Römer 12, 17-21
4.So. n. Trinitatis | 28.06.2026 | Römer 12, 17-21 | Eine Supervision in eigener Absicht | Johann-Stephan Lorenz
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen
Es ist Winter in Korinth, vielleicht um das Jahr 56, die Seefahrt ruht, noch. Zeit für Planung und Korrespondenz. Paulus hält die Mission des östlichen Teils des römischen Reiches für abgeschlossen[1], nun will er die westlichen Teile mit der guten Botschaft bekanntmachen[2]: Die Auferstehung Jesu ist Beginn der allgemeinen Auferstehung, das Reich Gottes kommt, seine zweite siegreiche Wiederkehr steht unmittelbar bevor. Neben all dem wisst ihr, an welchem Punkt der Geschichte wir stehen; deshalb ist es höchste Zeit für euch, euch aus dem Schlaf zu erheben; denn die endgültige Erlösung ist näher als damals, als wir zum ersten Mal Vertrauen fanden. Die Nacht ist fast vorüber, der Tag fast da.“ (13,11))[3] Das Zeitfenster muss genutzt werden, um alle Menschen davon zu überzeugen: Jesus ist der auferstandene und in Herrlichkeit wiederkommende Messias.
Für die Spanienmission braucht Paulus eine Basis, Rom. Alle Wege führen bekanntlich dorthin, und auch wieder weg. Die Christen in der Hauptstadt sollen ihn dabei unterstützen. „…wenn ich nach Spanien reise. Denn ich hoffe, dass ich bei euch durchreisen, euch sehen kann und von euch dorthin weitergeleitet werde…“[4] Paulus will das Netzwerk[5] der Synagogen, in denen sich auch die an den Messias Jesus glaubenden Juden und Heiden versammeln für seine Unternehmung nutzen. Allerdings gibt es da einige Haken. Die Situation in Rom scheint unübersichtlich. (Jedenfalls für mich, vielleicht nicht für Paulus.) Einige Jahre zuvor hat Kaiser Claudius[6] Juden, auch Messiasgläubige aus Rom vertrieben und öffentliche Versammlungen verboten. Der Kaiser verfolgt eine restriktive, konservative Religionspolitik, die auch andere, wie Druiden und fremde Astrologen, trifft. Nach seinem Tod (54) sind einige Verbannte nach Rom zurückgekehrt. Was die Situation nicht einfacher macht.[7] Das Verhältnis von heidnischen und jüdischen Mitgliedern der Gemeinschaft ist schwierig, das zur traditionellen Synagoge wahrscheinlich auch. Wenn Paulus Rom als Basis für die Westmission nutzen will, muss er etwas tun, die Lage beruhigen, den Streit schlichten. Er tut, was er ‚immer‘ tut, und schreibt einen Brief. Gleichsam eine ‚Supervision‘ der Gemeinde in eigener Absicht.
Sein Brief hat erkennbar zwei Teile. Im ersten stellt er den Kern seines Evangeliums dar, es gilt Juden wie Nichtjuden gleichermaßen.[8]
In zweiten Teil stellt er Grundformen für das Verhalten der Gemeindeglieder untereinander und zur Außenwelt dar. Der Aufbau entspricht offensichtlich einem „gebräuchlichem Doppel-Code, mit dem Juden auf beide Tafeln des Gesetzes verweisen, nämlich auf die ‚Ehrfurcht‘ gegenüber Gott[9] (die ersten fünf Gebote) und die ‚Gerechtigkeit‘ gegenüber anderen Menschen (die zweiten fünf Gebote)“.[10]
Supervisorisch geübt gibt er keiner der miteinander in Konflikt liegenden Gruppen recht: Niemand hat Gott gegenüber gute Karten.
„Denn es macht keinen Unterschied, ob einer ein Jude oder eine Heide heißt, weil alle gesündigt haben und das Lob Gottes nicht verdienen können.“ (3,22b.23)[11] Er verweist ihre Wahrnehmung vielmehr auf ein ‚drittes‘, das den Konflikt lösen kann, die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt. „-und das ist die Gerechtigkeit, die von Gott kommt, durch die Treue des Messias Jeshua zu allen, die fest vertrauen.“ (3,22) Was allein die Gerechtigkeit bringt, ist das Vertrauen in den Erlöser Jesus Christus. Das hatten Heiden nicht bevor sie die gute Botschaft hörten und verlieren die Juden, wenn sie jetzt nicht dem Messias vertrauen, ja sogar die Torah als ‚boundary markers‘ zwischen Heiden und Juden verstehen, also ethnisch-soziale Abgrenzung und ethnisch-religiöse Absonderung verstehen.
Abgrenzen sollen sie sich von Verhaltensweisen und Normen der ‚Welt‘. „Mit anderen Worten, übernehmt nicht die Maßstäbe des ‚Olam Haseh‘ (der jetzigen Welt, des jetzigen Zeitalters). Lasst euch vielmehr verwandeln durch die Erneuerung eures Sinnes.“(12,2)[12]
Damit beginnt der zweite Teil. Eine Erläuterung, was aus dem göttlichen Erbarmen folgen könnte. Paulus folgt dem modernen Dreischritt: Wahrnehmen, was ist (es gibt keinen Gerechten, nicht einen) sich von der Wahrnehmung betreffen lassen (Vertrauen in Gott und seinen Messias Jesus), und daraus den treffenden Umgang lernen (Lasst die Liebe nicht nur äußeren Schein sein).
Zum treffenden Umgang gehört auch der Predigttext des heutigen Sonntages:
Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber allen Menschen. Wenn es möglich ist, soviel an euch liegt, habt mit allen Menschen Frieden. Rächt euch nicht selbst, Geliebte, sondern gebt Raum dem Zorn [Gottes]; denn es steht geschrieben: »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.« Vielmehr, »wenn deinen Feind hungert, gib ihm zu essen; wenn er Durst hat, gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln« Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse mit Gutem.
Einleuchtend. Und doch schwer zu leben. Jedenfalls erleben viele ihr alltägliches Miteinander wahrscheinlich anders. Menschen tun sich selbst und einander Böses an. Nichts Gutes. Menschen hassen sich selbst und einander. Frieden in Gaza, in der Ukraine, in der Golfregion und an vielen Orten der Welt nicht in Sicht. Menschen wählen den Tod. Nicht das Leben. Das betrübt einen schon sehr.
Aber, das Böse soll nicht siegen. Keine Rache. Paulus entzieht uns die Rache. Sollen wir getrost Gott überlassen. Wir wissen, Rache ist ein zutiefst menschliches Gefühl, das oft ausgelebt wird. Den Impuls dazu kennen wir. Paulus wischt die Rache fort. Hinein in Gottes Hände. Rache macht uns dunkel und hässlich. Paulus verweist auf die Liebe Gottes. Sie macht uns süß und hell. Viel mehr soll gelten:
Wenn dein Feind Hunger hat, gib ihm zu essen. Wenn er Durst hat, gib ihm zu trinken. Wenn er dann immer noch dein Feind bleibt, wird er sich immer mehr ins Unrecht setzen und das Gericht Gottes auf sich ziehen. (12,20)
Der Gedanke ist nicht von Paulus. Er zitiert aus Buch der Weisheit.
zitiert sein Judentum, mit dessen Erzählungen er aufgewachsen ist.
Luther hat den Brief gut verstanden und die Auseinandersetzung mit seinem Racheimpuls seine Überwindung in Identifikation mit Christus für seine Zeit geschildert:
Wir aber, so wir Christen sind, sollen barmherzig sein, wie unser Vater im Himmel: nicht allein gegen die, die unsere Freunde sind, sondern gegen jedermann, auch gegen die, so uns feind sind und verfolgen, auch wenn wir denken, sie sind es nicht wert, dass er ihnen ein freundliches Wort zuspreche. Wie wir auch erfahren, wie schwer uns das wird. Ei, sprechen wir, was geht mich der Bube an, er hat mir die dies oder das getan, ich erkenne sein unnützes Maul wohl, warum sollte ich ihm helfen? Ich wollte eher, dass ihn die Läuse fräßen … Dieses ist meine Meinung nicht, spricht Christus; sondern wenn euch gleich eure Nächsten beleidigt haben, wollt ihr Christen sein, so denkt, dass ihr barmherzig seid, und so barmherzig, wie euer Vater ist … so lerne du auch an diesem Beispiel, dass du sagen kannst: Ob mich wohl dieser oder jener stark beleidigt hat, dass ich ihm wünschen würde es sollten ihn die Maden fressen, so will ich es doch nicht tun. Denn dieses wäre nur eine heidnische, und nicht eine christliche Barmherzigkeit. Hat er mir Übel und Unrecht getan: nun, wer weiß, wie ich es verdient hätte. Ich will ihn darum jetzt nicht, da er meiner Hilfe bedarf, laufen lassen; denn ich sehe, dass er Hilfe bedarf und ich ihm helfen kann. Also tut mein Vater im Himmel doch auch mit mir.
„Vergeltet Böses nicht mit Bösem. Habt den anderen Menschen gegenüber stets nur Gutes im Sinn. Lebt mit allen Menschen in Frieden – soweit das möglich ist und es an euch liegt…Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute!“
Wie würden wir unseren Konflikt mit unseren Rachegelüsten und seine Überwindung wohl erzählen? Dazu sind wir fähig, weil wir einem Gott vertrauen, der gerecht ist und barmherzig. Deshalb können wir den Rat des Paulus in unsere Zeit, in unsere Situation, die nicht von einer Naherwartung seiner baldigen Wiederkehr geprägt ist, übertragen. Mut macht er den römischen Christen am Ende des Briefes, sozusagen als letzte gute supervisorische Intervention, zutraut – und auch uns:
Ich selbst bin überzeugt, meine Brüder (und Schwestern), dass ihr voll des Guten seid, voll in der Erkenntnis und sehr wohl in der Lage, einander zu raten. (15,14)
Gottes Heiliger Geist befestige diese Worte in eurem Herzen, damit ihr sie nicht nur gehört habt, sondern auch im Alltag als wahr erfahrt, auf dass euer Glaube zunehme und ihr endlich selig werdet durch Jesus Christus unseren Herrn. Amen
Lieder:
412 So jemand spricht
419 Hilf Herr meines Lebens
414 Lass mich o Herr in allen Dingen
428 Komm in unsere stolze Welt
317 Lobe den Herren
503 Geh aus mein Herz
Confiteor:
Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so Ewiger, schreit meine Seele nach dir. Seit es Menschen gibt, suchen sie nach dem Gott, der Leben gibt und erhält. Unsere Welt liegt im Argen, wir spüren, wenn es so weiter läuft wie bisher, könnte es ein böses Ende nehmen. Immer haben Menschen gehofft, dass Gott seine Geschöpfe befreit. Und, Gott hat sein Wort erfüllt. Jesus Christus kam, uns zu erlösen. Wir brauchen sein Leben schaffendes Wort, deshalb bitten wir: Gott, erbarme dich, erlöse uns, sei bei uns, führe uns zum ewigen Leben. Gib, dass wir mit einem unbeschwerten Herzen und fröhlichen Lippen diesen Gottesdienst feiern durch Jesus, den Christus. Und wir erhalten zur Antwort: Gott erbarmt sich, er vergibt uns und gibt all denen, die das glauben können, Kraft, sich wie Gottes Kinder zu verhalten. Sein Heiliger Geist wird uns stark machen. Wer Gott vertraut, wird selig werden. Das verleihe Gott uns allen. Amen.
Kollektengebet
Gott, tröste uns in unseren Sorgen und Ängsten, sei uns gnädig und erhöre unsere Gebete. Wo sollten wir hin, wenn es bei DIR kein Verstehen und Verzeihen gäbe? Dir erzählen wir, was unsere Seele bedrückt. Lass uns Barmherzigkeit finden bei dir. Dann können auch wir barmherzig sein und die ertragen, die du trägst. Hilf, dass wir einander verstehen lernen, so wie wir verstanden wurden von Jesus Christus, deinem Sohn, der mit dir und dem Heiligen Geist uns stärkt von jetzt an für immer. Amen
Fürbitte
P: Barmherzig bist du, gerecht und von großer Güte, Gott, uns Menschen eine große Hilfe. Lass uns von deiner Barmherzigkeit, Güte und Gerechtigkeit lernen.
A: So wollen wir barmherzig sein, und die behüten, die in Gefahr sind, mit Waffengewalt bedroht werden, die ausgehungert werden, erpresst und geschlagen. Wir rufen: Kyrie eleison
B: Deine Güte leite uns. Lass uns anderen beistehen, denen, die pflegen und heilen, mach uns Mut, Lasten für Schwächere zu übernehmen. Durch deine Güte lass uns Grenzen überwinden. Zeige dich mit deiner Güte. Wir rufen: Kyrie eleison
C: Deine Gerechtigkeit mache uns stark, dass wir uns denen entgegenstellen, die ihre Macht missbrauchen, mit Gewalt ihre Interessen durchsetzen und die Liebe und das Gute verachten. Wir rufen: Kyrie eleison
P: Barmherzig und treu bist du, gerecht und von großer Güte, Gott. Wir danken wir mit allen, die zu dir gehören – hier im Algarve und an anderen Orten der Welt, durch Jesus Christus, unseren Bruder. Amen. Laudate omnes gentes
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Pastor J.-Stephan Lorenz
Stephan.lorenz@evlka.de
[1] Römer 15, 19b
[2] Römer 15, 21 Zitat Jesaja 52,15 (als eines von vielen, siehe auch den Schluss 16,25ff): „Denen, die nichts von ihm verkündigt worden ist, und die nichts gehört haben, sollen verstehen.“ Oder das Jesajazitat 14,11.
[3] Übersetzung D. H. Stern, Das jüdische Neue Testament
[4] Römer 15, 24
[5] Dass es, modern ausgedrückt, ein Netzwerk gegeben hat, darauf weist die ausführliche Namensliste am Ende hin, 26 Personen zähle ich, dazu noch eine Anzahl ungenannter ‚und die Brüder, die bei ihnen sind.“
[6] Angabe aus dem Artikel Kaiser Claudius Wikipedia
[7] Ich beziehe mich auf W. Wiefel, er argumentierte, dass die Situation, die im Brief an die Römer angesprochen wird, durch die Vertreibung geprägt war. Die römische Kirche war ursprünglich in lokale Synagogen integriert und wurde wahrscheinlich von jüdischen Christen wie Aquila und Priscilla geleitet, aber die Vertreibung entfernte ihre Führung und die institutionellen Räume, die sie genutzt hatten. Dies verlagerte die Kirche demografisch auf die verbleibenden heidnischen Mitglieder, die ihre eigenen Räume für öffentliche Treffen entwickelten und so die Hauskirche schufen (die in Kapitel 16 von Römer erwähnt wird). Als die jüdischen Mitglieder der Kirche nach Rom zurückkehrten, hatten sie Schwierigkeiten, sich in die Heiden zu integrieren, die sich separat organisiert hatten.
[8] Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die glauben, die Juden zuerst und ebenso die Griechen. Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben; wie geschrieben steht Hab 2,4: »Der Gerechte wird aus Glauben leben.« 1,16f
[9] „Ihm sei Ehre für immer“, endet folglich der erste Teil.
[10] P. Fredriksen, Als die Christen Juden waren, S. 33
[11] Übersetzung D. H. Stern, Das jüdische Neue Testament
[12] Übersetzung D. H. Stern, Das jüdische Neue Testament