Römer 13,8-12

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Lichtmomente | 1. Advent | 30.11.2025 | Römer 13,8-12 | Christoph Kock

I. Sehnsucht nach Harmonie
Die erste Kerze auf dem Adventskranz. Noch vier Wochen und drei Tage bis zum „Fest der Liebe“. Hohe Erwartungen, mit Weihnachten verbunden, werfen ihren Schatten voraus. Trotz allem und schon jetzt soll alles gut sein. Gebäck, Deko und Lichterglanz für behagliche und besinnliche Gefühle sorgen. Heile Momente stehen hoch in Kurs. Die Adventszeit ist geprägt von einer Sehnsucht nach Harmonie.

Was für ein Kontrast zu dem, was sonst passiert. Weihnachtsmärkte brauchen ein Sicherheitskonzept und Schutz. Der Zusammenhalt in der Gesellschaft ist zunehmend gefährdet. Konflikte polarisieren. Einfache Lösungen in einer immer komplizierter werden Welt sind populär. Viele tun sich schwer, andere Meinungen auszuhalten. Kompromisse kommen aus der Mode und werden als Zeichen von Schwäche wahrgenommen. Demokratien verändern sich. In den Nachrichten geben Diktatoren den Ton an. Frieden wird brüchig. Wer hätte vor dem Ukraine-Krieg gedacht, dass in Deutschland Debatten um die Wiedereinführung der Wehrpflicht geführt werden. Aufrüstung beginnt mit der Sprache: Die USA haben wieder ein Kriegsministerium. In den Social Media sind Hass und Gewalt an der Tagesordnung. Falsche Meldungen werden gezielt verbreitet. Wahrheit und Lüge voneinander zu unterscheiden, ist anstrengend geworden. Ein Klimawandel der eigenen Art. Kein Wunder, dass Menschen sich danach sehnen, dass es anders zugeht, nach Harmonie statt Dauerstreit und Stress.

II. Post von Paulus
Zum ersten Advent gibt es Post von Paulus. Der Apostel Paulus schreibt an die Gemeinde in Rom, um sich vorzustellen und für seine Sicht auf das Evangelium von Jesus Christus zu werben. Im Römerbrief steht im 13. Kapitel:

8 Bleibt niemandem etwas schuldig,
außer einander zu lieben!
Denn wer seinen Mitmenschen liebt,
hat das Gesetz schon erfüllt.
9 Dort steht:
»Du sollst nicht ehebrechen!
Du sollst nicht töten!
Du sollst nicht stehlen!
Du sollst nicht begehren!«
Diese und all die anderen Gebote
sind in dem einen Satz zusammengefasst
»Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst!«
10 Wer liebt, tut seinem Mitmenschen nichts Böses an.
Darum wird durch die Liebe das ganze Gesetz erfüllt.
11 Ihr wisst doch, dass jetzt die Stunde schlägt!
Es ist höchste Zeit für euch,
aus dem Schlaf aufzuwachen.
Denn unsere Rettung ist näher als damals,
als wir zum Glauben kamen.
12 Die Nacht geht zu Ende, der Tag bricht schon an.
Lasst uns alles ablegen,
was die Finsternis mit sich bringt.
Lasst uns stattdessen die Waffen anlegen,
die das Licht uns verleiht.

III. Was Gottes Willen ausmacht
Paulus denkt darüber nach, was Gottes Wille ausmacht. Exemplarisch zitiert er vier der Zehn Gebote und hält fest: Diese und alle anderen Gebote sind in einem Satz zusammengefasst: »Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst!« Jesus hat das ähnlich gesehen. Liebe, das heißt hier: Respekt zeigen, mit ein Blick für die Würde, die in jedem Menschen wohnt. Die Kunst, einen Mitmenschen mit Gottes Augen zu sehen. Das ist der rote Faden. Darauf kommt es an. „Bleibt niemandem etwas schuldig, außer einander zu lieben! Denn wer seinen Mitmenschen liebt, hat Gottes Willen schon erfüllt“, den die Bibel in ihren ersten fünf Büchern überliefert. Warum: „Wer liebt, tut seinem Mitmenschen nichts Böses an. Darum wird durch die Liebe Gottes Willen voll und ganz erfüllt.“ Wo Liebe das Denken und Handeln bestimmt, Respekt den Ausschlag gibt, da ist das Böse auf dem Rückzug. Paulus glaubt daran, dass es keine Zukunft hat. „Die Nacht geht zu Ende, der Tag bricht schon an.“ Was für eine Hoffnung: Die Finsternis wird dem Licht weichen. Weil Gott es will. Welche Entdeckungen dieses Licht ermöglicht, erhellt eine jüdische Legende:

Ein Rabbi fragte seine Schüler: „Wann ist der Übergang von der Nacht zum Tag?“ Der erste Schüler antwortete: „Dann, wenn ich ein Haus von einem Baum unterscheiden kann.“ – „Nein“, gab der Rabbi zur Antwort. – „Dann, wenn ich ein Pferd von einem Hund unterscheiden kann“, versuchte der zweite Schüler eine Antwort. – „Nein“, antwortete der Rabbi. Und so versuchten die Schüler nacheinander, eine Antwort auf die gestellte Frage zu finden. Schließlich sagte der Rabbi: „Wenn du das Gesicht eines Menschen siehst und du entdeckst darin das Gesicht deines Bruders oder deiner Schwester, dann ist die Nacht zu Ende, und der Tag ist angebrochen.“ Dein Licht kommt und darin entdeckst du im anderen den Bruder, die Schwester. Das ist der Anfang vom Ende der Finsternis.

IV. Beziehung statt Perfektion
Es ist ein eher nüchternes Bild, das Paulus hier von der Liebe zeichnet. Sie übersteigert nicht das Gute, sondern verhindert das Böse. Ganz pragmatisch: Wer liebt, tut anderem kein Unrecht. Das reicht aus. Noch ist die Nacht gegenwärtig, aber sie geht zu Ende, weil sich Gottes Wille durchsetzen wird. Paulus glaubt: Wir müssen nicht selbst dafür sorgen, dass alles gut wird. Das entlastet. In der Adventsharmonie verbirgt sich ein unausgesprochener Appell: „Die Welt ist dunkel, also müssen wir leuchten. Die Gesellschaft ist in vielerlei Hinsicht zulänglich, also müssen wir perfekt sein.“ Wer ist das schon? Wer sich von diesem Anspruch leiten lässt, überfordert sich. Christinnen und Christen können dem getrost widersprechen: „Nein, wir sind es nicht, die leuchten. Wir müssen und wir können gar nicht perfekt sein. Licht und Vollendung bringt der Tag mit sich, den Gott herbeiführt.“ Zugleich verschärft diese Haltung die Sicht der Dinge. Wer von Gott erwartet, worauf es ankommt, wird ungeduldig mit der Macht, die das Böse noch hat, kann sich nicht mit der Finsternis abfinden. Paulus spricht von den „Waffen des Lichts“, mit denen die, die Gott vertrauen, das Unrecht aus dem Dunkel hervorzerren, ihm entgegentreten, es bekämpfen.

Einen Mitmenschen zu lieben im Sinn des biblischen Gebotes heißt nicht, dass ich Sympathien für ihn hegen muss. Er kann mir fremd bleiben und ich kann ihn sogar abstoßend finden. Und vielleicht geraten wir in einen offenen Konflikt – weil es um Recht oder Unrecht geht, um Würde oder Hass, Demokratie oder Diktatur. Das Gebot fordert weder, lieb oder nett zu sein, noch Harmonie um jeden Preis. Es kommt vielmehr darauf an, Beziehungen mit anderen Menschen zu schätzen, zu halten, sogar zu ertragen und zu erleiden. Es geht um Beziehungen, nicht um Perfektion. Dass Paulus in diesem Zusammenhang auf die Zehn Gebote verweist, lässt anklingen, dass er Beziehungen zwischen Menschen durchaus für problembehaftet hält. Aber der Apostel bleibt dabei: „Wer liebt, tut seinem Mitmenschen nichts Böses an.“ Das Gebot, den Mitmenschen zu lieben, zielt auf eine Haltung. Eine Haltung, die im gelingenden Miteinander, aber auch im notwendigen Streit trägt. In Beziehung bleiben – und sich nicht von der Nacht bestimmen lassen, sondern von dem Tag, der ankommen wird.

V. Brot für die Welt
Wie das gehen kann? Welche Spuren das hinterlässt? Heute beginnt die 67. Aktion von Brot für die Welt: „Kraft zum Leben schöpfen.“ Der Präses der Evangelischen Kirche Rheinland, Dr. Thorsten Latzel, schreibt dazu:

„Stundenlang unterwegs, um Trinkwasser zu holen? Das ist für viele Frauen im Südwesten Ugandas vorbei – Gott sei Dank! Sie haben jetzt einen Regenwassertank vor der Haustür. Das hat ihr Leben verändert und auch das ihrer Familien. Ermöglicht hat das ein Projektpartner von Brot für die Welt.

In Uganda wie in anderen afrikanischen Ländern führt der Klimawandel zu immer mehr extremen Wetterereignissen wie anhaltenden Dürren oder Starkregen. Durch den Bau von Regenwassertanks werden Familien mit Trinkwasser versorgt, mit dem sie auch ihre Gemüsegärten bewässern können. So werden die Familien unabhängiger von Klimaveränderungen, ihre Ernährung wird vielfältiger und gesünder.“

Was die Aktion verändern wird? Zu wenig, könnte man meinen. Angesichts der Folgen des Klimawandels nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Für die Frauen, die mit ihren Familien von einem Regenwassertank profitieren, macht das Projekt einen himmelweiten Unterschied. „Wer liebt, tut seinem Mitmenschen nichts Böses an.“ Manchmal kommt das Böse zum Zug, weil Menschen nichts tun, und hinter dem zurückbleiben, was möglich ist. Aber es geht auch anders. Denn die Nacht geht zu Ende.

 

Die Predigt schließt mit einem Bezug zur 67. Aktion von Brot für die Welt, mit einer Kanzelabkündigung für die Adventszeit aus der Evangelischen Kirche im Rheinland.

Sie nimmt Impulse aus der Predigtmeditation von Prof. Dr. Andreas Krebs auf: Andreas Krebs, Was wir einander schuldig sind, GPM 80 (2025), 11–17.

Liedvorschläge:
Die Nacht ist vorgedrungen (EG 16)
Durch das Dunkel hindurch (WortLaute 19)


Pfarrer Dr. Christoph Kock
Wesel
E-Mail: christoph.kock@ekir.de

Dr. Christoph Kock, geb. 1967, Pfarrer der Evangelischen Kirche im Rheinland. Seit 2007 Pfarrer an der Friedenskirche in der Evangelischen Kirchengemeinde Wesel.a