Matthäus 5, 1–10

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Bibelquiz mit den Seligpreisungen | Allerheiligen | 1. November 2026 | Matthäus 5, 1–10 | Kira Busch-Wagner |

Bibelquiz mit den Seligpreisungen

Liebe Gemeinde,

Seligpreisungen an Allerheiligen über die Konfessionen hinweg – da mögen grade auch Evangelische erst einmal fragen: was ist das eigentlich, „heilig“ und „selig“. Und was ist der Unterschied? Ist das ein Zustand, der nacheinander kommt? Ist „heilig“ die Steigerung von selig, wie das die Heiligsprechungsverfahren nahe zu legen scheinen?

Schaut man in die Schrift, dann zeigt sich, dass beim einen, „heilig“, offenbar von Gott her gedacht ist. Und bei „selig“ der Blick sich auf den Menschen richtet. Heilig ist, wozu Gott sagt: das ist mein Bereich! Oder an eine Person gerichtet: Du gehörst zu mir. Gott kann Mose gegenüber den Boden vor dem Dornbusch für heilig erklären, weil Gott dieses Stück Land in seinen Dienst nimmt. Zu sich, der Heiligkeit schlechthin. Heilig ist, was zu Gott gehört aufgrund Gottes Willen. Deshalb wird gerade Israel im ersten Teil der Bibel als heiliges Volk angesprochen, als diejenigen, die Gott sich erwählt hat.

Ich denke, dass eine Heiligsprechung in der katholischen Kirche so etwas ist wie ein Bekenntnis, eine Antwort auf Gottes Wirken: Bei diesem Menschen, in dieser Person, in ihrem Verhalten erkennen wir, dass Gott sie in seinen Dienst gerufen hat. In den Bereich der eigenen Heiligkeit hineinstellte. Deshalb berühren uns St. Martin oder St. Nikolaus. Wir erfahren etwas von Gottes Entscheidung. In Gottes Bereich zu geraten, dorthin hinein genommen zu sein, das kann im Ernstfall für einen Menschen furchtbar werden. Der Bischof Oscar Romero wurde durch das Regime in San Salvador ermordet während der Messe, Edith Stein als Jüdin in Auschwitz, Maximilian Colpe wurde mit Hunger zu Tode gefoltert. In Gottes Nähe zu kommen kann hochgefährlich sein. Das zeigen die Martyrien. Davon berichten viele Geschichten im ersten Teil der Schrift.

Gerade weil ein Leben nach Gottes Weisung nicht selbstverständlich ist, zeigt sich die Schrift umso erfreuter, zugewandter, beglückter in ihrem Blick auf Menschen. Selig die reinen Herzens sind, ruft Jesus aus. Und wir könnten auch übersetzen: Glücklich sind die… Oder: wohl ihnen …!  – „Wohl dem, der über die Weisheit nachsinnt …“, heißt es im Buch Jesus Sirach. Glücklich der Mann, der nicht wandelt bei den Sündern, so der 1. Psalm. Glücklich, wem Sünde vergeben ist, so der 32.! Wohl dem, der wartet, wird durch Daniel verheißen (12,12).

Mit den Seligpreisungen zu Beginn der Bergpredigt setzt Jesus zu einer umfassenden Bibelauslegung an. Und wie bei jeder ordentlichen Reli- oder Bibelstunde gibt es zwischendurch Methodenwechsel. Unterschiedlichen Sprachgestus. Um bei Schülerinnen und Schülern immer neu die Aufmerksamkeit zu wecken. Jesu Bibelauslegung beginnt schon mit der Wahl des Ortes, mit dem Berg. So hält es der Evangelist Matthäus fest. Bei „Berg“ soll man an den Berg denken, wo Mose Gottes Weisung erhält, wo Mose mit Gott im Gespräch ist. Wenn Matthäus vom Berg spricht, dann ist das so, wie wenn zu Beginn des Reli-Unterrichts schon ein Tafelbild zu sehen ist. Um zu zeigen: Hier setzen wir an. Das ist unser Ort zu lernen. Auf dem Berg, bei Mose, nimmt Jesus den Gesprächsfaden auf, um die Seinen ins Lernen mit hinein zu nehmen – Lernen bei Mose und mit Mose. Hier lernt auch Jesus. Und gibt das Gelernte weiter. Dass er unterrichtet, kann man daran sehen, dass er sich hinsetzt. Das ist damals die Haltung eines guten Lehrers. Nicht mit Rohrstock an der Tafel. Sondern sitzend. Und wer bei ihm lernen will, kommt und setzt sich zu ihm (Maria, die Schwester der Martha, macht das zum Beispiel so. Dass wir in die Kirche kommen, uns setzen, um aus der Schrift etwas zu hören und dann auf die Auslegung, hat bis heute eine Verbindung zum biblischen Lernen bei Jesus.

Hier in der Bergpredigt macht er sich zusammen mit seinen Schülern – und vermutlich auch Schülerinnen – auf die Suche nach guten biblischen Worten aus Psalmen, Thora und Propheten. Eine Stunde zur Wiederholung. Mit einigen neuen Gedanken. Und gleichzeitig ermuntert er sie: Ihr habt was davon! Es tut euch gut. Es wird euch gut gehen damit.

Jesus fängt an mit einem Paradox: Glücklich die Armen! Selig, die geistlich arm sind. Vielleicht meint er auch solche, die wegen der Beschäftigung mit Gottes Geist arm sind – auf alle Fälle: ihnen gehört schon jetzt das ganze Reich der Himmel. Das Königreich Gottes. So beginnt Jesus. Seine Schüler sollen vermutlich dran denken, was im Buch des Propheten Jesaja steht: dass Gott die Armen und Elenden sieht (66,2). Und dass Gottes Gesalbter, also Gottes Messias, Gottes Christus den Elenden frohe Botschaft bringt – so beginnt im selben Prophetenbuch das 61. Kapitel (61,1). Da mag der eine oder die andere sogar auf die Idee kommen: Dann wäre also Jesus der Messias? Ein guter, kreativer Transfer – so würde man das heute im Unterricht nennen.

Doch schon geht es weiter: glücklich sollen sich schätzen vor Gott alle, die Leid tragen, traurig sind oder trauern. Sie können schon jetzt über ihren Zustand hinaussehen. Sie werden ganz sicher getröstet werden. So ist es dem Patriarchen Isaak gegangen, der nach dem Tod seiner Mutter getrost, getröstet, ein neues Leben beginnt mit Rebekka, seiner Frau.  Aber auch in politischen Zusammenhängen kennt die Schrift tröstliche Worte und trostvolle Aussichten. Die über Jerusalem traurig waren, so sah es Jesaja (66,10), werden sich freuen können. Sollen getröstet werden, wie einen die Mutter tröstet. Jesus bekräftigt, er bestätigt das. Ruft es neu ins Gedächtnis. Und weiter geht es in der Bibelstunde. Wie gut, dass die Sanftmütigen das Land erben, nicht die Schreihälse. Wie wunderbar, dass sie das Land innehaben werden und nicht die, die ihre Position ausnützen und ausbauen und um die Posten schachern. Glücklich die Sanftmütigen, sie sind die wahren und echten Verwalter des Landes. Wie beglückend für das ganze Land selbst. Mit dem jüdischen Philosophen Philo, mit dem Feldherren Josephus Flavius, mit Rabbinen, die er nicht mehr hat erleben können, ist Jesus sich da völlig einig. Wenn auch nur aus schriftlichen Quellen – wir kennen diesen großen Chor der Hoffnungsvollen!

Offenbar ist Jesus ein Lehrer, dem seine Themen eine echte Mission sind.  Selig, die hungert und dürstet …, fährt er fort. Wo doch bekannt ist, dass Gott sich der Hungernden annimmt. Sei es Israels auf dem Weg ins gelobte Land, des Propheten Elia am Wadi Krith, der Darbenden in der Wüste, von denen der Psalm 107 spricht. Um wieviel mehr wird Gott sich derer annehmen, die nach Gerechtigkeit hungern, denen es dürstet nach Ausgleich. Und warum sollte es ausgerechnet den Barmherzigen an Gottes Barmherzigkeit, an Gottes mütterlicher Zuwendung fehlen – undenkbar! Und klar: wenn der Psalm (24) davon spricht, dass auf Gottes Berg hinauf gehen, die reinen Herzens sind, dann doch, um dort Gott zu begegnen, vielleicht gar, wie Mose, Gott hinterher zu schauen.

Man könnte es für ein Quiz halten, was Jesus da auf dem Bibelberg zum Besten gibt. Wer wollte da nicht mittun und nachdenken und sich erinnern. Zum Beispiel an die Rede von Gott, der Frieden stiftet in den Höhen (Hiob 25,2) – wie könnten da die, die Frieden stiften auf Erden, nicht seine Kinder heißen! Und vielleicht hat auch Jesus schon mit seinen Leuten jenes Gebet gesprochen, das sich heute im jüdischen Kaddisch findet: „Der schaffe auch Frieden uns und für ganz Israel.“

So übermütig die Jesusschüler vielleicht eingestiegen sind in das Quiz – Jesus holt sie auch in die Realität. Er erinnert: Es kann auch Gerechten Verfolgung drohen und üble Nachrede. Matthäus, dem Evangelisten, war dieser Abschluss ganz sicher unendlich wichtig. Der hätte gerade diesen Satz nie auslassen können. Will er doch mit der Jesusrede am Berg auch seine Gemeinde aufrichten. All diejenigen, die er, der Evangelist, aufruft zu größerer Gerechtigkeit, zum Wetteifer, was Erbarmen und gegenseitige Fürsorge und Verzeihen angeht. Und trotzdem nicht immer auf gute Resonanz trifft. Die Propheten haben es erlitten, heißt es im letzten Satz. Die Weisheitslehrer wie der Prediger Salomon haben darum gerungen: Warum widerfährt guten Menschen Böses. Jesus löst die Frage nicht auf. Aber damit ist das letzte Wort nicht gesprochen. Das letzte Wort ist Gottes Wort im Himmel. Die letzte Antwort wird Jubel sein.

Vielleicht haben all die Heiligen, denen der Tag heute gewidmet ist, genau das verstanden: dass Gott das letzte Wort spricht. Gott sei Lob und Dank. Amen


Verfasst von:
Kira Busch-Wagner


Liedvorschläge:

382, 1+3 Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr,
303, 3 Selig, ja selig ist der zu nennen, des Hilfe der Gott Jakobs ist
253, 1+5 Ich glaube, dass die Heiligen im Geist Gemeinschaft haben
667 Selig seid ihr …
154, 1+6 Herr, mach uns stark im Mut, der dich bekennt

Wo wir dich loben, wachsen neue Lieder 20: Die Heiligen, uns weit voran …

 

  1. Hört, wen Jesus glücklich preist, Halleluja,
    wem er Gottes Reich verheißt, Halleluja!
  2. Dem, der Gott nichts bieten kann, Halleluja,
    bietet Gott die Freundschaft an, Halleluja!
  3. Hungert uns nach Gerechtigkeit, Halleluja,
    steht uns Gottes Tisch bereit, Halleluja!
  4. Keinen, der barmherzig ist, Halleluja,
    Gottes Liebe je vergisst, Halleluja!
  5. Wer zum Frieden sich bekannt, Halleluja,
    der wird Gottes Kind genannt, Halleluja!
  6. Wem hier großes Leid geschah, Halleluja,
    dem ist Gottes Trost ganz nah, Halleluja!
  7. Wer von Macht und Krieg nichts hält, Halleluja,
    erbt am Ende Gottes Welt, Halleluja!
  8. Die hier rein durch’s Leben geh’n, Halleluja,
    werden Gottes Antlitz seh’n, Halleluja!
  9. Wer hier leidet für den Sohn, Halleluja,
    den erwartet Gottes Lohn, Halleluja!

Präfamen (vor der Lesung der Seligpreisungen) Mt 5, 1-10

Vor acht Jahren wurde in der Evangelischen Kirche Deutschland eine neue Predigtordnung eingeführt. Es blieb vieles bestehen. Es kamen aber viele neue Predigttexte, vor allem alttestamentliche, dazu. Und es wurden ausdrücklich EKD-weit mehr Feiertage festgehalten und Predigtabschnitte ihnen zugeteilt. So auch Allerheiligen. Das Evangelium für Allerheiligen ist das gleiche wie für den Reformationstag gestern. Es deckt sich übrigens auch mit der katholischen Leseordnung für heute. Lassen Sie uns also -wie die katholischen Geschwister  – hören auf die sogenannten Seligpreisungen Jesu aus der Bergpredigt, Worte aus dem Evangelium nach Matthäus zu Beginn des 5. Kapitels.

 

Lesung Offb 7, 9-12


Literatur:

Julius Steinberg:  Artikel „Seligpreisungen (AT), Deutsche Bibelgesellschaft,  (erstellt: Februar 2013) Artikel als PDF. Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/45569/

Martin Vahrenhorst: Entdeckungen in der Bergpredigt. In: Das Neue Testament. Jüdisch erklärt – in der Diskussion. Hg: Wolfgang Kraus, Jan Raithel, Axel Töllner und Michael Tilly. Stuttgart 2023, S. 24-38.

Kira Busch-Wagner, Pfarrerin in Karlsruhe, u.a. Studium in Israel. Tätig in der Ökumene und im christlich-jüdischen Gespräch.