Matthäus 5,3–37 – Reimpredigt
Reimpredigt zum Fasching 2026 | Estomihi | 15.2.2026 | Mt. 5,33–37 | Uland Spahlinger |
Gottes Gnade, Fried und Freud
Wünsch ich uns –
und Heiterkeit,
die zuletzt im Weltbetrieb
ziemlich auf der Strecke blieb.
Also lasst uns mal grad‘ eben
Hier und da den Teppich heben.
Denn – soviel kann ich schon verkünden –
Da drunter ist viel Müll zu finden.
Blech und Besen her! Alsdann
Geh‘ mer’s an!
Lasst uns, damit wir nicht verkühlen,
ein bisschen in Geschichte wühlen.
Zu Köln, da haben einst die Jecken,
(die auch in uns ein bisschen stecken),
mit bunten Garde-Uniformen
des Herrn Napoleons Army-Normen
ganz munter auf die Schipp‘ genommen,
sind sogar heil davongekommen.
Im Karneval, lässt uns das lesen,
muss auch ein Untertanenwesen
in Zeiten strengster Diktaturen
nicht nach der Herren Pfeife spuren.
Um wieviel leichter ham wir’s heut!
Viieel Freiheit gönnt uns unsre Zeit.
Die lasst uns nutzen. Lasst uns messen,
wovon denn Land und Welt besessen.
Und weil wir heute in der Kirche sind,
gibt’s auch noch etwas Bibel, gutes Kind.
Wir legen los und fangen dann
Mit einer Typenstudie an:
Nicht therapeutisch, sicherlich,
sondern in eher grobem Strich.
Er trägt Bäuchlein – sie trägt Zopf,
nicht wirklich mit Charakterkopf.
Du find’st sie überall im Land,
an jedem Ort, in jedem Stand.
Ihr kennt die beiden ganz genau:
Den deutschen Michel und sei‘ Frau.
Der Michel mit der Zipfelmütze,
Viel Vorurteil im Kopf, kaum Grütze.
Kein Bürger, eher Untertan,
drum kommt „Monarch“ bei ihm gut an.
Modern gegendert, das ist ja eh klar,
stell’n wir zum Michel die Michaela.
Du triffst sie hier, du triffst sie dorten –
Allerorten.
Früher, da dachte ich: die sind nur
Des Deutschen böse Karikatur.
Doch schau ich mich um hier im Reviere:
Die gibt es ja echt, hey – Realsatire!
Oder noch schlimmer, harte Sache,
betreiben sie jetzt Meinungsmache.
Hören nicht zu – urteilen schnell,
Sind auch mit „Meinung“ gleich zur Stell‘.
Tun liebend gerne Haare spalten,
kehren den Bürgersteig und halten
Die andern erst einmal für dumm.
Ob Hauptschul‘, ob Gymnasium
Spielt dabei selten eine Rolle:
Sie finden nur sich selber tolle.
Du findest sie in jedem Fall
Überall.
Im Rathaus oder der Kanzlei,
bei Cordon Bleu und Haferbrei,
am Fließband oder auf dem Bau.
Ganz genau.
Im Publikum und auf den Bühnen,
In Dinkelsbühl, in Tölz, in Lünen,
in Magdeburg und Buxtehude,
im Stadion, in der Muckibude,
beim Yoga und beim Yogitee –
is‘ doch schee! (Oder?)
Mit breiter Brust und unverzagt
und immer auf der Schnäppchenjagd.
Sie schimpfen gleich mal auf Verdacht
Auf den, der ihnen streitig macht,
was, wie sie meinen, sie verdienen,
die immerfleiß’gen Arbeitsbienen.
In der Schlange, an der Kasse,
und am Grill auf der Terrasse;
pochen sie stets auf ihr Recht.
Ich krieg‘ es nicht – mir geht es schlecht!
Empören sich bei Kerzenschein:
Wie kann das sein? Das darf nicht sein,
dass irgendwelche Immigranten,
die wir von vorher gar nicht kannten,
sich einfach aufs Sozialamt schleichen,
um fette Kohle einzustreichen.
Und wir – wir buckeln uns nur krumm –
Ist doch dumm!
So wächst er, der Sozialverdacht.
Jedoch, die Frage sei erlaubt:
Habt Ihr den Faktencheck gemacht?
hat man der Heimat Euch beraubt
mit Krieg, Gewalt und Hungersnot?
Sind Eure Liebsten deshalb tot?
Habt Ihr Euch dafür Zeit genommen
Und seid ihr ins Gespräch gekommen?
Bist du – um damit anzufangen,
die hundert Schritte auch gegangen
in ihren Schuh’n, auf seinen Straßen,
den staubigen wie auch den nassen?
Flüchtling sein ist nicht von Pappe,
drum halt du erst mal die Klappe….
Prüfe tief in deiner Tiefe,
deine innersten Motive!
Der Neid ist ein gemeiner Wicht.
Und: nein, Leut‘, lustig ist das nicht.
Denn scheinbar vorenthalt’nes Recht
Ist vor allem Rechten recht,
denen, die dem Staat misstrauen,
gegen Fremde Mauern bauen,
Gegen Fremde demonstrieren,
Bürgerwehr organisieren,
Selbstjustiz auch propagieren
Blut und Boden kultivieren.
Nazi-Jargon tun sie imitieren,
Andere Leute wie Vieh traktieren.
Manch einer will sofort füsilieren –
Oder zumindest gleich remigrieren,
abschieben, ausweisen, deportieren
und als „Gefährder“ flugs markieren,
die, sagt er, denn es stimmt bestimmt,
die noch nicht einmal Deutsche sind.
Und dann wird in Zwiebelschalenmanier
Geschichtchen um Geschichtchen gelegt.
Fake News als Narrativ wird gepflegt,
und breitet sich aus wie ein Krebsgeschwür.
Das wird geWhat’sAppt und getwittert,
der Algorithmus wird gefüttert.
Und dann, dann kriegst du nur noch das,
was du schon selbst geargwöhnt hast.
So züchtet sich der Hass.
Selbstläufer nennt man das.
„Hast Du schon gehört?“ – „Hab ich selbst gelesen!“ –
„Wir können nur an uns selber genesen.
Drum: aus die Maus,
Ausländer raus!“
Kaum einer hat dabei bedacht,
wer denn dann wohl die Arbeit macht,
sich krummlegt, buckelt, stemmt und schuftet,
besonders da, wo’s nicht so duftet?
Es ist halt leicht in unsren Tagen,
auf Minderheiten einzuschlagen.
Die Bibel spricht:
Das sollst du nicht!
Matthäus hat, dass Ihr nur schaut,
‘nen echten Knigge eingebaut
In seinem Evangelium
Ihr lieben Leut‘, das war nicht dumm!
Denn weil so viele schnell vergessen,
was sich im Regelfall gehört,
und pöbeln rum, grad wie besessen,
dass es den Anstand schier verstört:
Der gute Ton ist gar nicht schlimm.
Er zeigt der Welt: du hast Benimm.
Nimmst außerdem den andern wichtig.
Und das, mein lieber Freund, ist richtig.
Drum hat Matthäus für die Welt
Sehr kluge Regeln aufgestellt.
Hört also zu, was der Jesus so meint
Über den Umgang mit Freund und mit Feind
für Menschen – nicht für Gartenzwerge
aus seiner Predigt dort am Berge.
Die hat er ja, das ist bekannt,
vor allem an sein Team gewandt:
Die Jünger warn sein Publikum
Und nicht die Massen ringsherum.
Drum nehmen wir das ernst und heiter:
Der Chef spricht für die Mitarbeiter.
Das ist auch gut für Atheisten,
doch erst mal geht’s an uns: die Christen.
Hört also, kaum durch Reim verderbt,
von seiner Rede ein Exzerpt:
„Die Alten,“ sagt er, „haben gelehrt,
dass man nur saubere Eide schwört.
Falsche Eide, das wussten auch sie,
schaden dem Recht und der Sympathie.
Ein Eid, so sagt man, dient doch im Streit
Als echter Beweis für die Ehrlichkeit.
Soweit die Alten, doch unumwunden
Sag ich euch für alle kommenden Stunden:
Ein Ja sei Ja, ein Nein sei Nein.
Da braucht’s nichts weiter obendrein.
Du sollst auch im Späten wie im Frühen
Nicht Gott für deine Wahrheit bemühen.
Lass Himmel und lass Erde raus,
auch Königs Thron – das wär‘ ein Graus!
Schwör besser nicht bei deinen Haaren,
die irgendwann vom Kopf dir fahren;
und wirst du auch zum Färben gehn,
die Wahrheit drunter bleibt bestehn….
Darum bleib klar: Ja – und: nein!
Alles Weit’re soll nicht sein.“[i]
Soweit der Herr – der Jünger staunt
Über den „Sermon On The Mount“.
Doch ächz: wie oft presst sich ins Gehör:
„Isch wars nicht, ehrlich! Krass, Mann! Ich schwör!“
Boh ey, dass dem die Zunge nicht raucht!
Das kommt so oft, neeeee, das ist doch verbraucht.
Mein Therapeut, der redet schon
von einer Schwör- In-fla-ti-on.
Kommt eine Wahrheit dann ans Licht:
Ich schwör, ich schwör, das war ich nicht.
Der Sachbearbeiter war Schuld,
dem entzieh ich jetzt auch die Huld!
Aus der großen Politik
bring ich zwei Stichwörter mit.
Autobahnmaut und Maskendeal,
da reicht mir’s schon, das ist schon viel.
Und dann, gewissenlose Wichte,
heißt’s: Ja, vielleicht und nein, …. – ich nichte!
Kleben am Sessel und an den Tantiemen,
denn sel’ger als Geben ist halt das Nehmen.
Und dabei nehmen sie in Kauf:
Die Knete weicht das Rückgrat auf.
Würden sie sonst ins Mikro schäumen,
anstatt ihren Schreibtisch flugs zu räumen?
Man fragt: was hat sich da entpuppt?
Sind die korrupt?
Doch nein, das ginge wohl viel zu weit.
Das ist doch nur „neue Wirklichkeit“,
Die Schwüre hängen rum wie Trauben,
und trotzdem fragt man: kann ich’s glauben,
wenn überall auf Erden
aus Tätern Opfer werden?
In Deutschland ham wir ein Problem,
für Reisende nicht angenehm:
Der ICE kommt dann und wann
Verspätet oder gar nicht an.
Ganz anders in den USA:
Da ist das ICE schon da,
das ICE-Kommando, das knallhart
im Western-Style erst schießt, dann fragt.
Und der, der das in Szene gesetzt,
ist der, der von Anspruch zu Anspruch hetzt:
Canada, Venezuela und
Auch noch Grönland soll in seinen Schlund.
Mein Freund, sei wach, da musst du gucken:
Was will er wohl als nächstes schlucken?
Der Schulhof-Bully aus New York
Ist schlimmer als der schlimmste Ork.
Und kriegt als Lohn für seinen Fleiß (Scheiß?)
Den neuen FIFA-Friedenspreis.
Den hat in dunkelsten Stunden
Herr Infantino erfunden.
Der Name – tja, der ist Programm.
DER Preis ist voll der Kinderkram.
Und so – und das lässt sich nicht mehr verhindern –
Kriecht Infantino dem Trump in den Hintern.
Ein klarer Fall ist das für die
Gastro-Enterologie.
Woanders ist es auch nicht besser,
auch da sprechen Revolver, Messer,
Despoten treiben’s immer toller,
Folterkeller wer’n immer voller.
Iran und China kenn’ wir schon –
die Russische Föderation.
Und überall reiben am Ende
Die Superreichen sich die Hände,
die schamlos sich das Zeug hinbiegen
und immer noch mehr Zaster kriegen.
Auch dazu übrigens nicht geunkt
Macht Jesus einen eig’nen Punkt:
„Du Mensch, ganz gleich welchen Gewichts,
Mitnehmen kannst du letztlich nichts.“[ii]
Doch weltweit gehn die Sitten baden,
besonders die Wahrhaftigkeit,
das Mitleid und die Menschlichkeit,
Das Lügen wird zum Zeitvertreib.
Und das tut dem Vertrauen schaden.
Damit alles beim Alten bleibt,
der Lobbyismus Blüten treibt.
(Es folgt eine Anspielung auf den hiesigen Kommunalwahlkampf[iii] – in Bayern sind am 8. März Kommunalwahlen)
Ein hübsches Beispiel – kennt Ihr schon,
kommt hier aus unserer Region;
Genauer: aus der Nachbarschaft,
Dort funktioniert die Seilschaft-Kraft.
Nördlingen, des Rieses Perle,
hat gar mächtig starke Kerle,
die gern – eigentlich zum Lachen –
Politik für’s Dörfle machen;
hat ein Museum für die Bahn,
es kommen dort auch Züge an –
kurz: man ist prächtig angebunden.
Und darum sagt man unumwunden:
Der Zugverkehr nach Dinkelsbühl,
der passt uns gar nicht ins Kalkül.
Die Leut‘ soll‘n weiter Busse nehmen,
das sichert uns die Tantiemen.
Ein Sekretär vom Parlament
betonte auch gleich sehr behend‘:
So schnell wird das nix, bla, bla bla….
Ganz dumm steht der Parteifreund da,
der sogar im Internetz
Wahlkampfzügle fahren lässt….
Die rollen aber, meiner Treu,
an unsrer Wirklichkeit vorbei,
weil ihn, wenn’s der Lobby passt,
der Parteifreund hängen lasst.
Der Macher und Entscheider
Steht ziemlich dumm da! – Leider
Wundert’s nicht, dass in uns’rer Stadt
Der Bahnverkehr kaum Lobby hat.
Dabei heißt es seit vielen Jahren:
Die Bahn – ja die wird bald schon fahren.
Wenn nicht morgen: keine Sorgen –
Dann halt längstens übermorgen….
(Ende des lokalpolitischen Einschubs)
Ja, so geht es Knall auf Fall
Planpolitisch überall.
Und weil doch nix weitergeht,
wer’n Placebos ausgelegt.
Konsumenten sind ja Deppen,
drum muss Obrigkeit eingreifen,
wenn Veganer alle neppen
Tofu uns als Wurst verkäufen.
Tofuwurst – das geht zu weit,
wenn die Metzgerinnung schreit.
Ebenso vegane Schnitzeln
Tun wohl manche Nerven kitzeln.
Geht denn Wurst nun nach der Form
Oder nach Fleischanteilsnorm?
Wie nennt man denn, seid bedacht,
was der Hund am Wegrand macht?
Das ist doch alles, aber so
was von, handgestrickte Show!
Gestern wurde Baum uma(r)mt,
heute Kleinkraftwerk geplant.
Ich freue mich so – auf den Meiler im Garten
Werden bestimmt meine Enkel schon warten.
Und gleich weiter: mit ganz tollen
Vorschlägen geht’s in die Vollen!
Da werden wohl scharfe Messer gewetzt,
wird gegen die „Lifestyle-Teilzeit“ gehetzt.
Ein ganz neues Wort – als könnte man eben
Auf Teilzeitverträge Strafzölle erheben.
Und jede Woch‘ wird nach Belieben
Ne neue Sau durchs Dorf getrieben.
Grade sind auch, Mann o Mann,
all die faulen Rentner dran.
Soll’n sich bitte mal bequemen,
Spaten in die Hände nehmen
oder gern auch mit andren Sachen
sich für die Wirtschaft nützlich machen.
Ach, Frau Minister, sei’n Sie froh:
Das machen die doch sowieso!
Hüten Enkel, pflegen Verwandte,
machen sich nützlich im Ehrenamte.
Immer nach Möglichkeit und Kraft.
Ein Bruchteil nur, der gar nichts schafft.
Also bitte: ein bisschen Respekt
Für das, was an Lebensleistung steckt
In den meisten Berufsgeschichten.
Da braucht niemand weiter zu verdichten.
Da muss doch gelten: Genug ist genug.
Was and’res wär‘ schleichender Rentenbetrug.
Denn noch einmal – bei allem Streit:
Es geht um die Verlässlichkeit.
Um Menschlichkeit.
Heut!
Ach ja, eins noch, weil‘s seien muss,
aus Pflichtbewusstsein, nicht Genuss,
auch dieses Jahr, wie eh und je:
Wählt keinesfalls die AfD!
Genug des Rundumschlags, Herren und Damen.
Ein Ja soll Ja sein, Nein bleibt Nein. Amen.
Fussnoten
[i] Vgl. Mt. 5, 33-37
[ii] Vgl. Lk. 12, 13-21
[iii] Es handelt sich hierbei um die sich seit Jahren hinschleppende Debatte um die Wiederherstellung der Bahnlinie Nördlingen – Dinkelsbühl – Dombühl, eine von vielen geforderte und für sinnvoll erachtete Querverbindung zwischen zwei überregionalen Trassen, die aus lokalpolitischen Lobbyerwägungen verhindert wird, zum Teil mit fadenscheinigen Argumenten (man kennt die Männer dahinter).
Uland Spahlinger, Dekan i.R., Dinkelsbühl
Email: uland.spahlinger@elkb.de