Mt 6,5-15

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Redekur des Glaubens | Rogate | 10. Mai 2026 | Mt 6,5-15 Wolfgang Vögele |

Friedensgruß

Der Predigttext für den Sonntag Rogate steht Mt 6,5-15:

„Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, um sich vor den Leuten zu zeigen. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt. Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten. Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet. Darum sollt ihr so beten: Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. [Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.] Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.“

Redekur des Glaubens

Liebe Schwestern und Brüder,

auf das erste Hören wirkt der Ton altmodisch, angestaubt. Niemand würde heute von einem Kämmerlein reden, das ist eher die Sache von Minnesängern. Das alte Kämmerlein-Leben vergangener Zeit drehte sich als Rad: harte Arbeit, Schlafen, Hoffen auf gute Ernte, stetiger Wechsel von Weihnachten, Ostern, Kirchweih, Leben mit Sommer und Winter, Kriegsgefahren, wenig Reisen, Hagel und Gewitter, die die Ernte zerstören. Leben in der modernen Gegenwart hat sich völlig verändert; es ist geprägt von Pendeln, Arbeiten, Schlafen, von pausenloser Aufmerksamkeit, Hetzen und Zeitnot, dem zwanghaften Scrollen auf dem Handy, dem Jagen nach Individualisierung und Selbstdarstellung, Karriere, Follower: Ich bin ganz anders – mit großem Ausrufezeichen! Schaut meine Reels und Fotos an! Beneidet mich!

Beten steht quer zur schnell drehenden Aufmerksamkeitsspirale. Beten ist Teil entschleunigter Lebensweisheit. Darum paßt es als kleines, wunderbares Mosaiksteinchen in den geordneten, rhythmisierten Lebenslauf der Alten. Und aktuell formt es einen passenden Kontrapunkt zur hyperschnellen, aufmerksamkeitssüchtigen Gegenwart. Darum liebe ich diese Passage aus Jesu Bergpredigt so sehr. Es ist etwas darüber zu lernen, wie das Beten die Lebenswelt eines glaubenden Menschen sprengt und bereichert. Es ist etwas zu lernen, wie man dem Schleudergang der Moderne entkommt. Dabei erhalten wir sogar zweierlei zum Nachdenken, zuerst eine Gebrauchsanweisung zum Beten und dann mit dem Vaterunser einen exemplarischen Gebetstext. In dieser Predigt werde ich mich auf die freundliche Anleitung zum Beten konzentrieren.

Zunächst einmal schließt Jesus für das Beten alle Formen der Öffentlichkeit aus. Er warnt ausdrücklich vor Heuchelei. Nicht einmal Pfarrer sind davor gefeit, im öffentlichen Gebet im Gottesdienst: Zwar sprechen sie Gott in den Fürbitten an, aber im selben Moment teilen sie ihrer Gemeinde oft unterschwellige, nein, gar nicht so unterschwellige moralische Botschaften: Ihr müßt euch so und so verhalten. Gebet verkommt zur billigen Moral. Die Warnung vor Heuchelei zielt auf die Instagram-Menschen, die alles tun, um Likes zu schaufeln und mit jedem unpassenden Mittel vom inszenierten Shitstorm bis zu den Kulleraugen von Katzenbabies Aufmerksamkeit zu erhöhen.

Beten aber kann nicht Teil von gezielten Inszenierungen sein. Um nicht falsch verstanden zu werden: Damit sind andere Formen öffentlicher Verkündigung nicht ausgeschlossen. Beten in der Öffentlichkeit ist eine Kunst, die theologisch studiert sein will.

Jesus empfiehlt für das Beten das sprichwörtlich gewordene stille Kämmerlein. Noch interessanter ist, wie Jesus das begründet: Gott wirkt im Verborgenen. Niemand hat Gott je gesehen. Wir reden zu ihm gerade nicht von Angesicht zu Angesicht.

Beten ist ein Sprechen zu einem Anderen, der unsichtbar bleibt und der auch nicht wie ein Gesprächspartner antwortet. Das Beten kann sehr unterschiedliche Tonlagen und -höhen annehmen: Betende schreien vor Zorn, stammeln vor Aufregung, stottern vor Peinlichkeit, schnauben vor Wut. Betende schweigen auch, weil ihnen die Worte fehlen, weil ihnen ihr eigenes oder das Elend der Welt die Sprache verschlagen hat.

Wer danach wieder Worte findet, der fängt vorsichtig an: Lieber Gott! Barmherziger Gott! Vater unser! Mit den ersten Worten des Gebets treten Betende einen Schritt neben sich selbst und die Welt. Betende lassen Tun und Sein ihrer Lebenswelt hinter sich und ziehen sich ins Kämmerlein zurück. Denn sie haben eingesehen, dass sie durch Denken, Sprechen und Handeln zwar vieles, aber nicht alles erreichen können. Die erste Einsicht der Betenden lautet darum: Ich wende mich Gott zu und von der Hektik der Welt ab. Ich nehme mir Zeit und Konzentration, schenke meine Aufmerksamkeit in der Stille einem anderen. Ich trete vorübergehend einen kleinen Schritt aus der Welt heraus. Und darum ist es elementar wichtig, für die Zeit des Betens das Handy stumm zu schalten.

Umso mehr öffnen sich Beter im Kämmerlein für ein Wunder. Wer betet, erkennt die Existenz Gottes an. Das Gebet öffnet eine Tür, die über die alltägliche Wirklichkeit hinaus zu Gott führt. Dass es diese Tür gibt, darauf könnt ihr euch verlassen, sagt Jesus. Wer betet, der sucht nach Gott. Aber findet er ihn auch?

Das Beten ist zweitens keine Einbahnstraße. Kein Gebet verhallt unerhört in den Weiten des Universums. Sondern alle Betenden erhalten eine Antwort. Das gilt auch für diejenigen, die schweigend beten, für die Sprachlosen, denen die Worte fehlen, für die völlig Verzweifelten, denen nicht einmal Worte der Klage einfallen. Trotzdem! Auf der Straße des Gebets herrscht Verkehr. Gebet ist Kommunikation. Jesus ermuntert seine Jünger und alle Glaubenden zum Beten. So eröffnet er ein Gespräch zwischen Gott und den Glaubenden. Gott antwortet.

In einer französischen Kirche habe ich etwas sehr Kluges gesehen: ein Schild mit einem Handy und einem diagonalen roten Balken. Darauf stand zu lesen, ich übersetze das: Wenn Sie diese Kirche betreten, bitte schalten Sie Ihr Smartphone aus. Es kann sein, dass Gott mit Ihnen spricht, aber anrufen wird er Sie bestimmt nicht. Genau das ist es. Beten braucht die Stille, denn es ist genauso sehr ein Hören wie ein Sprechen. Gebet ist – mit einem Ausdruck Sigmund Freuds – die Redekur des Glaubens.

Jesus warnt ausdrücklich vor dem Plappern. Denn Beten kann auch in Quasselei ausarten, in die endlose Wiederholung von Banalitäten, auch frommen und politischen. Wem die Worte fehlen, der schweigt. Oder er betet das Vaterunser, welches Jesus als eine Art Zusammenfassung aller Gebete einführt.

Gott antwortet auf Gebete, habe ich gerade gesagt. Das ist, auch für Beter und Glaubende, ein tollkühner Satz. Denn er legt nahe, in dem allmächtigen und barmherzigen Gott ein persönlich sprechendes Gegenüber zu sehen. Das aber ist nicht unbedingt der Fall. Die Unsichtbarkeit Gottes bezieht sich nicht nur auf das menschliche Sehen, sondern auch auf sein Hören. Gebet eröffnet einen neuen, himmlischen Horizont, der nicht unbedingt eine direkte Antwort sein muss. Das Gebet als Gespräch begründet keine einfache, eher und frei heraus gesagt eine komplizierte Beziehung. Gott schweigt auch, und manchmal, nein viel zu oft, ist das für leidende und von Schmerzen gequälte Menschen schwer zu ertragen.

Gott antwortet. Dieser Satz kann missverstanden werden. Dieser Spitzensatz verwandelt Gott nicht in eine gute Fee, die im Märchen ihren Zauberstab zweimal im Kreis schwingt, woraufhin die erbetene Waschmaschine anschlussfertig im Badezimmer wartet. Jesu Anleitung zum Beten führt zum biblischen Gott der Barmherzigkeit und seinen Verheißungen.

Viele Menschen haben von Gott eine sehr formale Vorstellung. Er ist das Wesen, das alles vermag. Er kann den Zufall steuern wie die Kugeln in der Lostrommel. Er ist der Marionettenspieler, welcher an den Fäden unseres Lebens zieht und sie irgendwann, hoffentlich erst im hohen Alter, abschneidet.  Er ist der Generalfeldmarschall, der strategisch über die Geschicke der Weltpolitik wacht. Bei vielen Menschen schwingen, wenn sie an Gott denken, viele Wunschvorstellungen mit. In der Bibel ist das anders.

Liebe Schwestern und Brüder, Jesus von Nazareth spricht von seinem, einem ganz anderen Gott. Er wirbt für Gott den Vater, für den, der seine Sonne aufgehen lässt über Gerechte und Ungerechte (Mt 5,45), Jesus spricht von dem Gott, den er „Unser Vater im Himmel“ nennt. Sein Reich verkündet er, die Botschaft seiner Liebe gibt er weiter.

Und wenn die Betenden Gott suchen, schweigend oder seufzend oder klagend oder schreiend, dann gibt kein anderer Gott Antwort als der Gott der Bibel und der Gott Jesu Christi. Und er antwortet mit den Verheißungen, die sich bereits in der Bibel finden: Gottes Reich, das himmlische Jerusalem, wo sich Gerechtigkeit und Liebe küssen, Vergebung, Versöhnung, Liebe.

Im Angesicht dieser Antworten mag sich manche Bitte eigensinnig, ja sogar egoistisch ausnehmen. Aber ich bin mir sicher: Wer sich auf die Suche nach Gott begibt, der wird mit diesen Wünschen anders umgehen, wenn er Bekanntschaft gemacht hat mit den großen Verheißungen Gottes.

Beten bedeutet einen Rückzug. Gebet braucht Stille, um hören zu können. Wer das einübt, wird reich belohnt. Denn er kann aus dem Gebet heraus das eigene Verhalten ändern. Auch dafür gibt Jesus am Ende dieser Passage einen Hinweis. Wer betet, der legt die gefalteten Hände nicht in den Schoß. Beten und Vergeben gehören zusammen. Das christliche Beten verändert die Perspektive, die Lebenshaltung und den Glauben eines Christenmenschen. Alles was hart ist und sich verfestigt hat, Zorn, Groll und Bitterkeit gegenüber anderen Menschen, es kann sich nach dem Gebet auflösen in Vergebung – so der Beter das auch will.

Das Gebet stellt ein neues Gleichgewicht her, ein zerbrechliches und gefährdetes Gleichgewicht des Glaubens, das die Erdenschwere und Himmelsferne ausbalanciert – in Richtung auf Versöhnung, Vergebung und Hoffnung. Die Betenden können vieles ansprechen und sich vieles erhoffen. Am Ende steht als Antwort auch der Satz aus dem Vaterunser: Dein Wille geschehe. Zwischen Hoffnung im Kämmerlein und Gottes Willen eröffnet sich ein neuer manchmal steiniger, manchmal freudvoller Weg. Amen.


Prof. Dr. Wolfgang Vögele
Karlsruhe
wolfgangvoegele1@googlemail.com

Wolfgang Vögele, geboren 1962. Apl. Professor für Systematische Theologie und Ethik an der Universität Heidelberg. Er schreibt über Theologie, Gemeinde und Predigt in seinem Blog „Glauben und Verstehen“ (www.wolfgangvoegele.wordpress.com). Neuerscheinung: Jenseits der Abbruchkante. Unterwegs zu einer postklerikalen Theologie, Münster 2025.