Matthäus 10,26b-33
„We shall overcome“ | Reformationstag | 31.10.2026 | Mt 10,26b-33 | Martina Janßen |
We shall overcome
Liebe Gemeinde,
es ist manchmal wirklich zum Fürchten. Egal, welchen Podcast ich höre oder welche Talkshow ich ansehe – es düstert dystopisch: Kriege, Krisen, KI-Angriffe, Klimakollaps, Koalitionschaos. „Polykrise“ nennt man das wohl; das Wort wurde 2022 durch den Wirtschaftshistoriker Adam Tooze bekannt. Manchmal will mir all das das Herz brechen, manchmal möchte ich mit erhobenem Zeigefinger raten: Versucht es doch bitte mit weniger Parolenseligkeit und Panikmache! Und schaut auch auf das, was gut läuft und glücklich macht! Unsere Gesellschaft ist polarisiert, die mediale Empörungsmaschinerie läuft permanent auf den Hochtouren. Es zeichnen sich Entwicklungen ab, die mich ängstigen. Unter Hand wächst weltweit das Recht des Stärkeren. Der Ton wird rauer. An den Parlamentsdiskussionen, die ein Spiegel der Gesellschaft sind, kann man es sehen. Auf den ersten Blick ist unser Land gegenwärtig kein glückliches Land, sondern ein zerstrittenes, ängstliches und für einige ein zunehmend gefährliches Land. Es ist nicht gut, wenn Antisemitismus und rassistische Ideologien politisch salonfähig werden und man scheinbar nichts dagegen tun kann. Wie soll das alles weitergehen? Wie wird das ausgehen? Gut. Ich sage: gut. Fürchtet euch nicht. „Denn Gott der Herr ist Sonne und Schild; der Herr gibt Gnade und Ehre. Er wird kein Gutes mangeln lassen den Frommen.“ (Ps 84,12 [Hallelujavers]).
Mt 10,26 Darum fürchtet euch nicht vor ihnen. Denn es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird. 27 Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das verkündigt auf den Dächern. 28 Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürchtet viel mehr den, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle. 29 Verkauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen? Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater. 30 Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Haupt alle gezählt. 31 Darum fürchtet euch nicht; ihr seid kostbarer als viele Sperlinge. 32 Wer nun mich bekennt vor den Menschen, zu dem will ich mich auch bekennen vor meinem Vater im Himmel. 33 Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem Vater im Himmel.
Liebe Gemeinde,
es geht um die Nachfolge Jesu. Die ist nach Matthäus kein fröhliches Glaubensfest, zumindest nicht immer. Jesus ist ehrlich; er mutet seinen Jüngern die Wahrheit zu. Von Finsternis ist die Rede und davon, dass Leben in der Nachfolge gefährlich, leidvoll und sogar tödlich sein kann. Wer Jesus nachfolgt, dem wird viel zugemutet und der braucht viel Mut. Doch Jesus ist alles andere als ein Untergangsprophet. Auch wenn es nicht immer gut aussieht und nicht immer gut läuft, es wird gut enden. Das ist sein Versprechen. Das Reich Gottes ist mit Jesu Wirken schon jetzt angebrochen und drängt auf Erfüllung hin. Denn es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird. Und darum: „Fürchtet euch nicht!“, dreimal „Fürchtet euch nicht“. (Mt 10,26.28.31). Ihr seid kostbar, ihr seid geschützt. Wenn selbst ein kleiner Sperling kostbar ist, um wie viel mehr ihr? (vgl. auch Mt 6,26). Selig seid ihr. Wie die Vögel von den Dächern ihr Lied singen – so auch sollen auch Jesu Jünger ihre Stimme erheben und auf das Kommen des Reiches Gottes hinweisen: Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das verkündigt auf den Dächern. Wir haben das Evangelium mit den Seligpreisungen gehört: Trost, Barmherzigkeit, Sattwerden, Gott schauen, das Reich Gottes, ein glückliches Land. Es wird gut werden. Gott steht schon jetzt auf der Seite der Sanftmütigen, der Unglücklichen, der Hoffnungslosen, auf der Seite derer, die im Dunkeln sind oder ins Dunkel getrieben werden. „Selig sind die, die da Leid tragen, denn sie werden getröstet werden“ (Mt 5,4).
Liebe Gemeinde,
es gibt einen schönen Satz des Dichters Rabindranath Tagore: „Hoffnung ist der Vogel, welcher singt, wenn die Nacht noch dunkel ist.“ Viele Vögel tun das, sie spüren den Morgen, bevor er da ist, und singen, um – ganz nüchtern biologisch betrachtet – ihr Revier abzugrenzen. Wenn ich in einer schlaflosen, sorgenvollen Nacht das Fenster öffne, höre ich für mich im Vogelsingen Hoffnung, eine Melodie der Sehnsucht, die mich dem Morgenlicht entgegen trägt. Hell wird es durch das Vogellied draußen nicht, aber die Dunkelheit verändert sich und ich verändere mich, weil ich spüre: Der Tag kommt; die Dunkelheit ist nicht das Letzte ist, was ich sehe. Es wird gut. Denn es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird. Das Wissen, dass die Zukunft ihren Anker schon jetzt in der Gegenwart festgemacht hat, verleiht mir Flügel und gibt mir Rückenwind. Ich möchte ein Vogel sein, der mitten im Dunkel sein Lied von Hoffnung singt. Es gibt solche Lieder. Vielleicht kennen Sie eines? Mein Hoffnungslied erklingt durch eine Frau mit glockenheller Stimme. 1963 hat Joan Baez mit „We shall overcome“ ein altes, einfaches Lied zu ihrem Lied gemacht. Es war die Zeit der Protestbewegungen in den USA, viele Menschen hat „We shall overcome“ getragen und inspiriert. Ein Lied über Frieden, Seite an Seite stehen und Hand in Hand gehen, frei sein, keine Furcht haben und fest daran glauben, dass es so sein wird, dass es gut wird. Für mich ist dieses Lied eine Friedensprophetie, die von einer Zukunft singt, derer man so gewiss ist, dass sie für die Dauer eines Liedes in den Herzen von Menschen schon jetzt Gegenwart wird. Solche Lieder möchte ich singen, gerade in diesen Zeiten. Vielleicht sitzt nicht jeder Ton, vielleicht ist meine Stimme schwach, vielleicht bin ich nicht immer textsicher. All das mag schon sein. Aber es kann auch sein, dass jemand mein Lied hört mitten in all dem permanenten Parolengepolter und düster-dystopischen Donnergrollen. Dann ist es gut. Wenn auch nur ein einziger unglücklicher Mensch Hoffnung bekommt, ist mein Lied nicht umsonst.
Liebe Gemeinde,
Kirsten Boie hat ein modernes Märchen geschrieben: „Der Hoffnungsvogel“. Es beginnt mit dem „Glücklichen Land“, in dem ein Hoffnungsvogel lebt, der für jeden unglücklichen Menschen ein eigenes Lied singt. „Manchmal war es ein fröhliches Lied und manchmal ein trauriges, denn jeder, der Trost braucht, braucht seinen eigenen Trost; und manchmal, wenn es das richtige Lied gar nicht gab, war es auch genug, wenn der Hoffnungsvogel überhaupt nicht sang. Dann saß er nur ganz still und hörte der Traurigkeit zu, und wie er es machte, kann ich dir auch nicht sagen: Aber danach war sie plötzlich nicht mehr da.“ (Kap. 2). Eines Tages, als auf einmal Zank und Streit mächtiger wurden und das glückliche Land gar nicht mehr so glücklich war, flog der Hoffnungsvogel weg. Die Königin des „Glücklichen Landes“ schickt ihren Sohn Jabu in die weite Welt, um den Hoffnungsvogel zu suchen, zu finden und zurückzuholen. Eine abenteuerliche Reise, an deren Ende Jabu das Gute gelingt – ohne Waffen und Schwerter, nur mit seiner kleinen Freundin Ava und mit einer Melodie. Eine Geschichte vom Verzeihen, Frieden stiften und Hoffnung wiederfinden. „Selig sind, die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen.“ (Mt 5,9) Von solchen Geschichten möchte ich singen: Frieden stiften, die Augen für Gottes Reich öffnen, die Melodie der Liebe Gottes weitergeben von Ohr zu Ohr, von Herz zu Herz. Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das verkündigt auf den Dächern.
Das klingt so leicht und selbstverständlich. Doch mit den Unglücklichen zu sein, geht nicht immer gut aus. Sich auf die Seite der Schwachen zu stellen, kommt nicht immer gut an. Wer den Leidenden ein Lied singt, erntet nicht immer Applaus. „Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen und allerlei Böses gegen euch reden und dabei lügen.“ (Mt 5,11f).
Denn wo das Recht des Stärkeren gilt, zählen die Sanftmütigen nicht viel. Wo toxische Positivität zum Leitprinzip wird, ist für die Leidenden wenig Raum. Wo Geld, Macht und Recht nur für eine Gruppe von Menschen gelten, gibt es immer die anderen, die nach Gerechtigkeit hungern und dürsten. Gerade dann klingen Jesu Worte nach: Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das verkündigt auf den Dächern. Allen Verstimmungen und Dissonanzen zum Trotz – wenn das Unrecht zum Himmel schreit, will ich nicht schweigen.
Liebe Gemeinde,
manchmal erfordert es Mut, für das einzustehen, was nicht verhandelbar ist. Auch dafür steht der Reformationstag – für die Verantwortung, auf Missstände hinzuweisen, Schieflagen geradezurücken und sich gegen unselige Entwicklungen zu stellen. Martin Luther hat das damals im Spätmittelalter getan. „Hier stehe ich und kann nicht anders.“ Heute ist es an uns. Wo immer Finsternis dämmert, da ist unser Platz, um die Melodie des Morgenlichts in das dumpfe Dröhnen der Dunkelheit zu schmuggeln. Fürchtet euch nicht. Wir sind Teil von Gottes Zukunft, die mit Jesus begonnen hat. Diese Zukunft gibt uns Rückenwind und treibt uns zugleich mitten hinein in die Krisen dieser Welt, an die Seite der Unglücklichen, der Leidtragenden, der Dürstenden und Hungernden. „Tu deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind. Tu deinen Mund auf und richte in Gerechtigkeit und schaffe Recht dem Elenden und Armen.“ (Spr 31,8f). Wir singen nicht für uns allein. Wir singen für die, die keine Stimme haben oder die zum Schweigen gebracht werden. Wenn Antisemitismus und rassistische Ideologien politisch salonfähig werden, dürfen wir nicht schweigen, darf niemand schweigen. Als Elie Wiesel (1928–2016), der als Kind Auschwitz überlebt hatte, im Jahr 1986 den Friedensnobelpreis entgegennahm, mahnte er in seiner Acceptance Speech, sich weltweit auf die Seite der Opfer zu stellen.
“We must always take sides. Neutrality helps the oppressor, never the victim. Silence encourages the tormentor, never the tormented. Sometimes we must interfere. When human lives are endangered, when human dignity is in jeopardy, national borders and sensitivities become irrelevant. Wherever men or women are persecuted because of their race, religion, or political views, that place must – at that moment – become the center of the universe. (…) As long as one dissident is in prison, our freedom will not be true. As long as one child is hungry, our lives will be filled with anguish and shame. What all these victims need above all is to know that they are not alone; that we are not forgetting them, that when their voices are stifled we shall lend them ours, that while their freedom depends on ours, the quality of our freedom depends on theirs. (…) Our lives no longer belong to us alone; they belong to all those who need us desperately.”
Liebe Gemeinde,
Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das verkündigt auf den Dächern. Fürchtet euch nicht. Lebt in der Hoffnung. „Hoffnung ist der Vogel, welcher singt, wenn die Nacht noch dunkel ist.“ Singt sein Lied, tragt sein Lied in die dunkelsten Ecken unserer Welt hinein: Die da Leid tragen werden getröstet, die Dürstenden und Hungernden werden satt, die Bramherzigen werden Barmherzigkeit erlangen (vgl. Mt 5,3-12 [Evangelium]). Das ist keine ferne Zukunftsmusik, sondern unser Lied hier und heute. Hier singe ich nun und kann nicht anders. “We shall overcome, some day. / Oh, deep in my heart, / I do believe / We shall overcome, some day.”
Amen
Predigtlied: We shall overcome
Idee für einen parallelen Kindergottesdienst: Kirsten Boie, Der Hoffnungsvogel, 2023 (mit Ausmalbild zum Download https://www.oetinger.de/buch/der-hoffnungsvogel/9783751202589)
PD Dr. Martina Janßen
Hildesheim
dr.martina.janssen@evlka.de
Martina Janßen, geb. 1971, Privatdozentin für Neues Testament (Universität Göttingen), Pastorin der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers
Nachweise
Kirsten Boie, Der Hoffnungsvogel, 2023 (Zitat: Kap. 2)
Wiesel, Elie, Acceptance Speech 1986 (https://www.nobelprize.org/prizes/peace/1986/wiesel/acceptance-speech/; abgerufen am 21.10.2026).
Deutsche Übersetzung (deepl):
Wir müssen immer Partei ergreifen. Neutralität hilft dem Unterdrücker, niemals dem Opfer. Schweigen bestärkt den Peiniger, niemals den Gequälten. Manchmal müssen wir eingreifen. Wenn Menschenleben in Gefahr sind, wenn die Menschenwürde auf dem Spiel steht, verlieren nationale Grenzen und Befindlichkeiten jede Bedeutung. Wo immer Männer oder Frauen wegen ihrer Rasse, ihrer Religion oder ihrer politischen Ansichten verfolgt werden, muss dieser Ort – in diesem Moment – zum Mittelpunkt des Universums werden. (…) Solange auch nur ein Dissident im Gefängnis sitzt, wird unsere Freiheit keine echte Freiheit sein. Solange auch nur ein Kind hungert, wird unser Leben von Qual und Scham erfüllt sein. Was all diese Opfer vor allem brauchen, ist die Gewissheit, dass sie nicht allein sind; dass wir sie nicht vergessen, dass wir ihnen unsere Stimme leihen, wenn ihre Stimmen zum Schweigen gebracht werden, dass zwar ihre Freiheit von unserer abhängt, die Qualität unserer Freiheit aber von der ihren. (…) Unser Leben gehört nicht mehr nur uns allein; es gehört all jenen, die uns verzweifelt brauchen.