Matthäus 9, 14-17
Risse Im Leben | Aschermittwoch | 18.02.2026 | Mt 9, 14-17 | Uwe Hayno Klaas Tatjes |
Liebe Gemeinde,
zunächst fing alles ganz klein an. Ein Hausbesitzer stellte zunächst kleinere, dann immer grössere Risse in seiner Liegenschaft fest. Dann stand plötzlich ein Küchentisch schief. Als nächstes taten sich in der Umgebung an mehreren Stellen Risse, ja, regelrechte Gräben im Erdreich auf. Schliesslich waren die Risse in Häusern und Gebäuden nicht mehr zu übersehen, das Gelände wurde für unbewohnbar erklärt, evakuiert und gesperrt. Am Ende verschwand eine ganze Ferienhaussiedlung mit über 30 Häusern und einem Hotel in Falli Hölli in der freiburgischen Gemeinde Plasselb im Sensebezirk. Kein einziges Haus blieb stehen, als ein Berghang in Bewegung geriet und sich allmählich und schliesslich jäh talabwärts verschob. (Weitere Infos dazu: https://www.srf.ch/news/schweiz/drohender-felssturz-der-fall-brienz-gr-weckt-in-freiburg-boese-erinnerungen)
Wenn Dinge in Bewegung geraten, wenn plötzlich nicht mehr alles so ist wie vorher, dann trägt das Gewohnte oft nicht mehr. Dann wird uns förmlich der Boden unter den Füssen weggezogen und wir müssen uns neu orientieren und positionieren. Von einer solchen Erfahrung berichtet auch unser heutiger Predigttext. Doch hört selbst:
14 Da kamen die Jünger des Johannes zu ihm und sprachen: Warum fasten wir und die Pharisäer so viel und deine Jünger fasten nicht? 15 Jesus sprach zu ihnen: Wie können die Hochzeitsgäste Leid tragen, solange der Bräutigam bei ihnen ist? Es wird aber die Zeit kommen, dass der Bräutigam von ihnen genommen wird; dann werden sie fasten. 16 Niemand flickt ein altes Kleid mit einem Lappen von neuem Tuch; denn der Lappen reißt doch wieder vom Kleid ab und der Riss wird ärger. 17 Man füllt auch nicht neuen Wein in alte Schläuche; sonst zerreißen die Schläuche und der Wein wird verschüttet und die Schläuche verderben. Sondern man füllt neuen Wein in neue Schläuche, so bleiben beide miteinander erhalten.
Die Szene ist kurz, aber klar. Da kommen einige und hinterfragen Jesus, wieso er so ausgelassen dasitzen und feiern kann, während andere sich abmühen und das Richtige tun? Wichtig ist, sich auch den Kontext dieser Erzählung vor Augen zu führen. Vorher wird nämlich berichtet, wie Jesus den Zöllner Matthäus trifft (Mt 9,9)und ihn in die Nachfolge beruft. Dieser lädt ihn in sein Haus ein, wo, wie es heisst, viele andere Zöllner und Sünder sitzen. Gemeinsam sitzen sie zu Tisch und feiern diesen besonderen Tag, diese Lebenswende für Matthäus. Das ruft die Neider und die religiösen Eliten auf den Plan, die Jesus hinterfragen und beklagen, dass er mit fragwürdigen Gestalten wie den Zöllnern, die als Profiteure und Kollaborateure der römischen Fremdherrschaft gelten, als Betrüger und mit anderen Menschen, die nicht den gesellschaftlichen und religiösen Normen entsprechen und die hier pauschal Sünder genannt werden, zusammensitzen kann? Schliesslich geben Sie, die Pharisäer, sich doch alle Mühe, ihren Lebenswandel gottgefällig zu gestalten und alle Regeln einzuhalten. Ihnen schreibt Jesus schon ins Stammbuch, dass Gott Barmherzigkeit und keine Opfer will. (Mt 9,13)
Schliesslich kommen in der Szene, die wir heute anschauen, die Jünger Johannes dazu. Also eigentlich Menschen, mit denen Jesus viel Heu auf derselben Bühne hat. Johannes spürt, dass grosse Dinge in Gang sind und er fordert die Menschen zur Umkehr und Busse auf. Deswegen fasten seine Jünger ja, als äusseres Zeichen, dass sie ihr Leben ändern wollen, als inneren Kompass, um sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Jesu Verhalten, sein Feiern mit allerhand fragwürdigen Gestalten, muss ihnen als fragwürdig, wenn nicht empörend vorkommen. Kann man sich so einfach gehen lassen, anstatt sich ernsthaft vorzubereiten, auf das Neue, das kommt?
Die Antwort, die Jesus ihnen gibt, ist bildlich und schroff. In allen drei Bildern geht es um einen Riss, der sich auftut. Was wäre das für eine Hochzeit, wo die Feiergesellschaft zerrissen wäre zwischen Leid und Freude? Wer weiss nicht, dass es nichts bringt, einen Flicken auf ein Stück Stoff zu setzen, das schon brüchig geworden ist. Der abgenutzte Stoff kann den Flicken nicht tragen und der Flicken kann sogar dazu beitragen, dass der Stoff erneut reisst und das Loch grösser wird. Und jeder Winzer wusste damals, dass die Schläuche aus Ziegenleder, die man damals zum Lagern des Weines benutzte, mit der Zeit brüchig werden. Wenn man jungen Wein, in dem noch Gärungsprozesse ablaufen, dort hineinfüllt, dann läuft man Gefahr, dass der Schlauch reisst und beides, Schlauch und Wein verloren gehen. Ein guter Winzer prüft deshalb vorher alle Schläuche und wägt ab, welche noch für was verwendbar sind.
Wenn man die Antwort Jesu zusammenfassen will, dann kann man sagen: liebe Jünger des Johannes, ihr habt schlicht die Zeichen der Zeit nicht erkannt! Ihr wartet auf das Neue, bereitet euch vor auf das, was kommt und merkt gar nicht, dass es längst gekommen ist. Die, die hier mit mir sitzen, essen und trinken und feiern, die haben es begriffen. Ich bin das Neue, das kommt. Ich bin der Bräutigam, auf den die Braut gewartet hat. In mir erfüllen sich all die Geschichten und Prophetien, die vom Messias erzählen. Ja, Gott kommt in diese Welt, aber ganz anders, als ihr es denkt. Da herrscht kein Heulen und Zähneklappern, da muss man sich keine Asche aufs Haupt streuen und fasten oder sich kasteien. Man kann sich einfach freuen und feiern, wie es die Zöllner und Sünder gerade mit mir tun.
Jesus kritisiert nicht grundsätzlich, dass es Regeln gibt, religiöse Rituale, er kritisiert nicht, dass Menschen sich vorbereiten und sich Dinge versagen, um Ziele zu erreichen. Sie haben ihren Sinn und können helfen, sich zu konzentrieren und sich zu orientieren. Aber wenn es zum Selbstzweck wird, wenn man darüber das Eigentliche nicht mehr sieht, dann wird all das schal und nutzlos. Was nützt alle Frömmigkeit, aller religiöser Eifer, wenn ich den Menschen nicht mehr sehen und erkennen, wenn ich Gott nicht erkenne, selbst, wenn er neben mir sitzt? Barmherzigkeit will Gott und keine Opfer. Darum ist Gott doch in die Welt gekommen. Will er selbst den Menschen nahe sein. Weil er weiss, wie schwer es für viele ist. Wie wir Menschen immer wieder scheitern und versagen.
Die Jünger des Johannes sind Suchende. Sie spüren, dass das Alte und Vertraute nicht mehr trägt. Dass an ihrem Glauben und ihrem Leben vieles Routine geworden ist. Sie suchen nach neuen tieferen Erfahrungen. Sie spüren, dass etwas in Bewegung geraten ist.
Wenn Dinge in Bewegung geraten, wenn plötzlich nicht mehr alles so ist wie vorher, dann trägt das Gewohnte oft nicht mehr. Dann wird uns förmlich der Boden unter den Füssen weggezogen und wir müssen uns neu orientieren und positionieren. Die Jünger des Johannes sind Suchende. Aber in dieser Geschichte sind sie keine Findenden. Sie sind noch nicht bereit für das Neue, das mit Jesus geschieht.
Was würde Jesus uns heute sagen? Wo tun sich für uns die Risse und Brüche auf? Ich denke, die meisten von uns spüren, dass es die Kirche, wie wir sie gewohnt sind, nicht mehr ewig geben wird. Viele Menschen erreichen wir schon gar nicht mehr, unsere Gemeinden schrumpfen. Hier und da gärt es in der Kirche. Die einen wollen radikal alles neu machen, alle Türen öffnen, möglichst viele neue Leute ins Boot holen. Die anderen wollen den Kreis enger ziehen, die Frommen versammeln und sich abgrenzen gegen die Welt oder die anderen.
Dazu gibt es die Brüche und Risse, die sich in unserer Gesellschaft, in unserer Weltordnung auftun, Alt gegen Jung, Migration oder Abschottung, regelbasiertes Miteinander oder Weltpolitik als Raubtierdschungel, wo der stärkste gewinnt, Gerechtigkeit und Verantwortung oder Gier, Ausbeutung und Profit. Und jeder und jede von uns hat sicher seine eigenen kleinen Risse und Brüche, mit denen er zu kämpfen hat, Probleme in der Partnerschaft oder Familie, eine Krankheit, Stress im Beruf oder nicht verwirklichte Träume, denen ich nachtrauere.
Jesus würde uns wohl sagen: Ich spüre Deine Verunsicherung angesichts all dieser Risse und Brüche. Ich weiss, dass es Dir am liebsten wäre, wenn ich Dir ein Rezept gäbe, ein paar Vaterunser täglich, drei Wochen Fasten, einmal täglich in der Bibel lesen oder dies oder das nicht mehr essen. Aber wenn das Neue kommt, dann ist das nicht das, worauf es ankommt. Wenn sich Risse auftun und Dinge zerbrechen, ist es wichtig, dass Du darauf vertraust, dass ich dennoch da bin. Dass Du keine Angst zu haben brauchst, sondern sogar Grund zur Freude haben kannst, weil ich längst gekommen bin. Mach Deine Augen auf und feiere mit uns. Wenn die Zöllner und die Sünder eine Zukunft haben, warum solltest Du keine Zukunft haben?
Oscar Wilde, der nicht im Verdacht stand, fromm zu sein, hat einmal einen sehr klugen Satz gesagt: Jeder Heilige hat eine Vergangenheit, jeder Sünder hat eine Zukunft. Ja, wir haben eine Zukunft, weil nicht wir uns darum mühen müssen, dass die Sterne uns gut stehen, die Götter uns gnädig sind oder wir einfach nur Glück haben. Wir wissen: seit Jesus ist Gott uns nahe, geht die Wege mit. Er lässt uns mit den Rissen und Brüchen des Lebens nicht allein.
Wir könnten uns freilich fragen, ob wir immer bereit sind. Bereit, zu vertrauen, offen, Neues zu wagen, bereit und offen, für das Neue, das mit Jesus kommt. Bin ich bereit, Gott zu vertrauen oder klammere ich mich an das Alte und Gewohnte? Will ich Sicherheit oder bin ich bereit, neue Ufer zu entdecken, wenn alte Gewissheiten zerbrechen? Will ich Trübsal blasen oder glaubensfröhlich mit Vertrauen meinen Weg finden? In unseren Gemeinden können wir uns fragen, ob wir oft gar nicht mehr den Mut haben, neuen Wein in Schläuche zu füllen, sondern nur alten Wein in immer von einem alten Schlauch in den anderen umzufüllen. Und sind wir als Gemeinden mutig genug, alte Schläuche beiseitezulegen, alte Zöpfe abzuschneiden, um Raum zu machen für neuen Wein und frischen Wind? Betreiben wir nur Flickschusterei oder sind wir bereit, ein neues Kleid anzulegen, als Gemeinde, als Gläubige? Und sind wir bereit, die Glaubensfreude zu spüren, allen Unkenrufen zum Trotz?
Mir macht der Text Mut. Mut, Vertrauen zu wagen. In die Hände zu klatschen und zu wissen, ich bin nicht allein, nicht mit meinen Fragen, meinen Sorgen. Nicht mit meinen Rissen und Brüchen. In aller Unvollkommenheit kann ich mich nach neuem ausstrecken und Altes hinter mir lassen.
Die jetzt beginnende Passionszeit lädt uns ein, innezuhalten und darüber nachzudenken. Zu spüren, was trägt und was das Leben heisst.
Amen
Uwe Hayno Klaas Tatjes, Pfarrer, ev.-ref. Gemeinde St. Antoni FR
Liedvorschläge:
EG=Ev. Gesangbuch Deutschland, RG=Reformiertes Gesangbuch der Deutschschweiz
Eingang: EG302/RG 98, 1-3.5 Du, meine Seele singe
EG 396/RG 659, 1-5 Jesu, meine Freude
EG 398/RG 652, 1-2 In Dir ist Freude
Ausgang: EG 346/RG 674,5 Amen zu aller Stund
Lesung: Joel 2, 12-19
Kollektengebet:
Gnädiger Gott, Herr unserer Lebenswege,
wir sind auf so vielen Wegen unterwegs.
Wie viel Mühe wenden wir auf, um ein besseres Leben zu führen.
Die richtige Technik zu finden, um fit und beweglich zu bleiben.
Alles zu tun, damit uns die Sterne günstig stehen.
Jene Diät zu finden, die uns ermöglicht, schlank zu bleiben und dennoch aus dem Vollen zu schöpfen.
Wir träumen vom grossen Glück oder wenigstens einem kleinen Lottogewinn.
Wir opfern viel, um es zu etwas im Leben zu bringen.
Und doch steht der Aufwand oft in keinem Verhältnis zum Ergebnis.
Wir bleiben hinter unseren Erwartungen zurück.
Wir verlieren den Schwung und den Mut.
Wir scheitern an uns und anderen.
Wir bitten Dich, da wo wir uns verlieren.
Da, wo wir straucheln.
Da, wo wir entmutigt sind:
Stell uns vom Kopf wieder auf die Füsse
Und hilf uns, barmherzig mit uns und anderen zu sein.
Gib uns langen Atem für unsere Wege und den Mut, Scheitern einzugestehen und daran nicht zu verzweifeln.
Weil das Grösste, was wir Dir geben können, unser Vertrauen ist.
Amen
Fürbitte
Lieber Vater,
es ist gut zu wissen, dass Dein Blick auf unser Leben ïmmer ein barmherziger ist.
Du siehst nicht auf uns herab.
Du begegnest uns auf Augenhöhe als der menschgewordene Gott.
Schenk uns Vertrauen für unsere Lebensreise.
Wir bitten für die, in deren Leben sich Risse aufgetan haben:
Wir denken an Menschen, die sich zerstritten haben,
die nicht wissen, wie und wo sie wieder miteinander anknüpfen und einen neuen Anfang machen können.
Wir denken an Menschen, die enttäuscht wurden und deren Vertrauen zerbrochen ist.
Wir denken an Menschen, die eine schwierige Diagnose bekommen haben oder mit den Einschränkungen einer Krankheit leben müssen.
Wir denken an Menschen, die ihre Arbeit verloren haben.
Wir denken an Menschen, deren Leben durch Gewalt oder Krieg aus den Fugen geraten ist.
Es gibt so viele Risse im Leben, Gott.
Oft treffen sie uns unvorbereitet und schmerzhaft.
Hilf uns, nicht zu erstarren und nicht zu resignieren.
Gib uns den Mut, auf Deine Zukunft zu vertrauen.
Schenk Du uns offene Augen und Herzen für die Menschen, die auf unsere Hilfe und Unterstützung warten.
Alles, was wir an diesem Morgen noch zu sagen haben, lassen wir einfliessen in die Worte, die uns vertraut sind:
Unser Vater….