Matthäus  19,16-26

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Predigt zum 6. Sonntag nach Trinitatis | 12. Juli 2026 | Matthäus  19,16-26 | von Tine Illum |

Das Beste ist, endlich aufzugeben

Ein ausgewachsenes Kamel wiegt eine halbe Tonne! Und es ist gut zwei Meter hoch! Und jeder, der schon einmal die Augen zusammengekniffen und immer wieder ein winziges Stückchen vom Faden abgeschnitten hat, weiß, wie klein ein Nadelöhr ist. Es ist einfach ein treffendes Bild, das Jesus hier wählt – ein Bild der Unmöglichkeit. Es geht schlicht nicht. Und sei es die größte Stopfnadel: Als Kamel kommt man niemals durch das Nadelöhr. Man muss aufgeben! Ist das ein Scheitern? Oder ist es eine Öffnung? Der Dichter Søren Ulrik Thomsen sagt es so: „Das Beste ist, endlich aufzugeben und plötzlich zu spüren, wie alles beginnt.“

Doch zurück zu dem jungen Mann, von dem wir heute hören.

Er strahlt Erfolg aus – alles andere als ein Scheitern. Er hat sein Leben und alles um sich im Griff. Er ist durch jedes Nadelöhr seines Lebens hindurchgekommen. Er ist vernünftig und ordentlich, er hat gut verdient. Er ist einer, zu dem andere aufschauen. Aber wer ist er unter seiner Ordentlichkeit und seinem Erfolg? … Das habe ich mich manchmal gefragt … Was treibt ihn an jenem Tag dazu, Jesus aufzusuchen?

Am naheliegendsten ist wohl, dass er nur noch einen letzten guten Rat braucht, damit alles perfekt wird. Er wirkt sehr selbstzufrieden. Er hat ein geordnetes Verhältnis zu anderen Menschen und zu Gott. Es ist doch offensichtlich, dass Gott ihn liebhat, da sein Leben so gelingt. Wie oft hören wir das nicht? „Weil ich den Schuss überlebt habe, muss es Gottes Wille gewesen sein – dann hat Gott mich auserwählt“ … Und wir müssen fragen: Was ist dann mit den Schulkindern, die bei Schießereien ums Leben gekommen sind? Was mit all den jungen Soldaten, die in Kriegen ihr Leben verlieren? Es ist schlicht kein christlicher Gedanke, dass es den Guten gutgehen und den Bösen schlechtgehen müsste …

Doch zurück zu dem jungen Mann: Ist er einer, der nur zum Schein fragen und die Antwort eigentlich längst kennen. Er würde es jedoch gerne von Jesus selbst hören. Und er möchte, dass alle anderen es auch hören: dass er alles getan hat, was ein Mensch tun kann. Er will in dem bestätigt werden, was er ohnehin weiß: dass er perfekt ist. Und dass er sich getrost darauf verlassen kann: Wenn der Tag kommt, wird sein perfektes Leben und sein perfekter Lebenswandel nicht umsonst gewesen sein – der schmale Weg wird für ihn in einer weit geöffneten Tür zum Himmel Gottes enden, durch die er wohlverdient eintreten kann. Alles andere käme ja gar nicht infrage. Ist er so einer? So könnten wir über ihn denken …

Aber was ist, wenn es sich anders verhält? Steckt eine größere Tiefe in seiner Frage, als wir ihm vielleicht zutrauen? Spürt er da, in den wachen Stunden der Nacht, diesen Stachel, der sticht – etwas, das in ihm nagt und kratzt? Dass am Ende doch etwas fehlt, damit alles ganz perfekt ist. Er findet keine wirkliche Ruhe. Und darum fragt er eigentlich aus seiner Unsicherheit heraus. Da ist eine Sehnsucht, eine Leere, die er ganz tief in seinem Innersten spürt. Ihm fehlt nur noch diese eine winzige Kleinigkeit – von der er nicht genau weiß, was sie ist, die aber wohl da sein muss. Jesus hat den Ruf, weise zu sein, und vielleicht auch ein ganz besonderes Verhältnis zu Gott zu haben. Also kommt er nun aufrichtigen Herzens, um den letzten guten Rat zu bekommen und die Bestätigung, dass er sich sein gutes Leben verdient hat – nicht nur hier, sondern in alle Ewigkeit. Dass sein Leben Sinn hat.

Wenn ich meine, dass es diese zwei Möglichkeiten gibt, dann liegt das an einem einzigen Satz. Nämlich: Als Jesus ihm sagt, er solle einfach alles verkaufen, wird er traurig und geht. Er geht nicht in gekränktem Zorn – nein, das Wort bedeutet eher: zutiefst betrübt, mit schwerem Herzen. Denn genau das kann er nicht. Er kann nicht alles hergeben, was sein wohlkontrolliertes Leben zusammenhält. Alles, was in seinen Augen zeigt, dass er etwas wert ist. Jedenfalls nicht in diesem Moment. Denn seine ganze Welt ist gerade auf den Kopf gestellt worden, und er – ja, er weiß nicht, was er denken soll. Hierher kam er, um das letzte Puzzlestück in seinem bewundernswerten Leben zu bekommen, und nun ist es, als bringe genau dieses Stück das ganze Fundament ins Wanken.

Du bist nicht perfekt! – So hallt es in seinen Ohren. Und er ist sich sicher: Das bedeutet, er ist ein Verlierer. Gescheitert.

Der junge Mann in der Erzählung will wissen, was ER tun muss, damit sein Leben ganz und gar gelingt. Denn irgendetwas fehlt noch. Wenn man so empfindet, gibt es gleichsam zwei Möglichkeiten:

Die eine Möglichkeit: sich fieberhaft noch mehr Mühe zu geben, um den letzten Rest Kontrolle zu behalten, also mehr vom Gleichen. Die Jagd nach Perfektion ist im Grunde selbstbezogen, denn auf seltsame Weise dreht sich am Ende alles um mich selbst, auch wenn ich das eigentlich gar nicht will.

Die andere Möglichkeit: sich zu sammeln und das eigene Leben in dem Licht zu sehen, das Jesus darauf geworfen hat. Er kann aufgeben und sich hingeben. Zum ersten Mal empfinden, geliebt zu sein und ewiges Leben zu haben, lange bevor er seinen Wert bewiesen hat. Und in diesem Augenblick spüren, dass genau das alles wert ist. Er kann seinen Blick heben und andere sehen als sich selbst.

Ein Kamel kann nicht durch ein Nadelöhr gehen – schon der Gedanke wirkt geradezu komisch. Aber Gott kann sowohl das kleinste Kind als auch den größten Brocken durch die schmalste Ritze hindurch ins ewige Leben schieben.

Das Beste ist, endlich aufzugeben und plötzlich zu spüren, wie alles beginnt.

Was kein Mensch kann – nicht ein Einziger –, das kann Gott. Es steht nicht in der Stellenbeschreibung des Menschseins, dass wir perfekt sein müssen. Oder dass wir es sein können. Wir reichen nicht aus. Das ist die Erfahrung jedes Menschen. Der Tag kommt zu uns, an dem wir Nadelöhr um Nadelöhr hinter uns liegen sehen. All das, was wir nicht konnten und nicht sagten, das, was wir nicht geschafft haben, und das, was wir bereuen, gesagt zu haben. Das ist Verzweiflung. Und so kann ich die Erzählung vom Kamel und dem Nadelöhr heute leicht so hören. Und da höre ich gar nicht das Nächste: Gott kann alles. Denn bei Gott ist alles möglich. Das schenkt eine himmlische Hoffnung – selbst mir. Verzweiflung kann eine Öffnung zur Verwandlung sein. Wer aufgibt, dem kann Gott nahekommen. Wer es wagt, klein zu sein, dem kann Gott begegnen. Dort fängt es an.

Das Beste ist, endlich aufzugeben und plötzlich zu spüren, wie alles beginnt.

Wo Jesus geht, in der Begegnung mit ihm, werden Menschen gesehen und befreit. Hier ist ein neuer Anfang. Das ist es, was wir „Gnade“ oder „Vergebung der Sünden“ nennen … Jesus erzählt immer wieder, dass Gott nicht von hinten kommt und uns in einem Überraschungsangriff bei all dem fasst, was wir falsch gemacht haben und was misslungen ist. Er kommt uns immer von vorn entgegen, aus der Zukunft – und er sagt: „Komm!“

Du musst nichts tun, um das ewige Leben zu bekommen. Du hast es schon. Das wurde dir gesagt, als du getauft wurdest. Der Himmel ist über dich ausgegossen, du bist darin eingehüllt, und das wirst du immer sein. Das gilt weiterhin. Du musst nichts tun, um einen Platz im Leben hier auf Erden oder im Himmel zu haben. Den hast du schon. Unverlierbar. Und nun sollst du hinausgehen und das Leben leben, das dir geschenkt wurde.

Das Beste ist, endlich aufzugeben und plötzlich zu spüren, wie alles beginnt.

Amen.

Tine Illum

Pastorin in Sdr. Bjert

ti@km.dk

A.d.Ü.: Diese Fassung kann Spuren von künstlicher Intelligenz enthalten.