Matthäus 11,25-30
Johannes fragt – Jesus antwortet | 2. Sonntag nach Trinitatis | 14. 06. 2026 | Matthäus 11,25-30 | Katharina Wiefel-Jenner |
Jesus, bist du es? Bist du der Heiland? Wird mit Dir endlich alles gut? Können wir aufatmen und uns erholen von den Zumutungen, von der allgegenwärtigen Gewalt, von den ewigen Machtdemonstrationen der Schönen und Reichen? Erlöst du uns von der Angst, unter die Räder zu kommen. Von der Angst, nicht zu genügen? Von der Angst, morgen ohne Arbeit, Brot und Obdach dazustehen? Bist du die Erlösung und lässt uns aufatmen, auch wenn wir so sind, wie wir sind?
Johannes fragte so. Der Johannes fragte, der Jesus getauft hatte. Der Johannes, der sich mit den Mächtigen angelegt hatte und im Gefängnis saß. Wer, wenn nicht Johannes der Täufer hatte Anspruch darauf, dass Jesus ihm antwortet? Jesus konnte ihn nicht mit hinhaltenden Worten abspeisen. Johannes hatte schließlich ohne Rücksicht auf seine eigene Sicherheit, die Korruption und den empörenden Lebensstil der Fürsten angeprangert. Der Täufer hatte das Recht, Jesus die entscheidende Frage zu stellen. Von Jesu Antwort hing alles ab. Noch immer hängt von seiner Antwort alles ab. Auch heute. Auch für uns.
Predigttext: Mt 11,25-30
Zu der Zeit fing Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies Weisen und Klugen verborgen hast und hast es Unmündigen offenbart. Ja, Vater; denn so hat es dir wohlgefallen. Alles ist mir übergeben von meinem Vater, und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will. Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.
Ihr Lieben,
Jesus antwortet Johannes. Jesus antworte uns. Er sieht auf die Klugen und die Weisen. Das sind die, die Johannes ins Gefängnis gebracht haben. Das sind die, die wissen, wie man kompromisslos die eigenen Interessen verfolgt. Die, die mit Geschick die Meinung der Welt beeinflussen. Die wegschieben, was dem Erfolg im Weg steht. Die Klugen haben das Sagen. Aber sie haben vergessen, dass es ein größeres Leben gibt. Er gibt mehr als alles, was sie berechnen und planen könnten. Sie wollen sich von nichts und niemanden in ihrer Lebenshaltung und ihren Plänen stören lassen. Als ob sie mit Absicht gar kein Interesse an Jesus haben und es ihnen egal ist, wer er ist. Andernfalls müssten sie umkehren.
Manche ahnen vielleicht, dass Jesus ihnen etwas zu sagen hat. Aber die meisten kennen Gott nicht und sie erkennen deswegen auch nicht, dass Jesus und Gott zusammengehören. Wenn sie Gottes Gegenwart in der Welt nicht erkennen, wie sollen sie Jesu Gegenwart verstehen? Wie sollen sie die Verbindung von Gott und Jesus spüren? So wie sie sind und denken, können sie Jesu Antwort an den Täufer nicht begreifen.
Aber lassen wir die Reichen und Schönen, lassen wir die Klugen und Weisen mit ihrer Blindheit gegenüber Gott. Wenn wir Jesus sehen und Jesus uns, dann haben wir die Chance, Gottes Gegenwart in dieser Welt zu feiern. Jesus findet unsere Liebe und unsere Sehnsucht wichtiger als die Gleichgültigkeit der Klugen. Schon immer hat Jesus die geliebt, die Gott suchen. Von Anfang an lagen ihm die am Herzen, die wussten, wie sehr sie auf Gott angewiesen sind. Er spricht mit Liebe zu denen, die am Morgen aufwachen und sich sorgen. Er achtet auf die, die nicht wissen, ob sie über die Runden kommen. Mit Liebe schaut er die an, die sich nach einem liebenden Blick verzehren. Die Sehnsüchtigen und Sorgenvollen, die Überforderten und Entkräfteten schließt er ins Herz. Er lenkt den Blick Gottes auf die, die sich nach dem wirklichen Leben sehnen. Jesus liebt es, dass die einfachen Leute ihn kennen. Und Jesus feiert das.
Johannes hatte gefragt: Bist du es? Der Täufer ahnte bereits, dass mit Jesus alles neu wird. Johannes war im Gefängnis. Er war vom Tod bedroht. Er litt an dieser Welt voller Gewalt. Aber er ist Jesus begegnet und konnte mit allen Sinnen spüren, dass Gott durch Jesus spricht.
Bist du es, Jesus? Wenn wir Jesus fragen und ihn ansprechen, sind auch wir wie Johannes von einer bedrängenden Wirklichkeit voller Lügen, Hass und Gewalt umgeben. Wir fragen zwar nicht aus dem Gefängnis heraus, doch mit der gleichen Hoffnung für unser Leben wie Johannes. Nur glauben wir bereits, was Johannes erst ahnen konnte. Johannes musste Jesus noch fragen. Wir haben längst die Antwort auf die Frage: Bist du es? Endet bei dir die Angst? Wird mit dir alles neu? Können wir bei dir aufatmen? „Ja. Kommt her zu mir!“ lautet die Antwort Jesu. Jesus lädt dazu ein, bei ihm aufzuatmen. Bei Jesus wird alles neu. Jesus ist das Ende der Angst. Jesus ist Gottes Wort für uns. In Jesu Worten hören wir Gottes Worte. Wenn wir Gott nicht kennen würden, dann hätten wir mit Jesus endlich die Antwort, wie Gott ist: So wie Jesus – und noch viel mehr! Und wenn wir andererseits Gott vermissten, dann lässt sich Gott in Jesus wiederfinden. Wenn wir uns nach Gottes Gegenwart sehnen, ist Gott in Jesu Liebe gegenwärtig. Gott ist in Jesu Worten da. Gott atmet in uns, wenn wir beten und die Worte sprechen, die uns Jesus gelehrt hat. Mehr noch als der Täufer haben wir allen Grund zu hoffen und zu glauben. Wir glauben und müssen nicht mehr fragen.
„Kommt her“, ruft uns Jesus zu. Ich bin es. Bei mir ist alles da, was dem Leben dient. Bei mir könnt ihr aufatmen und zur Ruhe kommen. Bei mir findet ihr Gott. Gottes Wort ist das sanfte Joch. Gottes Wort ist die leichte Last. Mit Gottes Wort im Herzen fließt der Atem leicht, obwohl die Ängste zugreifen und das Herz abschnüren wollen. Mit Gottes Wort vor Augen finden die Füße den Weg des Friedens. Mit Gottes Gebot nimmt der Verstand Abstand von den Taten, die dem Leben schaden. Mit Gottes Gebot im Sinn wird die Gerechtigkeit sichtbar und die Hände lernen das barmherzige Tun. Unter Jesu sanften Joch ist niemand mehr den Mächten der Welt bedingungslos ausgeliefert. Gottes Wort ist die leichte Last, mit der man sich den Regeln der Schönen und Reichen entziehen oder widersetzen kann. Weil Gott da ist und Jesus uns einlädt, haben die Klugen und Weisen keinen Anspruch mehr auf Gefolgschaft. Unter der leichten Last des göttlichen Wortes beginnt das Leben neu.
Johannes hatte aus dem Gefängnis heraus die entscheidende Frage gestellt und wir hören Jesu Antwort. Jesus ist der, den Johannes erwartet hat. Er ist der, der uns in unserem Versagen und unserer Sehnsucht ansieht. Kommt her, lautet Jesu Antwort. Bei ihm können wir aufatmen. Mit ihm kommen die Gefangenen frei. Für ihn werden sich Gerechtigkeit und Frieden küssen. Durch ihn macht Gott alles neu.
Bist du es, Jesus? Wir glauben: Du bist es!
Amen.
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Dr. Katharina Wiefel-Jenner, geb.1958, Pfarrerin i.R., bildet als Dozentin für Liturgik und Homiletik Ehrenamtliche für den Verkündigungsdienst aus.