Matthäus 11,25-30
Wenn der Keks spricht, singen die Krümel | 2. So. n. Trinitatis | 14.06.2026| Predigt zu Mt 11,25–30 | verfasst von Udo Schmitt |
Wenn der Keks spricht, schweigen die Krümel. Und die Unmündigen halten den Mund. Unmündig sind die, die ohne Vormund sind. Niemand vertritt sie in der Öffentlichkeit, tritt für sie auf, tritt für sie ein bei Gericht. Unmündig sind die, die sich kein Gehör verschaffen können. Es sind die, auf die man nicht hört. Es sind die, die nichts zu sagen haben. Noch nichts zu sagen haben: die Kinder. Und es sind auch die, die nichts mehr zu sagen haben, weil sie alt sind oder arm sind – ohne Arbeit und ohne Ansehen. Witwen, Aussätzige, Asylanten, Fremde. Es sind die, die am Rand der Gesellschaft sind. Niemand hört auf sie – sie sind unmündig – sie sind ohne Mund.
Und ausgerechnet denen wird das Wort Gottes gesagt, ausgerechnet denen wird das Evangelium Jesu Christi verkündigt – ausgerechnet die, auf die keiner hört, ausgerechnet die hören die frohe Nachricht von der Liebe des Vaters zu uns Menschen, wie sie im Sohn offenbart wurde. Selig sind die Unmündigen! Selig sind die kleinen Leute, auf die keiner achtet. Selig sind die, auf die keiner mehr hören will, denn ihnen gilt die befreiende Botschaft der Erlösung und der Auferstehung – Halleluja! Lobet Gott und preist seinen Namen! Du meine Seele singe!
Was mich sprachlos macht: Gott erweckt sich ein Lob aus den Verstummten. Gibt denen eine Stimme zurück, die man zum Schweigen gebracht hat. Denen man den Mund verbietet. Denen man kein Gehör schenkt. Und kein Wort glaubt. Gerade die will er singen lassen. Und das gibt auch mir Hoffnung. Und die brauche ich auch.
Als Pfarrer werde ich zu den Kindern und Jugendlichen in den Schulen geschickt und auch zu den Alten und Einsamen in den Heimen. Ich werde zu ihnen geschickt, um ihnen das Wort Gottes auszulegen, um mit ihnen zu beten und zu singen. Einen Satz höre ich dabei immer wieder – es ist immer der gleiche Satz, egal ob im Munde der Alten oder im Munde der Jungen – und es ist ein Satz, der mich allemal und jedes Mal sehr schmerzt: “Ich kann nicht singen”.
Ich kann nicht singen. Das hat etwas sehr Bedrückendes und Einengendes. Denn diesen Menschen fehlt etwas. Es fehlt nicht nur eine, sagen wir, technische oder mechanische Fähigkeit, wie etwa das Radfahren oder das Beherrschen eines Instruments. Etwas, das man lernen könnte. Nein, diesen Menschen fehlt etwas wirklich Wichtiges. Menschen, die nicht singen können, leiden. Sie leiden einen echten Mangel. Es kommt mir vor, als würde ihnen eine Öffnung fehlen – ein Ventil, durch das sie herauslassen könnten, was ihnen auf der Seele liegt. Sie haben einen Mund, ja, und doch können sie nicht das ausdrücken, wovon ihr Herz voll ist. Ihre Seele sitzt gleichsam gefangen in ihrer Brust wie ein Vogel in einem Käfig ohne Tür.
Menschen, die nicht singen können, sind nicht frei. Selbst wenn sie die Freiheit haben, sich hierhin oder dorthin zu bewegen. Egal, wohin sie auch gingen, es gäbe keinen Ort, an dem sie Freiheit hätten. Die Freiheit auszudrücken, was sie bewegt. Und also sind sie auch dort nicht frei. Sie schleppen ihre eingeengte und eingezwängte Seele mit an jeden Ort – und sei es auch der schönste und hellste Ort auf Gottes Erden. Denn sie haben kein Lied, um ihre Freude und Dankbarkeit auszudrücken. Und dies gilt erst recht für die weniger schönen Orte, die Dunkelheit und Einsamkeit. Denn auch dort haben sie kein Lied, um ihre Trauer und ihren Schmerz auszudrücken; kein Lied, das Mut macht und auch kein Lied, das tröstet, in den Arm nimmt und die Seele besänftigt.
Diese Menschen sind also, wenn sie arm sind, doppelt arm: Es sind die, die nichts zu sagen haben. Niemand hört auf sie – das ist das Eine. Und sie können nicht singen – das ist das Andere. Selbst wenn, könnten sie nicht zu Gehör bringen, was sie im Innersten bewegt. Doppelt arm sind sie: Mundtot im Äußeren und mundtot im Inneren.
Was mir Hoffnung gibt: Da ist Einer, der sie nicht übersieht, der sie nicht übergeht und ihr Schweigen nicht überhört. Gerade ihnen, diesen Mundtoten und Unmündigen gilt seine Botschaft. Er spricht sie an und er ruft sie: „Kommt her zu mir!“ Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.
Ich will euch erquicken, erfrischen, neu beleben, wieder lebendig machen, den Staub von der Seele blasen, den eingerosteten Gedanken Beine machen, Flügel verleihen und befreien, euch alle zum Leben befreien, zu einem Leben in Freiheit und Gemeinschaft. Ich will euch herausführen aus dem Abseits, aus der gesellschaftlichen Ecke, der Isolation, und eure Seele herauslösen aus der Enge, dem Schweigen, der Lautlosigkeit, spricht Jesus, der Heiland, der Befreier und Erlöser. Damit auch ihr singen könnt. Singen vor Freude. Und freien Herzens rufen könnt: Halleluja! Gepriesen sei der Herr!
Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid. Wir kennen diese Worte und haben sie schon oft gehört. Wir kennen auch den, der dies Wort gesprochen hat. Unverwechselbar klingt seine Stimme in unseren Ohren. Denn er kennt uns und wir kennen ihn, es ist der gute Hirte, der hier ruft, es ist Jesus, den man Christus nennt, und wir Christen bekennen ihn als unseren Herrn.
Er sagt: Mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht. Aber dies ist keine Drohung mit neuer Arbeit sondern eine Einladung und Entlastung. Sein Joch – und das ist das Merkwürdige – bedeutet gerade nicht Versklavung sondern Befreiung.
Vielleicht kennen sie ja auch den Komponisten Georg Friedrich Händel und sein wohl berühmtestes Werk: “der Messias” – ich hab ihnen hier mal die Partitur mitgebracht, ich besitze sie, da ich “den Messias” schon einmal vor Urzeiten im Kirchenchor gesungen habe – ein tolles Werk und sie alle kennen wahrscheinlich das “Halleluja” daraus. Beim “Messias” handelt es sich um ein “Oratorium” – das Leben Jesu und seine wichtigsten Worte in gesungener Form. Auch unsere heutige Bibelstelle findet sich da: “Sein Joch ist sanft, die Last ist leicht”. Und auch Händel erinnern diese Worte an den guten Hirten, im Duett singen Alt und Sopran:
„Er weidet seine Herde, dem Hirten gleich,
und heget seine Lämmer so sanft in seinem Arm.
Er nimmt sie mit Erbarmen auf in seinen Schoß und leitet, die in Nöten sind.
Kommt her zu ihm, die ihr mühselig seid,
kommt her zu ihm, mit Traurigkeit Beladene, er spendet süßen Trost.
Nehmt sein Joch auf euch und lernet von ihm, denn er ist sanft und demutvoll,
so findet ihr Ruh und Seelenheil. „
Und dann setzt der Chor ein: „Sein Joch ist sanft, die Last ist leicht.“ Hier spürt man etwas von der Einladung, das Belastende und Bedrückende abzuladen. Hier spürt man etwas von der Entlastung; es ist als wenn einem ein Rucksack voll schwerer Steine vom Rücken genommen wird und man zum ersten Mal aufrecht stehen kann und zum ersten Mal im Leben frei und tief durchatmen kann.
Das ist der Anfang des Christentums – diese Erfahrung der Befreiung – Erlösung. Es ist gerade nicht so wie Goethe den Engelchor im Faust sagen lässt: „Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen.“ Nein, sein Joch ist sanft, die Last ist leicht. Es ist keine Mühe. Kein Muss und immer. Und immer wieder aufstehen. Immer wieder sagen, es geht doch. Das ist der Sisyphos, der den Stein immer wieder den Berg heraufrollt. Der Hamster, der sich im Laufrad dreht, und doch nicht von der Stelle kommt. So ist es nicht. Und so fühlt es sich nicht an ein, Christ zu sein. Im Gegenteil.
Den Weg Jesu gehen, in seinen Dienst treten, sein Joch nehmen, das heißt viel mehr: Durch eine offene Tür gehen, das Loch in der Mauer sehen, und das Land dahinter, hell und weit, mit Blumen und mit Vögeln, sorgenfrei und in Freiheit erleben. Aufatmen, zur Ruhe kommen, Frieden finden.
In Jesus. Er sagt: Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Die Freiheit finden zu handeln, die Kraft zu lieben und den Menschen zu dienen. Gutes zu tun, aber ohne Zwang und Muss, sie sind nicht erst die Bedingung – und: Wehe, wehe wenn nicht! – sie sind vielmehr Ausdruck eures Christseins, eurer Befreiung und Freude. Wenn der Keks spricht, singen die Krümel. Welch‘ eine Freude! Etwas, das mich danken lässt jeden Tag. Diese Gnade! Etwas, das mich sprachlos macht und mich zugleich singen lässt: Du meine Seele singe!
Liedvorschläge:
EG 302 Du meine Seele singe
EG 673/HuE 35 Ich lobe meinen Gott, der aus der Tiefe mich holt
HuE 141 Lobe den Herrn, meine Seele, und seinen heiligen Namen
HuE 1 Ich sing dir mein Lied
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Udo Schmitt, geb. 1968, Pfarrer der Evangelischen Kirche im Rheinland, von 2005-2017 am Niederrhein, seit 2017 im Bergischen Land.
Dorfstr. 19 – 42489 Wülfrath (Düssel)
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