Matthäus 5,43-48
Predigt zum 4. Sonntag nach Trinitatis | 28. Juni 2026 | Matthäus 5,43-48 | von Rasmus H.C. Dreyer
Es ist sehr menschlich, Feinde zu haben
Vor fast 170 Jahren wurde ein Patient in das Frederiks Hospital in Kopenhagen eingeliefert. Er erhielt die Nummer 2067 und blieb über einen Monat lang dort, bevor er am 11. November 1855 starb. Sein Name war Søren Kierkegaard, der große Theologe.
In den letzten Wochen vor seiner Einlieferung hatte Søren Kierkegaard unermüdlich gegen die damalige dänische Staatskirche gewettert – gegen ihre Pfarrer, ihre Bischöfe und die Erwecktungsbewegungen, besonders gegen die Grundtvigianer. Keiner von ihnen sei ein rechter Christ, meinte er.
Kierkegaard hasste seinen Bruder, den Theologen und Bischof Peter Christian Kierkegaard. Er hasste die Grundtvigianer. Peter Christian war Grundtvigianer. Er hasste die Staatskirchenthelogen. Peter Christian war im Dienst der Staatskirche. In einer heidnischen Gesellschaft – und so sah der todgezeichnete und todesverbitterte Søren Kierkegaard das Dänische Gesellschaft – müsse der Christ dem Unglauben und den Feinden des Glaubens mit Hass, Hohn und Spott begegnen.
Peter Christian, Kierkegaards Bruder, wollte sich wirklich gerne mit seinem Bruder versöhnen. Darauf wollte Søren nicht hören. Ja, man ist versucht zu sagen, dass der sterbende Søren Kierkegaard, der so lautstark gegen den fehlenden Christusgeist der Kirche wetterte, ein Heuchler war – einer, der den Splitter im Auge seines Bruders sah, aber den Balken im eigenen vergaß. Doch wie Paulus hellsichtig in der heutigen Epistel fragt: „Du aber, was richtest du deinen Bruder? Oder du, was verachtest du deinen Bruder? Wir werden alle vor dem Richterstuhl Gottes stehen“ (Röm 14,10).
Auch andere versuchten es, sich mit dem sterbenden Søren Kierkegaard zu versöhnen. Ein grundtvigianischer Pfarrer schickte ihm eine Predigt. Der sonst so geschwächte Søren Kierkegaard geriet in helle Empörung: „Schickt sie ihm zurück! Ich nehme sie nicht an.“ Und Søren fuhr fort: Diese Menschen denken nur an das Irdische, sie haben überhaupt keinen Sinn für das, was droben ist.
Søren Kierkegaard sprach viel über Bruder- und Feindesliebe. Selber fiel sie ihm freilich schwer. Ich möchte sagen: Auch das macht Søren Kierkegaard zu einem ganz gewöhnlichen Menschen.
Das heutige Evangelium ist dabei unmissverständlich klar, wenn Jesus sagt: „Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder eures Vaters im Himmel seid.“ (Matth 5,44–45)
Løgstrup, einer der großen dänischen Denker des 20. Jahrhunderts, war selbstverständlich stark von Kierkegaard geprägt. Seine Lektüre Kierkegaards fand jedoch nie breite Anerkennung. Løgstrup behauptete nämlich, der Hass sei ein Ideal für Kierkegaard.
Das ist ein Missverständnis. Kierkegaard meinte vielmehr, man müsse zunächst den eigenen Hass erkennen und wissen, dass man Feinde hat, bevor überhaupt von Vergebung die Rede sein kann.
Der heutige Abschnitt aus den Evangelien entstammt der Bergpredigt Jesu. Und gerade diesen radikalsten und anspruchsvollsten Teil der Lehre Jesu kannte und verwendete Søren Kierkegaard eifrig. Sein gesamtes Schrifttum und sein Kampf gegen das etablierte Kirchenwesen beruhten genau auf einem ernsthaften Verständnis der Radikalität Jesu – mit anderen Worten: dass Jesus meinte, was er sagte.
Kierkegaard wies damit auf die Schwierigkeit hin, Christus zu 100 Prozent gleich zu werden. Die Bergpredigt ist oft als reine Utopie ausgelegt worden; das heißt, als Schilderung des Reiches Gottes, die zeigt, wozu wir eben nicht fähig sind. So fällt Jesus gleichsam ein Urteil über uns und zeigt, wie jeder von uns sündigt und warum wir die alles Weitere brauchen: das Evangelium von Jesus, seinem Leben, seinem Tod und seiner Auferstehung.
Etwas vereinfacht gesagt: Jesus beginnt damit, uns für das zu tadeln, was wir falsch machen, um uns später in den Evangelien zu offenbaren, wie alles zusammenhängt – dass wir auf Gott hoffen und von seiner Liebe und Gnade getragen werden müssen, weil wir uns so oft als unzulänglich erwiesen haben.
In eben diesem Zusammenhang sind auch Jesu Worte über die Feindesliebe zu verstehen. Sie sind merkwürdigerweise in einer missverstandenen Form sehr populär geworden: „Ja, wenn alle nun einfach so lebten, wie es in der Bergpredigt steht, und einander liebten, dann wäre die Welt ein Ort voller Frieden und Liebe.“
Jesu Worte werden hier mit Humanität und Idealismus verwechselt. Dabei entgleitet den Worten ihre persönliche Zumutung. Wenn wir Jesu Anrede an mich, seine Forderung an mich, ins Allgemeine oder Idealistische erheben, machen wir sie zugleich unpersönlich – und handeln deshalb ebenso unverantwortlich. Mit anderen Worten: Was mich persönlich nichts angeht, darüber lässt es sich leicht versöhnlich, vergebungsbereit und offen sein, und man verspricht sich selbst, niemals ein hasserfülltes Wort über irgendjemanden zu sagen. Doch sobald wir selbst persönlich betroffen, getroffen, herausgefordert, gekränkt werden – dann zeigt sich natürlich, dass wir Menschen sind: unversöhnlich und hasserfüllt, ja, selbst jemandes Feind.
Wenn wir auf Widerstand oder Bosheit stoßen, erfahren wir auch, dass wir eigene Feinde haben. Deshalb ist es allzu einfach, nicht zu hassen und Vergebung und Nachsicht zu verteilen, wenn man selbst gar nicht in Gefahr ist. Wer auf Kosten anderer vergibt oder liebt, begeht damit fast eine Anmaßung gegenüber denen, die wirklicher Feindschaft und Bosheit erleben.
Echte Feindesliebe ist daher die des Stephanus. Stephanus war der erste christliche Märtyrer. Er wurde von Juden wegen seines Glaubens an Christus gesteinigt. Stephanus betete für seine Feinde, während sie ihn töteten. Doch es ist ein Unterschied, ob man wie Stephanus für die betet, die einen selbst töten – oder ob man daneben steht und dem vergibt, der andere verfolgt, quält und tötet.
Letzteres ist Heuchelei. Dann stellen wir uns auf Kosten anderer als vorbildlich hin, wenn wir uns damit brüsten, unsere Feinde zu lieben und Toleranz und Offenheit zu beweisen. Freiheit bedeutet nicht, dass wir Feindschaft im Namen der Freiheit dulden und hinnehmen müssen.
Was also ist mit Jesu Worten? Ich glaube, sie sind im selben Atemzug zu verstehen. Wir sollen unsere Feinde lieben – wobei das wohlgemerkt nicht bedeutet, ihre Handlungen Handeln gutzuheißen. Oder zu glauben, das Böse sei nicht wirklich böse. Oder zu meinen, es gehe vielleicht nur darum, sich in den anderen hineinzuversetzen und Nachsicht zu üben, sobald wir sie verstehen, die wir für unseren Feind halten.
Als Christen wissen wir, dass mit der Liebe Verantwortung einhergeht. Liebe ist nicht dasselbe wie Verständnis oder Nachgiebigkeit. Liebe kann auch darin bestehen, Grenzen zu ziehen, die zum Besten meines Nächsten sind – Grenzen, die er selbst nicht kannte.
Aber Jesus sagt uns doch, dass unser Feind ein Mensch ist, der uns tatsächlich angeht. Feindesliebe bedeutet, dass ich meinen Feind lieben soll – nicht um meines Gewissens willen, damit ich selbst Frieden finden oder mich gut dabei fühlen kann. Nein, ich soll meinen Feind in der Verantwortung lieben, dass er mein Mitmensch ist. So wie auch ich jemandes Feind sein kann – und dennoch ein Mensch. Ein Mensch, der am Ende nur auf Gottes Barmherzigkeit hoffen kann.
Der große russische Schriftsteller Fjodor Dostojewski erlebte zu seiner Zeit, wie das russische Rechtssystem reformiert wurde. Man führte das Schwurgericht ein, also dass ganz gewöhnliche Bürger an der Urteilsfindung beteiligt waren. Und Dostojewski beobachtete, dass die Angeklagten nun freigesprochen wurden. Das war gut für die tatsächlich Unschuldigen. Es schuf juristische Gerechtigkeit. Doch Dostojewski war aufgewühlt darüber, dass die Geschworenen aus Mitgefühl und Gutmütigkeit nachweislich schuldige Menschen freisprachen.
Dostojewski meinte, die Geschworenen sprächen die Schuldigen frei, weil sie selbst Angst hatten, verurteilt zu werden. Wie Jesus es sagt: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet.“ (Matth 7,1)
Das wäre jedoch ein furchtbares Missverständnis. Wie Dostojewski schreibt: „Dem Urteil aus lauter Mitleid zu entfliehen, das ist dasselbe wie den Nächsten zu verraten.“
Das kennen wir gut. Wenn Feindesliebe zur Nachsicht mit dem Bösen wird, haben wir unsere Verantwortung und die Liebe zum Nächsten missverstanden.
So können wir diese Lektion aus dem heutigen Evangelium mitnehmen: Wir haben Feinde. Ja, oder: Auch wir selbst können jemandes Feind sein. Das weiß Jesus. Er kennt uns Menschen. Und wenn wir das wissen, wissen wir auch, dass wir immer darauf angewiesen sind, Gott um Vergebung zu bitten. Ja, Gott darum zu bitten, was zum Besten jedes Menschen ist: dass er sich Gott zuwendet und seine eigenen Grenzen erkennt. Dass wir nicht dazu in der Welt sind, uns gegenseitig zu bekriegen, sondern um dieses schwere Leben miteinander zu leben. Oder wie Jesus uns auch in seinem Gebet in der Bergpredigt lehrt: „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.“ (Matth 6,12)
Aber was hätte Søren Kierkegaard, mit dem ich begann, zu all dem gesagt? Ging er im bitteren Hass auf alle seine theologischen Widersacher und kirchlichen Feinde in den Tod? Als Kierkegaard ganz am Ende gefragt wurde, ob es noch etwas gäbe, das er noch nicht gesagt habe:
„Nein“, sagte er – und: „Ja, grüßt alle Menschen, ich habe sie alle sehr geliebt … Alles sah aus wie Stolz und Eitelkeit, aber das war es nicht. Ich war nicht besser als die anderen.“ Kurz darauf starb er.
Ja – alles, was so böse klang, war zum Besten seines Nächsten gemeint. Mögen auch wir das eines Tages von uns selbst erkennen.
Amen.
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Rasmus H.C. Dreyer
Pastor
rhcdreyer@gmail.com
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