Matthäus 28,16-20

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Mission Possible | 6. n. Trin – Kirchweih in Haundorf | 12. Juli 2026 | Matth. 28, 16-20 | Uland Spahlinger |

Verlesung des Predigttextes: Mt. 28, 16-20 BasisBibel

16Die elf Jünger gingen nach Galiläa. Sie stiegen auf den Berg, wohin Jesus sie bestellt hatte.

17Als sie Jesus sahen, fielen sie vor ihm nieder. Aber einige hatten auch Zweifel.

18Jesus kam zu ihnen und sagte: »Gott hat mir alle Macht gegeben, im Himmel und auf der Erde.

19Geht nun hin zu allen Völkern und ladet die Menschen ein, meine Jünger und Jüngerinnen zu werden. Tauft sie im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes!

20Und lehrt sie, alles zu tun, was ich euch geboten habe! Seid gewiss: Ich bin immer bei euch, jeden Tag, bis zum Ende der Welt.«

Liebe Gemeinde,

neulich bei einer Tagung, am Abend beim Bier. Das Gespräch kam auf den Auftrag der Kirche. Einer sagte: „Na, ist doch klar: Geht und macht zu Jüngern alle Völker.“ Mission, meinte er, sei der klare Auftrag – unverzichtbar, Wesenskern – oder wie man heute gern sagt: DNA – der Kirche. Darauf ein anderer: „Uhh, ganz schwierig, schau dir nur die Kirchengeschichte an, was hat Mission nicht alles kaputtgemacht…. Das ist ein verbrannter Begriff.“ Ein dritter lacht: „Ja, ja, mission impossible! Da fällt mir doch als erstes Tom Cruise ein, der alte Scientologe – keine gute Adresse für christliches Gedankengut!“ Darauf der erste wieder: „Aber ohne Mission gäbe es überhaupt keine Kirche.“

Ihr kennt den Abschnitt, den ich eben gelesen habe. Und ich denke, Ihr kennt auch die Diskussion. Wahrscheinlich habt Ihr Eure ganz eigene Meinung dazu, vielleicht eher pro, vielleicht eher kontra, oder abwägend zwischen den negativen und den positiven Seiten.

Aber Hand aufs Herz: Wenn nicht irgendwelche Leute in grauer Vorzeit den Missionsgedanken ernstgenommen hätten, säßen wir heute nicht hier (in unserer schönen kleinen St. Wolfgangskirche). Wir würden nicht taufen, es gäbe keine Gottesdienste. Keine Seelsorge. Keine Diakonieautos würden zu denen fahren, die ambulante Hilfe brauchen. Kirchweih käme als Wort in unserer Sprache nicht vor – weder im Blick auf die Weihe der Kirche noch für die fränkische Schlachtschüssel. Stellt Euch das mal vor!

Richtig ist dies: Der Taufbefehl oder Missionsbefehl (beide Worte gehen um) kommt in unserer Lutherbibel ganz schön streng daher. Bei Luther klingt der kurze Abschnitt so, ich lese noch einmal, jetzt aus der Lutherbibel von 1912: 16Aber die elf Jünger gingen nach Galiläa auf einen Berg, dahin Jesus sie beschieden hatte. 17Und da sie ihn sahen, fielen sie vor ihm nieder; etliche aber zweifelten. 18Und Jesus trat zu ihnen, redete mit ihnen und sprach: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. 19Darum gehet hin und lehret alle Völker und taufet sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes, 20und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.

Das kommt ganz schön herrschaftlich daher, keine Frage. Es ist der allerletzte Abschnitt im Matthäusevangelium. Nach Ostern. Hier redet der Auferstandene, der Sieger über den Tod, zu seinen übriggebliebenen Freunden, zu den Elfen. Sozusagen das Testament im Testament – „last famous words….“ Oder so.

Manchmal reden Leute noch davon, dass „jetzt aber Matthäi am letzten“ ist: dann ist für sie eine rote Linie überschritten, oft in Verbindung damit, dass das Geld nun sehr knapp wird. Matthäus, so wird erzählt, war Zolleinnehmer – daher die Verbindung zu Sesterzen, Denaren, Dollars Euros oder was auch immer. Oder aber dass jetzt die Katastrophe nicht mehr aufzuhalten ist (was auch immer die Katastrophe sein mag).

Ich möchte diesen Abschnitt, den strengen Worten zum Trotz, lieber als eine Zusammenfassung des Matthäusevangeliums lesen. Gewiss: da ist von „Gewalt“ die Rede – in der BasisBibel haben sie „Macht“ übersetzt. Im Griechischen steht da ἐξουσία. Das bedeutet unter anderem Freiheit – die Freiheit etwas zu tun oder zu lassen. Hier passt wohl am besten „Vollmacht“ – und das heißt: einer hat einen Auftrag, den er selber im Sinne des Auftraggebers gestalten und weitergeben kann. Wir kennen das Wort aus Bankgeschäften oder dem Vereinsrecht: unterschreiben oder abstimmen darfst du, wenn du selber zuständig bist oder eine Vollmacht vorweisen kannst. Wie du abstimmst, das ist dann letztlich deine eigene Entscheidung. Jesus sagt also: Ich habe Vollmacht über alle Dinge im Himmel und auf Erden. Aber ich habe die nicht von mir selber. „Mir ist (sie) gegeben.“ Will sagen: kommt von Gott. Unbeschränkt, kommt aber von Gott.

Das wäre einmal die erste Klärung: Vollmacht, nicht Gewalt. Und da wäre noch so ein anstößiger Begriff – anstößig für viele Heutige: „befohlen“. Lehrt sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Nochmal kurz ins Griechische: da heißt es ἐνετειλάμην. Das kann man tatsächlich gut mit „befehlen“ übersetzen – gemeint ist hier aber: einen Auftrag geben. Ein Mandat – in der lateinischen Übersetzung wird das schon im Wort deutlicher, da heißt es „mandavi“. Ich will Euch aber nicht zu sehr mit ausgestorbenen Sprachen belästigen….

Zurück also zum Tauf- oder Missionsbefehl: Richtig ist auch, dass er eine Wirkungsgeschichte hat, die nicht immer und nicht nur glänzt. Da gingen ja – spätestens seit Kaiser Konstantin Anfang des 4. Jahrhunderts das Christentum zur Staatsreligion machte – Glaube und politische Interessen eine enge Verbindung ein. Und das tat in den meisten Fällen nicht gut. Christ oder Christin werden, das hieß wohl in den meisten Fällen auch: ordne dich dem (von Gott eingesetzten) Herrscher unter. Bis heute kann man – wenn auch in abgeschwächter Form – Versuche in dieser Richtung finden, wenn etwa das Kreuz in Schulzimmern aufgehängt werden soll als Zeichen der bayerischen Kultur. Hmmmm. Den Unterschied zwischen christlichem Glauben und bayerischer Kultur möchte ich zumindest erwähnen dürfen…

Jesus selber war ja schon eher obrigkeitskritisch. Gott übrigens auch, wenn man etwa die Auseinandersetzungen um die Könige Israels nachliest. Also wirklich: alles nicht so eindeutig.

Ich will das Ganze aber von einer andren Seite her angehen. Unser Abschnitt steht, wie gesagt, am Ende des Matthäusevangeliums. Auf dieses Evangelium bezieht er sich – nicht auf andere biblische Bücher. Wenn wir das ernstnehmen, dann müssen wir das, was Jesus seinen Jüngern „aufgetragen hat“, zunächst mal im Matthäusevangelium suchen. Das macht Sinn.

Jetzt hat das Matthäusevangelium eine Besonderheit. Der Zolleinnehmer war auch ein cleverer Pädagoge. Die zentralen Botschaften Jesu sind in fünf großen Reden zusammengefasst. Da steht, worauf es Jesus nach Matthäus ankam. Handhabbare Lehrstücke, das erste gleich die Bergpredigt. Was macht Matthäus da? Er schärft den Blick seiner Jünger für das Wesen und die Weisung Gottes. Die Seligpreisungen richten sich nicht an die, die nach Macht gieren, sondern an die Demütigen, die Friedensstifer, die Leidtragenden und so weiter. Dann erklärt er den Sinn der Gebote und denkt über Alltagsfragen nach – immer unter dem Gedanken: Gottes Reich ist ganz nah. Und ihr gehört dazu. Lasst das sichtbar werden.

In der Gemeinderede beschäftigt er sich mit Streitigkeiten in der Gemeinde und entwickelt ein Modell, wie mit Kontroversen konstruktiv umgegangen werden kann. Wenn die Gemeinden in der Geschichte der Kirche nach diesem Fahrplan verfahren wären, hätten wir vermutlich weniger Ausgrenzung und Exkommunikationen, sondern vielleicht mehr Versöhnung und gedeihliches Miteinander in der Kirche erlebt.

Und in der Rede vom großen Weltgericht mahnt er zur Wachsamkeit für die Zeichen der Zeit – und zu einem Umgang, der im anderen Menschen immer auch ihn, Jesus, erkennt. Ihr kennt den berühmten Satz: „Was ihr einem dieser meiner geringsten Brüder (oder Schwestern) getan habt, das habt ihr mir getan.“ Wir können das so zusammenfassen: Setze deine Möglichkeiten so ein, dass es auch den anderen gut geht – dann bist du nah am Reich Gottes. Immer weist Jesus auf das Miteinander hin: darauf, dass es der Gemeinschaft gut – besser – geht. Hier auf der Erde spielt sich ab, was Gott im Himmel die Ehre gibt.

Ich könnte noch mehr Beispiele anführen, aber das würde hier vielleicht den Rahmen sprengen. Das Ding aber ist: genau das legt der auferstandene Jesus seinen Jüngern ans Herz: tragt es weiter und sammelt Menschen, die sich daran orientieren wollen. Das ist die „job description“. Der Auftrag, den er aus seiner Vollmacht heraus den Jüngern erteilt.

Übrigens war das alles gar nicht so eindeutig. Jesu Auferstehung war nicht nur ein Freudenfest. Es wurde bezweifelt, es löste auch Erschrecken aus. Auch in unserer Szene heißt es ja ausdrücklich: „einige aber zweifelten“.

Zweifel ist die Kehrseite des Vertrauens. Das wissen wir besonders aus engen persönlichen Beziehungen: kann ich dir noch vertrauen? Und denen, die da vielleicht misstrauisch sind, gilt er besonders, der allerletzte Satz. Nicht vergessen, den sagt der, der alle Vollmacht von Gott übertragen bekommen hat: „Und seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ Ihr kriegt nicht nur einen Zettel, einen Marschbefehl sozusagen. Ich gehe mit. Euer Vertrauen wird nicht enttäuscht werden. Ihr könnt euch darauf verlassen: egal wo ihr steht oder geht, egal wann und mit wem ihr euch trefft, egal wie viele ihr seid: ich bin bei euch. Schon wenn sich zwei oder drei treffen in seinem Namen, ist er mitten unter ihnen, hat er an anderer Stelle gesagt.

Und das geht bis hierher (an diesen Ort am heutigen Tag). Wir werden eingeladen, nicht herbefohlen. Wir werden eingeladen zum Miteinander-Leben unter Gottes offenem Himmel. Zu einem Leben unter seiner Weisung und Wegweisung. Zu Glaube (= Vertrauen), Liebe (= Nächstenliebe) und Hoffnung. Wie am Sonntag, so im Alltag. Zum Teilen des täglichen Brotes. Zur Nachsicht. Zur Bitte um die Vergebung von Schuld – die sich unlösbar mit unserer Bereitschaft verbindet, auch selbst Schuld zu vergeben. Ein Blumenstrauß an Beispielen für das Miteinander in Familie und Gemeinde und Nachbarschaft, wir könnten auch sagen: ein Knigge für christliches Zusammenleben. Immer so offen, dass wir die Regeln und Vorschläge anwenden können auf unsere Lebenssituationen.

Das schenkt uns Freiheit, macht uns aber auch Arbeit. Darum kommen wir nicht herum. Schon die Israeliten in der Wüste sehnten sich manchmal nach der Sklaverei zurück, weil sie dort nicht nachdenken mussten, sondern nur gehorchen. Wir haben keine andere Wahl als den Dialog, das Gespräch, den Austausch über Pläne und Projekte, wenn daraus etwas werden soll. Und hätten unsere Vorfahren nicht so gehandelt und gelebt, dann stünde hier in Haundorf auch keine Kirche, deren Weihe/Einweihung wir heute feiern könnten. Wir wären nicht hier.

Nehmen wir uns also die Zeit: tauschen wir uns aus, klären wir miteinander, was gemeint ist, wenn wir über die „Gewalt“ Jesu und seinen „Befehl“ nachdenken. Freuen wir uns daran, dass uns diese Möglichkeiten geschenkt sind.

Lassen wir uns einladen zu der großen Freiheit der Kinder Gottes, die uns zugesagt und aufgetragen ist. Und die wir gut und gerne an unsere Kinder und Enkel weitergeben können. Das ist unsere „mission“ (englisch ausgesprochen). Und die ist „possible“. Ich werde jedenfalls weiterhin „Matthäi am letzten“ bei jeder Taufe lesen und den Eltern, den Paten und der Gemeinde erläutern. Und ich vertraue darauf, dass Gottes Heiliger Geist auch bei mir ist – bei uns – alle Tage – bis zum Ende. Amen.

Dekan i.R. Uland Spahlinger, Dinkelsbühl

uland.spahlinger@elkb.de

Die in der Predigt erwähnte St. Wolfgangskirche gehört nach Haundorf, einem Ortsteil von Schnelldorf im Grenzbereich von Mittelfranken und dem württembergischen Hohenlohe. Die Gemeinde ist seit nunmehr zwei Jahren ohne PfarrerIn; aus diesem Grunde habe ich als Ruheständler dort seit Februar 2025 eine Vakanzvertretung übernommen.

Anders als manche anderen stehe ich zum Missionsbegriff für die Gegenwart positiv – wenn wir ihn aufgeben, geben wir unseren Auftrag an die Welt und damit unsere Identität auf.

Was Mission bedeuten kann, hat für mich am eindrücklichsten Fulbert Steffensky in Worte gefasst: „Der Auftritt der Kirche in der säkularen Öffentlichkeit und die Auslieferung ihrer Schätze in den uneigentlichen Raum ist ein Stück Mission. Viele unserer kirchlichen Wörter sind verdorben, vielleicht auch dieses Wort Mission. Es hat keinen Sinn, die Wörter zu verschweigen, wir müssen sie reinigen. Was ist Mission? Es ist die gewaltlose, ressentimentlose und absichtslose Werbung für die Schönheit eines Lebenskonzepts. Diese Werbung ist ressentimentlos, indem wir ohne Bekümmerung akzeptieren, dass Menschen andere Lebenswege einschlagen als die des Christentums. Für uns als Christen hat dieses Christentum eine biographische Einmaligkeit. Aber es gibt andere Wege des Geistes und andere Dialekte der Hoffnung. Mission kann man wollen, wenn man auf seine eigene Einmaligkeit verzichtet, so sehr das unseren Narzissmus kränken mag“ (aus: F. Steffensky, Damit die Träume nicht verloren gehen – religiöse Bildung und Erziehung in säkularen Zeiten, in: Loccumer Pelikan 4/2000, hier zitiert nach https://www.rpi-loccum.de/material/pelikan/pel4-00/steffky).

Ich hoffe, dass von dieser Beschreibung des Anliegens etwas in die Predigt übergeschwappt ist.