Römer 13,8-12

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1. Advent | 30.11.2025 | Römer 13,8-12 | Stephan Lorenz |

Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen

Heute, am 1. Advent beginnt ein neues Kirchenjahr – mit einer Buß- und Fastenzeit. Die Farbe Lila des Antependiums macht‘s deutlich. Als Vorbereitung auf die großen Feste Ostern wie Weihnachten, ermuntert uns unsere Tradition zu solch einer Buß- und Fastenzeit. Früher passte das zum Lebensrhythmus einer bäuerlich geprägten Gesellschaft. Die Ernte war eingefahren, man musste haushalten, damit die Vorräte bis zur nächsten Ernte die Familien ernährten.

Heute müssen wir uns nicht zurückhalten, es sei denn, wir gehören zu den vielen, die mit wenig Geld auskommen müssen. In den Geschäften herrscht in unseren Breiten kein Mangel mehr. Die Regale sind immer voll. Kommerz prägt unsere Adventszeit schon weit vor ihrem Beginn. Weihnachtsmärkte haben Konjunktur, Adventsfeiern in Betrieben und Gruppen. Kaufrausch für den Höhepunkt, das Weihnachtsfest. Was soll da eine Buß- und Fastenzeit? Wer will da den Spaßverderber geben, dafür werben?

Die UN-Klimakonferenz im brasilianischen Belem hat getagt. Ein wirklicher Fortschritt in Sachen Klimaschutz ist nicht zu sehen. Ganz deutlich ist: Die Klimaerwärmung ist jetzt schon gefährlich und mitunter tödlich. Für Eisbären, Pflanzen, Vögel und Insekten sowieso, aber auch für tausende Menschen in Deutschland und auch in anderen Ländern. Denken wir nur an die Taifune in den Philippinen. Im Sommer 2024 sind in Europa mehr als 62.700 Menschen an den Folgen von Hitze gestorben. Damit war die Zahl der Toten laut einer Studie des Instituto de Salud Global Barcelona (ISGlobal) um fast ein Viertel höher als im Sommer 2023. Italien und Spanien, aber auch Portugal waren besonders betroffen.[1] Der Iran erlebt seit zwei Jahren eine nie gekannte Trockenheit. Die Befunde sind mehr als „alarmierend“. Die Erderhitzung hat schon jetzt weitreichende Folgen für Umwelt, Gesellschaft und Gesundheit. Das Ziel der Pariser Konferenz, die Erderwärmung auf höchstens 1,5 Grad zu begrenzen – weit verfehlt!

Ich finde: Damit wird eine Buß- und Fastenzeit, wie unsere Tradition sie vorschlägt, wieder aktuell. Das moderne Wort Buße ist mit dem altdeutschen Wort baß, „besser“ verwandt. Es bedeutet ursprünglich „Nutzen, Vorteil“. Wer will heute noch ernsthaft leugnen, dass wir unseren Lebensstil ändern müssen, es besser machen sollten und können, damit er uns zum Vorteil und Nutzen gereicht? Wir können unsere Einstellung ändern. Aber wie? Kann unsere Glaubenstradition einen Beitrag Ermutigung für eine Verhaltensänderung sein?

Wir haben als Lesung einen Abschnitt aus dem Jeremiabuch (23) gehört. Jeremia redet von kommenden Tagen. Er weckt Sehnsüchte, die tief in unserer Seele wohnen. Sehnsüchte nach einem, der die Menschen wirklich gut regiert. Der alles mit Weisheit angeht, dem es gelingt, gerecht zu sein, der Sicherheit unseres Lebens garantiert. Wenn er kommt, gibt es kein Leid mehr. Durch ihn werden alle, die aus der Welt gefallen sind, wieder ein zu Hause finden. Solche Sehnsüchte kennen wir. Ach, dass wir frei würden von allen Sorgen, Leiden und aller Todesgewalt. Die Realität unserer Tage zeichnet sich wie ein Kontrastprogramm.

Kein Zweifel, Jeremia hat auf einen Gott gehofft, der alles ändert, Ungerechtigkeiten richtet und Täter bestraft. Jeremia hofft, dass die Menschen sich eines Besseren belehren lassen. Passiert ist das zu seiner Zeit nicht. So die Erfahrung des Jeremia – wie auch unsere eigene.

Vielleicht warten viele von uns auch auf einen Heilsbringer. Das würde zu den Umfragen passen, die zeigen, dass zwar viele Deutsche eine Änderung des Lebensstils als zwingend ansehen, aber bitte, der Nachbar soll beginnen und sich zuerst ändern! Wir haben uns angewöhnt, Forderungen an andere zu stellen. Aber: Delegation auf andere funktioniert nicht.

Jetzt hören wir einen Abschnitt aus dem Brief des Paulus an die Christen in Rom. Vielleicht hilft der uns weiter:

Abgesehen davon, dass ihr einander lieben sollt, bleibt keinem etwas schuldig! Wer den anderen liebt, hat das Gesetz erfüllt. Denn das Gesetz sagt: „Du sollst die Ehe nicht brechen, du sollst niemanden ermorden, du sollst nicht stehlen, du sollst der Begierde keinen Raum geben.“ Diese und alle anderen Gebote sind in dem einen Satz zusammengefasst: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses an. Darum wird durch die Liebe das ganze Gesetz erfüllt. Achtet also auf die Gelegenheiten, die Gott euch gibt. Es ist höchste Zeit, aus dem Schlaf aufzuwachen, denn jetzt ist unsere Rettung noch näher als damals, als wir zum Glauben kamen. (Römer 13,8-12)

Auf den ersten Blick kein Text, der irgendetwas mit Advent oder Buß- und Fastenzeit zu tun hat. Beim zweiten Hinsehen aber doch – denke ich.

Paulus stellt die Prophetie Jeremias nicht in Frage, das machen die ersten Kapitel des Briefes an die römischen Christen klar. Aber er meint, dass die Hoffnung auf einen Gott mit einer Mentalitäts- und Verhaltensänderung bei uns selbst einher gehen muss. Was nutzt ein verändernder Gott, ein König, der gerecht und weise regiert, wenn seine Menschen sich gegenteilig verhalten? Die Wirkung würde verpuffen.

Deshalb schreibt er: Abgesehen davon, dass ihr einander lieben sollt, bleibt keinem etwas schuldig!… Achtet also auf die Gelegenheiten, die Gott euch gibt. Es ist höchste Zeit, aus dem Schlaf aufzuwachen.

Achtet auf die Gelegenheiten, die Gott euch gibt. Paulus ermutigt uns, Buße zu tun, also selbst danach zu suchen, wie wir es besser machen können, was unserem Vorteil und Nutzen dient: Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses an. Heißt auch: nicht passiv auf jemanden warten, der es schon richten wird oder die Aufgabe an den Nachbarn abschieben. Wir selbst werden tätig! Einen Lebensstil suchen, der anderen Menschen nichts wegnimmt und unseren Begierden weniger Raum gibt. Was kann ich besser machen? „Maßvolle Selbstkultur anstelle des maßlosen Selbstkultes“.[2]

Schwer genug, wie wir alle wissen. Alte, liebgewonnene Gewohnheiten und Haltungen aufgeben ist eine ziemlich schwere Aufgabe. Paulus weiß das. Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach. So drückt er unseren Konflikt aus. Am Anfang des Briefes schreibt er, warum es uns trotzdem gelingen kann: „Denn im Evangelium zeigt Gott uns seine Gerechtigkeit, eine Gerechtigkeit, die aus dem Vertrauen auf Gott kommt und zum Glauben hinführt, wie es in der Schrift steht: „Der Gerechte wird leben, weil er glaubt.“ (1,17)[3]

Das könnte es doch sein: Im Vertrauen auf Gott, der uns in unseren Bemühungen, Buße zu tun, es besser zu machen, ermutigt und entgegenkommt, werden wir leben. Tatkräftig liebend einander unterstützen. Gott selbst kommt uns zu Hilfe, wird Mensch, erlebt unsere Konflikte, erkennt unsere Ängste, unsere Lethargie – und wird uns Kraft geben, da, wo wir verantwortlich sind, es immer besser machen zu können.

Paulus endet seinen Brief mit Worten, die auch mir aus dem Herzen sprechen:

Über euch kann ich mich nur freuen, denn jeder weiß, dass ihr auf Gottes Wort hört. Doch ich möchte euch auch weise zum Guten und unbeeinflusst vom Bösen wissen. Es wird nicht mehr lange dauern, bis der Gott des Friedens den Satan unter euren Füßen zermalmt hat. Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sei mit euch! (16,19ff)

Ich wünsche Ihnen eine schöne, bußfertige Adventszeit!

Gottes Heiliger Geist befestige diese Worte in euren Herzen, damit ihr das nicht nur gehört habt, sondern auch im Alltag leben könnt, auf dass euer Glaube und Vertrauen in Gott zunehme und ihr selig werdet, durch Jesum Christum unseren Herrn. Amen

Confiteor:
Im Psalm 50 heißt es: Unser Gott kommt und schweigt nicht. Wir hören das. Nur, allzu oft ist unsere Erfahrung: Gott schweigt. Schweigt zu unseren Tränen, unserer Angst. Wie oft fragen wir, wo bist DU, Gott? So nehmen wir unser Leben in die eigene Hand. Wir kommen wir hier zusammen, um ermutigende Worte zu hören. Unterscheiden zu lernen zwischen dem, was wir tun können und dem, was in Gottes Hand alleine liegt. Wir bitten: Gott, erbarm dich, vergib unser Misstrauen; leite uns zu einem guten Leben. Lass uns diesen Gottesdienst mit einem unbeschwerten Herzen und fröhlichen Lippen feiern durch Christum, den Messias. Und wir erhalten als Antwort: Gott erbarmt sich, Jesus Christus kommt, um unser Vertrauen zu werben. Wer vertrauen kann, ist Gottes Kind. Sein Geist wird ihn leiten. Und er wird selig werden. Das verleihe Gott uns allen. Amen.

Kollektengebet
Gott, tröste uns in unseren Ängsten und Sorgen, sei uns gnädig, erhöre unser Gebet. Wir warten auf dein Kommen. Du kennst unsere Situation, unser Leiden, unsere Sorgen, unsere Fragen und Antworten. Wir sehnen uns nach Frieden, Gesundheit, Geborgenheit, danach, dass DU uns anschaust. Wann wirst du kommen, um uns zu erneuern? Wann wirst Du das Schreien der Verzweifelten hören? Du allein kannst unserer Sehnsucht helfen, wir hoffen auf Dich und dein Kommen. Das beten wir im Namen deines Sohnes Jesus Christus, der mit Dir und dem Heiligen Geist uns Kraft gibt, heute und morgen. Amen.

Fürbitte
P: Gott, wir warten auf das Kommen Jesu, den vom Leben gebeugten, der dein Reich kommen sieht, deinen Messias. Höre unsere Bitten und Sorgen, Stärke uns im Glauben, auf dass wir angemessen und bußfertig handeln.

A: Gott, wir warten auf das Kommen Jesu, den vom Leben gebeugten Messias, der dein Reich kommen sieht. Wir sorgen uns um unsere Zukunft. Lass uns handeln, damit unser Planet bewohnbar bleibt. Wir haben nur diese eine Erde, die auch die Zukunft unserer Kinder und Enkel sein soll. Wir bitten um deine Ermutigung und Kraft unseren Lebensstil zu ändern. Wir rufen: Kyrie eleison

B: Gott, wir warten auf Jesus, den wartenden und gebeugten Christus. Wir sorgen uns um den Frieden in Israel, Gaza, der Ukraine und dem Sudan. Schon wieder oder noch immer schlachten sich Menschen ab. Verachten einander. Bedrohen einander. Vertreiben einander. Wir bitten um Mut, den Frieden zu suchen. Wir rufen: Kyrie eleison

C: Gott, wir warten auf Jesus, den wartenden und gebeugten Christus. Wir sorgen uns um die Kranken, die, die einsam sind, die um Atem ringen, unheilbar krank sind. Gib uns Kraft und Ausdauer, den Kranken und allen, die um unsere Hilfe bitten, beizustehen. Wir rufen: Kyrie eleison

P: Gott, wir warten auf Jesus, den wartenden und gebeugten Christus. Wir fragen nach deinem Wort, das über unser irdisches Leben hinausweist und uns zum ewigen Leben leitet. Wir hoffen an jedem neuen Tag auf dich. Amen. Laudate omnes gentes

Lieder:
EG 1 Macht hoch die Tür
EG 7 O Heiland reiß die Himmel auf
EG 11 Wie soll ich dich empfangen
EG 13 Tochter Zion
EG 4 Nun kommt der Heiden Heiland
EG 3 Gott Schöpfer aller Stern


Pastor i.R. Stephan Lorenz
8400-575 Carvoeiro
Mob 960 187 731
stephan.lorenz@evlka.de

Fussnoten:
[1] Quelle: Die Zeit, 22. September 2025.
[2] Es passt eigentlich nie, Wilhelm Schmid, In: Kursbuch 242 Dezember 2025.
[3] Meine eigene Übersetzung würde lauten: Im Evangelium zeigt Gott uns, wie Leben richtig geht, richtiges Leben, das aus dem Vertrauen auf Gott kommt und zum Glauben führt, wie in der Schrift steht: Der Gerechte wird leben, weil er vertraut.