Matthäus 7,22-29
Predigt zum 8. Sonntag nach Trinitatis | 26.07.2026 | Matthäus 7,22-29 | Elof Westergaard
Wider die Traumlosigkeit
Die alttestamentliche Stimme des Propheten Micha wirkt so gegenwärtig, so präsent. Wenn ich seine Worte heute in der alttestamentlichen Lesung zum 8. Sonntag nach Trinitatis höre, ist es, als würde eine Brücke geschlagen und eine Verbindung geschaffen zu einer Zeit vor weit mehr als zweitausend Jahren. Michas Prophetien werden auf das 8. Jahrhundert vor Christi Geburt datiert.
Micha ist ein Prophet, der seine Zeitgenossen mit kritischer Stimme geißelt. Hören Sie, wie er das tut! Micha sagt:
„So spricht der HERR wider die Propheten, die mein Volk verführen, die da predigen, es werde gut gehen, wenn man ihnen zu fressen gibt; wer ihnen aber nichts ins Maul gibt, dem erklären sie den Krieg. Darum kommt Nacht über euch statt Gesicht und Finsternis statt Wahrsagung. Die Sonne soll über den Propheten untergehen und der Tag über ihnen finster werden. Und die Seher sollen zuschanden und die Wahrsager zu Spott werden; sie müssen alle ihren Bart verhüllen, weil Gott nicht antworten wird.“ (Micha 3,5-7)
Mit bleibender Aktualität kritisiert der Prophet Micha hier nicht nur andere Propheten, sondern das menschliche Mitläufertum, wenn der Mensch seine Ansichten und Haltungen vor allem von seiner Umgebung bestimmen lässt und seine Sympathien und Antipathien von persönlichem Vorteil und eigener Zufriedenheit leiten lässt. Wenn wir nur etwas zu fressen bekommen – also bekommen, was wir wollen-, schweigen wir und lassen die Dinge treiben. Wir schwimmen mit dem Strom und stehen selbst für nichts ein.
Der Prophet Micha weist aber nicht nur auf diese menschliche Torheit hin – er zeigt auch, welche Folgen dieses Mitläufertum hat: Es macht Menschen traumlos und schafft nur Finsternis. Wenn alles um Anpassung und persönliche Absicherung kreist und wir um keinen Preis für das einstehen, was wichtig und wahr ist, was bleibt dann noch zu träumen und zu hoffen? Zäunen wir die Welt ein, um innere Ruhe zu finden und ein ruhiges Leben in unserem eigenen Garten zu schaffen, und setzen wir all unsere Kraft daran, diese Zäune um uns selbst zu errichten, was bleibt dann noch übrig von Träumen und Visionen? Dann blicken wir nur noch auf unsere eigenen Wände und finden Ruhe und Erlösung allein in unserem eigenen geschlossenen, sicheren Universum.
Der Geist des Mitläufertums ist eine starke Kraft im Menschen. Uns ist jedoch ein anderer Geist gegeben, verkündet der Apostel Johannes in der zweiten der drei biblischen Lesungen dieses Sonntags. Lasst den Geist des Mitläufertums los, glaubt nicht einem jeden Geist, sagt der Apostel. Der Geist, dem wir stattdessen folgen sollen, ist, so Johannes, der Geist, der bekennt, dass Jesus der Christus ist. Es ist ein Geist, der Widerspruch Raum gibt, ja ihn geradezu einfordert, und der uns den Mut gibt, zu reden und zu handeln. Er hat den herben Biss des Propheten und will, dass wir gegen Unrecht aufstehen; er will, dass wir Gott lieben und ein Auge für unseren Nächsten haben. Es ist ein Geist, in dem der Mensch beständig im Glauben an Gottes Liebe und in der Verantwortung für den Nächsten gestärkt wird. Es ist ein Geist, in dem du nicht zuerst fragst: „What’s in it for me?“, denn es ist ein Geist jener Liebe, die nicht das Ihre sucht.
Auf den ersten Blick mag Mitläufertum vielleicht von Vorteil scheinen, doch wie Jesus es bildlich im heutigen Evangelium ausdrückt, heißt Mitläufertum, sein Haus und sein Leben auf Sand zu bauen. Anders ist es, sein Leben, Haus und Zuhause auf den Fels zu bauen, der Gottes Liebe ist.
Zum Schluss: kurz zurück zu Michas Urteil über die Propheten seiner Zeit. Er sagt:
„Darum kommt Nacht über euch statt Gesicht und Finsternis statt Wahrsagung“
Beim dänischen Philosophen Søren Gosvig Olesen [geb. 1956; Anm. d. Übers.] finden wir in seinem Buch „Noter til filosofien“ in einer Anmerkung aus dem Jahr 1997 folgende Aufforderung: „Wie wäre es mit ein wenig Distanz zur ironischen Distanz?“
Die Ironie ist im Vergleich zu 1997 wohl von einem größeren Ernst abgelöst worden. Die Zeit ist jetzt, im Jahr 2026, eine andere, und die Welt erscheint unruhiger und instabiler. Doch der Ironie ist eine Distanz eingebaut, die vergleichbar ist mit dem traumlosen Ruhen des Selbstbezogenen in sich selbst und mit der zynischen Betrachtungsweise, die mir heute so vorherrschend erscheint.
Die Ironie enthält einen Selbstschutz, schafft aber zugleich Distanz zu der eigenen Umwelt und zu dem und denen, über die man sich lustig macht. Der Zynismus sichert dagegen einen realistischen Blick auf die Lage; er ist in diesem Sinne distanzlos – und ist es doch wieder nicht, weil der Zynismus in seiner Versessenheit, die Härte zu schildern, traumlos wird und es schwer hat, Visionen zu wecken, getragen von jenem Geist, der die Worte des Propheten Micha trägt.
Eine gewisse ironische Distanz (selbst zur Ironie) und Zynismus haben ihren Platz, um bestehen zu können, doch sie reichen nicht aus. Hier braucht es einen anderen Geist, Gottes Geist, den Geist der Liebe, der verbindet, sammelt und uns zusammenknüpft.
Amen.
Elof Westergaard
Bischof ivon Ribe
eve@km.dk
A.d.Ü.: Diese Fassung kann Spuren von künstlicher Intelligenz enthalten.