Matthäus 21,28-44
Predigt zum 20. Sonntag nach Trinitatis | 18. Oktober 2026 | Mt 21,28-44 | von Rasmus Nøjgaard
Der notwendige Stein des Anstoßes
Die heutigen Lesungen sind nichts für Kinderohren. Jesu Worte streicheln uns nicht übers Haar und kraulen uns nicht unterm Kinn. Sie bürsten uns gegen den Strich – wie eine harte Bürste, die durch verfilztes Haar fährt, wie ein Pflaster, das mit einem Ruck von einer offenen Wunde gerissen wird. Es geht darum, zuzuhören, ohne zu hören, und hinzusehen, ohne wahrzunehmen. Es ist, als würde man man vor tauben Ohren predigen und spüren, dass die Botschaft schon abgelehnt ist, noch ehe sie überbracht wurde. Es geht darum, den Boten zu köpfen, ohne seine Botschaft überhaupt angehört zu haben.
Mit anderen Worten: Das Evangelium handelt davon, zu hören, zu spüren und zu sehen – und dann danach zu handeln. Es will getan werden.
Gerade als wir meinten, das Evangelium sei reine Liebe und vorbehaltlose Vergebung, zeigt sich: Es birgt noch mehr. Ja, es ist Liebe und Vergebung – aber wohlgemerkt eine, die in die Erde sinkt und mit solch neuer Kraft aufkeimt, dass sie die Welt verwandeln kann. Das fordert etwas von uns.
Gerade diese Stelle hat einen der größten Väter der frühen Kirche verändert, den mit Abstand fruchtbarsten Schriftsteller seiner Zeit: Origenes von Alexandria, der etwa von 18o bis 250 nach Christus lebte und den man auch Adamantios nannte, der „Stählerne“. Er blieb an den letzten Worten unseres Textes hängen: „Und wer auf diesen Stein fällt, der wird zerschellen; auf wen aber er fällt, den wird er zermalmen“ (Mt 21,44). Origenes legte den Grund für die vierfache Auslegung der ganzen Bibel, die bis zur Quadriga des Mittelalters und zur beginnenden Bibelkritik der Renaissance maßgeblich blieb – und damit zu einem Trittstein für unser eigenes Bibelverständnis wurde. Denn die Bibel sollte nicht allein auf ihre geschichtliche Wirklichkeit hin gelesen werden, sondern auch auf ihre moralische Bedeutung, also für das Leben und Handeln der Menschen; auf ihre Bedeutung für Gottes kommende Wirklichkeit; und schließlich für den Glauben an Christus. Gerade seine Lektüre dieser Bibelstelle führte Origenes dazu, seine Lesart zu formulieren: Der Stein, über den man fällt, ist Christus. Wer Christus verwirft, weist die Liebe selbst und das Leben selbst ab – und macht die Erfahrung, zermalmt zu werden, wenn der Stein wie ein Urteil auf sein Leben fällt. Darum soll man glücklich sein, über den Stein zu stolpern, der ja Christus ist – denn so bekommt man ihn zu Gesicht. Es ist Gottes eigentümlicher Plan, dass wir uns an Christus stoßen sollen, weil Gott weiß, dass wir sonst einfach an ihm vorübergehen, ohne ihn zu beachten. Christus ist nämlich der Eckstein, an dem sich zeigt, wie es um das Verhältnis des Menschen zu Gott steht. Es gibt keinen Weg zu Gott, ohne zuerst zu stolpern. Was für ein befreiender Gedanke!
Immer wieder kommt Origenes auf Christus als den Stein des Anstoßes zurück, der uns für einen Augenblick aus der Fassung bringen soll, damit wir die Welt mit neuen Augen sehen. Damit wir nicht einfach auf Autopilot weitermachen wie der Sohn, dem der Wille seines Vaters gleichgültig war, oder wie die Weingärtner, die glaubten, dem Urteil des Herrn des Weinbergs zu entgehen, ja sogar ungeschoren davonzukommen, nachdem sie seinen Sohn umgebracht hatten. Es scheint ja, als spräche Jesus hier von seinem eigenen bevorstehenden Tod.
Ich denke fast, das Zweitunglücklichste für einen Prediger muss es sein, sein ganzes Leben lang zu predigen, ohne je einen Kirchgänger zum Stolpern zu bringen! Stellt euch vor, ihr alle kämt hierher, um Gottesdienst zu feiern, und hörtet Jesu Worte und meine Auslegung und Ermahnung – und alles perlte an euch ab wie Wasser an einer Gans. Was für ein vergeudetes Leben. Und doch – so denke ich dann – war es den Versuch wert! Wäre es besser, es gar nicht erst zu versuchen, nicht jedes Mal sein Bestes zu geben?
Nein, doch wohl nicht! Gottes gnädige Hoffnung trägt auch das Geschick der Menschen.
Das Unglücklichste wäre wohl, wenn die Botschaft am Prediger selbst abperlte – wenn sie ihm nie mehr bedeutete als Spitzfindigkeit und Broterwerb, wenn sie nicht einmal Reue oder Schuldbewusstsein in ihm weckte. Das wäre genauso unerträglich wie für den, auf den der Stein fällt und den er zermalmt.
Dann lieber stolpern und seinen Fehler eingestehen – um so den Stein des Anstoßes zu erblicken: Christus, der dich heimruft, mit allem, was dazugehört an Reue und Selbstprüfung, aber auch an Vergebung, Versöhnung und Seelenfrieden.
Dieser Glaube gibt den Mut, neu anzutreten. Ob an der Drehbank, im Parlament auf Christiansborg, bei Novozymes, beim Finanzamt, in der Bewertungsbehörde oder in der Sankt-Jakobs-Kirche. Auf ein Neues! Jeden Tag wird uns eine neue Chance geschenkt. Jeder Tag heißt in diesem Sinne: das Leben zurückbekommen.
Oft lesen wir schnell über das hinweg, was wir nicht verstehen. Doch meist verbirgt sich gerade dort der Ernst, das Wesentliche. So ist es auch zwischen Menschen. Meist sollten wir stattdessen innehalten und genauer hinschauen. Ein Wort kann wie ein Kunstwerk sein: Es fesselt unsere Aufmerksamkeit, provoziert, ärgert, reizt zum Lachen und weckt den Humor – und schickt uns im besten Fall staunend weiter, als aufmerksamere Betrachter: nicht nur des Wortes und des Werkes, sondern der Menschen und der Welt, zu der wir gehören.
Jesu Anliegen ist es, unseren Blick nach außen zu wenden – auf den Nächsten, auf die Wirklichkeit, die die unsere ist –, statt dass wir eitel mit dem Unseren beschäftigt sind und unter uns bleiben. So wie wenn man von Zorn oder Selbstgerechtigkeit entflammt ist und das Eigene alles ausfüllt, sodass alle anderen Idioten sind. Dann brauchen wir einen Stein des Anstoßes: dass wir erschüttert werden und eine neue Sicht gewinnen.
Dieser kleine Stein des Anstoßes hat für uns in der christlichen Welt große Bedeutung bekommen. Denn er bedeutet, dass wir niemals eindeutig nach dem Buchstaben regieren, Gesetze geben, richten und unsere Macht gebrauchen können. Ein Wort ist nicht bloß ein Wort, ein Gesetz nicht bloß ein Gesetz.
Auch der Apostel Paulus hat es gesagt: Mit Jesus gilt nicht mehr der Buchstabe des Gesetzes, sondern sein Geist. Der Geist des lebendigen Gottes. Unsere Kultur ist um diesen lebendigen Geist herum gebaut. Unser christliches Leben ist wie ein Tanz mit zwei Schritten vor und einem zurück – immer in Bewegung und im Zusammenspiel mit anderen, nie vorhersehbar, immer im Wandel.
Das ist Gottes lebendiger Geist.
Hier drinnen, im Haus Gottes, sind wir in den Händen des lebendigen Gottes und umfangen von Gottes Liebe. Sollten wir auch hier stolpern, dann nur, damit Christus uns auffängt und uns mit seiner Liebe umfängt, in Leib und Blut.
Darum können wir Jesu Worte hören und ihnen glauben:
„Kommt her zu mir und fürchtet euch nicht!“
Amen.
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Rasmus Nøjgaard
Pastor in Kopenhagen
rn@km.dk
Diese Fassung kann Spuren von künstlicher Intelligenz enthalten (A.d.Ü.)