Matthäus 2,13-23
Tiefgrüne Fäden der Hoffnung | 1. Sonntag nach Weihnachten | 28.12.2025 | Matthäus 2,13-23 | Anne-Marie Nybo Mehlsen |
Tiefgrüne Fäden der Hoffnung
Falls du heute in den Gottesdienst gekommen bist, um noch post festum von der Weihnachtsfreude zu schöpfen, dann fasse Mut und halte durch! Wenn der Weihnachtschor verstummt ist und die Dunkelheit sich wieder über Bethlehems Felder senkt, hat etwas Neues unter den Menschen begonnen, hier in unserer Geschichte. Diese Freude ist tief und unauslöschlich – auch für uns, die wir so viel später leben mitten in einer Welt, wo sich Grausamkeit und Kindermord wiederholt. Möge Gott es bessern!
Gottes Sohn kommt zur Welt ohne Sonderbehandlung. Die Flüchtlingskinder unserer Welt und alle, die noch immer unter Krieg und Konflikt leiden, sind nicht ausgenommen, sondern einbezogen in dieser Erzählung.
Herodes der Große wurde auch Herodes der Blutige genannt. 33 Jahre lang war er König der Juden, unter römischer Kaiserherrschaft. Legendär war seine Machtgier und Grausamkeit. Seine Lieblingsfrau, Mariamme, ließ er hinrichten wegen eines zweifelhaften Verdachts der Untreue. Dann einen Schwager. Dann die Schwiegermutter. Und zur Sicherheit auch die zwei Söhne, die er mit Mariamme bekommen hatte, sowie noch ein paar weitere Söhne.
Der römische Kaiser Augustus soll gesagt haben, man sei lieber eines von Herodes‘ Schweinen einer seiner Söhne. Herodes ersäuft in Blutdurst und befiehlt die Tötung der Knaben unter zwei Jahren. Wie ein zweiter Moses wird das kleine Jesuskind vor dem wahnsinnigen Hass der Königsmacht gerettet. Er muss akkurat nach Ägypten fliehen – das alte Land der Knechtschaft. Die Geschichte webt ihre seltsamen Muster in den großen unergründlichen Teppich, und das mit einem der hoffnungstiefgrünen Fäden mitten in all dem Blutroten.
Gegen den Tod kämpfen selbst grausame Könige vergebens, und nach einer Zeit kann die Flüchtlingsfamilie zurückkehren. Archelaos ist jetzt der neue Herodes. Jesus ist bereits auf dem Weg zu seinem Schicksal.
Wir sitzen an einem Weihnachtssonntag und winden uns in Qual über das Sinnlose. Dieser Sonntag stellt uns auf den Prüfstand, mitten in den Konflikt. Er verbietet es uns, mit Girlanden und Schmuck das reale Leben zu verschönern. Es ist nämlich nicht eine verschönerte Fassung von uns oder ein besonders braves Kind, das Gott liebt. Er liebt uns, wie wir sind; und das mit einer liebenden Bereitschaft, alle Tage mit uns durchzugehen. In Jesus zeigt sich Gott als ein Gott, der bereit ist, seinen Platz unter den Erniedrigten, den Fliehenden und Vertriebenen zu finden.
All das in uns, das nach Sinn schreit und nach Gottes Eingreifen in die Konflikte der Welt, steht in der heutigen Erzählung auf dem Spiel.
Wir schreien danach, dass die reine Güte zur Welt geboren wird, damit Gottes Wille unter den Menschen geschieht und alles wird wieder gut wird. In der Weihnachtsnacht wurde die reine Güte geboren – aber was geschah? Die Welt nahm sie nicht auf. Bei Herodes gab es kein Platz für ein Königskind und gar nicht für ein Königskind mit Machtanspruch. Wie sich später zeigte war auch in den Herzen der Menschen keinen Platz. „Er kam in sein Eigentum, und die Seinen nahmen ihn nicht auf.“ Die reine Güte endete am Kreuz, Jesu Schrei wurde eins mit dem Schrei von Rama – ein Schrei zu Gott.
Erst da entstand Hoffnung für die Menschen. Erst da gibt es Trost für die Untröstlichen, und erst da gibt es Hoffnung für uns , hier mitten in unseren eigenen und den Konflikten der Welt.
Ohne Weihnachtsschmuck, ohne Verstellung ist Gott selbst zu uns gekommen. In dem, was wir gehört haben; dem, was wir mit unseren Augen gesehen haben; dem, was wir betrachteten und unsere Hände berührten, hat Gott selbst Platz gefunden.
Deshalb beginnt die neue Geschichte in der äußersten Armut, in einem fremden Stall und muss in Not und Flucht fortgesetzt werden. Er entäusserte sich, damit kein Menschliches übersehen oder vergessen wird, und damit wir in der Gewissheit leben können, dass ihm nichts fremd oder vergebens ist. Jede Liebkosung, die wir geben, jedes kleine Stück des Mosaiks der Liebe, zu dem wir beizutragen vermögen, ist für Gott den Schmerz und die Mühe wert – selbst die am Kreuz.
Die zerrissene Geschichte, der Schrei der Unglücklichen: der Herr der Geschichte überhört und vergisst sie nie. Erst deshalb gibt es Trost für die Untröstlichen. Gott zeigt sich als ein Gott, der die gebrochene Erzählung ernst nimmt und nicht einfach korrigieren oder auslöschen will; Gott zeigt sich als ein Gott, der stärker ist als Tod und Mord und Grausamkeit. Nichts wird verworfen als verloren oder verschwendet. Es wird in der Vollendung gesammelt. Dies erzählt uns diese gebrochene Geschichte.
Das ist alles Rohmaterial für die Vollendung einst – wie die wunderbare Brechungen des Sonnenlichts in tausend Farben durch die Mosaikscheibe, die sich zu einem neuen wunderbaren Bild sammeln.
Wagen wir es, die Hände auszustrecken und eine Liebe so bedingungslos, furchtlos und selbstlos zu empfangen? Wagen wir es zu vertrauen, dass diese Liebe uns gilt, wie wir sind? – und dass sie uns deshalb in ihr eigenes Bild verwandelt? Zuversicht und Vertrauen in diese Liebe zu haben, ist längst nicht dasselbe, wie sich mit verschränkten Armen hinzusetzen und darauf zu warten, dass Gott für uns aufräumt. Das Vertrauen in diese Liebe verändert uns, ihr Licht fällt durch uns und unsere kleinen Fragmente der Liebe. Möge es geschehen!
Amen.
Anne-Marie Nybo Mehlsen
Pastorin in Maribo
amnm(a)km.dk
Übers. Jan Asmussen