Römer 12,17-21

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Sei ein Zeichen des Friedens| 4. Sonntag nach Trinitatis | 28.06.2026 | Römerbrief 12,17–21| Manfred Mielke|

Liebe Gemeinde,

ich beginne mit der Darstellung einer Begegnung, die uns zum heute vorgeschlagenen Bibeltext führen wird. Den Text schrieb Paulus in seinem Brief an die Römer, meine Begegnung ereignete sich, als ein Taufpate nach dem Gottesdienst noch einmal zurückkehrte.

„Du musst mein Kreuz segnen!“ bittet mich der junge Mann und hält mir das untere Ende seiner Halskette hin. Da ich stutze, erklärt er: „Ich muss nächste Woche als Soldat in den Kosovo, deswegen bitte segne mein Kreuz!“ Und mit Blick auf die junge Frau neben ihm sagt er: „Und wenn ich heil wiederkomme, musst Du uns trauen!“ Verdattert nehme ich einige Tropfen Taufwasser, betupfe sein Kreuz und sage ähnlich wie beim Taufkind: „Sei ein Zeichen des Friedens!“

Der Kosovo-Konflikt ist seit 1999 befriedet – vorläufig. Die Beiden sah ich nicht wieder, aber ich hoffe nur Gutes für sie und bin dankbar für die Begegnung. Die Bundeswehr hatte damals das Mandat, den Frieden zu sichern. Schon Paulus schreibt zum „Peace keeping“: „Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“

Paulus schreibt diese Aufforderung an die Urkirche in Rom, sozusagen hinein in den Maschinenraum der Macht. Von dort wurde die „Pax Romana“ den Nachbarvölkern aufgezwungen. Aufstände wurden niedergeknüppelt, Rache und Unterwerfung waren normal. Paulus entwirft aber dagegen kein politisches Manifest, sondern macht eine scharfe Unterscheidung zu Gott hin und mehrere Ermutigungen zur Mitmenschlichkeit. Er bündelt das Gewaltmonopol auf Gott und empfiehlt untereinander mutige Symbolhandlungen. Er schreibt: „Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber allen Menschen. Wenn es möglich ist, soviel an euch liegt, habt mit allen Menschen Frieden. Rächt euch nicht selbst, Geliebte, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben: »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.« Vielmehr, »wenn deinen Feind hungert, gib ihm zu essen; wenn er Durst hat, gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln« Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse mit Gutem.“

Paulus schreibt vom Sieg des Guten über das Böse, vom Frieden anstelle des Zorns. Damals wie heute sind das die Themen auf höchster Ebene wie auch für unser praktisches Tun. Deswegen berührt uns seine konkrete Sprache und sein wohlwollender Tonfall. Paulus zitiert das Alte Testament so, dass wir Jesus heraushören, er benutzt gängige politische Schlagwörter und stiftet zum Frieden-Anfangen an. Das hilft uns wie seinen damaligen Briefleser/innen. Die sind im Moseglauben geprägt und leben nun als Christen in Rom. Sie sind eigebettet als Minderheit in heidnischen Nachbarschaften und in römischen Befehlsstrukturen. Da stellt sich für jedes Alltagsverhalten die Frage nach Brauchtum oder Charakter, nach Mitlaufen oder Spurtreue. Und auch wir kennen den heißen Zorn und die kalte Rache, die wir hoffentlich durch unsern Glauben zähmen können. Dazu schreibt Paulus: „Rächt euch nicht selbst, Geliebte, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben: »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.«

„Ja, gut, sagte sich damals der alttestamentliche Prophet Jona, ich will Ninive ja gar nicht persönlich wegbomben. Denn Du, Jahwe, hast ja im Zorn selbst den Untergang der Zivilisation beschlossen und für deine Rache ein 40 Tage-Ziel festgesetzt.“ – Doch innerhalb dieser Frist geht der König, sein Kabinett sowie alle Tiere in Buße, woraufhin Jahwe den einprogrammierten Untergang nicht durchzieht. Weil bei ihm das Heil über das Unheil gesiegt hat, faucht Jona nun einen „heißen Nasenwillen“ gegen seinen Jahwe. Doch der antwortet nicht als feuerspeiender Dinosaurier, er lässt nur einen Schattenstrauch verdorren. Daraufhin akzeptiert Jona – schmollend – Jahwes Abkehr vom Zorn und bekennt: „Du, Gott, kannst das Böse mit Gnade überwinden.“

Im Alten Testament sehen wir bei Jona, wie Gott seinen globalen Zorn in Gnade wandelt, bei Joseph sehen wir es innerhalb der Familie (wie wir in der Schriftlesung hörten). Josef schaltet um von Rache auf Frieden gegenüber seinen Brüdern, die ihn einst umbringen wollten und sagt: „Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen.“

Um dieses „Gut-Machen“ mit Beispielen anzureichern, zitiert Paulus aus den Sprüchen Salomos. „Wenn dein Feind hungert, gib ihm zu essen; wenn er Durst hat, gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln.“ Er könnte auch aus der Bergpredigt Jesu hinzufügen: „Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen. Und wenn dich einer vor Gericht bringen will, um dir das Hemd wegzunehmen, dann lass ihm auch den Mantel!“

Paulus schreibt diese Aufforderungen aber nicht im Sound der mosaischen Gebote und Verbote. Er schreibt nicht in der Befehlsform, sondern in einer mitmachenden Verlaufsform. Etwas ungeschickt würde sich das so anhören: „Du reichst schon Nahrung an, während du den Hunger feststellst. Nicht irgendwann, denn du bist jetzt schon im flow.“

Die römische Bürgergesellschaft lebte nach strengen Normen und Tugenden. Diese Sittsamkeit des Einzelnen sollte aus der Sittsamkeit des Staates entspringen. Aber sicherheitshalber gab es auch Kontrollen, wie oft jemand öffentlich Weihrauchkörner auf den gottgleichen Cäsaren abbrennt oder andere Pflichten einhält. Die Tugend der Barmherzigkeit für Feinde war nicht dabei. Aber gerade die steht unter der ungewöhnlichen Verheißung, dass jeder durch sie glühende Kohlen auf dem Kopf seines Feindes sammeln kann. Aber was sollte Gott damit anfangen?

Ich habe selten genug einem Gegner oder Feind Gutes gewünscht. Gerne hätte ich manchem einen Turban aus heiliger Altarkohle aufgesetzt. Aber dann gab es die Kraft, die Finger davon zu lassen, und der Andere erfuhr Gesichtswahrung. Das Bild ist brutal, macht aber die Hände und den Weg frei zu einem friedlichen Neubeginn.

Wenn wir anstelle der Feuerkohlen nun reale Drohnen und Artillerie einsetzen, dann stellt sich die Frage nach dem Gewaltverzicht zwischen Staaten, dann brauchen wir eine Klärung zum Pazifismus. Böses nicht mit Bösem zu vergelten ist eine tapfere Selbstbeschränkung, aber wie steht es mit der Abschreckung, die ja mit Zorn das Böse zügeln will?

Die aktuelle Friedensdenkschrift der EKD trägt den Titel „Welt in Unordnung – Gerechter Friede im Blick“. Gefragt ist zwar, „was über die Verteidigungsfähigkeit hinausgeht“ aber gegen eine feindliche Gewalt braucht es letztlich eine „rechtserhaltende Gewalt“. Pazifismus bleibt dann als individuelle Gewissensentscheidung noch möglich, ist aber als politische Theorie nicht mehr christlich zu begründen. Infolgedessen sind auch Atomwaffen politisch notwendig. Soweit die aktuelle Denkschrift der EKD.

In ihr steckt viel Realismus, aber wenig Hoffnung. Frieden schaffen durch passende Waffen steht im Widerspruch zum Prophetenbild, Schwerter zu Pflugscharen umzuschmieden. Und wo bleibt der Christus, der das Gewehr zerbricht? Wenn das Evangelium nicht zur Realität passt, dann müssen wir die Realität ändern, nicht das Evangelium. Dessen Kernsatz gilt: „Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse mit Gutem.“ Dafür brauchen wir mutmachende Neuanfänge im Denken, in der Ethik, in der Feindesbarmherzigkeit.

Bei dem Pärchen sehe ich die Gewichtung erheblich anders. Die haben vielleicht zu wenig Realismus, aber sie haben eine Weitsicht und einen Langmut. „Du musst mein Kreuz segnen, ich will den Auslandseinsatz überleben, und dann wollen wir heiraten.“ Der Soldat wird das Schmuckkreuz als Segensträger bewusst vor der Brust tragen und seine Verlobte wird die Durststrecke angehen mit dem Ziel einer friedlichen Liebeszukunft. Die beiden gehen los im Segen und wollen ankommen im Segen. Im Nachhinein hätte ich die beiden gerne so verabschiedet: „Eure Konflikte seien ohne Zorn, eure Familie sei ohne Gewalt, eure Liebe sei ohne Falsch.“ Amen

Liedvorschläge:

Christen sind das Salz der Erde (Spangenberg; Melodie EG 325)

Der Friede, den Gott gibt, rührt

Die ganze Welt hast du (EG 360; ggf 2.Melodie)

Unfriede herrscht auf der Erde

Spielt nicht mehr die Rolle

Brich mit den Hungrigen dein Brot

Gebet:

Wir glauben, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen. Wir stehen bereit und beten:

O Herr, mache uns zu einem Werkzeug deines Friedens.

Lass uns Unterschiedsmenschen sein,

die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.

O Herr, dass wir Freude entfachen, wo der Kummer wohnt.

Begabe uns zu Ausgleichsmenschen,

die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.

O Herr, dass ich die Wahrheit sage, wo der Irrtum herrscht.
Lass uns Verheißungsmenschen sein,

die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.

O Herr, dass wir ein Licht anzünden, wo die Finsternis regiert.
Erleuchte uns, auf dass wir Segensträger sind,

die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.

O Herr, dass wir die Hoffnung wecken, wo Verzweiflung quält.
Lass uns deine Peacekeeper sein,

die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen. Amen

Manfred Mielke, Pfarrer der EKiR im Ruhestand, geb 1953, verheiratet, 2 Söhne. Sozialisation im Ruhrgebiet und in Freikirchen. Studium in Wuppertal und Bonn (auch Soziologie). Mitarbeit bei Christival und bei Kirchentagen. Partnerschaftsprojekte in Ungarn und Ruanda. Musiker und Arrangeur.