Matthäus 13,52 (28,19)

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Großstadtroman trifft Großstadtevangelium | Predigt über Matth. 13,52 (28,19) | Gedenktag des Apostels und  Evangelisten Matthäus |   21. 9. 2026

 ‚Darum gleicht jeder Schriftgelehrte, der ein Jünger des Himmelreichs geworden ist, einem Hausvater, der aus seinem Schatz Altes und Neues hervorholt‘.                                                                         

                                                                                  I

Was hält die Welt zusammen? Welche Sprache verstehen die vielen Völker? Und vor allem: Was bedeutet die Geschichte des Jesus von Nazareth, jenes jüdischen Mannes aus dem östlichen Winkel des römischen Reiches ‚urbi et orbi‘, für die ‚Stadt und den Erdkreis‘?

 ‚Gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker‘, so sagt es Jesus, der Christus, am Ende des Buches, dessen Verfasser wir Matthäus nennen. Heute gedenken wir dieses Mannes als Evangelisten und als Schriftsteller. Urbane Jüngerschaft, Kirche im Stadt-, im Welthorizont – wie wird daraus ein Buch?

                                                                                   II

Gestattet den Umweg: Berlin sucht ihn wohl noch, den zeitgenössischen Berlin-Roman. Ein Werk, dem es gelingt, die Stimmen einer lebenshungrigen, oft chaotischen, unübersichtlichen Großstadt einzufangen. So wie einst Döblins ‚Alexanderplatz‘. Manche werden sich erinnern: Franz Biberkopf, der mit guten Vorsätzen aus dem Gefängnis kommt, der vom Leben ‚mehr als das Butterbrot‘ fordert und sich im Meer der Stadt behaupten muß. Lebenskampf. Eigensinn und Liebe, Dummheit und Gewalt, Kriminalität, Mord, alles gehört zu dieser Geschichte, die am Ende in der Begegnung mit ‚dem Tod‘ vor die Frage stellt: Wer bin ich in dieser ‚Herde‘ von Menschen? Wo gehöre ich hin? Was steht mir zu?

Vom Lande kommend, von dort, wo man auch einen Fremden grüßt, mußte ich lernen, ein Großstädter zu werden. Mit euch allen genieße ich die Vielfalt der Kultur, die ärztliche Versorgung, die Anonymität: ‚… ja, ich kann mich gut verstecken / in den tausendfachen Ecken / meiner Stadt‘, heißt es in einem Song. Aber ich kenne auch die Erfahrung einer seltsamen Verlorenheit:  ‚I’m Nobody ! / Who are you? / Are you nobody, too?‘ (E. Dickenson). Nicht wahr, in einer Menge kann man sich, je älter man wird, sehr klein fühlen, ja, belanglos, unsichtbar, und ich eile, schnell wieder in mein vertrautes Quartier zu kommen.

                                                                                   III

Zeitsprung: Matthäus war vermutlich solch ein Großstädter, oder zumindest: Er lebte im Gebiet der syrischen Weltstadt Antiochia am Orontes, der damals drittgrößten Stadt im römischen Reich, ein ‚Treff-Punkt‘ von Orient und Okzident, eine Stadt mit einer grandiosen Architektur und prächtigen Villenvierteln, und zugleich eine Stadt von Enge, Not und Armut, von Rivalität und Verdächtigung,  von Erwartungen und Enttäuschungen. Soziologen würden vielleicht sagen: Eine ‚low-trust-Gesellschaft‘ (F. Fukuyama), eine Gesellschaft mit geringen Vertrauenspotentialen.

Nehmen wir einmal an: Matthäus, unser Autor, der ‚Jünger des Himmelreichs‘, stand einer Gemeinde vor, in der Frauen und Männer  verschiedener Herkunft zusammenkamen, Menschen die soz. einen ‚festen Ort‘(P. Wick)  verloren hatten. Kriegstraumatisierte, um den zerstörten Tempel trauernde Juden, judenchristliche Flüchtlinge, zugezogene Heiden, Angehörige der römischen Besatzungsmacht, kleinasiatische oder syrische Händler. Jede Versammlung, jeder Konflikt warf die Frage auf: Was kann diese so Verschiedenen   zusammenhalten? Was suchen sie, wenn sie an der Gemeinde des Messias Jesus teilhaben wollen? ‚… mehr als das Butterbrot‘:  Schutz und Zugehörigkeit. Anerkennung im Meer der Belanglosigkeit. Und was brachten sie mit? Welches Gewicht sollten die eigenen Traditionen und Überzeugungen, gewiß auch die Dominanzansprüche mancher Gruppen,  unter dem Vorzeichen des gekreuzigten Messias haben? Matthäus selbst war jüdischer Herkunft  und die Schriften Israels als Zeugnisse der Treue Gottes waren ihm besonders teuer. Gerade im Neuen der Jesus-Geschichte erkannte er die Bedeutung des Alten, aus dem diese Geschichte ja generationentief erwachsen war: ‚Das Neue als Konzentrat des Alten‘(F. Crüsemann).

                                                                                    IV

Natürlich ist uns die Person des Evangelisten so gut wie unbekannt, aber: ‚wer schreibt, der bleibt‘. Sein Buch läßt die Frage aufsteigen: Was kann Jesus, der Christus, für diese gemischte Welt bedeuten, für seine Gemeinde, die vermutlich eher klein war, eine angefeindete,  auch streitbare (23, 13ff) Minderheit, die aber in sich die ‚weite Welt‘ trug – so wie es heute in vielen Gemeinden besonders in migrantisch geprägten Quartieren ja auch der Fall ist.

Historiker meinen, daß Matthäus einmal eine Art schriftstellerisches ‚Selbstporträt‘ (Th. Söding) zeichnet: ‚Darum gleicht jeder Schriftgelehrte … einem Hausvater, der aus seinem Schatz Neues und Altes hervorholt‘(13,52). In diesem ‚Selbstporträt‘ ahnen wir die  Aufgabe: Die jüdischen Traditionen bewahren und sie zugleich ‚im Welthorizont‘  öffnen. Altes und Neues sollen ‚koexistieren‘.  Ja, es ist eine Gratwanderung,  ein riskanter Versuch zwischen Bindung und Freiheit, zwischen den Überlieferungen der Väter (und der Völker: 2,1-12; 7,12) und dem Glauben an den Sohn, in dem Gott in unüberbietbarer Weise ‚mit uns‘ (1,23) sein will. Abheben, sich unterscheiden, und doch nicht den gemeinsamen Boden verlassen… geht das überhaupt? Sind nicht  mitunter schmerzliche Schnitte unumgänglich: ‚Ich aber sageeuch…‘ (5,22)? In der Kirchengeschichte finden wir ja genug Beispiele für radikale Entzweiung und Exklusion… aber kann ein ‚Hausvater‘, der um die ihm ‚anvertrauten‘ (25,14) Pfunde weiß und sie wachsam anlegt, in seinem Großstadt-Jesus-Buch so vorgehen?

                                                                              V

Mir hilft noch einmal der Umweg über den ‚Alexanderplatz‘. Man sucht ihn noch – einen Nachfolger für Alfred Döblins Werk, dem Klassiker der Buchwerdung des Großstadtlebens. Man hebt, was dessen literarischen Stil betrifft, die kunstvolle  Montagetechnik  hervor, eine überraschende, verstörende, Schocks auslösende Komposition von Texten, die den machtvollen  ‚Sound einer Großstadt‘ erfassen sollen: ‚Schlagzeilen aus Zeitungen, Ankündigungen an Litfaßsäulen, Anzeigen, Bekanntmachungen, Plakate, Lichtreklamen, Warenhaus-, Verkehrs- und Unternehmensschilder, Fahrpläne, Telefonbücher, Lieder, Gedichte, Titel von Revuen, Operetten und Filmen‘ (S. Becker), Bibelzitate nicht zu vergessen.

Das alles und noch viel mehr belegt eine betörende, Unterwerfung erheischende Sprachmacht, und hier soll einer wie Franz Biberkopf sein eigenes Sprechen finden? Lernen, ein ‚somebody‘ mit ‚eigenem Sinn‘ zu werden, lernen,  in diesem Meer zu schwimmen? Was wir heute manchmal ‚online‘, in der ‚digitalisierten globalen Menschenherde‘ (M. Andrick), erleben können: Faszination und Information, Selbstdarstellung und Renommiersucht, wie ein Pinball hin-und her geschossen zwischen Meinen und Wähnen, zwischen Raunen und Framen, zwischen shitstorm und candystorm , erinnert mich in manchem an das  Geschick des ‚Helden‘ vom Alexanderplatz in der Begegnung mit der Stadt. Franz Biberkopf und sein Milieu sprechen nicht über sie, sondern diese spricht durch sie, aus ihnen: sie ‚berlinern‘.

Als ich Döblins Roman als junger Mensch in die Hand nahm, habe ich schnell aufgegeben. Mir fehlte ‚die scharfe Kontur einer Lebenslinie‘ (Bayerdörfer). Ich fühlte mich wie in einem Textlabyrinth. So wie Biberkopf an der Großstadt scheiterte, scheiterte ich an seinem Roman. Erst später habe ich ihn wieder hervorgeholt, geduldiger gelesen und war überrascht, wie gleichsam im Sprung über den Zeitgraben einander fremde Bücher sich treffen oder vorsichtiger: sich berühren können.

                                                                                VI

Großstadtroman trifft Großstadtevangelium: Mit dem Text des Matthäus kann es uns ja ähnlich ergehen. Der Leser braucht Zeit für das breit aufgestellte, von großen Redekompositionen, allen voran der Bergpredigt, gegliederte Evangelium – auch die Stadt Antiochia  hatte ihren ‚eigen-mächtigen‘, vielfältigen ‚Sound‘. Ein kreativer Schriftsteller mußte in diesem urbanen ‚Sprachkosmos‘ die verschiedenen ‚Vor-Gaben‘ zusammen sehen und  ‚miteinander erhalten‘(9, 17). Der ‚Schatz‘: Die Bibel Israels, das Markusevangelium, mündlich überlieferte Worte Jesu, Sprichwörter, hellenistische Weisheit und Mythen des Ostens. Diese gewichtigen Stimmen, die in einer Stadt wirken und prägen, sind ja in den Menschen, den Gemeindegliedern, präsent.  Wenn Jesus sagt: ‚Ich bin nicht gekommen, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; … sondern zu erfüllen‘ (5, 17), so muß sein Evangelist eben dies als Kriterium annehmen und gleichsam ‚ökumenisch‘ (U. Luz) ausweiten.

Ein kluger, aber überforderter ‚Hausvater‘ und Schriftsteller, dieser Matthäus? Seine Leser stoßen jedenfalls auf die Schätze der Alten und der Neuen als einem sorgfältig verarbeiteten ‚Gewebe‘, das manchmal schwierig zu übersehen ist, aber im ‚obersten Gebot‘ seine klare Mitte hat. Es stellt die Großstadt-Taumelnden, die mitunter den ‚falschen Propheten‘ (24, 24) allzu bereitwillig folgen, dann doch auf die Füße: Im Doppelgebot der Liebe zu Gott, zum Nächsten und zu sich selbst. ‚In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten‘ (22, 40).

Gute Botschaft für Antiochia: In der Menge der urbanen Weltanschauungen und Erwartungen, in der Angst, letztlich ein überflüssiger Mensch zu sein, gibt es einen ‚Hirten‘ (9,36), der sich der ‚schmachtenden‘, ‚zerstreuten‘, nicht  selten einander feindseligen Schafe erbarmt. ‚Erfüllen‘: Dieser Hirte ruft in die Nachfolge. Offenheit und Bindung, Freiheit und Respekt gegenüber dem Existenzrecht des anderen gehören darin zusammen. Die Mahnung des Lehrers Jesus, ‚mit ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzem Gemüt‘ (Dtn 6,5) wachsam an seinem ‚inneren Menschen‘ (Eph 3,16) zu bauen und sich  ‚seelenruhig‘(11,29)  in die Praxis der Liebe einzuüben, ist eine interkulturelle Zumutung. Denn als liebesfähig, als ‚friedfertig‘ (5,9), erweise ich mich dann, wenn ich dem anderen und er zu mir sagt: ‚Ich will, daß du bist‘. ‚Ich will, daß du zu deinem Recht kommst‘. Ko-existenz unter der ‚Sonne‘, die Gott über uns ‚aufgehen läßt‘ (7,45).

                                                                                 VII

Die Ausleger betonen, Matthäus stelle den lehrenden Jesus in den Vordergrund. Glaube braucht ‚Substanz‘,  ein ‚Verstehen‘ (13,52) der eigenen Herkunft und ein Verstehen der Geschichte Jesu. Im Vergleich zu Markus ist er darum weniger an den ‚Aktionen‘, den Taten Jesu, interessiert als an einbettenden Worten der Deutung und der Lebensweisheit. Worte, die es den Gemeindegliedern ermöglichen, von Zweifel, Verzagtheit und ‚Kleinglauben‘ (8,26) zur  Nachfolge  im immer ‚nervösen‘, gewaltgefährdeten ‚Großstadtdschungel‘  heranzuwachsen.

Gewiß ist dies ein wichtiger Fingerzeig ‚bis auf den heutigen Tag‘ (28,15). Für unsere Zeit, die ja wie jede andere ihren Haltepunkt sucht. ‚Gehet hin und lehret alle Völker… was ich euch befohlen habe‘. Schülerschaft im Geiste Jesu aber ist anderes als ein pädagogischer  oder politischer Drill. Es ist ein Hören auf Gottes Stimme(25, 31ff) ‚in, mit und unter‘ den Großstadtstimmen, ein Aufbauen von Vertrauenspotentialen, ein Verzicht auf ‚provokative‘ fromme Handlungen (6,6.16); ein Lernen, das aus der oft naiven Rede von Vielfalt und Weltoffenheit zu einer alltäglichen, ‚sichtbaren‘, ‚leuchtenden‘ (5, 14) Praxis der gemeinsamen ‚Regel-Befolgung‘ führt. Dieser  soz. bürgerliche Anspruch gilt nicht nur in unseren Bibelgesprächen: Du hast das Wort und ich höre dir zu. Und ich darf erwarten, daß du auch mir zuhörst – auch wenn es wehtut: ‚Alles nun, was ihr wollt, das euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch‘(7,12). Gerechtigkeit darf nicht in Selbstgerechtigkeit umschlagen: ‚Du siehst den Splitter im Auge des anderen, aber den Balken im eigenen Auge siehst du nicht‘ (7,3).

                                                                                VIII

Was hält die Welt zusammen? Und was bedeutet die Geschichte Jesu für ‚alle Völker‘?  In einer Menschheit, deren Liebe immer wieder zu ‚erkalten‘( 24,12) droht, oder die sich selbst in Schönrednerei und  falscher Toleranz etwas vormacht? Ein Buch aus Antiochia rief die sog. Völkermission, die gewaltfreie – ‚Stecke dein Schwert in die Scheide‘ (26,52)-  Völkermission aus: ‚Kirche auf Stadt-, auf  Weltniveau‘. Der Gemeindevorsteher kannte den Realitätstest seines Programmes: Gerade die ‚Ökumene‘ hält uns an, an diesem Ort ‚den Kleinen‘(18,10), und seien es ‚zwei oder drei‘ (18,20), das Evangelium zu verkünden und miteinander das Liebesmahl zu halten.

Wer bin ich in der ‚Menschenherde‘?  Biberkopfs Hunger nach ‚mehr als dem Butterbrot‘ wandelt sich in der ‚ver-rückten‘ Begegnung mit dem Tod, jener Macht, die auch der Großstadt Grenzen setzt. Er lernt, sich in seiner ‚Armut‘ (Ps 40, 18) anzunehmen –  in einer Stelle als Hilfspförtner. ‚How dreary – langweilig – to be somebody!‘ dichtet Emily Dickinson.  War Franz nun bereit, wie manche Leser Döblins meinen, sich zu unterwerfen und in der Masse zu ‚marschieren‘?  Matthäus würde wohl  diese Begegnung mit dem ‚Jenseits‘ anders, sehr persönlich, sagen: als deine und meine ‚Rechenschaftsgabe‘ (25,19) vor dem gekreuzigten, auferstandenen, dem lebendigen Christus.*

(Gebet nach der Predigt 🙂 Du hast vereint in allen Zonen / uns die du liebtest je und je; / wir bitten, Herr, laß bei uns wohnen / den Geist der Gnade aus der Höh. / Sieh an, es beugen voll Vertrauen / all deine Kinder ihre Knie, / du wollest ihre Hoffnung schauen, / tritt, Vater, heute unter sie.

 Liedvorschläge: Du hast vereint in allen Zonen (eg 609 )  / Auf dem Weg der Gerechtigkeit (Cl. Bittlinger) /  Wandermaler (Band), Meine Stadt  https://www.youtube.com/watch?v=dmY6yZllpc4

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*Predigt (-versuch) zum Abschluß einer Gesprächsreihe zum Matthäusevangelium.  Lit.: U. Luz, Das Evangelium nach Matthäus (Mt 1-7) EKKNT I/1,3. Aufl. 1992, S. 73f  / P. Wick, Migration als nota ecclesiae im Neuen Testament; in: G. Etzelmüller/ C. Rammelt, Migrationskirchen, 2022, S. 63 / F. Crüsemann, Kontinuität im Neuanfang, in: L. Schottroff, Der Anfang des Neuen Testaments, 2019, S. 16 / A. Döblin, Berlin Alexanderplatz (1928) 1965 (TB), S.7. S.388  / S. Becker (Hg.), Döblin- Handbuch, 2016, S. 336  /  H.P. Bayerdörfer, Berlin Alexanderplatz. In: Romane des 20. Jahrhunderts Bd. I, 1997, S. 163 / E. Dickinson, An irgendeinem Sommermorgen, Poems, 2025, S. 50f  / M. Jonas, The downside of diversity    https://www.wcfia.harvard.edu/publications/downside-diversity