Matthäus 25,14–30
Ein Finger auf der Waage | Letzter Sonntag nach Epiphanias | 01. Februar 2026 | Matthäus 25,14–30 | Jan Asmussen |
Ein Finger auf der Waage
Die Zeit ist eine strenge Richterin, sagt man. Es gibt daher kein härteres Gericht, als wenn ein Mensch sich selbst fragt: „Was habe ich eigentlich mit meinem Leben getan? Was habe ich eigentlich gemacht in den Jahren, die ich bekam?“ Es ist eine bohrende Frage, die zum Alter gehört im Rückblick auf unumkehrbare Fehlentscheidungen und verschwendete Möglichkeiten. Aber diese Frage kann auch junge Menschen lähmen, die viele Möglichkeiten sehen und gezwungen sind, sich für eine einzige zu entscheiden. Welche Ausbildung? Mit wem soll ich Eltern werden? Alles kann ja nur einmal gelebt werden, auch wenn junge Leute sich leicht einbilden, sie könnten einfach von vorn beginnen. Das kann man ja nicht. Also was soll ich mit meinem Leben tun?
In der klassischen Vorstellung vom Jüngsten Gericht geht es um diese Abrechnung, wie die Zeit verwendet wurde. Der Erzengel steht auf der obersten Treppenstufe mit seiner Waage wie eine himmlische Justitia. Über den Rand der einen Waagschale lugt das Gesicht der bangenden Seele hervor – so kann man es auf einem mittelalterlichen Kalkgemälde in einer dänischen Dorfkirche sehen. In der anderen Waagschale liegen die guten Taten dieses Menschen. Sind sie genug, oder wird die arme Seele gewogen und zu leicht befunden? Der Erzengel trägt die Waage mit neutraler Miene und kalter Gerechtigkeit. An der gegenüberliegenden Wand der alten Kirche wird die Konsequenz ausgemalt, falls die Seele zu leicht befunden wird. Hier findet sich ein anderes Kalkgemälde, wo die armen Seelen, die nicht bestanden haben, von Teufeln mit Dreizack und Schaufel willkommen geheißen und hinab in einen flammenden Höllenschlund geschaufelt werden. „Wofür hast du dein Leben verwendet?“ – das ist nicht nur eine moderne Frage. Sie quälte auch die Menschen des Mittelalters.
„Ich kannte dich als einen harten Mann“, sagt der mit dem einen Talent, was als Rechenschaft abgelegt werden soll, „und aus Furcht vor dir habe ich dein Talent in der Erde vergraben.“ Ich habe immer gedacht, gerade er sei der Zuverlässigste der drei: die beiden anderen jonglierten mit dem anvertrauten Geld und hätten es ebenso gut in einer wirtschaftlichen Fehlentscheidung verlieren können. Dann wären sie nur imstande gewesen zu sagen: „Entschuldigung! Ich bekam fünf oder zehn Talente, aber leider verlor ich sie bei einer unglücklichen Investition.“ Der Einzige der drei, der jede einzelne Nacht ruhig schlafen konnte – das ist der, der das Anvertraute an einem sicheren Ort verwahrt hat. Er kann sagen: „Siehe, hier hast du das Talent, das du mir anvertraut hast.“ Man kann fast seinen Stolz in diesen Worten hören.
Vor diesem Hintergrund ist es völlig unverständlich, dass das Gleichnis von den Talenten mit einer so grausamen Strafe für den Mann mit dem einen Talent endet. „Werft ihn hinaus in die Finsternis“, heißt es. Das hat er eigentlich nicht verdient. Das haben alle unter uns nicht verdient, die einfach ihr gewöhnliches Leben leben und ihren kleinen gewöhnlichen Laden führen. Die meisten Menschen gleichen ja dem mit dem einen Talent: ihnen gehören die meisten Grabsteine dort draußen auf dem Friedhof mit Inschriften, die langsam verwittern, bis das Grab irgendwann eingeebnet wird, weil niemand mehr eine Verbindung fühlt. Und dann gleiten diese Namenlosen ein in die unendliche Reihe derer, die ein Leben bekamen und ein Leben zurückgaben, als es zu Ende gelebt war. Ein Talent – eins zu eins – ohne etwas Besonderes, Knochen auf Knochen unten in der Erde ohne spektakuläre Konsequenzen. Was du bekamst, gabst du. Nicht mehr. Nicht weniger.
„Du böser Knecht“, wird der mit dem einen Talent genannt. Lasst uns die Erzählung noch einmal betrachten, um zu verstehen, warum er so hart beurteilt wird. Ich glaube, der Schlüssel liegt in seiner Einstellung und Erwartung gegenüber dem, der ihm das eine Talent anvertraut hat. Über diese Einstellung erfahren wir etwas. Sie ist nämlich von Furcht geprägt. Seine Sache ist bereits entschieden, bevor er überhaupt beginnt zu überlegen, wie er auf das Anvertraute aufpassen soll, nämlich in der Aussage „Ich kannte dich als einen strengen Herrn.“ Das bedeutet: es liegt außerhalb der Vorstellungskraft dieses Knechtes, dass Gnade und Vergebung möglich sind. Er hat daher nur eine Strategie, nämlich auf dem schmalen Pfad zu bleiben, um nicht den Zorn seines Herrn zu wecken. Deshalb ist er so vorsichtig.
Und dort kann dieses irritierende Gleichnis von den anvertrauten Talenten einen Sinn oder eine Pointe haben. Wenn Jesus die mutigen Knechte hervorhebt, dann deshalb, weil er sagen will: „Lasst die Kontrolle los.“ – „Ihr sollt euch nicht sorgen“, sagt Jesus an anderer Stelle, „seht die Lilien auf dem Feld und die Vögel des Himmels.“ Lebt in den Tag hinein, ohne das Leben beherrschen zu müssen. Hadere nicht mit deinen eigenen großen Fehlentscheidungen der Vergangenheit, wenn du alt geworden bist. Tröste den jungen Menschen, indem du sagst: „es wird so gut werden, freue dich!“ Tröste den alten Menschen, indem du sagst: „alles ist so geworden, wie es sollte, so gut und richtig!“ Und für uns dazwischen, die weder richtig jung noch richtig alt sind: tu deine kleine Arbeit, lass die Dinge geschehen, gib dich dem Fluss hin, den das Leben nun mit dir vor hat. Wisse, dass du keinen strengen und unbarmherzigen Herrn hast, sondern einen Gott, der barmherzig und gnädig ist, geduldig und von großer Güte – so lautet die Formel an vielen Stellen der Bibel. Es macht einen Himmelsunterschied, ob wir versuchen, die Schritte des Lebens zu kontrollieren, oder ob wir unbekümmert mit dem Strom fließen. Das ist die innere Ruhe, die das Evangelium bringen möchte, weil sie die einzig mögliche und ganz selbstverständliche Reaktion darauf ist, dass Gott gnädig und nicht streng ist, liebevoll und nicht kleinlich. Der Mut zu leben kommt nicht von selbst, sondern daher, dass wir uns im Voraus vergeben und geliebt wissen.
Deshalb gibt es ein Detail in manchen mittelalterlichen Kalkgemälden der Seelenwägung durch den Erzengel, das ich noch nicht erwähnt habe, das aber ausdrückt, was ich hier sagen will. Dieses Detail kann man auch in der genannten Dorfkirche sehen: ohne eine Miene zu verziehen, streckt der Erzengel einen Finger unter seinem Mantel hervor und legt ihn auf die Waagschale mit den guten Werken des Menschen und beschwert sie. Die Seele in der anderen Waagschale lächelt, ohne zu verstehen, warum die Waage plötzlich zur erlösenden Seite kippt. Über der Szene steht das Tor zum himmlischen Jerusalem offen, und die Jungfrau Maria steht bereit zum Empfang mit offenen Armen. Der Erzengel steht ohne eine Miene zu verziehen und verkündet dort an der gekalkten Wand: wir haben einen himmlischen Vater, der Gnade vor Recht ergehen lässt. Einen Gott, der nicht – wie der dritte Knecht fälschlich glaubt – erntet, wo er nicht gesät hat, sondern im Gegenteil zu unseren Gunsten eingreift und sät, wo er kaum geerntet hat. Barmherzig und gnädig ist der HERR, geduldig und von großer Güte.
Amen.
Jan Sievert Asmussen, Farum
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