Matthäus 15,21–28

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17. So. n. Trinitatis | 27. September 2026 | Mt 15,21–28 | Stephan Lorenz |

 

Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen

‚Jedem, der den Namen Gottes anruft, wird das Heil geschenkt.‘ – so haben wir es gehört. Wir haben bestimmte Bilder und Vorstellungen im Kopf, wer und wie Gott ist, wen wir da anrufen. Solche Bilder prägen unsere Wahrnehmung, unser Fühlen und Verhalten. Weit verbreitet ist ein Bild, das wir in dem Kirchenlied finden: „Was Gott tut, das ist wohlgetan, es ist gerecht sein Wille, wie er fängt seine Sachen an, will ich ihm halten stille…“

Alle sechs Verse gleich redundant: „Was Gott tut, das ist wohl getan…“ Das Lied wird oft bei Beerdigungen gesungen. Vielleicht soll es beruhigend wirken. Man muss es sich nur oft genug sagen, dann wird’s schon stimmen. Viele Menschen lassen im Vater-Unser eigentlich nur eine Bitte gelten: „Herr, dein Wille geschehe“. Ein Theologe hat diese Haltung einmal so beschrieben: „Hier ist nichts zu studieren und einzusehen, hier gibt es nur das eine, seinen (eigenen) Willen jeden Augenblick dem göttlichen Willen unterordnen, zu jedem Augenblick Ja sagen.“

Dieses Bild von Gott und die daraus folgende Haltung ist gewiss nicht verwerflich oder unbiblisch. Aber es beunruhigt, wenn es das einzige Bild, das einzige Fühl- und Verhaltensmuster bleibt. Man fragt sich: Wo bleibt der Protest, die Verzweiflung, die Not und der Schmerz. Unser heutiges Evangelium macht dazu Mut.

Jesus … zieht sich in die Gegend von Tyrus und Sidon zurück. Kommt eine kanaanäische Frau daher und ruft ihn laut an: „Erbarme dich meiner, Herr, du Sohn Davids! Meine Tochter wird von einem bösen Geist schlimm geplagt!“ Er antwortet ihr kein Wort. Treten seine Jünger zu ihm und bitten ihn: „Fertige sie doch ab! Sie schreit schon hinter uns her!“ Er antwortet: „Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt.“ Sie aber kommt, wirft sich vor ihm nieder und fleht: „Herr, hilf mir!“ Doch er: „Es ist nicht recht, den Kindern das Brot zu nehmen und es den Hündlein hinzuwerfen.“ Darauf sie: „O doch, Herr! Die Hündlein bekommen ja auch von den Brocken zu essen, die vom Tisch ihrer Herren fallen.“ Da antwortet ihr Jesus: „Dein Glaube ist groß; dir geschehe, wie du es wünschest!“ Und ihre Tochter wird von dieser Stunde an gesund.

Hätte diese Frau „Was Gott tut, das ist wohlgetan“ verinnerlicht, wäre ihre Tochter nicht geheilt worden. Diese kanaanäische Frau, – Inbegriff eines Falschglaubenden -, lässt sich nicht abweisen. Findet das Schicksal ihrer Tochter ungerecht, will es ändern. Lässt sich nicht fortschicken, nicht als Jesus sie wortlos links liegen lassen will, nicht als er ihr seine ‚Nichtzuständigkeit‘ erklärt und auch nicht als er sie demütigt und als Hund beschimpft. Nein, sie legt sich ihm in den Weg und schreit ihn an: „Herr Gott noch mal, hilf mir endlich!“

Ich denke, wir alle kennen solche Situationen. Wir würden uns vielleicht ähnlich verhalten. Ein Verhalten aus purer Not. Besonders in solchen Fällen, wo wir als Angehörige das unabwendbare Elend von Menschen miterleiden, miterdulden und mitansehen müssen. Und scheinbar nichts tun können. Fälle, in denen eine Mutter innerlich zerrissen wird, wenn sie erfährt, dass ihr Junge im Alter von sechs Jahren – seit zwei Wochen eingeschult – von einem Raser auf dem Schulweg zusammengefahren wird. Schwerste Kopfverletzungen trägt er davon, nie wird er wie andere Jungen seines Alters aufwachsen. Fälle, in denen ein Vater um seinen 12-jährigen zweiten Sohn leidet – seinen ersten hat er vor zwei Jahren schon im Alter von 14 Jahren durch einen Herzfehler verloren –, dieser zweite Sohn, der letzte, drohte nun auch am gleichen Herzfehler zu sterben. Der Vater erfährt von den Ärzten, dass alle eine genetisch bedingte Krankheit haben, die sich in der männlichen Linie fortsetzt. Der zweite Sohn ist im Krankenhaus. Gerade konnte er noch einmal gerettet werden. Der Vater wartet auf ein Spenderherz, weil sein eigenes Herz von Tag zu Tag schwächer wird. Fälle, an denen Eltern, Erzieher und Lehrer, Freunde, und Geschwister leiden, wenn die ihnen anvertrauten Kinder, Brüder, Freundinnen ein Schicksal erleiden, das ihr Leben zerstört und zur Hölle macht.

In solchen Situationen kann einem das Leben „dämonisch“ vorkommen. Völlig jenseits der Grenzen, die wir für normal halten. Wir sind wie „besessen“ von einem Leiden, das wir nicht ändern können. Jeden Tag zieht es seine Daumenschrauben härter an. Wenn wir solche Verzweiflung erleben oder an anderen Mitmenschen miterleben, könnte uns das Lied „Was Gott tut, das ist wohlgetan“ im Halse stecken bleiben.

Dann tut es gut, sich an unsere heutige Geschichte zu erinnern. An die heidnische Frau, die sich nicht von Gott abweisen lässt. Jesus in ihrer Verzweiflung und Not heraus anschreit: „Herr Gott, hilf mir doch endlich!“

Das Ende zeigt: Gott lässt sich erweichen. Und noch mehr: Jesus stellt diese Frau vor alle Welt, vor alle frommen und gläubigen Menschen als Vorbild hin und sagt: „Dein Glaube ist groß!“ Ja: “Dein Wille geschehe!“

Was die Frau zeigt, ist Glaube, sogar „großer Glaube“. Mehr noch, das gibt es auch bei Gott „dein Wille geschehe“. Nun können sie sagen: „Na gut, das kommt einmal hier in dieser Geschichte vor, aber sonst nie in der Bibel.“ Doch wer so redet, der irrt sich. In der Epistel haben wir das Gleiche gehört: ‚Wer an ihn glaubt, wird nicht straucheln‘ (Jes 28,18). Und Jedem, der den Namen Gottes anruft, wird das Heil geschenkt.

In Lebensnot ist bei Gott jedes Mittel recht! Da ist nicht wichtig, ob einer einen richtigen oder festen Glauben hat, oder ob einer die richtigen korrekten religiösen Formeln und Worte benutzt. Es genügt, seine Not herauszuschreien: „Herr Gott hilf mir doch endlich!“

Man kann offenbar alles, was Religion vorschreibt und ausmacht, getrost bei Seite lassen. Es mag sein, dass wir uns damit Gott wie einen Zauberer vorstellen, andere Menschen uns für abergläubisch oder total naiv halten, die Geschichte macht uns Mut so zu verfahren: Gott unser Schicksal in den Weg zu legen und zu rufen: „Herr Hilf mir doch endlich!“. Darauf zu vertrauen: Gott wird sich zu uns umdrehen, uns anschauen, unseren festen Glauben vor allen Menschen rühmen und uns wissen lassen: „Du gehörst zu mir, dir geschehe, wie du willst.“

Wir können uns Gott als einen vorstellen, dem wir in den Weg treten dürfen, dem wir unser Leiden, unsere Schmerzen entgegenschreien, mit Worten wie sie eben kommen, wenn das Leben dämonisch und nur noch notvoll ist.

Wenn die Geschichte diese Haltung „Glaube“ nennt, heißt das auch: es gibt viel mehr Menschen, die „glauben“, viel mehr Menschen, die sogar einen „großen Glauben“ haben, ja viel mehr Menschen, deren Leben ein nicht endendes Gespräch mit Gott ist.

Gottes Heiliger Geist befestige diese Worte in euren Herzen, damit ihr das nicht nur gehört, sondern auch im Alltag erfahrt, euer Vertrauen zunehme und ihr selig werdet, durch Jesum Christum unseren Herrn. Amen


Confiteor:

„Nach Dir, Gott verlange ich. Ich hoffe auf dich“, lesen wir in Psalm 25. Stimmt das für uns? Unser Verlangen richtet sich doch auf ganz andere Dinge wie Besitz, Karriere, Glück, Gesundheit. Wir wissen aber auch, wo Menschen allein ihrem Verlangen folgen, wird ihr eigenes Leben und das anderer nicht unbedingt besser. Wir kommen zusammen, um uns an Gott zu erinnern, von dem alles kommt, was wir zum Leben brauchen. Wir bitten: Gott, erbarm dich, schau über unsere Kurzsichtigkeit hinweg und leite uns mit deinem Wort in unseren Versuchungen. Lass uns diesen Gottesdienst mit einem unbeschwerten Herzen feiern durch Christum, unseren Herrn. Amen. Und wir erhalten gleich zu Beginn die Antwort: Gott erbarmt sich, er vergibt uns und alle, die darauf vertrauen, gehören zu Gott und erfahren seinen Heiligen Geist. Wer Gott vertraut, wird selig werden. Das verleihe Gott uns allen. Amen.

Kollektengebet

Gott, der Du uns tröstest in unserer Angst, sei uns gnädig und erhöre unser Gebet. Wir bitten Dich: Gib uns Deinen Geist, dass wir Dein Wort nicht nur hören, sondern es uns zu Herzen nehmen und uns entsprechend verhalten. Das bitten wir durch Jesus den Christus, der uns durch des Heiligen Geistes Kraft und Mut schenkt, heute und für immer. Amen

Fürbitte

P: Gott, Du bist wie eine Frage in uns: Worauf vertrauen wir im Innersten? Hilf, dass wir Dir vertrauen, damit wir leben im Land der Lebendigen!

A: Wir bitten dich Gott: Gib uns Kraft, damit wir denen entgegengehen, die von der Welt gefangen genommen werden, sich binden lassen von Gier und Macht, von der Logik der Stärke oder der Angst, zu kurz zu kommen. Wir rufen: Kyrie eleison

B: Wir bitten dich Gott: Lass uns bei denen bleiben, die ihr Vertrauen verloren haben, denen Verletzungen und Abschiede, Krieg, Todesangst und Ohnmacht das Urvertrauen in die Welt, in Dich genommen haben. Wir rufen: Kyrie eleison

C: Wir bitten dich Gott: Lass uns mit denen sprechen, die nicht vertrauen können, weil sie DICH mit sich selbst verwechseln, weil du ihnen verstellt bist von geprägten Bildern, Ansprüchen und Denkmustern, die keine Offenheit mehr kennen. Wir rufen: Kyrie eleison

P: Wir bitten dich Gott: Lass uns dich hören, die ihr Vertrauen verloren haben, weil sie sich allein gelassen fühlen in ihren Fragen. Hilf uns, dass wir mit ihnen unser Vertrauen in DICH wiederfinden, damit wir am Ende sprechen können: Unser Vertrauen schenkt uns den Sieg, der die Ängste in der Welt überwinden kann. Amen. Laudate omnes gentes


Lieder:
166, Tut mir auf die schöne Pforte
243 Lobt Gott getrost mit Singen
346 Such wer da will ein ander Ziel
351 Ist Gott für mich, so trete
506 Wenn ich o Schöpfer deine Macht
292 Jesu, der Du bist alleine


Verfasst von:
Stephan Lorenz