Matthäus 28,16-20
Predigt zum Sonntag Trinitatis | 31. Mai 2026 | Matthäus 28,16-20 | von Jan Asmussen
Der Mensch mit zwei Pässen
„Ich weiß nicht, was die Taufe bedeutet“, schrieb Kaj Munk [dän. Pfr. u. Schriftsteller, 1898-1944, A.d.Ü.] in sein Tagebuch, nach einem Tag, an dem er eilends ins Krankenhaus gerufen worden war, um ein kleines Neugeborenes zu taufen, das vielleicht die ersten Stunden überleben würde, vielleicht auch nicht. „Ich weiß nicht, was die Taufe bedeutet. Aber in dem Augenblick, da ich mich über das neugeborene Knäblein beuge, weiß ich fast nichts anderes mehr, als dass dies eine große und heilige Stunde ist … Ich schlage die wollenen Decken beiseite, und das kleine rote, runzlige Greisengesicht kommt zum Vorschein. Man hat es nicht gewagt, es mehr als notdürftig zu waschen – kleine Blutkrusten sitzen rings um die zarte Stirn. Kleines Menschenkind, warst du etwa schon mit im Krieg, ganz draußen an der Front, wo es so heiß herging, dass es Blut kostete? Das also war das Erste, dem du in dieser Welt begegnen musstest. Aber das Nächste, dem du begegnest – sieh, das bin ich. Nein, nicht ich – denn ich stehe hier in eines anderen Namen. Eines, der sagte: ‚Kommt her zu mir, und ich will euch Frieden geben.‘ Das Erste, was du erleben musstest, kleines Kind, war also der Krieg. Aber gleich danach der, der der Friede ist. Er ist es, der jetzt sein Zeichen über deine unsicher pochende Brust schlägt und dir zulächelt und sagt: ‚Lasset die Kinder zu mir kommen!'“
Ein Neugeborenes, das schon im Krieg war – oder aber: Das Kind hat gerade erst begonnen, sich seinen Platz zu erkämpfen, sich zu bewähren, Herr über Dinge zu werden, kurz: zu überleben. Und wenn man nicht in Worte fassen kann, was die Taufe bedeutet, dann doch zumindest dies: dass es Frieden gibt trotz Krieg, Trost trotz Schmerz, Hoffnung trotz Verzweiflung, Licht trotz Dunkel – alle Tage unseres Lebens. In der Taufe verspricht uns Christus, dass er bei uns ist „alle Tage bis an der Welt Ende“ Alle Tage.
„Woher kommst du?“, fragen wir Menschen, denen wir zum ersten Mal begegnen. „Wo bist du her?“ – die Antwort auf diese Frage gibt uns einen ersten Fingerzeig, wer jemand ist. Ein Kopenhagener oder ein Inselbewohner kann das klar und eindeutig beantworten. Aber ein Mensch, der getauft ist, muss eine doppelte Antwort geben. Ich komme aus den Genen meiner Eltern, ich bin ein hochentwickeltes Säugetier, das mit Lebensenergie und Selbsterhaltungstrieb vorwärtsdrängt. Ich bin ein kleiner Soldat des Lebens, der für sich kämpft, bis er eines Tages die Waffen niederlegen muss und sie erst gegen einen Stock und dann gegen einen Rollator und ein Krankenbett tauscht, genauso wie Generationen vor mir gekämpft haben. Aber über meine Herkunft in der Reihe der kämpfenden Gemeinen des Lebens hinaus habe ich eine andere Bürgerschaft, die in der Taufe bestätigt wird und die so viel mit Frieden zu tun hat, wie die erste mit Krieg. „Mein Bürgerrecht ist im Himmelreich“ [Zit. aus dän. Kirchenlied „Vågn op og slå på dine strenge“, Thomas Kingo 1674, A.d.Ü.], singen wir in einem Kirchenlied. Woher kommst du? Ich bin von meiner Mutter geboren, um die Welt zu erobern. Aber in der Taufe bin ich verbunden mit dem, von dem ich mein Leben lang sagen kann: „Von ihm komme ich.“
Woher kommst du? Alles, was du darauf antworten kannst, wenn du auf eine Landkarte schaust, sind nur halbe Antworten. Unsere Bürgerschaft ist nicht bloß irgendwo auf Erden, sondern im Reiche Gottes. Das Entscheidende an Jesus ist nicht, dass er in Bethlehem in einem Stall geboren wurde und aus galiläischer Abstammung in einer ländlichen hellenistischen Gesellschaft kam. Nein, Jesus ist derjenige, der mit seiner Person den Weg bahnt, damit auch wir und alle Getauften unsere Bürgerschaft als doppelt verstehen können: in dieser Welt, aber nicht dieser Welt ausgeliefert.
„Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende“ – darum geht es in der Taufe: um diese Begleitung. In der vierzigsten Schwangerschaftswoche wird der Muttermund weich, und der kleine Schleimpfropfen, der vor der unsterilen Außenwelt schützt, löst sich. Dahinter liegt in einer Membran etwa eineinhalb Liter Fruchtwasser, das den Fötus wärmt und schützt. Dann, jederzeit, geht das Fruchtwasser ab, und der Geburtsvorgang beginnt. Nass vom Wasser kommen wir zur Welt – bis dahin ohne Lungenatmung, wie Fische, die Wasser einatmen und von Wasser durchdrungen sind in Mund, Rachen und Lunge. So begann es für uns – ein Leib, eingetaucht in Wasser, hinter Membran und Schleimpfropfen. Von dort kommt meine Welt – von dort komme ich: aus der schier unfassbaren Tatsache, dass ich ein Teil des Leibes meiner Mutter war.
Wir sind aus Wasser geboren, kamen als Halbertrunkene auf ein Laken zur Welt, begannen unsere Tage – und werden eines Tages wieder auf einem Laken stranden, gleichsam entrückt, und als Tote versinken. Wochenbett und Sterbebett sind eins – nur die Jahreszahl ist verschieden.
Aber es gibt mehr zu sagen über unseren Ursprung, als woher wir kommen. Was wir mitbringen, tragen wir alle Tage mit uns. Es ist wie wenn Mütter ihren erwachsenen Kindern Lebewohl sagen, die nun auf eigenen Beinen in die Welt hinausgehen: Vergiss dein Elternhaus nicht! Was du bei dir trägst, kannst du auch vor dir haben. Das ist es, was man unter dem Wort „Segen“ verstehen kann: dass du das Geborgene nicht hinter dir lässt, sondern es mit dir trägst. „Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“
Die Geburt aus Wasser in den Kampf des Lebens ist nur unsere eine Herkunft. Es ist zugleich komisch und ehrfurchtgebietend, dass wir unser Dasein so zusammengekrümmt begannen und als Greise zur Welt kamen, gezeichnet von unserer ersten großen Krise: der, unsere eigene Geburt zu überleben. Aber es waren noch andere Kräfte als die deiner Mutter, die dich zur Welt brachten. Du trägst es mit dir, dass der, den du als deinen himmlischen Vater hast, dich nicht verlässt. Das Leben ist daher kein Eingang in den bitteren Kampf, sondern in den Frieden. Den Frieden, von dem man sagen kann, egal wie hart das Leben einen trifft: „Ich bin Gottes Kind!“
Ich weiß nicht, was die Taufe bedeutet, schrieb Kaj Munk. Aber wenn Kinder hier in der Kirche getauft werden, geht es in gewisser Weise ebenso leiblich und grundlegend zu wie bei einer Geburt. Es ist der Kirche sehr wichtig, dass die Taufe nicht aus unserem Gottesdienst herausgelöst und auf gesonderte Familientaufen am Samstag verwiesen wird – das geschieht nach meiner Meinung in allzu großem Ausmaß. Sie sind wichtig: die glucksenden kleinen Gesichter, das Wasser und die Nässe, die Schutzlosigkeit.
Von unserer ersten Geburt an, ja von unserer Empfängnis an tragen wir die Zeichen bei uns, woher wir kommen. Wir alle haben ererbte Gene. Wir alle haben einen Bauchnabel als Überrest von damals, als wir noch mit Mutter verbunden waren. Die Taufe erinnert uns daran, dass dahinter eine andere Herkunft liegt, mit der wir ebenfalls in diese Welt hineingeboren wurden. Wie Kinder biologisch den Nabel als Zeugnis ihrer Abstammung haben, haben wir in der Kirche die Taufe als Zeichen, woher wir kommen. Dass wir uns Gottes Kinder nennen dürfen. Dass wir täglich Gottes Frieden und Segen haben, wie viel das Leben auch von uns fordert. Dass wir zwei Muttersprachen haben, mit denen wir in dieser Welt sprechen: die Muttersprache des Überlebens und der Selbsterhaltung – aber auch die Muttersprache der Liebe mit Glauben, Hoffnung und Liebe. Und dass in dieser doppelten Antwort auf die Frage, woher wir kommen, eine vollständige Antwort auf die Frage gegeben ist, wer wir sind. „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden“, sagt Jesus – und diese ganze Macht wird uns im Segen hinter uns gestellt, so dass sie reicht alle Tage bis an der Welt Ende.
Amen.
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Jan Sievert Asmussen
Pastor in Farum
jsas@km.dk
Diese Fassung kann Spuren von künstlicher Intelligenz enthalten.