Offenbarung 1,9–18

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“There is a crack in everything that’s how the light gets in” (Leonard Cohen | Letzter Sonntag nach Epiphanias | 01. Februar 2026 | Offb 1,9–18 | Martina Janßen |

“There is a crack in everything that’s how the light gets in” (Leonard Cohen)

Wir sind mittendrin im furiosen Finale der Bibel – ganz großes Kino zwischen dystopischen Bildern und einer großen Utopie am Ende: „Siehe, ich mache alles neu“ (Offb 21,5 [Jahreslosung 2026]). Schon der Anfang der Johannesoffenbarung ist gewaltig. Der Seher Johannes bekommt den Auftrag, zu schreiben, was er sieht und was er sehen wird. Das ist nicht irgendetwas. Da wird die Rede von Prunk und Pracht, von Blut und Bedrängnis sein, von apokalyptischen Reitern und weißen Pferden, von einer Himmelsreise und einem Thronsaal voller Hymnen, von einer Frau und einem Drachen und einem Kind, von Engeln und Zeichen, von der endzeitlichen Schlacht in Harmagedon, von einem Lamm, das siegt, und von einer Stadt, die geschmückt wie eine Braut vom Himmel herabsteigt. Wovon Johannes schreiben soll, ist nicht einfach nur irgendetwas. Da geht es um alles oder nichts. Und auch der, in dessen Auftrag er schreibt, ist nicht irgendwer, sondern einer, vor dem man wie tot vor die Füße fällt. Haare wie blendender Schnee, Augen wie Feuerflammen, Füße wie Golderz, eine Stimme wie ein großes Wasserrauschen, statt einer Zunge wächst ein Schwert aus seinem Mund, sein Antlitz ist hell wie die Sonne und in seinen Händen hält er nichts Geringeres als die Schlüssel des Todes und der Hölle. Ein gewaltiges, ja fast ein gewalttätiges Bild mit Schwert und Feuerflammen, voll Rauschen und Blenden. Ein Bild, das mich überwältigt.

Mir ist die Offenbarung des Johannes zu grell und zu groß, zu unwirklich und zu bizarr. Doch auch wenn diese dramatischen und mythischen Bilder nicht meine Welt, mein Geschmack und meine Kultur sind, will ich sie verstehen. Was muss geschehen sein, wenn einer so schreibt? Was muss einer fühlen, wenn so surreale Bilder nachts in seinen Träumen aufsteigen? Vielleicht sind es gerade die ganz dunklen Stunden, in denen die ganz große Hoffnung keimt? Vielleicht ist es das Gefühl von absoluter Ohnmacht, das so mächtige Bilder von Allmacht entstehen lässt? Heißt es nicht: „Die größten Träume von Freiheit werden im Kerker geträumt“ (Friedrich Schiller) oder: „Unsere süßesten Lieder sind gepresst aus unseren bittersten Jahren“ (Eva Strittmatter)? Dunkle Zeiten: Tage wie Kerkerräume undurchlässig für Licht und bittere Nächte gab es wohl, als die Johannesapokalypse geschrieben wurde. Die Menschen, die an Jesus glaubten, haben unter einer Herrschaft mit tyrannischen Zügen gelebt, die römische Übermacht bestimmte das Leben und den Glauben. „Dominus noster et deus noster“ (unser Herr und unser Gott) – so ließ sich der Kaiser nennen. Für den Gott Israels und Jesus bleibt bei solchen Herrschafts- und Verehrungsansprüchen wenig Raum. Die Menschen, die glauben, leiden unter Verfolgung oder haben sich einfach angepasst oder auch beides zusammen. Innerhalb der Gemeinde köchelt die Hoffnung auf Sparflamme und der Glaube schwächelt vor sich hin. Das ist die Welt, mit der sich Johannes konfrontiert sieht, das sind die Menschen, denen er schreibt, das ist seine ganz eigene Hölle, in der er lebt und die er überleben will. „Genosse der Trübsal und Bedrängnis“ – so stellt er sich vor. Er tritt nicht als großer Visionär und Gottgesandter auf – das ist er auch – sondern er nimmt die Perspektive der Opfer ein, wird einer von ihnen und zur Stimme derer, die sich ohnmächtig fühlen. Immer wieder scheint die Perspektive der Opfer und Ohnmächtigen in dieser Schrift mit ihren gewaltigen, mächtigen und mitunter verstörenden Bildern durch (Offb. 2,1.9; 6,10). Johannes will trösten und seine große Gewissheit teilen: Ein Gott wird kommen, der über alle selbsternannten Götter erhaben ist. Eine neue Welt wird kommen, eine Schöpfung 2.0, die das einstige Paradies in den Schatten stellt und überstrahlt. In dieser Gewissheit lebt, hofft und glaubt Johannes. In seiner eigenen Ohnmacht setzt er alles auf Gottes Allmacht (Offb.1,8; 4,8; 18,8; 21,22), auf den Herrn, der größer als alle Herren dieser Welt ist und alle überwindet: „Und alle Geschöpfe im Himmel und auf der Erde, unter der Erde und auf dem Meer, alles, was in der Welt ist, hörte ich sprechen: Ihm, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm / gebühren Lob und Ehre und Herrlichkeit und Kraft in alle Ewigkeit.“ (Offb. 5,13)

Johannes will, dass das alle Welt weiß. Und er schreibt – im Auftrag von ganz oben. Er schreibt an sieben Gemeinden (Offb. 1,11; vgl. auch 2-3). Die Zahl Sieben steht für Vollkommenheit. Mehr geht nicht. Sieben Siegel (Offb. 4,1.8,1), sieben Posaunen (Offb. 8,2-14,20), sieben Schalen (Offb. 15,1-22,5), sieben goldene Leuchter (Offb. 1,12), ein Drache mit sieben Häuptern und sieben Kronen (Offb. 1,3), ein Lamm mit sieben Hörnern und sieben Augen, die sieben Geister Gottes sind (Offb. 5,6). In der Johannesapokalypse geht es immer um alles und es geht alle an. Alle Menschen, wenn sie glauben und danach handeln, sind hineingenommen in die große Vision, egal wann und wo sie leben, gelebt haben und leben werden. Wenn von sieben Gemeinden die Rede ist, sind alle Gemeinden auf der Welt gemeint. Die Hoffnung des Johannes ist aber nicht nur eine globale, alle Orte der Welt umfassende Vision, sondern sie ist auch zeitübergreifend. Was Johannes sieht und wovon er schreibt, liest sich wie eine Collage aus Zitaten aus den alttestamentlichen Schriften, die neu kombiniert werden und so eine neue Version der alten Hoffnung von Generationen bilden. Das beeindruckt mich: Die Bilder der Hoffnung, die Johannes zu einem neuen Gemälde formt, sind älter als Johannes und überdauern Johannes. Sie reichen sowohl in die Geschichte des Volkes Israel als auch in unsere Zeiten und unsere Gegenwart hinein. Immer wieder wurde die Offenbarung in Krisenzeiten als Strategie der Leidensbewältigung wiederentdeckt. Der Welt, unter der man so leidet, wird eine radikal andere Welt als Zukunftsvision entgegengestellt. Mit dieser Zukunft vor Augen kann man leben. „Wir sind von allen Seiten bedrängt, aber wir ängstigen uns nicht. Uns ist bange, aber wir verzagen nicht. Wir leiden Verfolgung, aber wir werden nicht verlassen. Wir werden unterdrückt, aber wir kommen nicht um.“ (2 Kor 4,8f [Epistellesung: 2 Kor 4,6-10]). Das ist etwas anderes als Vertröstung, Opium für das Volk oder Fantasy-Kino mit happy end. Hoffnung verleiht Mut und ermutigt zum Handeln. Das Gebrüll der Tyrannen wird nicht das letzte Wort sein. Das Ende klingt anders. „Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte. Und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.“ (Offb. 1,17-18). Bereits am Anfang der Johannesapokalypse ist das Ende klar, da erwartet einen kein offenes Ende, sondern ein gutes. Die dystopischen (Schreckens-)Bilder, die Johannes sieht, münden in die Utopie der neuen Welt: „Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. […] Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.“ (Offb. 21,1.4). Diese Zukunft scheint schon jetzt in das Leben hinein, immer wieder scheint sie auf mitten im Leben. “There is a crack in everything that’s how the light gets in” (Leonard Cohen).

Mir ist die Offenbarung des Johannes zu grell und zu groß, zu unwirklich und zu bizarr. Aber ich bin Genossin der Hoffnung, die Johannes zum Schreiben treibt. Doch für mich müssen es nicht immer die ganz prächtigen und mächtigen Visionen sein. Hoffnung kann zarter, Trost kann leiser sein. „Hoffnung ist der Vogel, der singt, wenn die Nacht noch dunkel ist“ (Tagore). Ein schönes, starkes und zerbrechliches Bild zugleich. Wenn ich nach einer dunklen Nacht die Fenster öffne und ein kleiner Vogel singt in der aufgehenden Morgensonne sein zartes Lied, dann kann ich die alte prophetische Weissagung manchmal spüren wie ein Hauch, der kurz meine Wange streicht und sich tief ins Herz brennt: „Über dir geht auf der Herr, und seine Herrlichkeit erscheint über dir.“ (Jes 60,2 [Wochenspruch]). Vielleicht ist es das, was Johannes sagen will: Mitten im Dreck und Dunkel spürst du, wie die neue Welt aufblitzt – und sei es nur für einen kurzen Moment eines flüchtigen Vogelliedes. Es gibt sie, diese Momente, in denen man klar sieht und spürt, was schon jetzt unsere Zukunft ist. „Denn Gott, der da sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsre Herzen gegeben, dass die Erleuchtung entstünde zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi.“ (2 Kor 4,6 [Epistellesung: 2 Kor 4,6-10]). Hoffnungsschimmer, Lichtblicke und sei es nur ein einziger Sonnenstrahl, der durch eine dunkelschwere Wolkendecke bricht. Wir haben im Evangelium über die Verklärung Jesu auf dem Berg gehört (Mt 17,1-9 [Evangeliumslesung]). Einen Moment leuchtet die Klarheit auf, kaum zu fassen. Sie leuchtet in jedem Dunkel, glänzt in Staub und Dreck und fährt wie ein greller Blitz durch unsere Albträume: „Siehe, ich mache alles neu.“ (Offb. 21,5). Vielleicht ist es manchmal so, dass die größten Träume von Freiheit im Kerker geträumt werden und die süßesten Lieder aus unseren bittersten Jahren gepresst sind. Mir fällt ein Lied ein, nicht grell und trotzdem groß. In dunklen Zeiten, in enger Kerkerhaft des Gestapogefängnisses verfasste Dietrich Bonheffer den letzten einer „Brautbriefe Zelle 92“ an seine Verlobte Maria von Wedemeier. Das war im Dezember 1944, kurz vor Weihnachten. Beigelegt war dem Brief ein kleines Gedicht, das zu einem großen Lied wurde.

„Von guten Mächten wunderbar geborgen
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“

Im April 1945 wurde Dietrich Bonhoeffer hingerichtet. Seine letzten Worte an einen Mitgefangenen waren: „Dies ist das Ende, für mich der Beginn des Lebens.“

„Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet
so lass uns hören jenen vollen Klang
der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet
all deiner Kinder hohen Lobgesang.“

Amen


PD Dr. Martina Janßen
Hildesheim
dr.martina.janssen@evlka.de
Martina Janßen, geb. 1971, Privatdozentin für Neues Testament (Universität Göttingen), Pastorin der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers