Numeri 6,22-27
Der dreieinige Segen! | Predigt über 4. Mose 6,22-27 | zum Sonntag Trinitatis | Andreas Pawlas | 31.5.2026
Und der Herr redete mit Mose und sprach: Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet: Der Herr segne dich und behüte dich; der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.
Liebe Gemeinde!
Wie schön, dass wir uns am heutigen Sonntag zur Predigt unter die Worte dieses altüberlieferten Segens stellen dürfen. Seit Urzeiten gehören diese Segensworte eng zum gesamten Leben des Alten und Neuen Gottesvolkes und damit auch zu uns. Und weil man das genau so verstehen darf, könnte vielleicht so schon alles, was in einer Predigt zu diesen Segensworten auszubreiten ist, bereits gesagt sein.
Allerdings gibt es dabei ein Haken. Denn es ist uns dieses wunderbare Bibelwort nun ausgerechnet für den heutigen Sonntag Trinitatis vorgegeben. Und damit wird es nicht unkompliziert. Denn: wie sollte man übergehen können, dass das Thema „Trinitatis“ bzw. „Trinität,“ was ja auf Deutsch „Dreieinigkeit“ heißt, so manchem erheblich zu schaffen macht. Bitte vergessen wir einerseits nicht, dass die Trinität einen ganz wesentlichen Streitpunkt im Verhältnis zum Islam ausmacht. Denn wie wird da unter Muslimen gedacht? Doch dass wir Christen in der „Dreieinigkeit“ schlicht drei Götter anbeten. Und das ist für Muslime genauso wie für Juden eine gräuliche Lästerung des einen heiligen Gottes.
Allerdings könnte man das ja schlicht übergehen und etwa sagen: Ich bin eben als Christ an diesem Sonntag in eine christliche Kirche gegangen, um mich durch Gottes Wort und Segen trösten und stärken zu lassen, und nicht, um mich in irgendwelche Religionsauseinandersetzungen zu vertiefen. Also darum bitte keine Debatte um die „Dreieinigkeit“.
Aber würde man damit andererseits nicht auch übergehen, dass nicht nur für viele neuzeitliche Geistesgrößen die „Dreieinigkeit“ von Gott Vater, Sohn und Hl. Geist unvorstellbar und undenkbar ist, sondern in ähnlicher Weise auch für viele ganz „normale“ Menschen unter uns? Denn nach dem vielfach gern vorgegebenen Maßstab der Vernunft ist für viele ganz „normale“ Menschen Gott einfach derart nicht vorstellbar.
Aber was soll das nun ganz konkret auf unser Predigtwort bezogen heißen? Doch nur, dass man wohl kaumernsthaft von einem Gott, der einem nicht vorstellbar ist, Segensworte entgegennehmen kann, seien sie einem noch so sympathisch. Aus dieser Perspektive erscheint mit einem Male am Sonntag Trinitatis und durch den Sonntag Trinitatis alles blockiert.
Aber wie sollte man jetzt hier in diesem Gottesdienst aus dieser Blockade durch angeblich unbegreifliche Gottesvorstellungen herauskommen? Ob sich etwa ein Ausweg dadurch ergibt, dass man einmal versucht aufzulisten, wie eine „begreifliche“ Gottesvorstellung für uns so moderne und vernünftige Menschen aussehen sollte? Und ich glaube, nicht wenige hätten Lust, nicht nur für diesem Sonntag Trinitatis, sondern generell einmal, so eine Art Forderungskatalog aufzustellen, was ein Gott nun alles zu „leisten“ hätte, wenn er einen Platz im Leben eines heutigen Menschen haben wollte.
Möglicherweise bräuchten wir da auch gar nicht lange nachzudenken. Denn wäre da nicht etwa zu fordern, dass er uns stark, und für andere unüberwindlich machen müsste? Oder wäre nicht weiter genauso zu fordern, dass er uns immer gewinnen und uns obenauf sein lassen müsste? Und auf jeden Fall wäre doch weiter zu fordern, dass er uns Geld und Gut, Vermögen und Reichtum geben, und uns keine gute Gelegenheit verpassen lassen müsste usw. usw..
Ja, wenn man so einmal herumfragen würde, wer eine solche Gestalt, die das nun alles für uns leisten kann, für sich haben möchte, wer wollte das wohl nicht? Und vernünftigerweise könnte und sollte man dann eine solche Gestalt wohl auch verehren. Und was nun unsere alten Segensworte anbelangt: wenn die uns derart die Erfüllung aller Punkte aus unserem Forderungskatalog garantieren würden, dann hätte wir doch wirklich gute, vernünftige Gründe, um uns unter sie zu stellen und durch sie leiten zu lassen. Ja, vielleicht wären das sogar auch wirklich einsichtige Gründe, um einmal wieder in die Kirche zu gehen, wo einem solche Worte zugesprochen werden.
Aber nun einmal abgesehen von allen Wunschkatalogen schauen wir doch einmal nüchtern auf diese Welt und auf unser eigenes Leben: Geschieht denn da etwa alles so, wie man es sich so vernünftig erhoffen könnte? Oder bleibt da nicht viel zu viel zu wünschen übrig? Was geschieht da nicht alles gegen unseren Willen und gegen unsere Einsicht. Haben wir da nicht viel zu leiden? Und geschieht da nicht auch viel Böses?
Ja, was ist denn da los mit diesem Wesen, das wir Gott nennen? Was dazu dem vernünftigen modernen Mensch einfällt, ist doch, Gott gefälligst zur Rechenschaft zu ziehen und zu fragen: Will etwa Gott alles das Übel beseitigen und kann es aber nicht? Oder will es etwa gar nicht? Oder ist er zu schwach dazu? Ja, die Philosophie stellt seit Epikur solche Fragen an die Leistungsfähigkeit Gottes und meint, da er wohl meistens versagt, sich zu Recht von ihm abwenden zu können. Denn was sollte uns ein solcher schwacher und nicht leistungsfähiger Gott wohl bringen? Und vor allem: Warum sollte man sich also dann unter die alten Segensworte stellen wollen?
Ist es da nicht viel überzeugender, was viele vernünftige moderne Menschen stattdessen praktisch machen? Sie gehen gefälligst daran, ihr Geschick in die eigenen Hände nehmen und alles dann so zu machen, wie es ihnen gefällt. Nein, ob nun trinitarisch oder nicht, was sollte Gott da noch Rolle spielen? Und wir wissen, wieviele genau diese Überzeugung gern in alle Welt hinausposaunen.
Aber müsste man da nicht genauso fragen, wie erfolgreich eine solche Lebenshaltung ist? Natürlich wird uns durch manche sensationshungrige Publikationsorgane ausführlich geschildert, wie großartig ein solches selbstbestimmtes Leben aussieht. Aber stimmt das denn wirklich? Vermitteln uns da nicht die Meisten unserer Mitmenschen einen ganz anderen Eindruck? Wieviel Leid und Elend begegnet uns da? Und manchmal sieht man sogar deutlich, wie häufig solches selbstbestimmtes Leben nur auf Kosten anderer geht.
Aber wie dem auch sei, Entscheidendes kommt hier aus ganz anderen Zusammenhängen: Denn wir dürfen doch immer wieder auf die Lebenserfahrung des Alten und Neuen Gottesvolkes schauen. Denn alle diese Menschen vor uns sind ja eben nicht hingegangen und haben sich diverse Götter angeschaut und sich dann zum privaten Gebrauch den Erfolgversprechendsten ausgesucht. Sondern: Achtung! Es ist genau anders herum geschehen: Das Alte Gottesvolk durfte erfahren, wie der lebendige Gott es sich ausgewählt hat, und aus Ägypten durch die Wüste in gutes Land geführt hat. Auf diese ganz konkrete Weise durften sie erfahren, was es heißt, dass der Herr segnet und behütet, sein Angesicht leuchten lässt, sein Angesicht über einen erhebt und Frieden schenkt.
Und wenn dann später auch der Tempel zerstört wurde und ein Großteil des Volkes nach Babylon in Gefangenschaft abgeführt wurde, so durften viele dennoch begreifen, dass sich dieser Gott nicht abgewandthatte. Wenn für Manche auch Tempelvernichtung durch die Zerstörung des damaligen Staates wie Vernichtung und Zerstörung des eigenen Selbstbewusstseins aussah, so konnten andere das Geschehen begreifen als Forderung zu einer Besinnung auf das, was Gott von seinem Volk und von den Menschen dieser Erde wirklich gefordert hat – nämlich Gott als dem gütigen Vater zu glauben und zu vertrauen und so seinen Segen zu erfahren.
Und als Gott dann in Jesus Christus Menschengestalt annahm, da war es dieser Sohn Gottes, der die verlorenen Menschen suchte wie ein guter Hirte. Und so sind ja auch wir hier und jetzt durch die Zeiten hindurch von ihm gesucht und gefunden worden.
Und als man später meinte, diesen Christus, den Sohn Gottes dadurch aus der Welt schaffen zu können, indem man ihn ans Kreuz schlug und so alles Leben nahm, so zeigte sich doch, dass Gott ganz andere Wege zu seinem Reich und zu einer Vollkommenheit zu weisen wusste. Denn Christus ist auferstanden, um uns jetzt und ewig nahe zu sein.
Und wenn man später den Jüngern Jesu verbot, alle wunderbare Erfahrung mit dem Auferstanden und die Aussicht auf ewiges Leben für alle Menschen, die an ihn Glauben, weiter zu tragen, so ließ sich doch diese geistvolle Botschaft und Geisteserfahrung nicht unterdrücken, wie es sonst unter Menschen geübt wird und erfolgreich ist. Sondern Gottes guter Geist sorgte dafür, dass diese Erfahrung und Botschaft weiter getragen wurde – durch alle Zeiten und in alle Welt, in alle Völker, eben so auch zu Dir und zum mir.
Ja, es stimmt: Du und ich sind von Gott ausgesucht worden, leibhaftig zu erfahren, was es heißt, dass der Herr segnet und behütet, sein Angesicht leuchten lässt, sein Angesicht über einen erhebt und Frieden schenkt.
Damit soll nichts gegen das Gewicht und die Notwendigkeit vernünftiger Überlegungen für unser Leben gesagt sein. Sie bieten uns vielfach hilfreiche Unterstützung zur Bewältigung unseres Lebens. Aber ihre Aufgabe ist eben nicht, über Gott und sein Wirken für uns zu richten.
Zur Erfahrung des Glaubens gehört es, immer wieder darüber zu staunen, welche wunderbaren Wege sich unser Gott einfallen lässt, um uns in unserem Leben getrost zu halten. Dazu gehört eben das Staunen über Gott, den Vater, und sein Wirken in der ganzen Schöpfung und in all unserem täglichen Tun. Das Staunen über das Wirken des Sohnes in aller Barmherzigkeit und durch allen Tod hindurch. Und das Staunen über das fantasievolle Wirken des Heiligen Geistes, der wunderbare und unvorstellbare Wege zu weisen und zu erfüllen weiß. Dieser dreidimensionale Zusammenhang ist es, der vom Segen Gottes umschlossen sein und unser Leben tragen und vollenden soll. Und so will in erstaunlicherweise Gottes reicher Segen und das Nachstammeln alles Göttlichen am Trinitatistag unverlierbar zusammen gehören.
Und so kann man dann Gott, den Herrn, der segnet und behütet, sein Angesicht leuchten lässt, sein Angesicht über einen erhebt und Frieden schenkt, dafür dreifaltig loben und preisen mit dem ganzen Kosmos – im Namen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes! Gott sei Dank!
Amen
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Pastor i. R. Prof. Dr. Andreas Pawlas
Eichenweg 24
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