Mt 15,21–28
Nach dem Urlaub brauch ich Ferien | 17. So. n. Trinitatis | 27. September 2026 | Mt 15,21–28 | Udo Schmitt |
Nach dem Urlaub brauch ich Ferien
1 Urlaubswunsch und Dienstbereitschaft
Es gibt Berufe, da ist man immer im Dienst. Ein Polizist, der eine Straftat sieht, muss einschreiten, auch wenn er gerade frei hat. Wenn ein Mediziner in einem Lokal zu Abend isst und der Ruf erschallt: “Ist ein Arzt anwesend?”, dann muss er aufspringen und helfen. Ebenso eine Krankenschwester oder ein Feuerwehrmann. Auch ein Pfarrer ist als Seelsorger immer im Dienst und kann nicht sagen: “Och nöö, ich hab jetzt gerade keine Lust.” Und ganz ähnlich ist es wohl auch mit dem Beruf Gottes Sohn und Wunderheiler. Als Jesus im Norden war – er hatte sich mit seinen Jüngern gerade zurückgezogen, wollte etwas Abstand gewinnen, Ruhe finden vor dem Volk, das ihn verfolgte und immer neue Wunder verlangte, kurz, er wollte mal ausspannen, Urlaub machen – da wird schon wieder seine Hilfe verlangt: “Herr, erbarme dich! Kyrie eleison!”
2 Schroffes Schweigen
Jesus verhält sich so, wie man es von einem jüdischen Rabbi erwarten darf. Er schweigt. Uns befremdet das. Ja, mehr als das. Im Bibelkreis am Dienstagabend z.B. war die Empörung groß. Als wir diesen Text besprachen, brach es aus vielen heraus: Wie kann Jesus nur so schroff sein. So abweisend. So kennt man ihn ja gar nicht. Der Bibelkreis war sehr empört. Und ja – es stimmt – dieser Jesus ist uns fremd. Es ist nicht der nette Jesus von nebenan, der Kumpel, der jedem hilft. Unser Bruder Jesus, immer gut drauf und: „Hey! Every time Fairplay!“ – Nein, so niedlich ist er diesmal nicht. Er sieht die Frau nicht an und will weitergehen. – Die Frau schreit weiter: “Herr, erbarme dich! Kyrie eleison!” Den Jüngern wird die Sache langsam peinlich. “Jesus, tu doch was. Das Geschrei der Frau ist ja nicht zum Aushalten. Jetzt tu ihr halt den Gefallen oder mach irgendwas. Die Leute schauen uns schon hinterher.”
3 Vorläufige Beschränkung des Einsatzgebiets
Jesus, der bis jetzt geschwiegen hat, weil man das eben so tut als Rabbi – man lässt sich nicht „anquatschen“, nicht im Ausland, auf der Straße und schon gar nicht von Frauen. Da gab es Regeln und erst recht im Orient. Das ist ja bis heute so. Im Orient darf eine Frau längst nicht alles, was sie hier darf, und einen Mann einfach auf der Straße anzusprechen, ist ein heikles Thema. Aber das ist den Jüngern egal, hauptsache, die Frau hört endlich auf zu schreien. – Jesus, der bis jetzt geschwiegen hat, antwortet. Endlich. Aber nicht der Frau, sondern seinen Jüngern: “Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel.”
Wieder war die Empörung groß im Bibelkreis. Was ist denn das für eine Antwort. Gilt denn etwa die frohe Botschaft nicht für uns? Und ist Jesus nicht für alle Menschen gestorben? Und hat er nicht selbst gesagt: “Gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker” Was gilt denn nun?
Doch was Jesus sagt, ist richtig. Wir sind noch in der Zeit vor Ostern, und die Zeit ist noch nicht reif für die Völker. Erst der auferstandene Christus wird seine Jünger in alle Welt senden. Dann ja, aber jetzt noch nicht. Der Jesus in der Zeit vor Ostern ist nicht gesandt, Kranke aus allen Völker zu heilen. Seine Mission ist es, den Auftrag des Vaters zu erfüllen und das Leiden auf sich zu nehmen und den Weg zu gehen, der ihn ans Kreuz führen wird. Jesus wird an Israel scheitern und sterben, aber gerade dadurch wird er den Tod überwinden. Wenn sich Jesus jetzt noch nicht den Heiden zuwendet, verläuft also alles nach Plan.
4 Nachläufige Hartnäckigkeit
Der Frau sind solche heilsgeschichtlichen Überlegungen natürlich fremd. Und letztlich ist ihr der ganze Heilsplan auch „schnurzpiep“ und egal, denn sie weiß nur eins: Ihre Tochter ist krank und dieser Mann kann ihr helfen. Und so schreit sie weiter und noch lauter: “Herr, erbarme dich! Kyrie eleison!” Und um das Ganze noch zu unterstreichen, fällt sie vor ihm nieder und ruft: “Herr, hilf mir!” Jetzt kann Jesus ihr nicht mehr ausweichen und so antwortet er ihr. Aber was ist das für eine Antwort? Er sagt nicht Ja oder Nein, sondern ganz allgemein: “Es ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde.”
Tja, Jesus hatte wohl wirklich einen schlechten Tag erwischt. Man spürt seiner Antwort einen gewissen Ärger an. Ärger vielleicht darüber, dass die Leute Wunder um Wunder von ihm verlangen, und doch nicht glauben wollen. Aber genau das ist es, was Jesus will. Dass die Leute glauben, dass die Leute zu Gott beten und ihm vertrauen und dass sie so ihr Leben führen, aus dem Glauben heraus und aus Gottes Liebe heraus. Und stattdessen verlangen die Leute von ihm immer wieder Wunder und noch mehr und noch mehr. Nicht einmal im Urlaub im Ausland ist man davor sicher. Und Jesus ärgert sich: “Och nöö, Leute, muss das sein?” Nun ja, er formuliert es etwas anders. Aber der Sache nach sagt er der Frau genau das, was er auch schon seinen Jüngern gesagt hat: Ich bin zu den Kindern Israels gesandt, zu den verloren Schafen – das ist meine Mission. Die Schafe sind jetzt dran, nicht die Hunde – also nicht die Heiden – die kommen später, wie wir heute, nach Ostern, wissen.
5 Eine schlagfertige Hündin
Hunde! Was für eine Beschimpfung. Das saß. – Sollte man meinen. Oder würden Sie noch weiterreden wollen nach so einem Wort? Aber diese Frau kennt keine Peinlichkeit. Eine Mutter, die ein behindertes Kind hat, muss sich so manches anhören in ihrem Leben. Gute Ratschläge und gemeines Getratsche. Da darf man nicht zimperlich sein, und auch nicht wählerisch. Und sie ist es nicht. Nein, diese Frau hat Mut und sie ist schlagfertig. Sie ignoriert die Beleidigung nicht nur, sondern wendet sie in ihr Gegenteil. “Ich will ja gar nicht”, so antwortet sie: “den Kindern Israels ihr Brot wegnehmen, mir geht es um mein krankes Kind, nur die Krümel, die vom Tisch fallen verlange ich für es.” – Das saß nun wirklich.
6 Gut gebrüllt, Löwin!
Tja, Schachmatt. Jetzt konnte Jesus nicht mehr Nein sagen. Und er akzeptiert es. Mehr noch, er lobt sogar die Frau: “Dein Glaube ist groß” Das ist ein hohes Lob aus seinem Mund und es wird nur wenigen zuteil. Jesus zeigt sich am Ende doch wieder großmütig und beharrt nicht kleingeistig auf seinem Recht und dass die Heiden jetzt eigentlich noch nicht dran sind usw. usf. – Er sagt nicht nur “Naaa gut”, sondern er sagt “Gut gesprochen Frau – gut gebrüllt, Löwin, die du dein Kind verteidigst! Es soll gesund werden.” Und es wurde gesund. Und so wurde der Vorhang von Ostern ein wenig gelüftet. Das Heil kommt zu den Heiden, nun noch nicht ganz, aber Jesus macht schon mal eine Ausnahme vom Heilsplan für diese beherzt auftretende Mutter. Ein versöhnlicher Schluss – Happy End.
7 Schlussfolgerungen
Nun, was können wir lernen, was können wir nach Hause mitnehmen von dieser Geschichte? Erstens: Jesus hat auch manchmal eine Seite, die uns fremd ist. Er ist nicht das kleine liebe Jesulein, das wir uns so schön zurechtgelegt haben, damit es gut in unser Konzept passt. Er schleicht nicht immer nur vergeistigt lächelnd durch das Leben, spielt nicht den Dalai-Lama, immer nur lächeln und immer vergnügt, sondern er tritt zuweilen auch sehr bestimmt auf. Er kann auch Ärger empfinden über die Ungerechtigkeit seiner Zeit, Trauer über das Unverständnis seiner Zeitgenossen, und er kann sogar richtig sauer werden, wenn er z.B. die Händler vor dem Tempel verjagt.
Zweitens übt Jesus Toleranz. Auch schon vor Ostern ist er offen für andere. Vielleicht hat er es auch erst an dieser Frau gelernt. Er spricht von Hunden, aber sie erweist sich als schlau wie eine Füchsin und mutig wie eine Löwin. Das nötigt ihm Respekt ab. Und er versteift sich nicht auf ein „Ihr-gehört-nicht-dazu-Denken“. Jesus, der sich anfänglich angefasst und leicht genervt zeigt, erweist sich als lernfähig und kompromissbereit. Zumindest aber als absolut angstfrei. Und das ist eine vorbildhafte Haltung, gerade im Umgang mit Fremden. Angst ist immer ein schlechter Ratgeber. Und auch wir müssen uns vor den Fremden nicht fürchten, die zu uns kommen. Sie nehmen unseren Kindern nichts weg, sie suchen nur einen Platz zum Überleben.
Drittens zeigt der Mut der Frau, dass auch wir mutig sein können, wenn wir Gott um etwas bitten. Respektlos und hartnäckig bittet sie und bittet immer weiter. Auch uns soll es nicht peinlich sein, Gott um etwas zu bitten. Keine Angst beim Beten! Sagt nicht: „Da hilft nur noch Beten“, und meint damit, dass nichts mehr hilft. Gebete haben eine große Kraft. Sie stärken uns in Zeiten, in denen wir uns hilflos und ohnmächtig fühlen. Sie zeigen uns neue Wege und geben uns die Kraft den neuen Weg zu gehen, mutig und geduldig, Schritt für Schritt. Und das wünsche ich Ihnen und uns allen hier.
Liedvorschläge:
EG 419 Hilf, Herr meines Lebens
EG 648 Wir haben Gottes Spuren
EG 655 Aus der Tiefe rufe ich zu dir
HuE 2 Wo Mensch sich vergessen / da berühren sich Himmel und Erde
Udo Schmitt, geb. 1968, Pfarrer der Evangelischen Kirche im Rheinland, von 2005-2017 am Niederrhein, seit 2017 im Bergischen Land.
Dorfstr. 19 – 42489 Wülfrath (Düssel)
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