Römer 5,1–5
Mit Herz und Verstand | Reminiscere | 1. März 2026 | Röm 5,1-5 | Barbara Signer |
Predigt
Liebe Schwestern, liebe Brüder
Unser heutiger Predigttext stammt aus dem Brief, den Paulus an die Christen in Rom schrieb. Um ihn richtig zu würdigen, müssen wir uns kurz vor Augen führen, wer die Leute waren, die diesen Brief erhielten. Die Christen in Rom scheinen eine recht heterogene Gruppe gewesen zu sein. Zunächst haben wohl Judenchristen die neue Lehre aus Israel in die Hauptstadt des Weltreiches getragen, wo sie diese vor allem an den Synagogen verbreiteten. Dort gab es auch viele Nicht-Juden, die sich für den Glauben an den Gott Israels interessierten, aber den letzten Schritt, den Übertritt zum Judentum mit der Beschneidung nicht vollzogen. Diese Gruppe von Menschen war besonders offen für die Botschaft Jesu. Nach Unruhen unter einen Rädelsführer namens Chrestus, dessen Name vielleicht eine falsche Wiedergabe von Christus war, beschloss Kaiser Claudius sämtliche Juden aus Rom auszuweisen. Die Christen nicht-jüdischer Herkunft blieben unbehelligt. Diese Menschen kannten sich dank ihrer Beziehung zur Synagoge auch sehr gut mit der griechischen Version des Alten Testaments aus und bildeten vermutlich den Kern der christlichen Gemeinde. Wie gross diese Gemeinde war und wie sie sich organisierte, wie und wo sie sich versammelte, davon wissen wir leider gar nichts. Nur, dass sich kurz vor der Abfassung des Briefes die Situation insofern veränderte, als dass offenbar Juden wieder nach Rom zurückkehren durften, nachdem Claudius ermordet worden war.[1]
Paulus selbst hatte mit der Gemeinde insofern nichts zu schaffen, als dass er keine ausgeprägt persönliche Beziehung zu ihr hatte. Alle anderen Paulusbriefe wenden sich an Gemeinden, die er selbst gegründet hatte; das war bei Rom nicht der Fall. Mit seinem Brief wollte sich Paulus persönlich bei den römischen Christen vorstellen. Für ihn war das enorm wichtig, denn er hatte Grosses vor, wollte er doch nach Spanien reisen und dort das Evangelium verbreiten. Paulus hoffte das Wohlwollen und die Unterstützung der Christen in Rom sowohl in geistlicher als auch in materieller Hinsicht. So stellte er sich und seine Theologie in diesem Brief vor, um den römischen Christen aufzuzeigen, dass er es wert war, unterstützt zu werden.
Einen ganz wesentlichen Teil dieser Theologie beschreibt Paulus in unserem Predigttext. Sind wir nun aus Glauben gerecht gesprochen, so haben wir Frieden mit Gott durch unseren Herrn Jesus Christus. Zuvor hatte Paulus dargestellt, dass wir als Christen alle aus Glauben vor Gott als gerechtfertigt dastehen und nicht etwa, weil wir supertolle Menschen sind und ständig die Welt retten. Als leuchtendes Beispiel hat er Abraham beschrieben, der Gott einfach glaubte, was der ihm sagte, und deshalb als Gerechter vor Gott galt. Jeder Christ, der irgendwann einmal in seinem oder ihrem Leben entschieden hat, Gott zu glauben, ist in der gleichen Lage: Er oder sie ist durch diesen Glauben in den Augen Gottes gerechtfertigt. Wichtig ist das Passiv in dieser Formulierung[2], das sich so auch im griechischen Originaltext findet: Wir können uns nicht selbst rechtfertigen, so gerne wir das auch sicher täten, sondern wir werden von Gott gerechtfertigt, dadurch, dass wir glauben, dass wir durch Jesu Tod gerecht gesprochen werden. Es tönt einfach, ist aber im Grunde doch recht komplex. Wir müssen das Heft aus der Hand geben, nicht wir können unsere Rechtfertigung bewirken, wir müssen sie annehmen können, aus der Hand eines anderen, oder besser des ganz Anderen, aus der Hand Gottes. Das ist insofern anspruchsvoll, weil es vielen sehr schwerfällt, denn lieber würden wir ja selbst etwas dazu tun.
Das Resultat dieser Rechtfertigung aber ist ein grossartiges: Wir haben Frieden mit Gott durch unseren Herrn Jesus Christus. Dieser Friede heisst auf Hebräisch Schalom. Im jüdischen Glaubensleben ist es ein wichtiges Wort, denn alle wichtigen jüdischen Gebete enden auf das Wort Schalom.[3] Deshalb lohnt es sich, bei diesem Wort etwas genauer hinzuschauen. Schalom bedeutet nicht nur Frieden, sondern ist viel umfassender. Es beinhaltet auch ein gutes Leben, Gesundheit und Wohlergehen. Und dieser Schalom bestimmt unsere Gegenwart und Zukunft als Christen. Als Gerechtfertigte aus Glauben heraus wissen wir, dass Gott es gut mit uns meint und er auf unserer Seite ist. In der Passionszeit erinnern wir uns daran, dass wir diesen Schalom durch das Leben und Leiden von Jesus Christus erhalten haben. Er hat uns frei gemacht, diesen Schalom auch zu leben. So wird nun ein vertrauensvolles und lebensdienliches Miteinander möglich. Der Friede zwischen Gott und den Menschen führt auch zu Frieden zwischen den Menschen – oder könnte es zumindest.
Die weltpolitische Entwicklung der vergangenen vier Jahre hat uns drastisch vor Augengeführt, dass die Bewahrung des Friedens nicht automatisch gelingt. Sogar bei Nationen, die sich explizit auf das Christentum berufen. Für mich persönlich ist es eine bittere Erfahrung, wenn christliche Glaubenssätze dafür missbraucht werden, andere auszugrenzen und Gewalt und Verfolgung zu rechtfertigen. Die hohe Politik ist das Eine, unser privates Leben das andere: Aus unserer persönlichen Erfahrung wissen wir, dass tatsächlich nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen ist. In der Familie und in der Beziehung kommt es fast täglich zu Konflikten, am Arbeitsplatz gibt’s immer noch diese ganz spezielle Kollegin, die einen zur Weissglut bringt, der Nachbar mit seinen Macken ist auch immer noch da und selbst in der Kirchgemeinde herrscht nicht eitel Sonnenschein. Obwohl wir als Gerechtfertigte Frieden mit Gott haben dürfen und deshalb auch Frieden mit unseren Nächsten halten sollten, sind und bleiben wir Bürger dieser materiellen Welt und unterliegen ihren Gesetzmässigkeiten. Wir leben sozusagen in zwei Welten: Wir haben bereits Anteil am Reich Gottes, sind aber auch noch Teil der Welt um uns herum. Oder wie Luther es ausgedrückt hat: Wir sind gleichzeitig Gerechtfertigte und Sünder.[4]
Diese Spannung gilt es auszuhalten. Es ist unsere Herausforderung, in unserem Alltag mit diesen Gegensätzen umgehen zu lernen. Ich glaube, das war Paulus auch klar, fährt er doch in seinem Brief fort: Aber nicht nur dies: Wir sind auch stolz auf jegliche Bedrängnis, da wir wissen: Bedrängnis schafft Ausdauer, Ausdauer aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung. In der Vergangenheit wurden Textstellen wie diese herangezogen, um die Leidensfreudigkeit von Christen zu motivieren oder noch schlimmer, um das Leiden der Menschen nicht ernst nehmen zu müssen. Was ein rechter Christ sein will, muss halt leiden. Ich vermute nun aber einmal, dass Gott nicht von uns erwartet, dass wir uns alle fröhlich singend von wilden Tieren fressen lassen, wie es uns von den frühchristlichen Märtyrern berichtet wird. Ich denke, es reicht völlig, wenn wir im Alltag einüben, mit unseren Mitmenschen, seien es nun Christen oder nicht, in Frieden zu leben. Wenn ich Frieden sage, meine ich eben wieder diesen Schalom, den Frieden, der das Leben und Wohlergehen aller fördert. Ich persönlich erlebe solche alltäglichen Konflikte durchaus auch als Bedrängnis, bin auch immer wieder von mir selbst enttäuscht, dass ich das nicht besser im Griff habe. Aber wie Paulus schreibt, Bedrängnis schafft Ausdauer. Jeder neue Tag bringt neue Herausforderungen, aber auch von Neuem die Gelegenheit, diese Herausforderungen zu meistern. Und wenn es uns gelingt, wenn wir uns also bewähren, keimt dann auch die Hoffnung, dass es uns am nächsten Tag wieder gelingen kann.
Und gelingt es nicht, gibt es morgen wieder einen neuen Tag und neue Hoffnung. Denn Paulus schreibt weiter: Die Hoffnung aber stellt uns nicht bloss, ist doch die Liebe Gottes ausgegossen in unsere Herzen durch den heiligen Geist, der uns gegeben wurde. Wir sind ja nicht allein in dieser Bedrängnis, Gott hat uns den Heiligen Geist als Tröster und Fürsprecher geschenkt, der uns in allem begleitet. Es mag sein, dass wir uns dessen nicht immer bewusst sind und uns allein gelassen fühlen. Da gibt es ja diese berühmte Geschichte von den Spuren im Sand, deren Quintessenz es ist, dass Gott uns gerade in jenen Zeiten trägt, in denen wir uns völlig verlassen fühlen. Eher ungewöhnlich ist an dieser Stelle, dass Paulus davon spricht, dass mit und durch den Heiligen Geist auch die Liebe Gottes in das Herz des Glaubenden ausgegossen wurde. Der Glaubende hat Anteil an der Liebe Gottes. An dieser Stelle möchte ich in Erinnerung rufen, dass es bei dieser Liebe nicht um Emotion und Verliebtheit geht. Es ist die Liebe, die den Anderen annimmt, wie er oder sie ist und der Person Gastfreundschaft im Herzen gewährt, auch wenn das gelegentlich schwierig ist. Der Anteil an Gottes Liebe ist nicht etwas Äusserliches, so wie wir heute Anteile an einer Firma in Form von Aktien kaufen und besitzen können. Diese Art von Liebe ist uns von Gott ins Herz gegeben, sie ist etwas, das in uns drin ist. Dazu muss man auch wissen, dass das Herz in der hebräischen Bibel als Sitz der Persönlichkeit und des Verstandes eines Menschen galt. Der Geist und die Liebe Gottes haben ihren Platz also dort, wo wir Überlegungen anstellen, und Entscheide fällen. Nicht unsere Emotionen und unser Gefühl sind in erster Linie das Ziel von Gottes Liebe, sondern unsere Fähigkeit, über etwas nachzudenken und Pro und Contra abzuwägen. Hier setzt Gott also an, um unser Handeln zu verändern, damit wir Frieden halten können. Frieden mit Gott und mit den Menschen um uns herum. Und wenn wir dann wieder einmal in die Lage kommen, in der wir es für völlig unmöglich halten, mit einem unserer schwierigeren Mitmenschen auszukommen, halten wir uns vor Augen, wofür Gottes Liebe steht, und so möchte ich Ihnen den Wochenspruch mit auf den Weg geben, den Sie schon zu Beginn unseres Gottesdienstes gehört haben: Gott jedoch zeigt seine Liebe zu uns gerade dadurch, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren. (Röm 5,8) Amen
Barbara Signer
St. Gallen
E-Mail: barbara.m.signer@gmx.ch
geb. 1963, Pfarrerin zu je 50% in der Kirchgemeinde Walzenhausen, Kanton Appenzell Ausserrhoden, und der Kirchgemeinde Unteres Rheintal Standort Rheineck, Kanton St. Gallen.
[1] Klaiber, Römerbrief, (2012) 11-13.
[2] Wolter, Römerbrief, (2014) 319.
[3] Predigtmeditationen zur Reihe 2 (2025), 126.
[4] Luther Weimarer Ausgabe WA 39/I, 563,13ff.