Offenbarung 1,9–18

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Über die Berufung des Sehers Johannes | Letzter Sonntag nach Epiphanias | 01. Februar 2026 | Offenbarung 1,9–18 | Johannes Lähnemann |

Über die Berufung des Sehers Johannes, Offenbarung 1,9–18
in Verbindung mit dem Lied „Gib Frieden, Herr, gib Frieden“ (EG 430)
von Jürgen Henkys 1983 (nach „Geep Vrede“ von Jan Nooter 1963)

Liebe Gemeinde!

Die Strophen, die wir eben gesungen haben, treffen uns in unseren gegenwärtigen Ängsten und Ungewissheiten, und sie treffen die Gemeinden, an die der Seher Johannes in der Offenbarung, aus der unser heutiger Predigttext stammt, seine Botschaft richtet:

„Gib Frieden, Herr, gib Frieden, die Welt nimmt schlimmen Lauf.
Recht wird durch Macht entschieden, wer lügt, liegt oben auf.
Das Unrecht geht im Schwange, wer stark ist, der gewinnt.
Wir rufen: Herr, wie lange! Hilf uns, die friedlos sind.
Gib Frieden, Herr, wir bitten! Die Erde wartet sehr.
Es wird so viel gelitten, die Furcht wächst mehr und mehr.
Die Horizonte grollen, der Glaube spinnt sich ein.
Hilf, wenn wir weichen wollen, und lass uns nicht allein.“

Wir hatten ja im Anschluss an die „Wende“ in den Jahren 1989/1990 auf zunehmenden Frieden in der Welt gehofft. Aber wie sehr hat sich das Bild von der Weltentwicklung wieder zunehmend gewandelt, spätestens seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine vor vier Jahren, nach dem Terror der Hamas am 7.  Oktober 2023 und dem Folgekrieg im Gazastreifen. „Recht wird durch Macht entschieden, wer lügt, liegt oben auf.“ Ein Präsident Russlands, der mit der Ideologie der „russischen Welt“ seine Angriffe verteidigt, ein Präsident der USA, der mit Lügen seinen Machtanspruch pflastert, Autokraten im Osten, Westen und Süden, die mit vermeintlich eingängigen Parolen ihre Herrschaft abzusichern versuchen. All das bedrängt uns ebenso wie das Leiden unzähliger Menschen in diesen Konflikten. Wir selbst leben in noch sicheren demokratischen Zonen, aber nationalistische, mit Hass gegen Andere gepflasterte Überzeugungen greifen auch in unserem Land um sich. Viele wehren sich dagegen. Viele setzen sich für Solidarität und Hilfe ein. Aber in den Ruf „Hilf uns, die friedlos sind“ können wir aus ganzem Herzen einstimmen.

Der Seher Johannes, der das Buch der Offenbarung aufgeschrieben hat, war in einer vergleichbaren Situation.[1] Wir wissen nur wenig über ihn, da er ganz hinter die Offenbarung, die er erhalten hat, zurücktritt. Was wir erschließen können, ist, dass er wohl als Wanderprediger gewirkt hat. Wahrscheinlich ist er wie viele andere nach der Zerstörung Jerusalems im Jahr 70 nach Christus aus Israel ausgewandert. Er wird in den kleinen Gemeinden, die sich aus Jesus-Nachfolgern im Westen Kleinasiens gebildet haben, die frohe Botschaft von Jesus als wirklichem Heiland und Retter der Welt verkündigt haben. Er kennt ihre Situation gut, wie wir aus den Sendschreiben, die er an sie richtet, entnehmen können.  Die Städte in der Provinz Asia, die sich über den Westen Kleinasiens, der heutigen Türkei, erstreckte, waren reich. Sie profitierten von dem Welthandel, der über das ägäische Meer mit den Häfen Ephesus und Smyrna und die Römerstraßen in den Osten führte. Es gab ein ungeheuer reiches kulturelles und vor allem auch religiöses Leben. Neben den griechisch-römischen Göttern wurden die Gottheiten des Landes verehrt. Wunderbare Tempel, etwa für die Artemis in Ephesus oder für Zeus in Pergamon, beherrschten die Stadtbilder. Man konnte gleich mehrere Gottheiten verehren und ihnen opfern. Zusammen geführt wurde alles in dem Kaiserkult, der Verehrung des Kaisers quasi als lebendiger Gottheit. Für die Jesus-Nachfolger, die an den einen Gott glaubten und an Jesus als den, in dem Gottes Heil zu den Menschen gekommen ist, führte das zu Konflikten. Wenn sie an den Opfermahlen für die Gottheiten nicht teilnahmen, wenn sie sich weigerten, den Kaiser zu verehren, machten sie sich zu Außenseitern. Sie konnten diffamiert, vor Gericht gestellt und zum Tode verurteilt werden, oder zumindest zur Verbannung. Konnten sie in dieser Situation ausharren? Konnten sie standhaft bleiben? Wem gehört letztlich die Macht – Gott und mit ihm Jesus oder dem Kaiser? Und konnten sie nicht einfach pro Forma beim Götterkult in ihrer Umgebung etwas mitmachen? Wie lange noch sollte diese Bedrängnis dauern? Wann endlich kommt Jesus als der Messias wieder und richtet sein ewiges Reich auf?

In diese Situation hinein spricht der Text, in dem Johannes seine Berufung zum Propheten schildert (Übersetzung aus der Basisbibel):

9 Ich, Johannes, euer Bruder, habe das Wort Gottes verkündet und bin als Zeuge für Jesus aufgetreten. Deswegen bin ich auf die Insel Patmos verbannt worden. Wegen Jesus bin ich mit euch zusammen in Bedrängnis. Aber wegen Jesus habe ich mit euch auch Anteil am Reich Gottes und bleibe standhaft im Glauben. 10 Am Tag des Herrn wurde ich vom Geist Gottes ergriffen. Und ich hörte eine mächtige Stimme hinter mir, die war laut wie eine Trompete. 11 Die Stimme sagte: »Schreib in ein Buch, was du siehst, und schick es an die sieben Gemeinden: nach Ephesus, Smyrna, Pergamon und Thyatira, sowie nach Sardes, Philadelphia und Laodizea!« 12 Ich drehte mich um, um zu sehen, wessen Stimme da mit mir redete. Und als ich mich umdrehte, sah ich sieben goldene Leuchter. 13 Mitten zwischen den Leuchtern sah ich jemanden, der aussah wie ein Menschensohn. Er hatte ein langes Gewand an und trug ein goldenes Band um die Brust. 14 Sein Kopf und seine Haare waren weiß wie weiße Wolle, ja wie Schnee. Seine Augen glichen lodernden Flammen. 15 Seine Füße glänzten wie Golderz, das im Schmelzofen glüht. Seine Stimme klang wie das Tosen von Wassermassen. 16 In seiner rechten Hand hatte er sieben Sterne und aus seinem Mund kam ein doppelschneidiges, scharfes Schwert. Sein Gesicht leuchtete so hell wie die Sonne zur Mittagszeit. 17 Als ich ihn sah, brach ich wie tot vor ihm zusammen. Er legte seine rechte Hand auf mich und sagte: »Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte 18 und der Lebendige. Ich war tot, doch schau her: Ich lebe für immer und ewig, und ich habe die Schlüssel zum Tod und zum Totenreich.

Was für ein gewaltiger Text! Was für eine gewaltige Vision!

Johannes stellt sich vor als Bruder derer, die an Jesus als den Messias glauben. Er erhebt sich nicht über sie. Er hat Jesus verkündigt und ist deswegen auf die Insel Patmos verbannt worden. Er steht an der Seite derer, die ebensolche Bedrängnis erleiden. Mit ihnen hat er Anteil am Reich, an der Herrschaft, die allein dem Messias zukommt. Am Tag des Herrn, am Sonntag, wird er vom Geist ergriffen und wird in ein gewaltiges Geschehen hineingezogen: Eine Stimme, laut wie eine Trompete, beauftragt ihn, das, was er sieht, in ein Buch zu schreiben und an die sieben Gemeinden im Westen Kleinasiens zu schicken. Dabei kommen viele Motive aus dem Alten Testament, besonders aus dem Danielbuch, vor, die den Empfängern wahrscheinlich nicht unbekannt waren. Es ist eine gewaltige Vision und dabei ein krasser Gegenpol zu dem Machtanspruch, den der römische Kaiser für sich beanspruchte. Zwischen sieben goldenen Leuchtern steht der Menschensohn, wie ihn schon Daniel gesehen hat. Es ist hier niemand anderes als Jesus, der erwartete Messias. Um ihn stehen die sieben Leuchter, nicht um das Kaiserbild, wie es bei der Verehrung des Kaisers vorkam: Jesus ist der Menschensohn, der in der Vollmacht Gottes kommt und handelt – der auferstandene und zu Gott erhöhte Christus. Nun wird die Gestalt genauer beschrieben. Jedes Merkmal hat eine besondere symbolische Bedeutung: Das lange Gewand trug der Hohepriester als Zeichen seiner Würde. Das goldene Band wurde von Königen getragen. Die weißen Haare sind ein Zeichen für große Weisheit. Augen wie lodernde Flammen, die alles sehen und durchdringen, Füße glänzend wie glühendes Golderz, eine Stimme, die wie ein gigantischer Wasserfall tost. Die sieben Sterne in seiner Hand sind ein Zeichen himmlischer Macht, wie sie auch als Zeichen der weltumspannenden Macht der Kaiser benutzt wurden. Sie zeigen: Nicht die Mächtigen der Welt, sondern der Menschensohn ist Herrscher der Welt. Das Schwert aus seinem Mund bedeutet: Er wird der Richter sein, der den Unterdrückten und Bedrängten Recht verschaffen wird. Seinem sonnenleuchtenden Gesicht kann niemand ausweichen. Kein Wunder, dass diese Vision den Seher Johannes überwältigt. Er bricht wie tot vor der Gestalt zusammen. Aber dann spürt er deren rechte Hand auf sich, die ihn aufrichtet mit den Worten „Fürchte dich nicht“, ihm die Furcht nimmt und ihm die Worte sagt, die die Grundlage für all das sind, was Johannes den Gemeinden zu schreiben hat und was dann in dem Offenbarungsbuch geschildert wird. Sie sind der gewichtige Abschluss unseres Textes: „Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige.“ Christus ist also ganz an die Seite Gottes gehoben. „Ich war tot, doch schau her: Ich lebe für immer und ewig, und ich habe die Schlüssel zum Tod und zum Totenreich.“ Jesus, der Messias, ist der eigentliche Herr über Leben und Tod. Damit hat der Tod auch für die Gemeinden seinen Schrecken verloren.

Das soll die Gemeinden stärken. Das soll ihnen Mut machen, wenn sie fragen “Wie lange noch?“

Dabei wird der Tod Jesu, sein Leiden mit und an der Seite derer, die zu ihm gehören, nicht beiseitegeschoben. Damit sind die Gemeinden an die Seite aller Notleidenden gestellt, an die Seite all derer, die von den Mächtigen unterdrückt, gefoltert und getötet werden.

Sie werden noch den Kampf zwischen Gott und den bösen Mächten erleben, wie er dann in den vielen aufeinander folgenden Visionen des Offenbarungsbuches geschildert wird.

Aber am Ende steht das, was sie erhoffen dürfen, unvergleichlich im 21. Kapitel geschildert:

„Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde, denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen …“ und etwa später: „…und Gott wird abwischen die Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu“ Das ist ja auch die Jahreslosung für das Jahr 2026. Sie setzt all das voraus, was in der Offenbarung des Johannes geschildert wird.

Was verbindet uns mit diesem Text nach fast 2.000 Jahren? Wie oft ist die Offenbarung gebraucht, gelesen worden, sind ihre Visionen gemalt worden! Ein großes Trostbuch, aber auch missbraucht, wenn man mit ihr meinte berechnen zu können, wann das Weltende da ist. All diese Berechnungen sind enttäuscht worden. Sie nehmen nicht wahr, dass die Offenbarung eine ganz zeitaktuelle Schrift ist für die Gemeinden in Kleinasien damals.

Wozu das Offenbarungsbuch aber anleiten kann, ist, in der jeweiligen Zeit, und damit auch heute, einen klaren Blick für die Mächte, für die Kämpfe, für das notwendige Zeugnis in der Gegenwart zu gewinnen: zur Entlarvung der Machtstrukturen des Bösen, als Trostbuch in großer Bedrängnis und zu geduldigem Handeln nach den Geboten Gottes.

Ein mutiges Beispiel aus unserer Gegenwart ist für mich die Predigt, die die anglikanische Bischöfin von Washington, Mariann Budde, anlässlich der Amtseinführung von Donald Trump als Präsident der Vereinigten Staaten vor einem Jahr gehalten hat. In ihr hat sie Trump direkt angesprochen:

„Ein Appell, Herr Präsident: Millionen Menschen setzen ihr Vertrauen in Sie. Sie erwähnten die schützende Hand Gottes. Ich bitte Sie, Erbarmen zu haben mit allen Menschen in unserem Land, die Angst haben. …

Das sind schwule oder lesbische Menschen, Demokraten, Familien. (..) Manche fürchten um ihr Leben. Es sind Menschen, die (unsere) Ernte einbringen, Gebäude reinigen, unser Geschirr waschen nach einem Restaurantbesuch oder in Geflügelfarmen und Fleischverpackungsfirmen arbeiten. Menschen, die den Nachtdienst übernehmen im Spital. …

Diese mögen keine Staatsbürger sein und die falschen Papiere haben. Dennoch sind die allermeisten unter ihnen nicht kriminell. Sie zahlen Steuern, sind gute Nachbarn, gläubige Mitglieder der Kirchen, Moscheen, Synagogen. …

Ich bitte Sie, barmherzig zu sein mit jenen, deren Kinder fürchten, die Eltern würden abgeschoben. Denjenigen zu helfen, die aus Kriegsgebieten oder vor Verfolgung fliehen.
Gott lehrt uns, Erbarmen zu haben mit Fremden. Wir alle waren einst Fremde in diesem Land.“[2]

Kein Wunder, dass Trump allergisch darauf reagiert hat. Aber die Predigt an dieser Stelle, weltweit übertragen, hat vielen Mut gemacht, im Einsatz für bedrängte Menschen nicht nachzulassen: für die indigenen Völker, denen ihr Land geraubt wird, für die Kinder, die Sklavenarbeit verrichten müssen, für die Inseln, die im Pazifischen Ozean unterzugehen drohen, für die Flüchtlinge und von Abschiebungen Bedrohte in vielen Ländern und auch bei uns, nicht zuletzt gegen Antisemitismus und Pauschalurteile gegenüber Muslimen in unserem Land.

All diese Herausforderungen enthalten den Aufruf an uns: Haltet durch, lasst euch nicht einschüchtern, widersteht der Despotie, handelt mit Nächstenliebe! Ihr habt Jesus, den Messias, den Herrn aller Herren, an eurer Seite! Ihr seid nicht in den Händen der Mächtigen, sondern in den Händen dessen, der an unserer Seite gelebt und gelitten hat, der gekreuzigt worden ist und der lebt von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen

Nach der Predigt werden die 3. und 4. Strophe des Liedes „Gib Frieden, Herr, gib Frieden“ gesungen:

Gib Frieden, Herr, wir bitten! Du selbst bist, was uns fehlt.
Du hast für uns gelitten, hast unsern Streit erwählt,
damit wir leben können, in Ängsten und doch frei,
und jedem Freude gönnen, wie fremd er uns auch sei.

Gib Frieden, Herr, gib Frieden. Denn trotzig und verzagt
hat sich das Herz geschieden von dem, was Liebe sagt!
Gib Mut zum Händereichen, zur Rede, die nicht lügt,
und mach aus uns ein Zeichen dafür, dass Friede siegt.

Liedempfehlungen:
EG 409: Gott liebt diese Welt;
EG 430: Gib Frieden, Herr, gib Frieden;
EG 425: Gib uns Frieden jeden Tag oder den Kanon
EG 436: Herr, gib uns deinen Frieden.

Fussnoten:
[1] Zu der historischen Situation siehe vor allem Klaus Wengst: „Wie lange noch?“ Schreien nach Recht und Gerechtigkeit – eine Deutung der Apokalypse des Johannes. Stuttgart (Kohlhammer) 2010.
[2] nach: https://www.ref.ch/news/mariann-budde-donald-trump-us-wahlen-bischofin-bischof-washington-glaube-kirche-barmherzigkeit/ aufgerufen am 24.01.2026.


Prof. em. Dr. Johannes Lähnemann, Goslar, johannes.laehnemann@gmail.com

Johannes Lähnemann (geb. 1941) hatte von 1981-2007 den Lehrstuhl für Religionspädagogik und Didaktik des Ev. Religionsunterrichts an der Universität Erlangen-Nürnberg inne. Er lebt im Ruhestand in Goslar. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Interreligiöser Dialog, Interreligiöses Lernen, Religionen und Friedenserziehung. Er ist Mitglied der internationalen Kommission Interreligious Education der Bewegung Religions for Peace (RfP) und Leiter der Arbeitsgruppe Interreligiöse Bildung-Friedenspädagogik bei Religionen für den Frieden Deutschland.

Seine Autobiografie ist erschienen unter dem Titel „Lernen in der Begegnung. Ein Leben auf dem Weg zur Interreligiosität.“ Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht) 2017. Die Predigt wird in der Klauskapelle, der alten Bergmannskapelle, die der Frankenberger Gemeinde Goslar als Winterkirche dient, gehalten.