Römer 1,16

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Die Angst, etwas zu verpassen – und die Freiheit, das eigene Leben zu leben | 3. Sonntag nach Epiphanias | 25. Januar 2026 | Röm 1,16 | Thomas Volk |

1. Nicht mithalten müssen

Liebe Gemeinde,

kennen Sie dieses leise Gefühl,
dass das Leben woanders gerade mehr stattfindet als hier?
Dass andere etwas erleben, was man selbst verpasst?

Heute nennt man das „FOMO“ – Fear of Missing Out.
Die Angst, etwas zu versäumen.
Nicht dabei zu sein.
Nicht das Richtige gewählt zu haben.

Diese Angst trifft nicht nur junge Menschen.
Sie meldet sich auch mitten im Leben –
oder erst im Rückblick.

Manche fragen sich:
Hätte ich anders leben sollen?
Bin ich zu lange geblieben – auf einer Stelle, in einer Beziehung, an einem Ort?
War das schon alles?

Unsere Zeit macht diese Fragen lauter.
Noch nie hatten Menschen so viele Möglichkeiten.
Und noch nie wurden wir so oft daran erinnert,
was wir nicht haben, nicht erleben, nicht sind.

Bilder von glücklichen Momenten, von Reisen, Erfolgen, perfekten Leben –
und daneben unser eigener Alltag.
Ganz normal.
Und manchmal schwer auszuhalten.

Ich habe vergangene Woche gedacht:
„Alle haben die tollsten Polarlichter gesehen und gepostet
und nur ich habe sie verpasst,
habe fest geschlafen.“

Vielleicht sind Sie heute hier
und tragen genau diese Unruhe mit sich.
Oder einfach die Frage:
Ob mein Leben mich trägt – so wie es ist.

2. Eine Zusage, die trägt

Die Bibel kennt das Wort FOMO nicht.
Aber sie kennt eine Zusage,
die Menschen innerlich aufrichtet.

Der Apostel Paulus schreibt an die Gemeinde in Rom,
die er noch nicht kennt:

„Ich schäme mich des Evangeliums nicht;
denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die glauben.“

„Paulus meint damit:
Das Entscheidende in unserem Leben hängt nicht daran,
was wir aus uns machen –
sondern daran, dass Gott sich mit seiner Kraft uns zuwendet.“

Nicht erst, wenn dein Leben gelungen ist.
Nicht erst, wenn du alles richtig gemacht hast.
Nicht erst, wenn du mithalten kannst.

Du gehörst zu Gott –
mit deinem Weg,
mit deinen Entscheidungen,
mit dem, was geworden ist,
und mit dem, was vielleicht anders hätte kommen sollen.

Oder anders gesagt:
„Gott geht mit dir durch dein Leben.“

Diese Zusage trägt – gerade dann,
wenn wir uns ausgeschlossen fühlen.
Wenn wir nicht dazugehören.
Wenn wir nicht eingeladen sind.
Wenn wir nicht mithalten können.

Das Evangelium sagt nicht:
Du musst mehr aus deinem Leben machen.
Es sagt:
„Dein Leben steht unter Gottes Zuwendung.“

 3. Zum eigenen Weg stehen dürfen

Paulus kann das sagen,
weil er gelernt hat,
zu seinem eigenen Leben zu stehen.

Auch zu dem Teil,
auf den er nicht stolz ist.
Auch zu den Wegen,
die falsch waren.

Er verdrängt seine Geschichte nicht.
Aber er lässt sich auch nicht von ihr festlegen.

Er weiß:
Gott hat ihn nicht abgeschrieben.
Und deshalb muss er sich nicht schämen.

Vielleicht liegt genau hier eine Befreiung für uns:
Dass wir unser Leben nicht schönreden müssen.
Aber auch nicht ständig gegen es ankämpfen.

Zu sagen:
Das ist mein Weg.
Mit Brüchen.
Mit Umwegen.
Und mit der Hoffnung,
dass Gott mitgeht.

4. In Bewegung kommen – ohne sich zu verlieren

Paulus schreibt weiter,
dass das Evangelium eine Kraft Gottes ist.

Eine Kraft,
die etwas in Bewegung bringt.

Nicht hektisch.
Nicht fordernd.
Nicht als ständiger Druck,
noch mehr erleben zu müssen.

Sondern so,
dass ein Mensch seinem eigenen Leben
auf die Spur kommt.

Dazu gehört:
Sich nicht ständig vergleichen zu müssen.
Nicht dauernd zu denken:
Woanders wäre es besser.
Andere haben es richtiger gemacht.

Der christliche Glaube sagt
Du musst nicht jemand anderes werden.

Du darfst der Mensch werden,
den Gott sich mit deinem Leben gedacht hat.

Und das ist ein Weg.
Kein Wettlauf.
Kein Wettbewerb.
Kein Optimierungsprogramm.

Wir haben Zeit.
Ein ganzes Leben lang.

5. Frieden schließen – ohne stehenzubleiben

Vielleicht gibt es irgendwo ein Leben,
das auf den ersten Blick besser aussieht.
Vielleicht.

Aber auch dort gäbe es Vergleiche.
Auch dort gäbe es Unruhe.
Auch dort gäbe es das Gefühl:
Reicht das jetzt?

Der christliche Glaube lädt uns ein,
mit unserem Leben Frieden zu schließen –
ohne stehenzubleiben.

Zu sagen:
Hier stehe ich.
Hier lebe ich.
Und hier ist Gott mir nahe.

Am Ende eine alte Geschichte:

Zwei Mönche lasen in einem Buch,
am Ende der Welt gebe es einen Ort,
an dem Himmel und Erde sich berühren.

Sie machten sich auf den Weg
und wollten nicht umkehren,
bevor sie diesen Ort gefunden hätten.

Sie durchwanderten die Welt,
bestanden Gefahren,
ertrugen Entbehrungen.
sahen die schönsten Polarlichter.

Schließlich fanden sie, was sie suchten.
Sie klopften an eine Tür.
Und als sie eintraten,
standen sie in ihrer eigenen Klosterzelle.

Da verstanden sie:
Der Ort, an dem Himmel und Erde sich berühren,
liegt auf dieser Erde –
an dem Platz,
an den Gott uns gestellt hat.

Denn wer weiß, dass Gott ihm hier begegnet,
muss nicht mehr überall sein,
muss nicht alles sehen,
nicht alles erleben,
nicht überall dabei sein.

Die Kraft Gottes ist die Freiheit,
das eigene Leben leben zu dürfen –
ohne Angst, es zu verpassen.“

Und der Friede Gottes,
der weiter reicht als alles, was wir verstehen,
bewahre unsere Herzen und Sinne
in Christus Jesus.
Amen.


Thomas Volk, geb. 1962, Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche in Bayern. Seit 2021 Pfarrer in der Evangelischen Kirchengemeinde Bad Kissingen mit dem Schwerpunkt „Konfirmanden- und Jugendarbeit“.

Mail: thomas.volk@elkb.de

Instagram: thomas.volk.15

Facebook: Thomas Volk BK

 

Liedvorschläge:

EG 268,1-3 (Strahlen brechen viele)

Kyrie: KAA 083,1 (meine engen Grenzen)

Glorialied: KAA 085 (Laudate omnes Gentes)

Vor der Predigt: KAA 079 (Ich glaube fest, dass alles anders wird)

Nach der Predigt: KAA 030,1+4+6 (Alle meine Quellen entspringen in dir)

Liedstrophe zum Ausgang: EG 570,1+2