Numeri 6, 22-27

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Predigt Trinitatis | 31.05.2026 | 4. Mose 6, 22-27 | Stephan Lorenz

Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen

Trinitatis wird der heutige Sonntag genannt. Sollemnitas Sanctissimae Trinitatis, – „Hochfest der allerheiligsten Dreifaltigkeit“.

Dreifaltigkeit, Dreieinigkeit. Können sie sich das vorstellen? Ja verstehen? Weihnachten, die Geburt Jesu, das kann man sich vorstellen, ein Kind wird geboren, das kennen wir – zur Not kann man sagen: da kommt das Christkind oder der Weihnachtsmann. Karfreitag, den Tod Jesus, den können wir uns vorstellen, Sterben Tod kennen wir, und Hinrichtungen gibt es jede Menge. Ostern, Auferstehung, na ja, die Natur erwacht, und es gibt ja noch den Osterhasen. Pfingsten. Gut, den Heiligen Geist kann man sich als Wind, Kraft oder so etwas erklären. Aber Dreieinigkeit?

Man könnte jetzt sagen, auch die moderne Physik beschreibt Phänomene, die schwer vorstellbar, gänzlich unanschaulich sind. Ich denke an die Quantenphysik, wo ein Photon entweder als Welle oder als Teilchen beschreiben werden kann, oder an die Formel der Relativitätstheorie E=mc², – für einen Laien nicht anschaulich.  Die Psychoanalyse beschreibt Phänomene, die wir nicht sehen, ja noch nicht einmal merken, weil sie uns unbewusst sind. Unanschaulichkeit, unmittelbare Verstehbarkeit ist kein ausreichendes Kriterium für wahr oder falsch einer Idee.

Christlichen Theologen haben von Anfang an Schwierigkeiten, die Vorstellung vom Drei-Einigen-Gott in ein kohärentes, plausibles Konzept zu fassen. Vom Kirchenvater Augustin (354-430) wird erzählt, dass er am Strand einen Jungen beobachtet, wie er mit einer Muschel eine tiefe Mulde in den Sand graben will. „Aber das ist doch unmöglich!“, ruft Augustin. Worauf der Junge antwortet: „Genauso unmöglich, wie die Dreieinigkeit zu verstehen?“

Augustin steht am Ende des langen Diskurses darüber, wie Christen die Trinität Gottes verstehen könnten. Selbst gelehrte Theologen seines Schlages meinten schlussendlich: Die Trinität wird immer ein Geheimnis bleiben. Und so könnte man das ‚Dogma‘ der Trinität auch verstehen, als Mysterium, das entdeckt werden will. Schlichter, als bedenkenswerten, offenen Vorschlag, die vielfältigen Erfahrungen der Menschen mit Gott in ein verständliches Konzept zu fassen. Das Mysterium scheint doch zu sein: die unfassbar intensive, das eigene Leben umwälzende Erfahrung mit Jesus, der fast unterschiedslos eng mit Gott verbunden war und ist, und seinem Geist, der uns seitdem bewegt, gedanklich festzuhalten, und zwar so, dass in wenigen Worten ‚alles’ gesagt ist.[1] „mia ousia, treis hypostaseis“ (eine Wesenheit, drei Hypostasen). Schon die Übersetzung ins lateinische war schwierig, „una substantia, tres personae“ (eine Substanz, drei Personen) übersetzt Tertullian. Was es nicht einfacher macht. Denn Worte, das werden wir noch sehen, sind entscheidend für unsere Wahrnehmung, unser Denken und Fühlen.

Aber, unser Glaube braucht nicht nur Theorien, über die man sich den Kopf zerbrechen kann, um ihn zu verstehen, sondern vor allem Worte, Rituale und Gesten, die uns wirksam die Gnade, Kraft und Wohlwollen Gottes körperlich und seelisch spüren lassen. Genau das wirkt der heutige Predigttext.

Und der HERR redete mit Mose und sprach:  Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: Also sollt ihr sagen zu den Kindern Israel, wenn ihr sie segnet:  Der HERR segne dich und behüte dich; der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.  Denn ihr sollt meinen Namen auf die Kinder Israel legen, dass ich sie segne.[2]

Es gibt Gesten, Rituale, Worte, die wie eine Seifenblase zerplatzen, wenn man sie erklärt. Gesten, Rituale, Worte fühlt und spürt man, körperlich, seelisch, sie gehen ‚unter die Haut‘. Zerreden zerstört sie. Fulbert Steffensky formuliert es provokativ: „Ich wende mich […] gegen die Pest gedanklicher Elaboration von Gesten und Formeln. Wir kennen das: ‚Wenn ich dir jetzt die Hand auflege, dann bedeutet das, dass ich dir Glück wünsche für deinen Weg, …‘ Leg‘ die Hand auf und halt’s Maul! Die Erklärung vertreibt die Poesie aus der Geste, das Geheimnis und das Schweigen, das zumindest an der Stelle des Segens kostbarer ist als Beredtheit.“[3]

Ein solches Wort ist dieser Aaronitische Segen. Eigentlich wäre die Predigt hier zu Ende. Alles ist gesagt und wirkt:

 

Der HERR segne dich und behüte dich; der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. 

Aber, stoppen Sie mal eine Pfarrerin oder einen Pfarrer, wenn er meint, etwas zu sagen zu haben. Deshalb geht’s weiter. Ich werde den Segen nicht auslegen, aber einige Gedanken habe ich schon dazu.

Luther hat diesen Segen an das Ende der lutherischen Messe gesetzt. In seiner kleinen Schrift ‚Der Segen, so man nach der Messe spricht über das Volk‘ [4] wird klar, warum. Dieser Segen betreffe zuerst das ‚leibliche Leben und Güter‘. „So wünscht nun dieser Segen dem Volk, dass ihm Gott Glück und alles Gut geben und auch behüten und erhalten wolle. Der Segenswunsch soll nämlich am Volk selbst leiblich fruchten.“[5] Man könnte meinen, Bert Brecht hätte das im Kopf gehabt, wenn er in seiner Dreigroschenoper (1928) sarkastisch schreibt: ‚Zuerst kommt das Fressen und dann kommt die Moral.‘ [6]

Im weiteren Verlauf seiner Schrift macht Luther auf den Unterschied zwischen der hebräischen Sprache, dem hebräischen Denken und dem deutschen aufmerksam. „Hier müssen wir Hebräisch lernen und uns auf diese Sprache einlassen. Denn im Deutschen besagt es gar nichts, wenn ich spreche: „Gott erleuchte sein Angesicht über dir.“ Es lässt sich weder mit anderen Worten wiedergeben noch verdeutschen. Wir müssen also es hebräisch nachreden und dabei bewenden lassen.“  So ‚übersetzt‘ er die hebräische Sprachmetapher in seine Lebenswelt.

Das finde ich jetzt ver-wunderlich. Trotz des Unterschieds in Sprache und Denken ‚wirkt‘ der über uns gesprochene Segen,- spricht auch uns an, obwohl wir anders sprechen und Denken. Und wirkt, so denke ich, auch in jeder anderen Sprache, jedem andern Denken. Wirkt ‚ex opere operato‘, allein indem wir ihn sprechen. Neurologen würden erklären: unser Gehirn denkt nicht in Sätzen, sondern in Bildern und Emotionen. Worte sind Auslöser für Emotionen und Bilder. Und biblischen Geschichten sind Bildern mit Worten gemalt. Deshalb funktioniert’s, überall.  Selbst wenn der Pfarrer ansonsten ein Idiot ist.

Welche Macht Worte, Metaphern haben, selbst wenn sie aus einer anderen Welt zu uns kommen, wissen und merken wir nicht erst seit Social Media. Als eifrige Leser der Bibel wussten wir es längst: So wird mein Wort sein, das aus meinem Mund hervorgeht. Es wird nicht leer zu mir zurückkehren, sondern es bewirkt, was mir gefällt, und führt aus, wozu ich es gesandt habe Jesaja 55,11[7]

Auch nicht religiöse Worte entfalten ihre Macht, täglich, bewirken, wie wir denken, wie wir handeln, was wir wahrnehmen oder woran wir uns erinnern.[8] Wir erleben sie am eigenen Leib. Wenn wir einen Krimi lesen, eine Liebeserklärung bekommen, in einen heftigen Streit verwickelt sind, spüren wir unmittelbar, wie sie in uns wirken. Sie erschrecken uns, stärken, besänftigen, trösten, oder verletzen uns tief; manchmal hängen sie uns tagelang, manchmal jahrelang nach. Worte bestimmen unser Selbstbild. Wenn wir früher öfter gehört haben: ‚was für ein Idiot bist du eigentlich‘, oder ‚Was soll aus dir mal werden?‘ war es wahrscheinlich nicht besonders förderlich für unser Selbstvertrauen.

Und, es gibt die anderen Beispiele. Auch erlebt und erfahren: Worte bauen auf, stärken und ermutigen uns, geben uns Raum zu Leben und uns zu entfalten. Dazu eine kleine Geschichte.

Es ist 1854, die Mutter von Thomas Edison öffnet den Brief vom Direktor der Schule ihres Sohnes, verzieht keine Miene und erzählt ihrem Sohn, dass die Schulleitung sagt, dass er ein Genie ist, zu intelligent für diese Schule und sie ihm da einfach nichts mehr beibringen können. Die Mutter solle doch bitte seine Bildung übernehmen. Gesagt, getan … Die Mutter unterrichtet ihn seither zu Hause und aus Thomas wird ein berühmter Mann und Erfinder. Im Jahre 1905 fällt ihm der Brief von damals wieder in die Hände. Er öffnet ihn und liest das Gegenteil von dem, was seine Mutter ihm damals berichtet hat. In dem Brief steht, dass er zu blöd sei, Hopfen und Malz verloren, und er nicht mehr in die Schule zu kommen brauche. Sie solle ihn doch bitte zu Hause unterrichten.

Die Geschichte für zu einer weiteren Dimension des Segens. Nämlich was Weitergeben des Empfangenen, wie wir es ganz am Anfang der Geschichte Abrahams lesen:

 

Und ich will … dich segnen und dir einen großen Namen machen, und sollst ein Segen sein. (Genesis 12,2)

Sowie Abraham in die Welt geschickt wurde, gesegnet, werden auch wir am Ende unseres Gottesdienstes in den Gottesdienst im Alltag der Welt geschickt, als Gesegnete, die das Empfangene weitergeben. Wir leben den anderen zum Segen. So ‚fließt‘ aus dem Segen unser diakonisches Handeln.

Der HERR segne dich und behüte dich; der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. Amen.

Confiteor:

„Heilig, Heilig, Heilig ist Gott, der Gott der Heerscharen, alle Lande sind seiner Ehre voll“ – glaubt der Prophet Jesaja. Worte aus ferner Zeit. Wir fragen, ist das unsere Erfahrung in dieser Zeit voller Klagen über Kriege, Klimakrise und Ungerechtigkeiten. Wir kommen zusammen, um mit dem Wort Gottes herauszufinden, wie er auf unser Leben schaut. Wir beten: Gott, erbarme dich, vergib unser Misstrauen, führe uns zu einem guten Leben. Lass uns diesen Gottesdienst mit einem unbeschwerten Herzen und fröhlichen Lippen feiern durch Jesus, den Christus.  Und wir erhalten zur Antwort: Gott erbarmt sich, im Messias Jesus zeigt er, wie Leben gelingen kann. Wer seinem Wort Glauben schenkt, gehört zu Gott, und sein Heiliger Geist wird mit ihm sein und wird selig werden.  Das verleihe Gott uns allen.  Amen.

Kollektengebet

Gott, tröste uns in unseren Ängsten und Sorgen, sei uns gnädig und erhöre unser Gebet. Du hast uns erschaffen, bist uns in Jesus, dem Christus begegnet, dein Heiliger Geist leitet uns.  Bis heute hast Du uns begleitet, manchmal haben wir das gemerkt, manchmal nicht, wir haben neben guten auch schlimme Tage erleben müssen. Wir haben Verständnis und Hilfe erfahren, aber auch Kränkungen und Zurückweisungen. Wir sind Menschen begegnet, die uns geholfen haben und Menschen, die uns fallen gelassen haben.  Für das, was gut war, danken wir Dir. Das, was schlecht war, übergeben wir Dir, damit es unser Leben nicht mehr belasten möge.  Bleibe bei uns Gott mit deinem Segen und deiner Gnade, und begleite uns weiter auf unserem Weg zu Dir. Wir beten das durch Jesus, dem Christus, der mit Dir und dem Heiligen Geist uns Kraft gibt heute, morgen und für immer.  Amen

Fürbitte

P: Gott, Schöpfer des Himmels und der Erde, von Dir, durch Dich und zu Dir hin ist alles, was da ist. Wir bitten dich für deine Schöpfung. Sie ist schön, wir bedrohen ihren Fortbestand, sie ist kostbar, wir missbrauchen sie. Stärke unser Vertrauen in Dich, dass wir Wege finden, deine Schöpfung zu bewahren. Wir rufen: Kyrie eleison

A: Gott, der Du uns in Jesus Christus Frieden gibst. Mach uns mutig und stark, dass wir Frieden schaffen in dieser Welt voller Kriege. Wir wollen die Flüchtenden aufnehmen, die Verletzten pflegen, die Toten der Kämpfe betrauern, uns an die Seite der Verzweifelten stellen. Hunger droht so vielen Menschen, mögen wir Wege finden, möglichst vielen Menschen das tägliche Brot zu geben. Wir rufen: Kyrie eleison

B: Gott dein Heiliger Geist tröste uns in dieser heillosen Welt. Wir sind suchende, unsichere Menschen, brauchen deine Verheißungen für unsere Hoffnung. Ausgerüstet mit deinem Geist wollen wir Einfluss nehmen, für die Schwachen, Hungernden und Armen, damit viele deine Taten und Deine Herrlichkeit erkennen. Wir rufen: Kyrie eleison

P: Dreieiner Gott, durch Dich und zu Dir hin ist alles, was da ist. Auf Dich vertrauen wir, unermesslich reich ist Deine Weisheit, abgrundtief Deine Erkenntnis und unerforschlich Deine Wege, zu Dir beten wir, heute und morgen und alle Tage. Amen. Laudate omnes gentes

Lieder:

125 Komm Heiliger Geist

139 Gelobet sei der Herr

129 Freut  euch, ihr Christen alle

140 Brunn allen Heils

128 Heiliger Geist, du Tröster mein

127 Jauchz Himmel und Erde

[1] Paulus erzählt diese Erfahrung so: Der Gott, der gesagt hat: Aus der Finsternis soll Licht aufstrahlen, er ist es, der es hat aufstrahlen lassen in unseren Herzen, so dass die Erkenntnis aufleuchtet, die Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes auf dem Angesicht Jesu Christi.

2.Korinther 4,6 Oder: Das da von Anfang war, das wir gehört haben, das wir gesehen haben mit unsern Augen, das wir beschaut haben und unsre Hände betastet haben, vom Wort des Lebens 2und das Leben ist erschienen, und wir haben gesehen und bezeugen und verkündigen euch das Leben, das ewig ist, welches war bei dem Vater und ist uns erschienen. 1. Joh. 1

 

[2] Moses Mendelssohn übersetzt ‚shalom‘ ganzheitlicher, und angemessener: Der Ewige segne dich und behüte dich. Der Ewige lass sein Antlitz dir leuchten und sei dir gnädig. Der Ewige wende sein Antlitz zu dir und gebe dir Glückseligkeit.

 

[3] Und weiter: „Ich schätze die Formel auch deswegen, weil ich beim Segen nicht denken will. Ich möchte mich einschmiegen in die wiegende Bewegung der Formel, fallen lassen in ihr Bild. Dazu brauch ich aber einen Gestus oder ein Wort, das ich kenne, das sich schon oft wiederholt hat. […] Ich will keinen originellen Segen.“ (Steffensky 1993)

[4] WA 30 III, S. 574.582

[5] Und weiter im Text: „Man soll einen treuen Ehegemahl, Nahrung, Kleider und all das erhalten, was es zu diesem leiblichen Leben bedarf, seien dies Haus, Hof, Acker, Vieh oder Gesinde. Und wenn Gott all das nun gibt und wir es haben, dann gilt der Segenswusch, er möge es auch behüte, dass er also den Leib vor Krankheit und Plagen und das Vieh, Haus, Acker vor Feuer, Wasser, Unge­witter und allerlei Schaden bewahre.“

[6] Siehe noch mal Anmerkung 1 Shalom ist ganzheitlich zu verstehen.

[7] Als Beispiele mögen dienen: Denn das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens. Hebräer4,12; oder oder Jeremia 23,29: so wird mein Wort sein, das aus meinem Mund hervorgeht. Es wird nicht leer zu mir zurückkehren, sondern es bewirkt, was mir gefällt, und führt aus, wozu ich es gesandt habe

[8] Dazu der interessante Artikel: https://www.zeit.de/zeit-wissen/2012/06/Sprache-Worte-Wahrnehmung