Römer 12,17-21
Es ist einfacher ein Aquarium in eine Fischsuppe zu verwandeln… | 4. So. n. Trinitatis | 28.06.2026 | Predigt zu Röm 12,17–21| verfasst von Udo Schmitt |
Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. Das Böse hingegen sollte man lassen. Und insbesondere auf Rache verzichten. Das ist in etwa das, was Paulus den Römern rät. Obwohl er die noch gar nicht kennt. Seine Ratschläge sind also allgemein, nicht konkret. Überwindet das Böse, besiegt das Böse mit Gutem. Man könnte jetzt fragen: Geht das denn? Und wenn ja: Wie? Aber ich möchte eure Gedanken zunächst auf etwas viel Grundsätzlicheres lenken: Gibt es das überhaupt? Das Böse? Und wo ist es?
Möglichkeit 1: Das Böse ist eine Gruppe von Menschen, die im Geheimen Pläne schmiedet, Kontrolle ausübt, die Weltherrschaft anstrebt. Verschwörungsfantasien dieser Art kursieren zu allen Zeiten. Mal wurde es den Jesuiten unterstellt, mal den Juden, dann dem KGB und der CIA. Heute fantasieren in den USA einige vom „deep state“, von einem „Staat im Staate“, einer Schattenregierung aus nicht gewählten und nicht kontrollierten Beamten, die die Entscheidungen aus dem Verborgenen lenken. Zugegeben: zu allen Zeiten gab es und gibt es Einflussnehmer und Strippenzieher. Aber dass es ein „mastermind“ mit einem geheimen „masterplan“ dahinter gibt, ist doch eher eine romantische Vorstellung. Und fast schon tröstlich: All das Schlimme, was passiert, ist nicht einfach das Ergebnis von Chaos, Zufall und Dummheit, sondern wird von einer Macht gelenkt, die sich etwas dabei denkt. Wenn auch etwas Böses. So wie man früher gerne sagte: Da steckt der Teufel dahinter! Und damit wären wir bei:
Möglichkeit 2: Die Welt, wie wir sie erleben, ist nicht friedlich sondern Austragungsort eines kosmischen Kampfes zwischen dem Guten und dem Bösen. Die Mächte des Lichts und die Mächte der Finsternis stehen in einem dauerhaften Ringen miteinander. Wie auf einem Schachbrett: schwarz gegen weiß. Das Welterklärungsmodell stammt genauso wie das Brettspiel aus dem alten Persien. Und bis heute nennt man da die politischen Gegner den großen Satan (USA) und den kleinen Satan (Israel). Was nicht gerade hilfreich ist, da man bekanntermaßen mit dem Teufel keinen Frieden schließen und auch keine Kompromisse machen kann, sondern nur kurzen Prozess. Oder anders gesagt: Die Dämonisierung des Gegners führt nicht zu einer Beendigung von Konflikten, sondern drängt in letzter Konsequenz auf völlige Vernichtung.
Für die ersten Christinnen und Christen war das 2-Mächte-Modell dennoch attraktiv, um das, was sie als Unterdrückte und Verfolgte an Leiden aushalten mussten, zu erklären und dadurch erträglich zu machen, denn: „Wir wissen, dass wir von Gott stammen, wissen aber auch, dass sich die ganze Welt in der Gewalt des Bösen befindet“, so der erste Johannesbrief (5,19). Die verfolgten Mitglieder der ersten Gemeinden sahen sich als kleine Figuren in dem kosmischen Konflikt. Sie definierten sich als Menschen, die in dieser Welt sind, aber nicht von dieser Welt. Schon Paulus macht diese Unterscheidung, er sagt: Wir leben zwar hier, aber „unser Bürgerrecht ist im Himmel“ (Philipper 3,20). Der Kirchenvater Augustinus hat dies ausgebaut zu einem Modell der zwei Staaten: Es gibt hier auf Erden den einen Staat, das ist die gottlose Gesellschaft, dem gegenüber steht der andere Staat, das himmlische Reich Gottes: Civitas Dei vs. Civitas Diaboli. Wir als Christinnen und Christen sind Bürger zweier Welten, sind nicht ganz von dieser Welt, stehen mit mindestens einem Bein schon im Himmel, auch wenn wir zur Zeit noch auf Erden weilen. Martin Luther, der ja Augustiner-Eremit war, konnte mit dieser Lehre etwas anfangen. In dem berühmten Lied „Ein feste Burg“ wird dieser Kampf zwischen Gut und Böse eindringlich beschrieben. Da ist vom „Fürst dieser Welt“ die Rede… Was meint ihr? Wer ist das? Richtig, der Teufel. Diese Welt hier wird von ihm beherrscht. Er ist mit viel Macht und Klugheit ausgestattet, und diesmal meint er es ernst. Aber egal, wie sehr er sich auch bemüht, „wie sauer er sich stellt“, am Ende wird er von dem rechten Mann geschlagen, Jesus Christus, „das Feld muss er behalten“, ein militärischer Ausdruck für: den Sieg davontragen. Er für uns. Und wir mit ihm. Tröstlich trotzig können wir singen: „Und wenn die Welt voll Teufel wär und wollt uns gar verschlingen, so fürchten wir uns nicht so sehr, es soll uns doch gelingen.“
Nach diesem Modell ist es also gar nicht mehr nötig, was Paulus von den Römern verlangt: „Überwindet das Böse, besiegt das Böse“ – das ist ja schon geschehen. Wir können die Mächtigen dieser Welt sehen, wie sie aufsteigen – und wie sie wieder fallen. Wie neue Mächte entstehen und wieder zerbröseln. Wie Gewinne gemacht und wieder verspielt werden. Stars bejubelt und bald schon vergessen werden. Es ist alles nicht so wichtig und nicht so schlimm, nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Bleibt cool, ihr Christinnen und Christen! Auch wenn die Hitze steigt. Die letzte Schlacht ist schon entschieden. Auch euch gelten die Abschiedsworte Jesu an seine Jünger: „Euer Herz soll ich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen“ (Johannes 16,22).
Ende gut, alles gut? Nicht ganz. Oder: Sowohl, als auch. An die Ängstlichen unter uns heißt es sehr wohl und weiterhin: Fürchtet euch nicht! Die Sache wird gut ausgehen. Also macht euch locker! Aber an die Faulen unter uns sei gesagt: Das heißt noch lange nicht, dass ihr euch jetzt einen schlanken Fuß machen dürft und bei jeder sich bietenden Gelegenheit die Hände in den Schoß legen. So nach dem Motto: Wir die Guten hier und die böse Welt da draußen. Tür zu! Es zieht. Lass mich klein und fein hier stille sein und die Welt da draußen toben und zugrunde gehen. Aber das ist zu wenig. So leicht können wir es uns nicht machen. Dass wir gar nichts tun können, stimmt ja auch nicht. „Mama sagt, dumm ist der, der Dummes tut“ heißt es bei Forrest Gump. Und gut ist der, der Gutes tut. Und nicht lässt. – Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. Wie schon Paulus an die Römer schreibt.
Und damit komme ich zu Modell 3: Gutes und Böses als Möglichkeiten in uns. Der kosmische Kampf Gut gegen Böse – wenn wir denn das überhaupt als Gedankenmodell akzeptieren – findet ja nicht da draußen statt, sondern zunächst und zumeist hier drin, in unsrer Brust, in unserm Herzen. Es geht auch nicht so sehr um die großen Entscheidungen großer Staatenlenker, sondern um die kleinen Dinge kleiner Leute. Nachbarschaft, Freundschaft, Freundlichkeit, Rücksichtnahme und Respekt voreinander, was sich ausdrückt in Umgangsformen, Höflichkeit. Dass man seinen Müll nicht einfach aus dem Fenster schmeißt und seinen Frust nicht einfach rausschreit und anderen vor die Füße kotzt.
Es gibt ja eine wachsende Anzahl von Mitbürgern, die sagen: Wir kleinen Leute hier unten werden schlecht behandelt und nicht gehört, die da oben sollten mal was tun. Die Populisten hüben wie drüben bestätigen sie in ihrer Annahme, dass das Volk unschuldig sei, die da oben aber böse. Doch das stimmt nicht. Der kleine Mann und die kleine Frau sind nicht besser. Wir sind alle Menschen. Wären wir an der Macht und müssten wir entscheiden, was da Beste ist… Was dann? Dann wären auch wir wohl überfordert, wenn wir es allen recht machen wollten.
Mir fehlt in diesen angeheizten Debatten ein bisschen die Demut – und die Einsicht, dass wir alle fehlbar sind und verführbar, Sünderinnen und Sünder allzumal. Wir die Guten und die da die Bösen? Ist es wirklich so simpel? Und ist es nicht auch so: Wenn ich zu den Guten gehören will, muss ich auch für das Gute eintreten. Und nicht nur über das Schlechte jammern und das Böse meckern. Wenn ich will, dass etwas besser wird, muss ich damit anfangen, etwas zu tun. Hier, bei mir. Ich darf mich nicht raushalten, sondern muss mich einmischen, mich einbringen. Und so das Böse mit Gutem überwinden. Vom Minus zum Plus kommen. Nach vorne schauen, nicht nach hinten treten.
Und wenn mir dabei etwas Schlechtes widerfährt? Wenn man mich beleidigt, anspuckt, verhöhnt, mir mit Gewalt begegnet, Böses androht, antut? Was soll ich dann: Mich nicht rächen wollen? „Wer sich nicht wehrt, der lebt verkehrt“, sagt ein alter Spontispruch. Und wahr daran ist, dass man nicht immer alles schlucken kann. Das schlägt einem auf Dauer auch nur auf die Gesundheit. Aber manchmal ist es besser, seine spontane Wut doch erst einmal herunterzuschlucken oder jedenfalls nicht gleich hinauszuschreien.
Manchmal ist es besser, erst noch einmal aus der Situation herauszugehen, vielleicht noch einmal eine Nacht drüber zu schlafen. Womöglich mit jemandem darüber zu reden, der einem Rat geben kann. In jedem Fall ist es klüger, behutsam, sich hütend, deeskalativ an die Sache heranzugehen. Ein unbedacht hervorgegiftetes Wort ist schwer wieder einzufangen. Zerdeppertes Porzellan hat, selbst wenn man es einigermaßen geklebt bekommt, anschließend einen komischen Klang.
Eine gute Beziehung – ob in der Familie, in der Nachbarschaft oder am Arbeitsplatz – ist ein bisschen wie ein Aquarium. Die einen schwimmen nur mit, die anderen halten sich im Hintergrund, einige drängeln sich gerne nach vorn, prahlen mit ihren bunten Schuppen, einige schwimmen die ganze Zeit geschäftig und hektisch herum, haben immer etwas Wichtiges zu tun, andere lassen sich träge treiben, mal sehen, was so kommt. Soweit so schön. Wenn man das Ganze nun aber hochkochen lässt, geht vieles kaputt. Es ist einfacher ein Aquarium in eine Fischsuppe zu verwandeln – als umgekehrt. Was ich damit sagen will: Wenn man erstmal auf dem Weg der Rache ist, kommt man meistens nicht mehr runter. Gewalt macht ohnmächtig. Ohnmacht macht wütend. Wut macht neue Gewalt. Gewalt erzeugt Gegengewalt. Und so weiter. „Das eben ist der Fluch der bösen Tat, dass sie fortzeugend immer Böses muss gebären“ (Friedrich Schiller). Also bevor man auf die Palme geht, sollte man sich überlegen, wie man wieder herunterkommt.
Überwindet das Böse und besiegt es, indem ihr Gutes tut. „Wir müssen lernen, das Böse zu bekämpfen, ohne jemandem Böses zu tun“ (Phil Bosmans). Das Böse ist eben nicht irgendeine fremde Macht, sondern schlicht das Gute, das man lässt. Und entsteht vor allem durch die Abwesenheit von Empathie. Das Gegenmittel ist Mitgefühl. Und das nicht nur im Gedanken, sondern auch in Worten und Werken. Es gibt nichts Gutes… ihr wisst schon.
Liedvorschläge:
EG 412 So jemand spricht: »Ich liebe Gott«
EG 665/HuE 264 Liebe ist nicht nur ein Wort
HuE 313 Wir wollen aufstehn
EG 658/HuE 316 Lass uns in deinem Namen, Herr
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Udo Schmitt, geb. 1968, Pfarrer der Evangelischen Kirche im Rheinland, von 2005-2017 am Niederrhein, seit 2017 im Bergischen Land.
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