Micha 7,18–20

· by predigten · in 3. So. n. Trinitatis, 33) Micha / Micah, Aktuelle (de), Altes Testament, Archiv, Beitragende, Bibel, Deutsch, Eberhard Busch, Kapitel 07 / Chapter 07, Kasus, Predigten / Sermons

Entsorgung | Micha 7,18–20 | 3. So. n. Trinitatis | 21. Juni 2026 | Eberhard Busch

 

Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen, die geblieben sind als Rest seines Erbteils; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er hat Gefallen an Gnade! Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen. Du wirst Jakob die Treue halten und Abraham Gnade erweisen, wie du unsern Vätern vorzeiten geschworen hast.

Entsorgung

„Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt!“ Es gibt zwar viele Götter. Es gibt auch falsche Götter, vielgeschätzte, die Menschen anhimmeln. Aber wo ist einer, der das ausübt: Sünde vergeben! Er kann es. Er tut es. Das Besondere daran ist keine Spezialität neben dem, was ihn ansonsten mit andren Hoheiten verbindet. Sie streben nach einem Platz an der Sonne. Er, der Höchste, er steigt in die Nacht und befasst sich mit den Abgründen des Lebens. „Vergib uns unsere Schuld“. Der Prophet sagt keine Selbstverständlichkeit. Er eckt an.

In unsrem Kirchengesangbuch steht das Lied: „Wo ist solch ein Gott zu finden, der, was Jesus tat, mir tut, mich erkauft von meinen Sünden“. Von meinen Sünden und von denen der anderen kauft er uns frei, sodass wir nicht mehr an sie verkauft sind. In der Tat hat er Menschen dies gesagt – Er im Einklang mit Gott im Himmel, als sein Stellvertreter auf Erden: „Dir sind deine Sünden vergeben“ (Lk 7,48). Sünden geschehen nicht nur in christlicher Zeit. Obwohl – es gibt gerade in ihr Unmengen von Teufeleien und Versagen. Berge von Mist, die abzutragen sind. Es stinkt zum Himmel: das viele Übel weit und breit. Dabei handelt es sich immer um Variationen der einen Sünde, dass wir Gott und alle seine Kinder nicht lieben. Fällt es euch auch auf, wie das Wort „hassen“ Mode geworden ist?

Und Sünde gab es auch schon vor Christi Geburt. Siehe Micha! Hunderte von Jahren vor Christi Geburt. Dieser Prophet hat eben solche Lieblosigkeit vor Augen, im eigenen Volk, in Israel: in Gestalt von Übertölpelung und Vergewaltigung der Wehrlosen.

Abfall, Müll! Wohin damit? Wer sorgt für Entsorgung? Der Name Micha bedeutet: Wer ist wie Gott! Er heißt nicht nur so. Den kennt er bei Namen. Der ist im Stande, das zu beseitigen, was wir an Sünden anhäufen. Das muss er nicht tun. Aber er tut es und tut es derart gründlich, dass es keine Nachbesserungen braucht. Müllschlucker sind heute mancherorts verboten. Aber hier ist einer, bei dem es erlaubt ist: Er beseitigt das Böse in unserem Leben, in einer Weise, dass es nicht mehr gegen uns verwendet werden kann. Micha sagt es so: Er tritt „unsere Schuld unter die Füße“. Bitte, ein Fußabtreter: Weg damit!  – und sagt: „Dir sind deine Sünden vergeben.“

Wohin mit dem Unrat? Micha sagt: Gott wirft ihn „in die Tiefe des Meeres“. Also gelt, was wir ins Meer werfen, Plastik, Atommüll, das ist ganz und gar nicht verschwunden. Jedoch was unser Gott auf die Seite schafft, das bringt er zum Verschwinden. Er macht es unschädlich. Und das macht er so, dass er es auf sich nimmt, selber für die Unkosten in voller Höhe aufzukommen. Im Buch Jesaja (53,5) wird das so gesagt: „Die Strafe liegt auf ihm (dem Stellvertreter Gottes), damit wir Frieden haben. Und durch seine Wunden sind wir geheilt.“  Und so beten wir: „Christe, du Lamm Gottes, der du trägst die Sünde der Welt, erbarme dich unser. Gib uns deinen Frieden.“ Das ist rundum die frohe Botschaft.

Die trifft indes auf Menschen, die von sich sagen: Wir möchten von Vergebung nichts hören. Ich könnte mir ins Bein beißen, was ich vermasselt habe. Oder: Ich kann es niemals vergessen, was mir, was uns angetan wurde. Ich komme niemals drüber hinweg.  Es gibt solche – und manchmal sind wir solche, – die können nicht vergeben. Aber nun höre gut zu: du musst auch gar nicht drüber hinwegkommen. Gott kommt vielmehr hin zu dir. Er hält zart deine Hand und holt dich aus deiner Wund-Starre mit der Salbe seiner heilenden Liebe. Er versteht sich aufs Gesundlieben. In der Hand seiner Liebe gelingt dir, was du nicht kannst: ein Neubeginn.

Die Kunde von der Vergebung trifft auch auf Menschen, die viel bedenklicher dran sind. Sie sind Meister im Vertuschen, im green-washing. Schwamm drüber! Sie sind Sünder, die abstreiten, Sünder zu sein. Sie erklären: „Ich habe mir nichts vorzuwerfen; ich habe nur meine Pflicht getan.“ Als der Naziführer Hermann Göring, höchst verantwortlich für das deutsche Morden im 2. Weltkrieg, 1946 in Nürnberg vor Gericht stand, da erklärte sogar er sich als „nicht schuldig“. Bald darauf belustigte der Kölner Jupp Schmitz das Volk mit seinem Song: „Wir kommen alle, / alle, alle in den Himmel, / weil wir so brav sind.“ Dies nach all, all dem Massaker, angerichtet von Leuten wie wir. Es gibt ein Gerede vom „lieben Gott“, das erfolgt, kurz bevor man gar nicht mehr von ihm redet. Denken wir nach über den Spruch von Ernst Moritz Arndt: „Wer nie im Zorn erglühte, kennt auch die Liebe nicht“!

Und das sagt Gott allemal zuerst dem „Rest seines Erbteils“. Das sind die, die zu ihm gehören. Gehören sie etwa doch nicht zu ihm? Steht das auf des Meers Schneide? Das ist die ernste Frage, die der Zorn Gottes aufwirft, zuerst über seinem Volk, über seiner Gemeinde. Er hat das Recht zu urteilen. Er hat das Heft in der Hand bei allem. Und das wird sich eines Tages zeigen. In einem alten Text aus der Reformationszeit steht zu lesen: „In aller Trübsal und Verfolgung darf ich mit erhobenem Haupt aus dem Himmel eben den Richter erwarten, der sich zuvor für mich dem Gericht Gottes gestellt und alle Verurteilung von mir genommen hat.“ Und das betrifft nicht nur mich. Wen betrifft es eigentlich nicht? Und was wir zu erwarten haben, das hat er uns schon aufgetischt. Daran können wir uns halten: heute wie gestern und an jedem neuen Tag.

Damit kehren wir an den Anfang unsrer Predigt zurück: Wo ist solch ein Gott, wie du bist, „der alle Verurteilung von mir genommen hat.“ Greifen wir dazu ein Lied aus dem 16. Jahrhundert auf, das in seiner alten Sprache uns auch heute mitnimmt: „(Gott) hat uns wissen lassen, /sein herrlich Recht und sein Gericht, /dazu sein Güt ohn Maßen, /es mangelt an Erbarmung nicht. /Sein Zorn lasst er wohl fahren, /straft nicht nach unsrer Schuld. /Die Gnad tut er nicht sparen, /den Schwachen ist er hold. /Sein Güt ist hoch erhaben /ob dem, der ehret ihn. /So fern der Ost vom Abend  /ist unsre Sünd dahin.“ Er, Gott, sorgt für Entsorgung.


Verfasst von:
Eberhard Busch