Micha 7,18–20

· by predigten · in 3. So. n. Trinitatis, 33) Micha / Micah, Aktuelle (de), Altes Testament, Archiv, Barbara Signer, Beitragende, Bibel, Deutsch, Kapitel 07 / Chapter 07, Kasus, Predigten / Sermons

Im Meer versenkt | 3. So. n. Trinitatis | 21. Juni 2026 | Mi 7,18–20 | Barbara Signer |

 

Wer wäre ein Gott wie du, der Schuld vergibt und hinwegschreitet über Vergehen für den Rest seines Erbbesitzes? Nicht für immer hält er fest an seinem Zorn, denn er hat Gefallen an Gnade! Er wird sich wieder über uns erbarmen, unsere

Schuld wird er niedertreten. Und in die Tiefen des Meeres wirst du all ihre Sünden werfen. Jakob erweist du Treue, Abraham Güte, wie du es unseren Vorfahren geschworen hast seit den Tagen der Vorzeit. (Mi 7,18-20; ZB 2017)

 

Im Meer versenkt

Liebe Schwestern, liebe Brüder

Dies sind die letzten und abschliessenden Worte des Buches Micha. Zuvor schildert der Prophet in sieben Kapiteln, wie vor allem die Mächtigen in Israel Schuld über das ganze Volk brachten durch wirtschaftliche Ausbeutung, politische Unterdrückung, Korruption und Betrug. Nicht nur das: Diese Mächtigen verleiteten das Volk, dessen Wohlergehen ihnen anvertraut war, dazu, fremden Göttern nachzulaufen. Man könnte nun meinen, dass dafür nur die Mächtigen zur Rechenschaft gezogen werden sollten. Vielleicht kennen Sie das aus ihrer Kindheit. Wenn man da bei Unfug erwischt wurde, hat man schnell mit dem Finger auf andere gezeigt und sich mit den Worten verteidigt: Er hat gesagt, ich soll. Aber damals wie heute funktioniert diese Art der Rechtfertigung nicht. Micha stellt ganz klar fest, dass auch das Volk selbst sich schuldig macht und kritisiert beispielsweise die Zerrüttung der menschlichen Beziehungen, besonders in der Familie. So klagt Micha beispielsweise in Kapitel 7: … der Sohn hält nichts vom Vater, die Tochter erhebt sich gegen ihre Mutter, die Schwiegertochter gegen ihre Schwiegermutter, des Menschen Feinde sind die Menschen im eigenen Haus. (Mi 7,6) Ob Täter oder Verleitete, alle tragen Schuld. Zwar wird in der Hebräischen Bibel in unterschiedliche Formen der Sünde unterschieden. Es gibt deshalb verschiedene Worte für Sünde: Frevel wird die Rebellion, der Aufstand gegen Gott genannt, Vergehen ist die bewusste Übertretung und Sünde ist die unbeabsichtigte Sünde.[1] Dennoch, ob bewusst oder unbeabsichtigt, beides richtet sich gegen Gottes Weisung und muss Folgen nach sich ziehen.

Trotzdem hören wir nun nach sieben Kapiteln voller Anklagen und dem Aufdecken von schuldhaftem Verhalten diese versöhnlichen drei Schlussverse. Sie sind wie ein Hymnus oder eine Liturgie gestaltet. Das merkt man insbesondere daran, dass die Verse aus dem Mund verschiedener Sprechenden zu kommen scheinen. Dieser Hymnus beginnt mit der Frage nach der Identität Gottes: Wer ist ein Gott wie Du? Diese Frage ist auf dem Hintergrund der Tatsache zu verstehen, dass damals im ganzen Alten Orient eine Vielzahl von Göttern verehrt wurde, jedes Volk, jeder Staat oder jede Stadt hatten quasi ihren lokalen Götterolymp. Doch bei all der Vielfalt gab es doch auch Übereinstimmungen. Die Götter unterschiedlicher Staaten trugen zwar andere Namen, betreuten aber ähnliche „Ressorts“. Das kann man heute noch sehr schön nachvollziehen, wenn man Staatsverträge liest, in denen der Gott der einen Vertragspartei sozusagen in den Gott der anderen übersetzt wurde. In dieser Göttervielfalt musste Israel begründen, weshalb sein Gott ein ganz spezieller mit einer einzigartigen Identität war. Verschiedene Schriften der Hebräischen Bibel geben hierzu unterschiedliche Antworten. Neben den Machttaten für Israel und seiner Bundestreue hebt sich Gott vor allem durch seinen Einsatz für soziale Gerechtigkeit, seine Bereitschaft zur Vergebung und seine Barmherzigkeit ab. Davon hören wir beispielsweise in Psalm 103: Barmherzig und gnädig ist der Herr, geduldig und von großer Güte. Er wird nicht für immer hadern noch ewig zornig bleiben. Er handelt nicht mit uns nach unsern Sünden und vergilt uns nicht nach unsrer Missetat. (Ps 103,8-10) Das ist es, was den Gott Israels ausmacht. Was wir hier hören, nennen die Gelehrten die Gnadenformel, wie sie in abgewandelter Form auch an anderen Stellen in der Hebräischen Bibel vorkommt. Bei Micha finden wir eine dieser abgeänderten Formen. Hier wird Gott die Schuld niedertreten, wobei mit dem hebräischen Wort, das hier im Original verwendet wird, ein gewaltsames Unterwerfen gemeint ist. Gott wird die Schuld in die Tiefe des Meeres werfen, also an einen Ort, von dem es nach menschlichem Ermessen keine Wiederkehr mehr gibt. Schliesslich landet heutzutage ein grosser Teil unseres Abfalls, besonders der problematische ebenso im Meer. Aus den Augen, aus dem Sinn.

Bei Micha geht es aber nicht um Umweltsünden, sondern darum, Trost und Hoffnung zu spenden. In seiner Formulierung wird die Erinnerung an den Propheten Jona wach. Dieser hat keine Lust, den Menschen von Ninive Gottes Gerichtsspruch auszurichten. Deshalb besteigt er ein Schiff und macht sich in die entgegengesetzte Richtung davon. Während eines fürchterlichen Sturms erfahren die Seeleute von seinem Ungehorsam und werfen ihn über Bord ins Meer, wo er von einem Fisch verschluckt wird. Als er schliesslich nach drei Tagen wieder ausgespuckt wird, führt er seinen Auftrag aus, mehr oder weniger geläutert. Aus eigener Erfahrung ist mir bewusst, dass wir uns selbst auch manchmal in die Tiefe unserer Seele begeben müssen, um unbequeme Wahrheiten über uns selbst zu entdecken und unsere Schuld zu erkennen. Die Erfahrung Jonas wird in einer Tradition am jüdischen Neujahrsfest aufgenommen: Die Gläubigen gehen zu einem fliessenden Gewässer und werfen symbolisch ihre Sünden ins Wasser, indem sie ihre Taschen ausleeren und säubern. So können ihre Sünde in die Tiefe des Meeres hinausgetragen werden.[2]

Diese Vergebung der Sünden gilt streng genommen nur für Israel, dem Rest des Volkes, das nach der grossen Katastrophe übriggeblieben ist. Die Verheissung Michas ist ganz eindeutig an die Nachfahren Jakobs und Abrahams gerichtet.

Wie kommen wir als Christ:innen da ins Spiel? Interessant ist, dass Abraham hier erwähnt wird. Das ist eher selten, von Jakob als Synonym für Israel hören wir hingegen oft. Es muss also eine Bedeutung haben, dass Abraham hier erwähnt ist. Deshalb erinnern wir uns daran, dass Abraham in der Hebräischen Bibel als Segen für die Völker bezeichnet wird. Durch ihn können alle Völker ebenso Zugang zu Gott erhalten wie das erwählte Gottesvolk. Darauf bezieht sich ja auch Paulus im Römerbrief (Röm. 4).

Im engeren Kontext wird aber auch bei Micha klar, dass die Völker von Gottes Vergebung profitieren können, aber nur, wenn sie von ihrer Gewalt gegen Israel ablassen. Der Prophet fasst das in wenig schmeichelhafte Worte:

«Nationen werden es sehen und zuschanden werden, werden all ihre Macht verlieren; sie werden die Hand auf den Mund legen, ihre Ohren werden taub. Wie die Schlange lecken sie Staub, wie jene, die auf der Erde kriechen. Zitternd kommen sie aus ihren Gefängnissen, ängstlich nähern sie sich dem HERRN, unserem Gott, und sie fürchten sich vor dir.» (Mi 7,16-17)

Über Jahrhunderte, ja Jahrtausende hinweg hat sich die christliche Kirche immer wieder als neues Israel, als das eigentliche Gottesvolk gesehen, aber wir müssen uns bewusst machen, dass wir eigentlich nur Trittbettfahrer sind, die auch noch von der Erwählung Israels und der Sündenvergebung profitieren dürfen. Aber auch das Gottes Volk bekommt diese Vergebung nicht so ohne Weiteres, lesen wir doch in Vers 9: Ich werde die Wut des HERRN ertragen, denn ich habe gesündigt gegen ihn. Ein Sündenbekenntnis ist auf jeden Fall die Vorleistung, die es für Vergebung braucht, sei es nun für Israel, für die Völker oder für Einzelne.

Natürlich bedingt das, dass man sich auch der Schuld bewusst ist, und manch einer hat wohl das Gefühl, dass er oder sie sich doch ganz redlich durchs Leben bringt. Dass dies nicht wirklich der Fall ist, hat schon Zwingli in einer sehr ausführlichen Predigt über göttliche und menschliche Gerechtigkeit angesprochen.[3] Anhand der Bergpredigt zeigt Zwingli auf, was Gott eigentlich vom Menschen erwartet. Zum Beispiel, dass man nicht Dinge begehrt, die einem anderen gehören, nicht einmal in Gedanken. Da Gott nun aber die menschliche Natur kennt, schuf er – immer nach Zwingli – die Zehn Gebote, eben die menschliche Gerechtigkeit, um Schlimmeres zu verhindern. Mit dem Gebot Du sollst nicht stehlen wird sozusagen eine Mindestanforderung aufgestellt, die gerade noch von einem Menschen mit viel gutem Willen erfüllt werden kann, zumindest rein äusserlich. Was aber im Menschen innen drin vor sich geht, was nun die Forderung der göttlichen Gerechtigkeit anbelangt, das kann nur Gott selbst beurteilen. Zwingli folgert daraus, dass ein Mensch deshalb nicht als sündlos gelten kann, nur weil er oder sie es schafft, diese äusserliche menschliche Gerechtigkeit zu erfüllen, wie sie uns die Zehn Gebote vorgeben. Der innere Mensch wird immer gegen die göttliche Gerechigkeit, wie sie in der Bergpredigt formuliert ist, verstossen. Und deshalb ist es auch gut zu wissen, dass wir uns miteingeschlossen fühlen dürfen, wenn wir bei unserer Bibellektüre der Gnadenformel begegnen: Barmherzig und gnädig ist der Herr, geduldig und von grosser Güte. (Ps 103,8-10) Amen.


Barbara Signer
St. Gallen
E-Mail: barbara.m.signer@gmx.ch

geb. 1963, Pfarrerin zu je 50% in der Kirchgemeinde Walzenhausen, Kanton Appenzell Ausserrhoden, und der Kirchgemeinde Unteres Rheintal, Standort Rheineck, Kanton St. Gallen.


Fussnoten

[1] Gabriele Zander, Von der Langsamkeit der Vergebung, in: Predigtmeditationen, Reihe 2 (2025) S. 248.

[2] Gabriele Zander, Von der Langsamkeit der Vergebung, in: Predigtmeditationen, Reihe 2 (2025) S. 252.

[3] Von göttlicher und menschlicher Gerechtigkeit, 30. Juli 1523. Huldreich Zwinglis sämtliche Werke, vol. 2 (Leipzig: Heinsius, 1908) (Corpus Reformatorum 89)