Matthäus 15,21-28

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Vom Rassismus Jesu und seiner Überwindung | 17. So. n. Trinitatis | 27. September 27, 2026 | Mt 15,21-28 | Ulrich Pohl |

 

Vom Rassismus Jesu und seiner Überwindung

Es gibt Texte in den Evangelien, die fordern uns auf eine Weise heraus, wie wir es nicht erwarten. Wohl deshalb gehört der heutige Bibelabschnitt zu den wichtigen in den Evangelien.

Warum? Weil Jesus hier sehr menschlich und auf eine gewisse Weise unfertig erscheint – mit dem, was er sagt, mit dem, was er denkt und mit dem, was er fühlt. Nur an wenigen Stellen in den Evangelien erscheint er in die Gedankenwelt seiner Mitmenschen so eingebunden wie hier. Es wird deutlich, Jesus partizipiert an den Vorurteilen seiner Zeit! Noch wichtiger: Wir erhalten Anschauungsunterricht, wie diese Vorurteile bei ihm überwunden werden. Jesus ist bereit, etwas von dem, was er gesagt hat, zu überdenken. Er ist bereit, seine Haltung zu ändern. Er, der Sohn Gottes, der Sohn dessen, der alles geschaffen hat, der alles kennt und weiß – er ist bereit, etwas zu lernen.

Er ist bereit, dazuzulernen.

Die Gottesgelehrten damals staunten: Noch dazu lernt er von einer Frau! Von einer Frau, die nicht einmal zum auserwählten Volk gehörte, einer Frau ohne irgendeine Autorität und ohne „das richtige“ religiöse Verständnis. Sie war Phönizierin und stammte aus Tyros, einer reichen Hafenstadt am Mittelmeer. Sie kam zu Jesus und hatte eine Bitte: Meine Tochter ist krank. Du kannst sie gesund machen.

Was tut Jesus? Er wendet ihr den Rücken zu. Seine Worte klingen schroff, fast unbarmherzig: Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt. Nicht zu Griechen, nicht zu Römern, auch nicht zu euch!

Jesus immer liebevoll? Jesus immer zugewandt? Jesus – immer bereit, den Menschen zu helfen, die mit einer Not zu ihm kommen? Hier nicht!

Wenn wir auf die soziale und historische Wirklichkeit jener Tage schauen, verstehen wir, warum. Und viele von denen, die damals um ihn her standen, mögen innerlich Applaus geklatscht haben: Recht so! Recht so, dass der Meister die Frau abweist und dahin zurückschickt, wo sie hingehört, in ihre goldglitzernde, gottlose Ausbeuterstadt!

Denn tatsächlich: Jahrhundertelang hatten die reichen Händler von der Küste die israelitischen Bauern im Bergland ausgebeutet. Die Lieferketten waren gut eingefädelt: Öl, Wein und Früchte flossen in die Metropolen. Dicke Bäuche, pralle Geldbörsen, wohlgenährte Kinder. Bei den Bauern hingegen regierte der Mangel. Das sah man den Menschen an: Am Meer wohnten die mit der hellen Haut, immer gut gepflegt, geseift, gepudert. Oben in den Hügeln Galiläas wohnten die mit der dunklen Haut, auf der sich Sonne, Staub und Schweiß mischten.

Es war eine gespaltene Welt, geprägt von gegenseitiger Verachtung. Man rümpfte die Nasen. Die einen über den Schmutz und die Unbildung der Armen: Wer sind denn die?! Die anderen über den Unglauben der Reichen: Gott ist unbestechlich! Wir sind das auserwählte Volk. Ihr seid nur Menschen zweiter Klasse. Reich zwar. Aber Abschaum.

Jesus ist ein Kind seiner Zeit und Kultur. Auch er hat so gedacht. Seine Antwort an die hilfesuchende Frau ist von schneidender Härte: „Es ist nicht richtig, dass man den Kindern das Brot wegnimmt und wirft es vor die Hunde!“

Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Auf der einen Seite „wir“. Wir sind die Kinder Gottes. Auf der anderen Seite „Ihr“. Für uns seid Ihr Hunde.

Eine unmissverständliche und demütigende Zurückweisung. Jeder andere wäre verletzt weggegangen, beschämt und wütend. Doch die Frau bleibt. Die Liebe zu ihrem Kind ist größer als ihr Stolz. Sie nimmt das Bild Jesu auf und wendet es mit feinem Wortwitz zu ihren Gunsten: Kann sein, Meister, für euch sind wir Abschaum. Aber schau: Essen nicht auch die Hunde die Krümel, die vom Tisch ihrer Herren fallen?

Will sagen: Gibt es für meine Tochter nicht wenigstens einen Rest? Gott ist groß, und deine Kraft, Jesus, ist unermesslich – für die Kinder Israels ist doch immer noch mehr als genug da! Nur ein kleiner Rest, der würde mir schon reichen. Bitte!

Jesus wird einen Moment still. In ihm arbeitet es. Die Frau nervt! Sie gibt keine Ruhe. Aber zugleich spürt er, in dem, was er sagt und tut, passt etwas nicht zusammen. Vielleicht geht ihm in dieser Stille durch den Kopf: Man besiegt das, was wir heute Rassismus nennen, nicht indem man einfach die Verhältnisse umkehrt. Also, wenn man die bisher Unterdrückten in den Status der Herren hebt. Und die, die bisher von den bestehenden Verhältnissen profitiert haben, demütigt und zu Opfern macht. Ja, ja, schon richtig: Jahrhundertelang sind die mit der dunklen Haut unterdrückt worden. Endlich kehrt sich das mal um. Endlich müssen mal die mit der weißen Haut warten, betteln, sich demütigen. Man könnte verleitet sein zu sagen: Schaut her, jetzt trifft es mal die Richtigen! Aber ist das wirklich Gottes Gerechtigkeit? Ist das wirklich „recht so“?

Für Jesus offenbar nicht. Er blickt die Frau an – nun nicht mehr durch die Brille kultureller oder sozialer Vorurteile, sondern von Angesicht zu Angesicht. Dann gibt er sich einen Stoß: „Frau, Dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie Du willst.“

Damit ist die Brücke gebaut. Das ist die Lektion, die der Sohn Gottes hier lernt und zugleich weitergibt: Mut und Liebe, Not, Verzweiflung, Hoffnung und Glaube – all das gibt es auf allen Seiten. Auch dort, wo der Reichtum eigentlich allen Glauben ersticken müsste. „Dein Glaube ist groß!“ Die mit der dunklen Haut und die mit der hellen Haut, für Jesus gehören sie fortan zusammen.

Das hat Konsequenzen für unser Zusammenleben heute. Wer den alten Rassismus wiederbeleben will, jetzt eben nur unter umgekehrten Vorzeichen, kann sich auf Jesus nicht berufen. Wer die alten Spaltungen aufrechterhalten will, gar mit den vermeintlich wissenschaftlich begründeten Argumenten einer sogenannten „positiven Diskriminierung“, wird nicht bewirken, dass etwas zusammenfindet, dass etwas heilt.

Nein: In der Gemeinde Christi gehören die Menschen zusammen. Das, was sie vorher getrennt hat, ist nicht mehr wichtig. Keiner soll es dem anderen nachtragen, dass seine Vorfahren einmal auf der falschen Seite gestanden haben.

Ist das gerecht? Oder ist das nur das beschwichtigende Gerede eines „alten weißen Mannes“, der bisher von der ungleichen Verteilung der Güter und Chancen profitiert hat? Wie auch immer, es ist das, was Jesus hier lernt. Und was er fortan vorlebt.

So endet die Begegnung Jesu mit der Frau damit, dass ein Mensch gesund wird, heil wird. Ganz schlicht berichtet der Evangelist Matthäus: „Die Tochter der Frau wurde gesund, noch zu derselben Stunde.“ Am Ende steht nicht die richtige Haltung, sondern die Heilung. Das Ziel ist nicht Vergeltung, sondern Versöhnung.

Dass unsere Kinder gesund, fröhlich und in einem versöhnten Umfeld groß werden – frei von Hass, frei von Schranken im Kopf –, das sei allen Menschen auf dem Erdkreis von Herzen gewünscht.

Amen.


Pfarrer i.R. Ulrich Pohl
Nurmes, Finnland