Matthäus 5,1–12
Was die Zeit nimmt / Ewigkeitssonntag / 1. November 2026 / Matthäus 5,1–12 / Thomas Reinholdt Rasmussen /
Was die Zeit nimmt
Wir alle wissen: Dinge brauchen Zeit. Wir wissen, dass es Zeit braucht, Dinge zu erledigen, und wir wissen, dass es in dieser Welt keine unendliche Zeit gibt. Dinge brauchen Zeit – und darum müssen wir Prioritäten setzen und lernen, auch etwas zu verpassen. Denn wir schaffen nicht alles in dieser Welt, und wenn wir es versuchen, zappeln wir uns müde an all den Möglichkeiten.
Dinge brauchen also Zeit.
Aber umgekehrt gilt es ja auch: Die Zeit nimmt Dinge. Was wir hatten und woran wir uns so oft gefreut haben, ist nun verschwunden, zerbrochen oder uns unter den Händen zerbröselt.
Dinge brauchen Zeit, aber die Zeit nimmt auch Dinge. Und das sagen wir in dem Wissen, dass die wesentlichsten Dinge der Welt ja gar keine Dinge sind.
Dinge sind, was sie sind. Unsere Lieben aber lassen sich so überhaupt nicht beschreiben – und doch sind auch viele von ihnen im Strom der Zeit verloren gegangen. Wir erinnern uns an sie. Wir haben sie lieb. Aber sie sind fort. Sie sind nicht mehr.
Und das ist die Bedingung des Lebens: dass es aufhört. Dass wir uns eines Tages trennen müssen, so gern wir einander auch festhalten und Teil vom Leben und Dasein des anderen bleiben wollten.
Die Zeit ist eine unerbittliche Größe, und niemand von uns kann die Mühle der Zeit anhalten. Darum verlieren wir. Darum vermissen wir. Darum gedenken wir.
Aber manchmal erleben wir auch Augenblicke, in denen die Zeit beinahe aufhört. Augenblicke des Glücks, in denen die Zeit keine Rolle spielt und nur noch Nähe ist. In denen die Zeit aufgehoben scheint und nur der Raum bleibt. Ein Schimmer von Ewigkeit.
Und vielleicht ist die Ewigkeit gerade das: Raum ohne Zeit. Nur Raum, erfüllt von der Nähe zueinander, nur zueinander. Der Raum, in dem nichts mehr stört. Wo gilt, was Jesaja sagt: „Die Sonne soll nicht mehr dein Licht sein am Tage, und der Glanz des Mondes soll dir nicht mehr leuchten, sondern der HERR wird dein ewiges Licht und dein Gott wird dein Glanz sein“ (Jes 60,19). Wo der HERR das ewige Licht ist und die Tage des Leidens ein Ende haben – so haben wir es in der Lesung vom Altar gehört. Wo Gott Licht ist und die Zeit zur Fülle geworden ist. Zum Raum. Zur Nähe.
Denn oft sind wir sehr mit dem Unseren und mit unserem eigenen Selbst beschäftigt. Sehr oft hören wir, der Mensch müsse sich selbst finden. Das fühlt sich entscheidend an. Das fühlt sich wesentlich an. Sich selbst finden. Aber ist es wirklich so entscheidend, ist es wirklich so wesentlich, sich selbst zu finden? Geht es nicht im Grunde darum, einander zu finden? Dass dies der Sinn des Lebens ist: einander zu finden – und nicht so sehr sich selbst?
Und wenn wir verlieren und trauern, kann es schwer sein, einander zu finden. Dann haben wir einander nur noch in den Erinnerungen und in dem, was geschehen ist. In dem, was war. Und doch: Da ist die Hoffnung. Die Hoffnung bleibt. Die Hoffnung, zu der wir in der Taufe wiedergeboren sind und die leuchtet, wenn alles andere erloschen ist. Die Hoffnung, in der wir einander finden werden.
Und das müssen wir nicht allein. Denn eine Trauer kann so schwer sein und ein Verlust so drückend, dass sich eine Trauer schwerer bewegen lässt als irgendetwas sonst. Aber die Trauer lässt sich bewegen. Sie lässt sich bewegen, auch wenn sie sich schwer und fast unerträglich anfühlt. Sie lässt sich bewegen in der Hoffnung, dass Gott alles neu macht. Und genau davon handeln die Worte der schönen Seligpreisungen, die wir heute gehört haben.
Die Seligpreisungen sprechen zu denen, die von Trauer niedergedrückt sind. Zu denen, die mit dem Leben nicht zurechtkommen. Zu denen, denen das Leben nicht gelingen will. Zu ihnen allen und zu uns allen sind diese schönen Worte gesagt: Selig seid ihr. Nicht selig aufgrund von Qualifikationen, sondern selig, weil Jesus Christus zu uns spricht. Selig seid ihr – nicht weil wir das Leben meistern, und auch nicht weil wir damit nicht zurechtkommen, sondern weil uns zugesprochen wird, dass Gott die Welt in seiner Liebe hält und alles auf die Liebe setzt, die tragen muss, wenn alles andere zerbricht. Die Liebe, die Herzensglut, die stärker war als der Tod [Anspielung auf das Kirchenlied „Hil dig, frelser og forsoner“, Grundtvig 1837, DDS 192: „Kærligheden, hjertegløden / stærkere var her end døden“, A.d.Ü.].
Selig seid ihr mitten in der Trauer, im Verlust und in der Sehnsucht. Selig seid ihr.
So können wir erfahren, dass Dinge Zeit brauchen und dass die Zeit auch Dinge nimmt, und dass die wesentlichsten Dinge der Welt keine Dinge sind, sondern die Menschen, die wir lieb haben und die uns mit ihrer Liebe umfangen. Auch, dass wir uns am Ende trennen müssen – und dennoch erklingen die Worte: Selig seid ihr. Selig nicht trotz, sondern dank Gottes Wort, das die Liebe selbst ist und das hindurchreicht durch Kreuz, Tod und Grab bis hin zur Auferstehung. Im Augenblick des Verlusts scheint sie unwirklich, und doch ist sie der ganze Kern und der ganze Inhalt. Ohne sie wäre alles nichts.
Denn der Tod ist ernst, und niemand entgeht ihm. Wir alle haben verloren und vermisst, und wir alle haben erfahren, dass nichts stärker zu sein scheint als der Tod. Aber das Wort des christlichen Glaubens lautet: Die Liebe ist stärker als alles, auch stärker als Tod und Abschied. Wir sind von der Liebe gehalten, im Diesseits wie im Jenseits – das ist der Kern des christlichen Glaubens. Und kann man im Grunde etwas anderes glauben?
Etwas anderes, als dass die Worte erklingen: Selig seid ihr – durch Verlust, Trauer und Tod hindurch. Selig seid ihr, auch wenn es nicht danach aussieht. Selig seid ihr, und darauf kommt es an. Selig seid ihr, denn ihr werdet angesehen mit dem Blick des Auferstandenen, durch alles hindurch, was euch belastet und bedroht. Ja, selig seid ihr, die ihr Leid tragt; denn ihr sollt getröstet werden.
Amen.
Thomas Reinholdt Rasmussen
Bischof in Aalborg
trr@km.dk
Diese Fassung kann Spuren von künstlicher Intelligenz enthalten, A.d.Ü.