Römer 11, 25-32

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Römer 11 im Interview mit Paulus|10. Sonntag nach Trinitatis|09.08.2026|Römer 11, 25-32| Manfred Mielke |

Zwei Sprecher/innen

vorab Lesung des Predigttextes aus der Lutherbibel

Sehr geehrter Herr Paulus, ich danke Ihnen für die Gelegenheit zum Interview.

Gerne, ich bin interessiert an ihren Fragen.

Sie sind in Kleinasien geboren und sind streng jüdisch aufgewachsen. Seit ihrer Erwachsenentaufe sind sie Christ und Reisemissionar. Haben sie weitere Pläne?

Ja, ich habe den Sprung gewagt von Kleinasien nach Griechenland. Ich muss zwar das Mittelmeer nicht noch umrunden, aber mich reizt, in Spanien Gemeinden zu gründen.

Spanien? Das ist ein gewagtes Ziel.

Mit meinen Gemeinden habe ich Briefkontakte, die können selbständig weitermachen, aber ich suche Neuland.

Wie konkret?

Nun, ich treibe Christus von ganzem Herzen; zusätzlich ich habe die Sicherheit eines römischen Staatsbürgers. Jetzt hoffe ich auf eine sturmfreie Schiffspassage.

Planen Sie auch Zwischenstationen?

Ich möchte die kleinen Gemeinden in der Stadt Rom für meine Pläne gewinnen.

Geht es dabei um so etwas wie eine Kollekte?

Ein wenig schon. Aber es ist ja Rom, da fallen die politischen Entscheidungen, aber auch die zu mentalen Religionsfragen. Darüber habe ich schon lange nachgedacht.

Sie haben enorme Reisekilometer hinter sich und viele noch vor sich. An welchen gedanklichen Schritten können sie uns teilhaben lassen?

Der jüdische Glaube lebt in vielen Synagogen. Oft habe ich da zuerst versucht, Gehör für die Jesus-Initiative zu finden. Dann breitete sich das Christentum netzwerkartig aus, und seitdem gibt es starke Reibungskonflikte.

Meinen Sie, Herr Paulus, dass Jesus Christus der Zankapfel ist? Und – um im Bild zu bleiben – Rom dafür der Obstkorb?

Ja, das Bild gefällt mir. Christus ist ja für die Heiden so etwas wie eine ganz neue Obstsorte, doch für die Juden ist die neue Jesus-Community eher ein falscher Ast am Paradiesbaum.

Gibt es da – bildlich gemeint – irgendein Zusammenwachsen?

Ich denke, Israel darf dieser Baum bleiben, und der neue Jesus-Ast wird daran anwachsen, als wäre er eingepfropft.

Ist das Ihre Wunschvorstellung: Ein Baum mit einer doppelten Krone?

Wir sind umgeben von vielen Religionen, wir stehen vor gleichen Herausforderungen. Und wir haben einen guten Wurzelgrund in Gottes Erwählung.

Als Ziel eine gemeinsame Krone, und für die Standfestigkeit eine gemeinsame Wurzel?

Dennoch denke ich, dass die Kreuzigung Jesu leider wie ein Ausbruch aussieht, und die Christen meinen, sie würden den Ursprungsbaum überwuchern und ersetzen können.

Dann ist es ein heftiger Streit mit tiefen Überzeugungen.

Jesus erzählte dazu ja von den zwei Hoferben, die sich gegenseitig ihr Erbteil nicht gönnen. Aber letztlich haben sie gemeinsam den Hof weiterbewirtschaftet.

Ist das auch eine Lösung für Juden und Christen?

Ja, und ich hoffe, dass weitere Beispiele aufgeschrieben werden, mir liegen ja Poesie und Kurzgeschichten nicht so.

Aber dieses Beispiel können Sie doch in ihre Predigten in Rom aufnehmen. Haben Sie für ihre Überzeugungen schon eine Vorgehensweise parat?
Ich habe schon einiges aufgeschrieben, das werde ich den Christen in Rom vorab als Sendschreiben schicken.

Das wäre aber ein Brief auf Hoffnung. Sie waren noch nie in Rom, haben dort keine Gemeinde gegründet und kennen keine der Gruppen dort.

Ja und nein. Ich wage dennoch, auch Grundsätzliches zu schreiben, weil die Gemeinde in Rom ja ein Schmelztiegel ist, eine Mixtur aus zugewanderten Christen, ehemaligen Heiden und sympathisierenden Mose-gläubigen.

Dann haben wir die Bitte, dass sie uns aus ihrem Entwurf einen Absatz vorlesen.

Mein erster Satz lautet: Ich will euch, liebe Brüder, ein Geheimnis nicht verhehlen, damit ihr euch nicht selbst für klug haltet.

Sie meinen ein gemeinsames Mysterium, wobei sich eine Fraktion für eingeweiht hält, also klüger dünkt als die anderen? Können Sie, Herr Paulus, denn das Mysterium einkreisen, ohne es für uns dem Sinn nach zu enträtseln?

Nun, bisher habe ich mir dazu notiert: Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren, so lange bis die Fülle der Heiden zum Heil gelangt ist.

Das klingt plakativ und es erklärt ihren Reisemut, möglichst alle Heiden zu taufen. Aber das Problem und die Lösung – passen die zueinander? Und die Fraktion der Juden, die Jesu Tod herbeigeführt hat, wird die ihnen in Rom zuhören?

Ich hoffe, deren Ohren zu öffnen mit einem Zitat, das ihnen vertraut ist. Denn ich glaube, dass unser gemeinsamer Gott ganz Israel erretten will und wird.

Das wird ja wohl ein Zitat aus der jüdischen Bibel sein.

Der große Prophet Jesaja schrieb: »Es wird kommen aus Zion der Erlöser, der abwenden wird alle Gottlosigkeit von Jakob. Und dies ist mein Bund mit ihnen, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde.«

Das wäre doch eine elegante Lösung des Konflikts für die, die bisher an Mose geglaubt haben. Können sie das auch für die getauften Heiden und die neu eingewanderten Christen erweitern?

Im Endeffekt schon, aber da ist noch eine Hürde, die überwunden werden muss. Die Hürde ist der arrogante Stolz der Christen, den ich neuerdings spüre und auch in Rom vermute.

Wir hören.

Ich werde schreiben: Im Blick auf das Evangelium sind die Juden zwar Feinde um euretwillen; aber im Blick auf die Erwählung sind sie Geliebte um ihrer Väter willen.

Damit sprechen sie ein Feindbild der Christen gegen die Juden an. Und diesmal stellen sie gleich alle Juden hinter die besagte Hürde. Wird ihre Schelte helfen?

Ich hoffe ja, denn ich argumentiere auf zwei Ebenen. Die Verunglimpfung der Juden passiert auf der menschlichen Ebene, aber auf dem Plateau Gottes herrscht Bewunderung.

Bewundert Gott das, was Sie, Herr Paulus, als Verstockung brandmarken?

Die Bewunderung gilt der Herkunft. Gott bleibt parteiisch in seinen Geboten, in der Prophetie und in seiner Rettungstat durch Christus. Aber dass auch jetzt, 20 Jahre danach, die Synagogengemeinden immer noch nicht den Christus als ihren Messias akzeptieren, dass bezeichne ich als Verstockung. Da wünsche ich mir eine andere Zukunft.

Sie sind ein Meister des zugespitzten Arguments. Haben Sie selbst auch eine zweite Ebene? Etwas, was die Gemütslage erleichtert und frohstimmt?

Ich war im ersten Anlauf ja Mose-korrekt, jetzt bin ich Christus-ermutigt. Ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und das bewirkt in mir eine Zuversicht, eine Klarheit und eine Vorfreude. 

Nach dieser Glaubenskraft sehnen sich viele Menschen.

Wir dürfen gewiss sein, dass weder Hohes noch Tiefes, weder Engel noch Dämonen, weder der Eros noch der Tod uns wegreißen können von der Liebe und der Lust Gottes, was uns Christus verbürgt. Das macht mir die Wege frei.

Ist das auch eine Spur für die zerstrittenen Gruppen, um aus der Sturheit rauszukommen und zusammenfinden zu können?

Ja, weil Gottes Barmherzigkeit ins Spiel kommt gegen alle Kaltherzigkeit. Ich argumentiere: Denn so wie ihr einst Gott den Gehorsam verweigert, jetzt aber aufgrund ihres Ungehorsams Gottes Erbarmen erfahren habt, so verweigern auch sie jetzt den Gehorsam, weil sich Gott eurer erbarmt hat, damit auch sie Gottes Erbarmen erfahren. (*)

So bringen Sie Ungehorsam und Barmherzigkeit miteinander in Beziehung, und zwar überkreuz. Zudem heizen sie eine „heilsame Eifersucht“ an. Das scheint in der Tat ein Mysterium zu sein, oder modern gesagt: eine Matrix. Aber halten wir fest: Gottes Barmherzigkeit schließt letztlich alle ein. Wie lautet der Schlusssatz ihres Grundsatzreferates, dass sie in Rom halten wollen?

Er lautet: Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme.

Aber das klingt, als ob Gott für sein Erbarmen sich den menschlichen Ungehorsam selbst vorher installiert hat.

Vermutlich sind wir da getrennter Ansicht, aber vielleicht finden wir im Sinn des Jesaja-Zitats zusammen: Der Erlöser hat alle Gottlosigkeit abgewandt und ist mit uns einen Bund des Segens eingegangen. Das ist Gottes Option für eine gemeinsame Zukunft aller Fraktionen. Für Juden, Christen und Heiden.

Vielen Dank, sehr geehrter Herr Paulus. Wir wünschen Ihnen in Rom viele Körbe voller Glaubensfrüchte und in Spanien einen Erfolg, wie ihn der Prophet Jona in Ninive hatte. Werden wir in weiteren Interviews besprechen können, wie ihre Briefe in den Jahrhunderten danach weitergewirkt haben?

Herzlich gerne.

Dann würden wir von den beglückenden Erfahrungen unserer Reformatoren im 16. Jahrhundert berichten. Die haben das besagte Mysterium entfaltet in ihrem Motto „Allein Christus, allein die Gnade, allein die Schrift!“

Oh, soviel Klarheit haben meine umständlichen Brieftexte bewirkt?

Ja, und wir sind auch Engagierte in unserer Lebenswelt, zwei Jahrtausende entfernt von Ihrer.

Welche Probleme müßt ihr denn entschlüsseln?

Kurz nach Ihnen haben die Römer die Stadt Jerusalem zerstört. Erst nach vielen Jahrhunderten entstand wieder ein jüdischer Nationalstaat. Der gebärdet sich aber aktuell gegen die eigenen Propheten, gegen die mosaischen Gebote und gegen die Barmherzigkeit der Bergpredigt.

Dann sollte die Knesset gesagt bekommen, was Christus für uns bewirkte: Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme. Aber nun haben Sie in mir, dem Apostel Paulus, Neugier und Lust auf Zukunft geweckt. Dafür ein herzliches Shalom!

*Siehe Römerbrief-Kommentar von Walter Klaiber

Vorschläge Lieder:

Manchmal kennen wir Gottes Willen

Ströme lebendigen Wassers

Du bist der Atem der Ewigkeit

Ich nehm das Herz aus Stein aus eurer Brust

Mit dir, o Herr, die Grenzen überschreiten

Wir glauben: Gott ist in der Welt

Vorschlag Fürbitte:

Gott, du Schöpferin des Lebens! So viel Zerstörung, so viel Tod, so viel Schmerz! Gedenke mit uns der Opfer des 7. Oktober. Klagend bringen wir vor dich die Toten und die Misshandelten, die Verletzten und die Verzweifelten, das Leid und die Traumata. Wir bitten dich­: Tröste, stehe bei und halte deine schützende Hand über sie. Mach ein Ende der Gewalt. Steh auf Gott, streite deinen Streit.

Gott, du Anwalt und Richterin des Lebens! Soviel Unrecht, soviel Ignoranz! Klagend bringen wir vor dir das Elend und die Not, den Hunger und die Gewalt, die Verzweiflung und die Hoffnungslosigkeit aller Unschuldigen, die im Gazastreifen und der West Bank unter den Folgen des Angriffs der Hamas leiden. Wir bitten dich: Stille den Hunger, schenke Schutz und nähre die Hoffnung auf Frieden.

Gott Israels, Vater Jesu Christi, du unsere Mutter! So viel Hass, so viel Feindschaft gegen Jüdinnen und Juden! Voll Sorge sehen wir Israels Bedrohung von außen und innen. Wir bitten dich: Halte Israel die Treue. Mach uns zu treuen Bundesgenoss*innen deines Volkes. Nimm uns unsere Scheu vor Widerspruch und Streit, wo immer Antisemitismus aufflammt. Wir bitten dich: Mach ein Ende der Gewalt. Steh auf Gott, streite deinen Streit.

Gott, du Liebhaberin des Lebens! Bewahre uns vor Selbstgerechtigkeit und Hochmut. Finde dich nicht ab mit unserer Unfähigkeit zum Mitfühlen. Mach uns fähig zur Solidarität mit Menschen, deren Leben als minderwertig betrachtet, verächtlich gemacht, bedroht wird. Wir bitten dich: Mach uns zu Menschen, die dir ähneln: zu freien du fröhlichen Liebhaber*innen des Lebens. Amen

(von: Dr. Marie Hecke, Berlin; in: Predigthilfe der asf 2026, S.19f)

Manfred Mielke, Pfarrer der EKiR im Ruhestand, geboren 1953, verheiratet, 2 Söhne. Sozialisation im Ruhrgebiet und in Freikirchen. Studium in Wuppertal und Bonn (auch Soziologie). Mitarbeit beim Christival und Deutschen Kirchentagen. Partnerschaftsprojekte in Ungarn (1988-2011) und Ruanda (2001-2019). Musiker und Arrangeur.