Römer 13,8-10
Sprachen der Liebe | 1. Advent | 30.11.2025 | Römer 13,8-10 | Sven Keppler |
I.
„Hans, kommst Du mal bitte?“ – „Kleinen Moment, ich hab gerade noch was in der Hand.“ – „Hans, ich muss mit Dir reden.“ – „Moment, sofort.“ – „Ich halte das nicht mehr aus, Hans!“ – „Helga, was hast Du denn?“ – „Nie hast Du Zeit für mich. Immer heißt es: Kleinen Moment, gleich. Und überhaupt: Nie zeigst Du mir, dass Du mich liebst. Dass Du gerne mit mir zusammen bist. Immer bist Du mit irgendetwas beschäftigt. Wann hast Du mich eigentlich zuletzt in den Arm genommen?“
Hans ist sprachlos. Für ihn kommen die Vorwürfe seiner Frau aus heiterem Himmel. Dabei war er doch gerade dabei, ihren Föhn zu reparieren. Heute Morgen erst war er kaputt gegangen. Vor einer Stunde hatte sie ihm das Gerät gegeben. Und jetzt war er schon fast wieder heile. Nur noch ein Test.
Helga braucht nur einen Wunsch zu äußern. Sie braucht nur ein kleines Signal zu senden, dass sie seine Hilfe braucht. Und schon ist er für sie da. Für ihn ist das der Weg, wie er ihr seine Liebe zeigt. Andere lässt er schon mal warten. Aber ihr liest er die Wünsche sozusagen direkt von den Lippen ab. Erst vor kurzem hat er ihr ein Wandschränkchen gebaut, dass sie sich mal in einem Nebensatz gewünscht hatte.
Und jetzt diese Vorwürfe! Er versteht sie nicht. Es stimmt ja: Wenn er etwas für sie repariert, zieht er sich in den Keller zurück. Er ist dann nicht bei ihr, um sich mit ihr zu unterhalten. Große Worte machen ist sowieso nicht sein Ding. Gefühlvolle Liebeserklärungen auch nicht. Aber er zeigt ihr sein Liebe eben durch einen reparierten Föhn. Seine Frau scheint sich jedoch etwas anderes zu wünschen.
Liebe Gemeinde, um die Liebe geht es in unserem Predigttext. Ein kurzer Abschnitt aus dem Brief, den Paulus an die Gemeinde in Rom geschrieben hat. Ich lese aus Kapitel 13: [Römer 13,8-10]
II.
Wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt. Bloß: Was ist eigentlich genau gemeint mit dieser Liebe? Lieben kann man ja auf ganz unterschiedliche Weise. „Ich liebe die Berge!“ „Ich liebe Schokolade!“ „Ich liebe meine Kinder.“ „Ich liebe meine Arbeit.“
Der eine träumt von einer heißen Liebesnacht. Die andere von einer romantischen Beziehung. Einer spürt ganz viel Nächstenliebe, seit er einer Flüchtlingsfamilie hilft. Eine andere sehnt sich danach, endlich mal von einem anderen Menschen ohne Vorleistungen geliebt zu werden.
Der Paartherapeut Gary Chapman unterscheidet fünf verschiedene Sprachen der Liebe. Seine Bücher sind zu Bestsellern geworden. Begeisterte Leserinnen und Leser schreiben Sätze wie: „Das beste Buch, das ich je gelesen habe, es hat mein Leben verändert!“ Vielleicht hilft er uns ja, das Geheimnis der Liebe ein bisschen besser zu verstehen.
Fünf Sprachen der Liebe. Menschen haben unterschiedliche Wege, ihre Liebe auszudrücken. Die erste Art ist Lob und Anerkennung: Menschen mit dieser Beziehungssprache loben die Menschen in ihrem Umfeld für alle möglichen und unmöglichen Dinge. Sie sehen oft tolle Leistungen bei anderen und haben auch die Gabe, dies auszusprechen. So zeigen sie ihren Respekt, ihre Liebe und letztlich auch ihre Anerkennung.
Der zweite Typ liebt die Zweisamkeit. Es geht diesen Menschen um die Zeit, die man bewusst gemeinsam verbringt. Die ungeteilte Aufmerksamkeit, ohne störende Telefonanrufe oder Freunde, die plötzlich vorbeikommen.
Andere zeigen durch Geschenke ihre Liebe. Dabei spielt der materielle Wert keine Rolle. Der Geschenk-Typ schätzt es, wenn ein passendes Geschenk liebevoll ausgesucht wird. Besonders Kinder zeigen oft auf diesem Weg, dass sie jemanden mögen.
Den vierten Typ kennen wir schon von Hans. Es sind die Hilfsbereiten. Und fünftens schließlich gibt es Menschen, die ihre Liebe durch Zärtlichkeit ausdrücken. Das, wonach sich Helga anscheinend noch mehr sehnt als nach einem reparierten Föhn.
Daran wird schon ein Problem sichtbar: Wer unterschiedliche Sprachen der Liebe spricht, versteht sich nicht unbedingt. Helga merkt vielleicht schon gar nicht mehr, dass Ihr Mann ihr durch seine Hilfsbereitschaft seine Liebe zeigt. Denn sie sehnt sich nach einer zärtlichen Geste.
III.
Liebe Gemeinde, ich muss gestehen: Ich kenne das Buch von Chapman nur aus zweiter Hand. Aber die Unterscheidung dieser Typen finde ich ganz einleuchtend. Und auch die Grundüberzeugung: Menschen zeigen ihre Liebe auf ganz unterschiedliche Art. Dabei lieben die Zärtlichen und die Zweisamen nicht mehr als die Hilfsbereiten. Sie zeigen ihre Liebe bloß anders.
Außerdem glaube ich, dass jeder dieser Typen seine eigenen Grenzen hat. Und auch seine eigenen Fallen, in die er tappen kann. Es gibt bei jeder Art, die Liebe zu zeigen, ein Zuwenig und ein Zuviel.
Zum Beispiel zu viel Geschenke. Manchmal sehe ich Kinderzimmer, die mir die Sprache verschlagen. Auf jeder freien Fläche steht ein Playmobilgebäude, natürlich dicht mit Figuren bevölkert. An den Wänden sind Regale angebracht, auf denen sich gigantische Lego-Raumgleiter reihen. Von den Decken hängt es herab und von den Fußböden türmt es sich auf – wie in einer Tropfsteinhöhle.
Das Kind, das diese Höhle bewohnt, wird mit Liebe überschüttet. Von Eltern, Großeltern, Onkeln und Tanten. Aber haben sie im Blick, was dem Kind guttut? Was bringt die Familie dazu, enthemmt immer mehr zu schenken? Konkurrenz untereinander? Werben um die Liebe des Kindes? Schlechtes Gewissen, so selten Zeit zu haben?
Das alles sind Motive, die mehr mit dem Schenkenden selbst zu tun haben als mit dem Beschenkten. Das ist ganz ähnlich, wie beim entgegengesetzten Fall: Wenn es zu wenig Geschenke gibt. Dann kann es an Desinteresse liegen, am Geiz oder an Gedankenlosigkeit. Wenn das gute Maß der Mitte gehalten wird, dann ist oft der geliebte Mensch im Blick. Wenn ein Zuviel oder ein Zuwenig herrscht, dann geht es oft weniger um den geliebten Menschen, sondern um einen selbst.
Das ist genau so bei der Zweisamkeit. Auch da gibt es ein Zuviel. Wenn der Liebende Zweisamkeit einfordert. Immer mehr Kontakte abbricht, um die Geliebte oder den Freund für sich allein zu haben. Auch in solchen Fällen denkt der Liebende letztlich vor allem an sich selbst. An sein Bedürfnis, die Geliebte ganz zu besitzen. Das ist genau so selbstisch wie das Gegenteil. Wenn man die Zweisamkeit meidet, weil man sich mit dem anderen langweilt.
Liebe Gemeinde, ich glaube, diese Beobachtung ließe sich auch für alle anderen Ausdrucksformen der Liebe durchbuchstabieren. Ein Zuviel und ebenso ein Zuwenig sind meistens ein sicheres Zeichen, dass es den Liebenden vor allem um sich selbst geht. Ein gutes Maß kann dagegen darauf hindeuten, dass die andere Person im Blick ist. Und darum geht es ja bei der Liebe: Das Gegenüber mindestens genau so wichtig nehmen, wie sich selbst.
IV.
Paulus schreibt: Was da alles an Geboten ist, das wird in diesem Wort zusammengefasst: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Wir sollen unsere Mitmenschen lieben – diese Forderung zieht sich durch das gesamte Neue Testament. Jesus hat in diesem Sinn gesprochen. Der große Liebende, auf dessen Kommen in die Welt wir uns nun wieder vorbereiten. Ebenso sagen es die Briefschreiber. Und sie beanspruchen damit, das Alte Testament in seinem Kern zusammenzufassen.
Aber das ist ja ein unglaublicher Anspruch! Lieben. Sich zu einem anderen Menschen hingezogen fühlen. Immer um diesen Menschen und sein Wohl zu kreisen. Aufgeregt zu sein in seiner Nähe. Ein Leere zu empfinden ohne ihn. Können wir so mit allen Menschen umgehen? Gelingt uns das nicht nur mit ganz wenigen?
Erst recht, wenn diese Menschen es uns schwer machen. Weil sie übellaunig sind. Hinter unserem Rücken schlecht von uns reden. Weil sie im Beruf erfolgreicher sind als wir. Oder weil sie vielleicht sogar ein Verbrechen begangen haben. Auch die sollen wir lieben?
Liebe Gemeinde, ich glaube, Paulus hat einen ganz realistischen Umgang mit dieser überwältigenden Forderung gefunden: Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung. Die Liebe, die wir zu allen Menschen haben sollen – sie muss kein Gefühl sein, dass uns im Innersten ergreift und durchschüttelt. Sie muss keine Sehnsucht sein, die uns schlaflose Nächte bereitet. Keine Hingabe, in der wir selbst uns auflösen.
Dem Nächsten nichts Böses tun, auch das ist schon Liebe. Anderen Menschen nicht schaden – nicht ehebrechen, nicht töten, nicht stehlen, nicht begehren – das klingt so nüchtern und bescheiden, verglichen mit den Gefühlstiefen der romantischen Liebe. Aber genau besehen ist das schon eine Menge. Den anderen im Blick haben und ihm nichts Böses tun. Wenn wir so miteinander umgingen, jeder in seiner eigenen Sprache und nach seinen eigenen Möglichkeiten – dann wäre schon eine Menge erreicht. Amen.
Pfarrer Dr. Sven Keppler
Versmold
sven.keppler@kk-ekvw.de
Sven Keppler, geb. 1968, Pfarrer der Evangelischen Kirche von Westfalen. Seit 2010 in der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Versmold. Vorsitzender des Versmolder Kunstvereins. Autor von Rundfunkandachten im WDR.