei, sondern den Anfang der freien Zeit.

Der niederländische Historiker Geert Mak erzählt das in seinem Buch «Wie Gott verschwand aus Jorwerd» ganz nüchtern, fast nebenbei. Aber man spürt: Da hat sich etwas verschoben, und nicht nur im Kalender.

  1. Wofür danken wir eigentlich?

In Jorwerd wusste man lange, wofür man dankt. Man wusste auch, wer wohin gehört, was sich gehört und was nicht. Eine Nachbarin mit neun Kindern erzählt Mak, wie das Einkaufen früher ging. Der Krämer kam einmal in der Woche mit einem kleinen Karton: Kaffee, Tee, Zucker, Seife. Was man brauchte, schrieb man ins Bestellbüchlein, und mehr nicht. Kaffee war Kaffee, Seife war Seife.

Anfang der siebziger Jahre drehte sich das um. Man ging selbst in den Laden, sah dies und das, hatte Prospekte gelesen und im Fernsehen etwas gesehen. Die Kartons wurden grösser. Dann kam das Auto, und man fuhr in den Supermarkt in der Stadt. Der Krämer mit seinen zwei Sorten Kaffee hatte das Nachsehen. Die letzte Bäckerei schloss 1970, der letzte Lebensmittelladen 1988.

Diese alte Welt gab Halt. Manchmal spiegelte sie ihn auch nur vor, und nicht alle standen darin auf der sicheren Seite. Am Rand von Jorwerd standen Armenhäuser. Auf alten Schulfotos, schreibt Mak, sieht man ihren Kindern an, dass sie Hunger hatten. In den sechziger Jahren verschwanden sie, und ihr Leid geriet völlig in Vergessenheit.

Wir leben anders. Die Regale sind voll, zu jeder Jahreszeit, bei Hagel und bei Dürre. Und trotzdem ist vieles undeutlicher geworden. Wofür danken wir, wenn die Milch aus dem Kühlregal kommt? Wem danken wir?

Was Mak nüchtern notiert, legt eine Deutung nahe. In denselben Jahren, in denen die Läden schliessen und das Erntefest in die Ferien rutscht, fusioniert der reformierte Kirchenvorstand mit zwei Nachbardörfern. 1994 wird die Kirche einer Stiftung für Denkmalschutz übergeben. Mit der alten Ordnung und den alten sozialen Netzen scheint auch Gott sich aus dem festgefügten Alltag zu verabschieden.

Aber vielleicht ist da nicht Gott zerbrochen, sondern ein Bild von Gott: der Gott, den man bei Gewitter braucht und bei voller Scheune vergisst. Ein solcher Gott musste verschwinden, sobald die Hagelversicherung kam.

Ich will die alte Zeit nicht schlechtreden. Gott war auch dort, als die Glocken von Jorwerd noch den Tag ordneten. Aber er gehörte Jorwerd nie. Der Gott Israels lässt sich nicht einsperren, in keinen Kirchturm und in keine Epoche. Er nennt sich selbst: «Ich werde sein, der ich sein werde.» Sein Name ist ein Weg-Name.

  1. Draussen, ohne Vorrat

Schauen wir auf die Menschen in unserer Geschichte. Die haben keine Sicherheit. «Sie harren nun schon drei Tage bei mir aus und haben nichts zu essen», sagt Jesus, «und einige sind von ferne gekommen.» Drei Tage draussen, ohne Vorrat, in einer Gegend, in der niemand wohnt.

Und die Jünger fragen das, was wir auch fragen, wenn die alten Gewissheiten weg sind: «Woher nehmen wir Brot hier in der Einöde, dass wir sie sättigen?» Das ist eine vernünftige Frage. Es ist die Frage von Leuten, die rechnen können.

Jesus stellt die alte Sicherheit nicht wieder her. Er fragt zurück: «Wie viele Brote habt ihr?» Er fragt nicht, was fehlt, sondern was da ist. Sieben Brote und ein paar kleine Fische. Das ist wenig. Aber es ist nicht nichts.

  1. Es geht ihm an die Nieren

«Mich jammert das Volk», übersetzt Luther. Im griechischen Text steht ein zutiefst körperliches Wort: splanchnizomai. Es kommt von den splanchna, den Eingeweiden. Dieses Mitgefühl geht Jesus durch und durch, es geht ihm an die Nieren. Er sieht diese Menschen und leidet mit an ihrem Hunger und an ihrer Erschöpfung.

Diese Menge ist keine anonyme Masse. Drei Tage lang haben diese Menschen zugehört. Jesus kennt ihre Gesichter. Er weiss, dass manche einen weiten Heimweg haben. Gott ist kein ferner Uhrmacher, der die Welt aufzieht und dann laufen lässt. Ihm geht das Schicksal seiner Menschen unter die Haut.

  1. Der Tisch wird länger

Wo diese Geschichte spielt, darüber sind sich die Ausleger nicht einig. Manche sehen die Szene mitten im jüdischen Galiläa. Viele andere meinen, Jesus sei hier im heidnischen Gebiet östlich des Sees, in der Dekapolis. Wenn diese zweite Sicht stimmt, dann sagt die Szene etwas über eine Grenze. Dann sitzen hier Menschen im Gras, die nach damaligem Verständnis nicht an Israels Tisch gehörten. Und Jesus bricht auch für sie das Brot.

Der Gott Israels verlässt dabei sein Volk nicht. Er macht den Tisch länger.

Auch Jorwerd kannte die Frage, wer dazugehört. Eef führte seit dreissig Jahren die einzige Dorfkneipe. Trotzdem waren sich die alten Männer am Stammtisch einig, dass sie keine echte Jorwerderin sei, denn sie sei ja im Nachbardorf geboren. Neue Leute zogen ins Dorf, mit wilden Gärten und anderen Gewohnheiten. Peet klagte, dass weniger gegrüsst werde. Sein Freund Folkert fand, die Zugezogenen suchten vor allem Kontakt zu ihresgleichen. Und dann sagte er über sie einen erstaunlichen Satz: «Sie haben eine andere Mentalität. Keine schlechtere, vielleicht sind es sogar bessere Menschen als wir.»

Gott ist nicht ausgezogen, als die alte Ordnung zerfiel. Die Menschwerdung Gottes macht nicht halt an der Grenze zwischen Juden und Heiden. Sie macht auch nicht halt an der Grenze zwischen einer fest gefügten Welt und einer Welt, in der vieles offen ist. Er hat den Tisch verlängert, bis dorthin, wo die Zugezogenen sitzen. Da sitzen Menschen mit ganz anderen Lebensentwürfen, Zweifelnde, Suchende. Da sitzen auch die, die mit uns hier drinnen nicht mehr viel anfangen können.

  1. Einer dankt

Einer in dieser Geschichte dankt, und zwar zweimal. Jesus nimmt die sieben Brote und dankt. Er nimmt die paar Fische und segnet sie. Er dankt nicht hinterher, wenn alle satt sind. Er dankt vorher, über sieben Broten für viertausend Menschen. Das ist ein Dank, der nicht quittiert, sondern vertraut.

Dann teilen die Jünger aus. Das Wunder geschieht nicht im Verborgenen. Es geschieht, während sie austeilen, unter ihren Händen. Aus vielen Einzelnen, die drei Tage lang zugehört haben, wird eine Tischgemeinschaft. «Und sie assen und wurden satt.»

Darum feiern wir heute Erntedank. Wir danken nicht den Kürbissen, dem Brot und den Äpfeln hier vorne. Wir danken dem, der in ihnen gibt. Wir danken dem lebendigen Gott, der mitgeht: aus dem Jorwerd von damals in das Dorf von heute, aus der fest gefügten Welt in die offene.

  1. Sieben Körbe

In Jorwerd hängt in der Kneipe an der Wand ein altes Tragjoch mit zwei Brotkörben. Mit so einem Joch ging man früher von Hof zu Hof und verkaufte Brot. Eefs Mutter hat es getragen, und Eef auch. Jetzt hängt es neben den Pokalen des Sportvereins, leer, eine Erinnerung.

In unserer Geschichte sammeln die Jünger am Schluss ein, was übrig bleibt: sieben Körbe voll. Ein Korb für jedes Brot, das sie hergegeben haben.

Und dann heisst es: «Es waren aber etwa viertausend; und er liess sie gehen.» Er hält sie nicht fest. Er schickt sie gesättigt zurück, nicht in die alte Welt, sondern in ihre eigene. Mit Brot für den Weg und mit dem, der mitgeht.

Amen.

Die Angaben zu Jorwerd folgen: Geert Mak, Wie Gott verschwand aus Jorwerd. Der Untergang des Dorfes in Europa, aus dem Niederländischen von Isabelle de Keghel, überarbeitete Neuausgabe, München: Pantheon 2026, S. 11–35; Zitat S. 25.

Hinweis zur Textlesung: Die Lesung von Mk 8,1–9 kann klassisch zu Beginn der Predigt erfolgen oder schon als Evangelienlesung im Gottesdienst. Im zweiten Fall schlage ich vor, Abschnitt 3 so zu beginnen: «Die Menschen in dieser Geschichte, die wir vorhin in der Lesung gehört haben, haben keine Sicherheit.»

Möglich ist auch, den Text erst nach Abschnitt 2 zu lesen. Dann lautet der Übergang am Ende von Abschnitt 2: «Mit dieser Frage im Ohr hören wir auf eine Geschichte aus dem Markusevangelium. Sie erzählt auch von Hunger, von Brot und von Dank. Aber sie spielt nicht in einem Dorf, sondern draussen, wo niemand wohnt.» Danach folgt die Lesung von Mk 8,1–9. Abschnitt 3 beginnt dann statt mit «Schauen wir auf die Menschen in unserer Geschichte» direkt mit: «Die Menschen in dieser Geschichte haben keine Sicherheit. ‹Sie harren nun schon drei Tage bei mir aus …›»

Eingangsgebet

Grosser Gott,

der Du alles geschaffen hast,

so gross, so wunderbar,

so reich, so vielfältig,

dass wir an Leib und Seele satt werden können:

nimm unsere Dankbarkeit an.

Kleiner Gott,

der Du eingegangen bist

in unsere Welt

mit ihrer Ungerechtigkeit,

mit ihrem Hunger,

mit ihrer Gewalt gegen Menschen und Deine ganze Schöpfung,

die wir oft durch unseren Lebensstil im Überfluss

mitverschulden:

sieh uns barmherzig an.

Lebendiger Gott, Heiliger Geist,

der Du nicht aufhörst,

uns zu suchen,

uns zu rufen:

lass in uns den Hunger

nach Deiner Welt

und Deiner Gerechtigkeit

nicht sterben.

Damit es am Ende genug ist

für alle.

So wie Du es gewollt hast.

Amen.

Fürbitte

Wenn Du uns einlädst, Ewiger,

an Deinen Tisch,

dann ist plötzlich Platz für viele.

Dann kommen viele dazu, und es ist

genug für alle da.

Deine Barmherzigkeit kennt

keine Grenzen.

Und wenn Du Deine Hand

auftust, dann werden alle satt.

Wir bitten Dich:

Lass uns, die wir in Sicherheit und Überfluss leben,

nicht die vergessen, denen es nicht so gut geht,

die nicht wissen, was sie morgen essen und trinken,

was sie anziehen sollen oder welches Dach ihnen Unterschlupf und Zuflucht bietet.

Gib uns ein offenes Auge und ein offenes Herz

für die, die Not leiden,

und lehre uns zu teilen

und gegen die Ungerechtigkeit zu kämpfen.

Lass uns das Unsere tun

und nicht verzagen.

Hilf uns zu sehen, dass auch kleine

Schritte schon Veränderung anstossen können.

Wir danken Dir für alle, die dafür sorgen,

dass wir versorgt sind.

Wir denken an die Landwirte und ihre Familien,

an die Menschen in der Lebensmittelverarbeitung,

an die Verkäuferinnen und Verkäufer.

Wir denken an die Menschen, die Waren transportieren und verteilen,

an die Menschen, die uns mit Energie und Infrastruktur versorgen,

an die Menschen, die für uns im Rettungsdienst und in den Spitälern,

bei der Feuerwehr und bei der Polizei da sind.

Lass uns dankbar sein, dass wir auf so vielfältige Weise versorgt sind,

und schenke all diesen Menschen Kraft

und gerechten Lohn für ihre Arbeit.

Wir bitten für die, die neu in unseren Dörfern sind

und noch keinen Platz am Tisch gefunden haben.

Und so wie Du uns immer wieder an Deinen reich gedeckten Tisch einlädst

und viele dazuholst,

lass auch uns eine einladende und offene,

freundliche und hilfreiche Gemeinschaft sein.

Wir bitten Dich um Fruchtbarkeit des Bodens,

Reinheit der Luft

und friedliche Zeiten.

Alles, was wir nicht in eigene Worte fassen können,

lassen wir einfliessen in die Worte, die Jesus uns gelehrt hat:

Unser Vater …

Liedvorschläge

RG 540 / EG 508 Wir pflügen und wir streuen

RG 233 / EG 321 Nun danket alle Gott

Du hast das Jahr gekrönt (Die Sonne brachte Wärme), Text: Christoph Zehendner, Melodie: Manfred Staiger (Feiern & Loben 495)

RG = Reformiertes Gesangbuch der Deutschschweiz; EG = Evangelisches Gesangbuch (Deutschland)

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Uwe Hayno Klaas Tatjes, Pfarrer der Evangelisch-reformierten Kirche des Kantons Freiburg. Zuvor tätig als Pfarrer in Harsum, Peine und Aurich-Kirchdorf (Deutschland) sowie in Pieterlen BE, Kloten ZH und Willisau LU (Schweiz). Seit 2024 Pfarrer in St. Antoni FR, Schweiz. uwe.tatjes@ref-fr.ch