Matthäus 12,31 – 42

· by predigten · in 12. So. n. Trinitatis, Aktuelle (de), Aus dem Dänischen, Beitragende, Christiane Gammeltoft Hansen, Christiane Gammeltoft-Hansen, Deutsch, Kasus, Neues Testament, Predigten / Sermons

Predigt zum 12. Sonntag nach Trinitatis

  1. August 2026

Mt 12,31–42 und Jakobus 3,1-12

von Christiane Gammeltoft-Hansen

Zur Welt kommen

Der Geist ist das Umfassende. Er umschließt alles und ist in allem. Der Geist ist Anfang – im weiten Sinn und im ganz Nahen. DU sollst den Schlaf abschütteln, sagt er, wenn wir die Augen aufschlagen. Sieh das Licht, das an der Küste der Welt landet. Sieh die Gnade, die in deine Frühstücksschale rinnt. Höre ein „Guten Morgen“. Erwidere es mit Worten, mit denen auch du dem anderen einen guten Tag wünschst. So kann der Geist sich Morgen für Morgen zu erkennen geben, in einem ganz gewöhnlichen Leben.

Der Apostel Jakobus hat wenig Vertrauen in unsere Fähigkeit, auf den Ruf des Geistes zu antworten. Die Zunge lässt sich nicht zähmen, sagt er. Unablässig ist sie dabei, Bosheit zu verbreiten. Ein kleines Organ mit seinem eigenen hinterhältigen Leben. Kein „Guten Morgen“ von dieser Seite. Aber der Geist ist gnädig. Er sieht milder auf die Möglichkeit des Menschen – auch auf unsere Möglichkeit, vernünftige und schöne Dinge zu sagen. Der Geist ist in allem. Das heißt, er ist auch in uns. Das gibt Hoffnung: dass nicht alles, was unseren Mund verlässt, mit Fehlern und Mängeln behaftet ist, sondern dass wir auch etwas sagen können, das aufrichtig ist, freundlich, anständig, liebevoll. Dass der Geist dabei helfen kann.

Es gibt Menschen, die sagen, der Geist habe seine bevorzugten Kanäle. Wenn wir ein Kirchenlied singen oder ein Gedicht hören, das in verdichteter Form ist, als bekäme man das Evangelium noch einmal geschenkt, dann ist man durchaus geneigt, ihnen recht zu geben. Dass jene Sprache, die zugleich genau und umfassend zu reden vermag, mehr vom Eigentlichen mitbekommt. Dass wir hinhören müssen, wenn die Dichter sprechen und einen Nerv treffen, wo der Geist mitzuklingen scheint.

Gibt es einen schöneren Ausdruck auf Erden als“Zur Welt kommen“ – schreibt ein Dichter {Benny Andersen, „Alt“, Himmelspræt eller kunsten at komme til verden“, 1979, A.d.Ü. }:

Zur Welt kommen

Es gibt andere schöne Ausdrücke – sagt er weiter

Lieben

Glücklich sein

Glücklich machen

Sich des Lebens freuen

Aber was wären sie wert

wenn man nicht zur Welt käme

nicht zur Welt gebracht würde

in die Welt gesetzt

oder auf andere Weise in etwas hineingezwungen

sondern von draußen aus dem All herangeschlendert käme

jede Menge Zeit hätte

und nichts Besonderes sonst zu tun

und die Welt erblickte

und dächte

Aha

Da ist etwas

da würde ich mich gern niederlassen

und das Licht der Welt erblicken

Welch ein Vertrauen in diesen paar Worten liegt

Zur Welt kommen

Das ist alles

worum es geht.

Vielleicht lege ich dem Dichter Benny Andersen mehr Worte in den Mund, als er eigientlich sagt. Aber ich wage es dennoch. „Zur Welt kommen“ – das klingt nach einer Ankunft im Reich des Geistes.

Ja, die Zunge ist ein trügerischer Muskel. Sie kann auf so vieles verfallen. Und oft wünschten wir, sie hätte innegehalten, ehe sie loslegte. Und viel besser steht es nicht mit den Augen, die gleich über ihr sitzen. Sie können selbst das Evangelium lesen, wie der Teufel die Bibel liest. Doch mit dem Zutun des Geistes können die Augen ein Doppelsehen entwickeln, mit dem sie tiefer und klarer sehen. Eine Welt sehen, zu der man gekommen, zu der man gebracht, in die man hineingeboren ist. Keine gewählte Welt, sondern eine Welt, die gegeben ist. Und mit dem Zutun des Geistes können die Augen zuweilen auch milde werden. Bisweilen können andere im Licht ihres liebevollen Blicks sogar schön werden. Und ebenso mit der Zunge. Mit dem Zutun des Geistes kann sie plötzlich zum feinsten Instrument werden für Erzählungen vom Erscheinen des Reiches Gottes.

Ich frage mich, ob man gegen das Umfassende sündigen kann. Kann man gegen das sündigen, wovon man nicht auf Abstand gehen kann, gegen das, was mit einem selbst verbunden ist? Kann man gegen das sündigen, was man mit seiner bloßen Existenz bekennt und bekräftigt? Matthäus würde sagen, es sei schon Sünde, den Gedanken auch nur zu denken. Die Sünde gegen den Geist ist eine Wirklichkeit, sagt er. Sie ist die größte Sünde von allen. Und er formt die Zunge und schleudert allen Sündern ein „Otterngezücht“ hinterher.

Hat man ein Gedicht vom Zur-Welt-Kommen in den Ohren hängen, so fallen die Worte des Matthäus jäh herein. Doch Matthäus selbst hat Anlauf genommen. Der Peitschenhieb seiner Zunge ist kein plötzlicher Einfall. Er hat gerade eben zuvor in seinem Evangelium von einer Heilung erzählt. Ein Mann, der weder sehen noch sprechen kann, bekommt Sehkraft und Stimme zurück. Es ist ein Wunder, eine Freude über Gottes Eingreifen – aber die Umstehenden können es nicht sehen. Es ist, als geschähe, während der eine sehend wird, das Umgekehrte mit denen, die es bezeugen. Sie werden blind, verlieren die Fähigkeit, tiefer zu sehen und mehr zu verstehen. Sie sind Zeugen des Großzügigen, des Gnadenvollen, des Rätselhaften. Zeugen des Guten. Doch sie sehen nichts. Oder besser: Sie sehen das Gegenteil. Ein Mensch wird geheilt, und natürlich ist es nicht zu begreifen. Aber statt Neugier zu wecken, vielleicht sogar Dankbarkeit, verschränken sie die Arme und kneifen misstrauisch die Augen zusammen.

Was ist das für ein sonderbarer Widerstand gegen das Gute, der sich im Menschen einstellen kann? Was ist es, das uns das Leben kleinreden lässt, uns misstrauisch gegen die Freude stellt, statt nach ihr zu greifen? Ein Mann wird geheilt, doch im selben Augenblick ist es, als bekämen die Zeugen kollektiv eine Entzündung des Sehnervs. Sie werden zu sauertöpfischen Rezensenten, die nach Fehlern in Syntax und Metaphern suchen und sich kaum verhohlen freuen, wenn sie mit ihrer Kritik zuschlagen können. Eine kleine teuflische Lust, giftig zu sein, die Freude anzustechen und die Luft aus ihr entweichen zu sehen.

Die Sünde gegen den Geist ist die größte aller Sünden, sagt Matthäus. In ihr liegt Verlorenheit. Das ist wahr. Wenn du das Licht ausschließt, wird es dunkel. Die Folge der Sünde gegen den Geist, sagt Matthäus, ist durchgreifend. Sie bedeutet, dass du nicht mehr dazugehörst. Es geht nicht um ein Sowohl-als-auch; für Matthäus ist es ein Entweder-oder. Entweder bist du angekommen, oder du bist es nicht. Entweder gebrauchst du das Doppelsehen des Geistes, um den Wert des anderen und den Wert der Welt zu sehen, oder du tust es nicht – und wenn du die Augen schließt, verschließt sich dann auch Gott vor dir. Doch die Frage, die der Geist selbst in uns zurücklässt, ist die, ob es möglich ist, auf Abstand zum Umfassenden zu leben. Ja, wir können die Augen schließen und in Blindheit und Dunkelheit leben. Aber können wir uns aus dem Reich des Geistes zurückziehen? Wenn der Geist sich mit allem verbindet und in allem ist, wohin sollten wir uns dann zurückziehen? Nicht wir sind es, die für unsere Ankunft in der Welt sorgen. Wir sind zu ihr gebracht worden.

Wir können von Entzauberung reden und davon, dass das Gute und Schöne nichts sei, dass der Glaube etwas für naive, unwissende Seelen sei, die nicht den Verstand haben, anders zu denken. Wir können die Hoffnung wegpacken, anderen die Freude nehmen und uns selbst die Freude, Erde werfen auf das, was gegeben ist, und die Zunge die schrecklichsten Dinge sagen lassen. Aber der Geist weht, wohin er will, stößt Türen und Fenster auf, sodass das Licht hereinbricht. Und er ist nicht stumm: Er weckt uns und sagt, fang neu an. Steh auf und wende dich dem zu, wozu du gebracht bist. Und der Geist trägt der Welt Worte zu, die wir uns selbst nicht sagen können. Worte wie etwa: Dir ist vergeben, du bist zu lieben.

Unsere Erfahrung bezeugt, dass in den verschränkten Armen und im oberflächlichen Blick Verlorenheit liegt. Wir wissen nur allzu gut, was es mit uns selbst macht und mit denen, die wir ihm aussetzen. Und wir wissen, dass wir vor der Verantwortung nicht davonlaufen können. Doch die Gnade ist: Auch vor dem Geist können wir nicht davonlaufen. Er ist die Konstante in unserem Leben, das innerste lebenspendende Prinzip selbst.

Wir können nicht aus der Sphäre des Geistes herausfallen – dafür ist sie zu umfassend.

Im Reich des Geistes landet das Licht jeden Morgen an der Küste der Welt.

Und jeden Morgen lässt er uns dazu erwachen.

Amen.

Christiane Gammeltoft-Hansen
Lindevang Kirke, Frederiksberg
cgh@km.dk