Römer 11,25–32
Wer ständig auf andere schaut | 10. So. n. Trinitatis | 09.08.2026 | Röm 11,25–32 | Thomas Volk
Wer ständig auf andere schaut
I Das Schauen auf die Anderen
Liebe Gemeinde,
Mir fällt auf,
dass wir heute unglaublich viel über andere reden.
Über Menschen, die anders denken.
Anders leben.
Anders glauben.
Kaum macht eine Politikerin oder ein Politiker einen Fehler
oder sagt einen unglücklichen Satz,
wird diskutiert, kommentiert und geurteilt.
Oft dauert es nur wenige Minuten,
bis sich im Internet ein endloser Streit darüber entwickelt,
wer recht hat.
Aber es sind nicht nur Politiker.
Wir sprechen über Nachbarn.
Über Prominente.
Über Menschen, die anders leben als wir.
Über Menschen, die anderer Meinung sind.
Wie schnell schütteln wir den Kopf.
Manchmal reicht ein Satz am Familientisch –
und schon dreht sich das Gespräch
nur noch darum, wer recht hat.
Ich frage mich:
Warum beschäftigen wir uns so intensiv mit den anderen –
und so viel seltener mit uns selbst?
Warum fällt es uns leichter,
andere zu beurteilen
als uns selbst?
Kann es sein,
dass wir den Blick für uns selbst verlieren,
wenn wir ständig
auf die anderen schauen?
II Paulus bremst alle Überheblichkeit
Diese Frage ist gar nicht neu.
Schon die ersten Christen kannten dieses Problem.
Auch Paulus erlebt,
dass Menschen mehr mit den anderen beschäftigt sind,
als mit sich selbst.
Paulus bekommt mit
wie Menschen sich gegenseitig beurteilen,
und aufeinander herabschauen.
In Rom leben jüdische und nichtjüdische Christen.
Zwischen beiden Gruppen entstehen Spannungen.
Manche meinen, sie hätten den Glauben
besser verstanden als die anderen.
Drei Kapitel lang
ringt Paulus um diese Frage.
Sein Ziel ist nicht,
den einen Recht zu geben
und die anderen zu widerlegen.
Sein Ziel ist viel einfacher
und zugleich viel wichtiger:
Niemand soll sich
über den anderen stellen.
Am Ende steht eine Mahnung:
Christen sollen nicht überheblich werden.
Hören Sie einige Verse
aus dem 11. Kapitel des Römerbriefes
Hören Sie aus dem 11. Kapitel einige Verse aus dem Schlussteil des 11. Kapitels nach der BasisBibel:
25Ich will euch, Brüder und Schwestern,
dieses Geheimnis nicht verhehlen,
damit ihr euch nicht selbst für klug haltet [Lutherbibel 2017].Tatsächlich hat Gott dafür gesorgt,
dass sich ein Teil von Israel vor ihm verschließt.Das soll aber nur so lange dauern,
bis alle Völker sich ihm vollzählig zugewandt haben.28 [Und dann kommt Paulus zum eigentlichen Kern seiner Gedanken:]
Betrachtet man es aber von daher,
dass Gott sie [einst] erwählt hat,
dann bleiben sie von Gott geliebt.Es waren ja ihre Vorfahren,
die er einst erwählt hat.29Denn was Gott aus Gnade geschenkt hat,
das nimmt er nicht zurück.
Und wen er einmal berufen hat, der bleibt es.32Denn Gott hat alle im Ungehorsam festgehalten,
weil er allen sein Erbarmen schenken will. [Basisbibel]
Paulus beschäftigt sich damals
mit einer anderen Frage als wir heute.
Seine Frage lautet:
Wer gehört zu Gottes Volk?
Und damit verbunden:
Wer wird gerettet?
Später wird man fragen:
Wer kommt in den Himmel?
Unsere Fragen sind heute andere.
Aber seine Warnung ist zeitlos:
„Haltet euch nicht für klüger als die anderen.“
Dieser Satz gilt bis heute.
III Der Blick zurück zu mir
Wir verlieren tatsächlich den Blick für uns selbst,
wenn wir ständig auf die anderen schauen.
Mir fällt immer wieder auf,
wie leicht wir uns
im Leben anderer verlieren.
Wir reden heute gar nicht mehr so viel miteinander.
Oft reden wir aneinander vorbei.
Der eine sagt, was er denkt.
Der andere ebenso.
Und wenn er Glück hat,
ist der eine noch nicht weggerannt.
Aber wirklich zuhören?
Verstehen wollen?
Ich erlebe: Das wird immer seltener.
Und vielleicht sitzt heute Morgen auch jemand hier,
der gar nicht über andere urteilen wollte,
sondern erlebt hat,
wie verletzend es ist, nicht gehört zu werden.
Der einen Gedanken aussprechen wollte –
und der andere hat sich einfach abgewendet.
Oder hat sofort widersprochen.
Mancher von uns kennt dieses Gefühl:
Ich komme gar nicht zu Wort.
Meine Gedanken interessieren niemanden.
Ich werde gar nicht wirklich gehört.
Das tut weh.
Solche Erfahrungen sind gar nicht so weit von dem entfernt,
was Paulus von den Christen in Rom mitbekommen hat.
Dass wir einander nicht mehr wirklich wahrnehmen.
Dass wir so sehr mit unserer eigenen Sicht beschäftigt sind,
dass wir den anderen aus dem Blick verlieren.
Warum das so ist?
Vielleicht, weil wir selbst
innerlich kaum noch zur Ruhe kommen.
Wer ständig
mit den Meinungen anderer beschäftigt ist,
findet kaum noch Zeit,
auf das eigene Herz zu hören
geschweige denn sich selbst zu spüren.
Für mich ist das eine der wichtigsten geistlichen Fragen überhaupt.
Nicht: Was ist mit den anderen?
Sondern: Was ist mit mir?
Wie geht es eigentlich mir?
Vor Gott.
Vor mir selbst.
In meinem Herzen.
- Wovon lenke ich bei mir ab, wenn ich ständig auf andere schaue?
- Was trägt mich eigentlich, wenn alles um mich herum laut wird?
- Wann habe ich zuletzt meine eigene Haltung hinterfragt
und mich korrigieren lassen?
Von Gott.
Oder auch von einem Menschen.
Sie merken:
Das sind keine einfachen Fragen.
Man beantwortet sie nicht in einer Minute.
Aber genau dort beginnt ein neuer Weg.
Nicht beim Blick auf die anderen.
Sondern beim ehrlichen Blick auf mich selbst.
IV Sich nicht für klug halten
Genau an diesem Punkt setzt Paulus an.
Er kennt die Christen in Rom noch gar nicht.
Er hat die Gemeinde nie besucht.
Aber er ahnt, was dort geschieht.
Zwischen jüdischen und nichtjüdischen Christen
wachsen Spannungen.
Einige diskutieren noch.
Andere reden längst nur noch aneinander vorbei.
Es gibt gar keine echten Gespräche mehr,
sondern nur noch gegenseitige Ablehnung.
Und gerade deshalb schreibt Paulus nicht:
Ihr müsst euch jetzt endlich zusammenreißen.
Er sagt auch nicht:
Ihr müsst bessere Christen werden.
Er schreibt einen einzigen Satz:
„Damit ihr euch nicht selbst für klug haltet.“
(Römer 11,25)
Ich finde:
In diesem einen Satz steckt unglaublich viel.
Im christlichen Glauben steht nicht das Rechthaben an erster Stelle.
Denn aus Rechthaberei wächst kein Frieden.
Frieden ist ein Geschenk.
Und Frieden schenkt Gott.
V Es möge Frieden sein …
Ein wunderschöner Satz aus dem Wochenpsalm
begleitet uns durch diese Woche:
„Es möge Frieden sein …“ (Psalm 122,7)
Damals war damit der Friede für Jerusalem gemeint.
Eine Stadt, die bis heute für viele Menschen
zum Sinnbild von Sehnsucht
und zugleich von Konflikten geworden ist.
Ich höre diesen Psalm heute ganz persönlich.
Es möge Frieden sein.
In dir.
Denn Frieden beginnt oft viel kleiner, als wir denken.
Nicht zuerst zwischen Staaten.
Nicht zuerst zwischen Religionen.
Sondern …
… in meinem Herzen,
… in meinen Gedanken,
… in meinem Zuhause,
… in meinen vier Wänden.
Genau dort beginnt das tragfähige Miteinander,
nach dem wir uns alle sehnen.
Aus unseren vier Wänden
wächst der Frieden hinaus.
Hoffentlich.
Auf unsere Straßen.
In unsere Kirchengemeinde.
Zu den Menschen,
die uns begegnen.
Gerade heute klingt das fast
wie eine Illusion.
Und doch glaube ich:
Es ist der einzige Weg.
So hat Jesus gelebt.
So hat er den Frieden
in die Welt gebracht.
Nicht durch Rechthaberei.
Sondern durch Liebe.
Es ist ein trauriges Zeichen,
wenn Christen einander den Glauben absprechen,
oder sich hinter dem Satz verstecken:
„So steht es aber in der Bibel.“
Die Bibel ist kein Werkzeug,
um andere klein zu machen.
Sie will uns den Weg zu Christus zeigen.
Und Christus ist der Friede.
VI Frieden ist der Gradmesser
Frieden beginnt dort,
wo ich mich nicht dauernd rechtfertigen muss.
Wo ich gehört werde.
Und selbst hinhöre.
Auf den anderen.
Auf mich selbst.
Und auf Gott.
Frieden ist der Gradmesser.
Trägt das, was ich sage
und was ich tue,
zum Frieden bei?
Darum sagt Paulus:
Haltet euch nicht selbst für klug.
Wer ständig auf das Anderssein anderer schaut,
verliert leicht den Blick für sich selbst.
Gott aber schenkt dir seinen Frieden.
Damit Frieden in dir wachsen kann.
Und von dir ausgeht.
Am Ende fragt Gott uns
nicht zuerst, ob wir recht hatten,
sondern, ob sein Frieden
in unserem Herzen Raum gefunden hat.
Und durch uns ein Stück Weltfriedlicher geworden ist.
Nimm diesen Frieden mit.
In dein Herz. In dein Zuhause.
Und in die Begegnungen, die vor dir liegen.
Gott geht mit.
Amen.
Zusammenfassung:
Wer ständig auf das Anderssein anderer schaut, verliert leicht den Blick für sich selbst. Gott aber schenkt dir Frieden – damit Frieden in dir wachsen kann und von dir ausgeht.
Thomas Volk, geb. 1962, Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche in Bayern. Seit 2021 Pfarrer in der Evangelischen Kirchengemeinde Bad Kissingen mit dem Schwerpunkt „Konfirmanden- und Jugendarbeit“.
Mail: thomas.volk@elkb.de
Instagram: thomas.volk.15