Matthäus 10, 26-33

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Predigt von Pfarrer Hosea Heckert | Reformationstag | 31.10.2026 | Mt 10, 26-33

26 Darum fürchtet euch nicht vor ihnen. Denn es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird. 27 Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das verkündigt auf den Dächern. 28 Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürchtet viel mehr den, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle. 29 Verkauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen? Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater. 30 Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Haupt alle gezählt. 31 Darum fürchtet euch nicht; ihr seid kostbarer als viele Sperlinge. 32 Wer nun mich bekennt vor den Menschen, zu dem will ich mich auch bekennen vor meinem Vater im Himmel. 33 Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem Vater im Himmel. 

Liebe Gemeinde,

man könnte ja Gott mal etwas frech an dieser Stelle  unterstellen, dass er viele im fortschreitenden Alter mit spärlich werdender Haaraustattung segnet. Das wird sicher nur jemandem wie mir einfallen, der nicht so viele Haare auf dem Kopf hat, die Gott noch zählen müsste. Bei mir ist er recht schnell fertig. Aber unser Predigttext will natürlich auf das ganze Gegenteil hinaus! Gott will nicht so schnell mit uns fertig sein. Wir sind ihm ungeheuer viel wichtig! Wir sind keinesfalls so belanglos und billig wie zwei Spatzen. Die konnten damals auch die weniger gut betuchten am Straßenrand für ein kleines Geld kaufen. Ein paar Spatzen war damals ein gängiges Arme-Leute Essen, wenn man sich die teureren Proteinquellen, die für uns heute je nach Region Goldbroiler, Bratwurst, Leberkäs-Semmeln genannt werden, nicht leisten konnte.

Teuer sind wir unserem Gott also! Früher hat man dieses Wort ja wirklich viel öfter und untereinander und füreinander verwendet z.B. in Briefen: „Meine Teuerste!“ oder  „Teurer Freund!“ oder am Briefschluss: „In teuerster Ergebenheit, Dein Freund!“ Für Gott fallen wir also unserer Bedeutung nach eindeutig in diesen teuersten und teuren Freundschaftsbereich.

Zumindest Gott scheint seinerseits an einer solcheen teuren Freundschaft interessiert zu sein. So richtig wird eine Freundschaft natürlich nur dann zu einer solchen, wenn das keine Einbahnstraße ist, wenn da etwas zurückkommt, wenn es sich zu einem gegenseitigen Geben und Nehmen hin entwickelt.

Da sind wir bei unserer Jesusrede aus dem Matthäusevangelium:

Nichts ist schlimmer, wenn mein Freund nicht zu mir steht, wenn er einknickt oder nicht mehr mit mir in Verbindung gebracht werden will, wenn es brenzlig wird und Gegenwind droht.

Unser Textabschnitt ist Teil der Aussendungsrede, die Jesus seinen Jüngern mit auf den Weg gibt, als er sie als seine Botschafter in die Welt schickt. Ein paar Verse vor unserem heutigen Abschnitt hört sich das dann so an: 7 Geht aber und predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. 8 Macht Kranke gesund, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus. Umsonst habt ihr’s empfangen, umsonst gebt es auch. 9 Ihr sollt weder Gold noch Silber noch Kupfer in euren Gürteln haben, 10 auch keine Tasche für den Weg, auch nicht zwei Hemden, keine Schuhe, auch keinen Stecken.

Also das sind hier keine kleinen Brötchen, die hier auf Missionsreise gebacken werden sollen! Da wird von den Freundinnen und Freunden allerhand erwartet: Krankenheilung und Totenauferweckung, böse Geister austreiben ohne jegliche verlässliche Leistungsvergütung, finanzielle Ausstattung und Absicherung.

Wie geht das denn? Das ist ja so ähnlich wie die heutige Forderung an die Regierenden, binnen kürzester Zeit die Krankenversicherung, die Rente und die Arbeitslosenproblematik gegen die von Populisten aufgepeitschten Wähler zu reformieren und die kränkelnde Wirtschaft in besseres Fahrwasser zu bringen und dann möglichst noch die Kriege dieser Welt in friedlichen Verhandlungen zu beenden.

Jesus stapelt also nicht von vornherein tief, als er seine Freunde barfuß und unbewaffnet in im wahrsten Sinne des Wortes „laufende“ Reformprozesse der Gesellschaft sendet. Auf dem „Laufzettel“ steht das volle Programm! Und es gibt kein üppiges finanzielles Sondervermögen, auf dass sie zur Umsetzung zurückgreifen können.

Aber es scheint etwas anderes zu geben: Ein geistliches Sondervermögen, auf das seine Freundinnen und Freunde wohl sogar vorausgreifen können. Jede seiner teuersten Freundinnen und jeder seiner teuersten Freunde hat dafür etwas mitbekommen. Die Haare auf dem Kopf sind gezählt und die Fähigkeiten und Talente gut gewichtet und eingeschätzt und der Auftrag wurde gemäß dieser Fähigkeiten bemessen. Vielleicht wird nicht jeder tatsächlich einen Toten auferwecken, aber doch vielleicht seinen wohl gewichtigen Beitrag zu etwas als unmöglich eingestuftem einbringen können.

Was ist denn eigentlich ein persönliches „Sondervermögen“ im geistlichen Sinne? Was hat Gott mir für meine laufende Mission mit auf den Weg gegeben?

Die Haare sind individuell gezählt. Das heißt Gott kennt mein ganz persönliches Vermögen, was hier nicht den finanziellen Spielraum meint, sondern meine Stärken und Schwächen. Die kennt er und er weiß um meine aktivierbaren Ressourcen. Seine Erwartung und Zumutung zum mutigen Bekennen zu seiner Sache, die ja hoffentlich auch meine Sache ist, ist also im wahrsten Sinne auf meinen Leib und mein Nervenkostüm maßgeschneidert. Wenn mir Gott ein Bekenntnis vor der Welt und in unserer Gesellschaft zumutet, dann entspricht es durchaus meinen Möglichkeiten, in diesem Sinne meinen Mensch zu stehen. Denn er weiß, wie mich das Leben schon gerupft hat oder wieviel Haare ich mir schon selbst so ausgerauft habe. Das wird auch gar nicht erst als positiv oder negativ bewertet. Er zählt einfach ganz nüchtern die Haare durch und sagt dann zu mir als mein Freund: „Mein Teuerster! Heute mute ich dir das zu: Du hast eigentlich keinen Grund zu kneifen und dich zu verstecken. Du hast eine klare Meinung, die ist jetzt wichtig. Du hast eine gute Einflussmöglichkeit. Ich habe dich mit ganz ordentlichen Fähigkeiten ausgestattet. Die kannst du jetzt einsetzen. Du hast das nötige Nervenkostüm, den u.U. drohenden Gegenwind auszuhalten und so für Schutzbedürftige einen gewissen Windschatten zum Aufatmen zu erzeugen!“

Vielleicht ist es hilfreich und stärkt den Mut, wenn ich auch mal meine Haare zusammenzähle, was ist an teuren Schätzen und Kräften habe, die mich zu einem teuren Freund Gottes und nicht nur zu einem ängstlich wegflatternden Spatzen machen, der schnell mal zu einer Mahlzeit verbraten werden kann. Vielleicht ist es eine gute Übung die Haare, die mir so ausfallen und sich erschreckend in meinem Kamm meiner Bürste oder meinen Händen wiederfinden, mal zu „beschriften“. Welche Fähigkeiten machen mich denn aus? Was finde ich an mir selbst sehr wertvoll und teuer ? Was haben mir andere schon zurückgemeldet, was sie bereits an mir schätzen gelernt haben? Wenn da so einige Haare mit Beschriftung vor mir liegen würden, könnte da nicht auch mein Mut wachsen, Gottes frohe Botschaft unter die Leute meiner Umgebung zu bringen. Sicher begebe ich mich dann in die Gefahr, dass wir uneins werden könnten und die Stimmung in der gerade so schön gestimmten geselligen Runde kippt.

Ein solches mögliches Kipp-Moment war wohl auch der 18. April 1521 auf dem Reichstag zu Worms, als Martin Luther vor dem Kaiser und den Reichsständen zum Widerruf seiner theologischen Überzeugungen, die er in Form seiner 95 Reform-Thesen in der Nacht vom 31.10. zum 1.11.1517 mit bangem Herzen in die Öffentlichkeit getragen hat, aufgefordert wurde. Seine Antwort lautete so: „Wenn ich nicht durch Zeugnisse der Schrift und klare Vernunftgründe überzeugt werde; denn weder dem Papst noch den Konzilien allein glaube ich, da es feststeht, dass sie öfter geirrt und sich selbst widersprochen haben, so bin ich durch die Stellen der heiligen Schrift, die ich angeführt habe, überwunden in meinem Gewissen und gefangen in dem Worte Gottes. Daher kann und will ich nichts widerrufen, weil wider das Gewissen etwas zu tun weder sicher noch heilsam ist. Gott helfe mir, Amen!“ (WA 7, S.838).

Verkürzt überliefert wurde uns das im Geschichtsunterricht dann so präsentiert: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders! Gott helfe mir. Amen!“

Bemerkenswerter Weise wird Luther das vorher versprochene freie Geleit für 21 Tage tatsächlich gewährt und als er den Reichstag verlässt, soll er gesagt haben: „Ich bin hindurch!“ Ich kann mir vorstellen, dass das in zweierlei Hinsicht verstanden werden kann. Im Sinne von „Ich bin tatsächlich jetzt durchgekommen, habe es geradlinig durchgestanden!“ Ein zweites eher psychisch-emotionales Verständnis ist sicher auch nicht abwegig: „Ich bin durch und völlig fertig!“ Als er dann doch noch für „vogelfrei“ erklärt wird, gibt es seinen Landesfürsten Johann Friedrich den Weisen, der es nicht scheut, sich selbst in Gefahr zu bringen, indem er Luther entführen lässt und heimlich auf der Wartburg Unterschlupf und damit Schutz gewährt.

Ich entsinne mich, dass ich als Jugendlicher in der DDR oft vor dieser Entscheidung stand, ob ich nur das brav wiederhole, was als politische Meinung vorgegeben war und bei Übernahme auch belohnt wurde oder ob es sich auf andere Weise lohnte, den Widerspruch zu wagen. Wenn ich zurückschaue, bekam ich nicht die Belohnung eines in der Gesellschaft geebneten Weges, im Gegenteil, mir wurden mit Fleiß Steine in den Weg gelegt und so oft es ging das Bein gestellt. Aber trotz einigem Stolpern hat sich dieser Weg auf eine andere Weise gelohnt. Ich habe erfahren dürfen, dass es sich durchaus lohnt, gegen eine widrige Ausgangslage zu arbeiten, dass sich Menschen dazu zum Protest dazugesellen und ich nicht alleine bin. Meine Eltern z.B. haben es mutig kämpfend erreicht, dass ich trotzdem Abitur machen konnte und studieren. Der Allmächtige verfolgt ganz offensichtlich seinen großen Plan, auch mit meiner kleinen Kraft und denen, die mit mir barfuß und manchmal auch ziemlich nackig gemacht stolpernd unterwegs sind. Wer von uns hatte 1989 eine solche Wende der Geschichte auf dem „Zettel“. Geschichtlich und persönlich war das Erleben der überfälligen Reformation 1989 und der Wiedervereinigung eine Erfahrung, die ich so zusammenfassen möchte:

Keine Aufgabe ist so groß, dass ich sie nicht mit meiner kleinen Kraft angehen könnte! Damals wie heute, brauchen wir als Abgesandte als Botschafter des Allmächtigen immer wieder die erleuchtende Zuversicht, dass wir uns nicht vom aktuellen Dunkel in eine Nische unserer Gesellschaft drängen lassen dürfen: 27 Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das verkündigt auf den Dächern.

Frei nach dem Motto sagt Jesus zu mir: Die (preiswerten) Spatzen pfeifen es ja auch von den Dächern, wieviel mehr kannst du als mein (teurer ) Freund da doch bewirken, wenn du nicht aus Angst zurückschreckst. Wie erfüllt wäre doch meine Lebensbilanz, wenn ich am Ende meiner Tage nicht wie eine billiger Spatz auf die Erde falle, sondern als „teurer=wertvoller“ Freund des Schöpfers wieder zum Staub der Erde zurückkehre und im selben Moment zu neuem ewigem Leben in seiner Gegenwart aufgeweckt werde. Sorgen wir dafür, dass wir uns nicht durch aufsteigenden blauen gesellschaftlichen Dunst die klare Sicht vernebeln lassen und legen wir unsere Hände stützend mit an den vielfältig bunten Regenbogen, den Gott in unsere Welt als Zeichen und Angebot seiner Freundschaft hineinstellt!

In den achtziger Jahren meiner Jugend war es das Bekennen gegen einen autoritären diktatorischen Staat, der Fakten verdrehte und sogar sich selbst belog. Heute geht es für mich immer noch darum, den Mund aufzumachen, wenn Fakten geleugnet werden, Menschen ausgegrenzt, und einfache Problemlösungen auf Kosten von Minderheiten und Schutzsuchenden versprochen werden. Vielleicht kann ich der Versuchung das „Kipp-Moment“ diplomatisch zu umschiffen, entgehen, wenn ich mir Martin Luthers Erleben vor Augen halte: Als es „kippte“ und er für vogelfrei erklärt wurde, handelte sein mutigen Landesfürst und gab ihm Schutz. Und so konnten letztlich seine Kirchen- und Gesellschaftskritik, sein Reformimpuls eben nicht feierlich oder auch sang- und klanglos geschichtlich beerdigt werden, sondern er ist Geschichte geworden. Im Ganzen können wir es sogar eine nachhaltige Erfolgsgeschichte nennen.

So bin ich geneigt, den kurzen Luthersatz in dieser Predigt noch etwas in einer offensiveren Richtung von Reformation weiterzutreiben. Es geht ja nicht nur darum, Kritik und neue Thesen nicht zurückzunehmen, sondern auch kampfes – oder besser gesagt aktivitätslustig auf neuen Wegen mutig vorauszugehen. Deshalb denke ich, dass wir als freie Christenmenschen an Luthers Worte auch noch anfügen dürfen: „Hier stehe ich. Ich kann auch anders!“

Gott helfe mir ! Amen.

 

Vorschläge zur Liturgie

Tagesgebet

Gott, du verlierst uns nicht aus dem Blick.

Du hast uns Kraft und Fähigkeiten geschenkt,

die uns selbst tragen, die wir für andere einsetzen können.

Wir sehen auch die Verantwortung, die du uns zumutest.

Lass uns den Mut finden, sie auch zu ergreifen und zu handeln

Dein Sohn hat uns das vorgelebt, lass uns ihm folgen. Amen.

Fürbittgebet

Gott, wir raufen uns oft die Haare, weil wir alles so schlimm finden.

Dabei erkennen wir meist nicht, unsere eigene Kraft, die in der Beziehung zu dir gewachsen ist.

Wir denken oft von uns als ein kleines Licht, was nichts bewirken kann, als Schwalbe, die noch keinen Sommer macht, als Spatz, der nichts wert ist.

Gott, DU sagst heute zu mir: Ich bin da, ich sehe genau, was du kannst. Sieh dich an und misch dich ein.

Lass uns auf dich hören und darauf vertrauen, dass DU und andere Menschen mit uns sind, wenn wir für Veränderungen eintreten.

Wenn wir vor einer Auseinandersetzung stehen, dann setz DU dich zu uns. Setz dich mit uns zusammen, damit wir unsere Welt, die auseinander reißt, wieder zusammensetzen lernen.

Lass uns die ins Zentrum unserer Aufmerksamkeit rücken, die lässig und wie selbstverständlich an den Rand gedrückt worden sind.

Lass uns einstehen und aufstehen für Recht und Gerechtigkeit, Menschlichkeit und Würde und nimm uns die Angst, dass wir dadurch etwas verlieren könnten.

Lass uns deine Botschaft weitertragen und begleite uns auf unserem Weg, der durch Licht und Dunkel führt.

Führe uns zum Nächsten und mit ihm zum Licht!

Einladung zum Gebet in der Stille…

Vaterunser

Segenszuspruch

Gott, dein Segen liegt auf unserem Mut zum Wagnis.

Du begleitest uns, wenn wir jetzt in unsere Welt gehen, die deine Welt geblieben ist.

Du hältst deine Hände über jeden unserer Schritte.

Deinen Auftrag ,aber auch deinen Schutz und Schirm spüren wir, wenn du uns jetzt segnest.

Du bist mit uns!

Du hilfst uns!

Amen.

Persönlicher Hinweis

Wer immer mal auf der Suche nach einem Impuls u.a. fiktive Gespräche zwischen Gott und Mensch, einem Gebet oder einem Gedicht ist, der kann gerne auf meine im Aufbau befindliche Webseite schauen und sich ggf. Anregungen holen. Predigten sind bisher nur wenige eingestellt, werden aber sicher noch ein paar folgen. Für Rückmeldungen – auch kritische – bin ich immer dankbar. Vorsicht, die Seite ist noch eine ziemliche Baustelle!

www.gottundmensch.de

 

Pfarrer Hosea Heckert, momentan aus gesundheitlichen Gründen im Wartestand, Evangelische Kirche in Mitteldeutschland

hoseaheckert@posteo.de