Römer 5,1–5

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„Über Liebe, Gnade und Bedrängnisse“ | Sonntag Reminiscere | 01.03.2026 | Röm 5, 1-5 | Uland Spahlinger |

Verlesung des Predigttextes:

1Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus. 2Durch ihn haben wir auch den Zugang im Glauben zu dieser Gnade, in der wir stehen, und rühmen uns der Hoffnung auf die Herrlichkeit, die Gott geben wird. 3Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch der Bedrängnisse, weil wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, 4Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung, 5Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.

Liebe Gemeinde,

was jetzt kommt, haben Sie vielleicht schon mal irgendwo gelesen oder gehört. Wenn das so ist: macht nix, das kann man mehrfach hören, finde ich. Wenn Sie’s noch nicht kennen: willkommen bei der Erstbegegnung!

Pflicht ohne Liebe macht verdrießlich.

Verantwortung ohne Liebe macht rücksichtslos.

Gerechtigkeit ohne Liebe macht hart.

Wahrheit ohne Liebe macht kritiksüchtig.

Erziehung ohne Liebe macht widerspruchsvoll.

Klugheit ohne Liebe macht gerissen.

Freundlichkeit ohne Liebe macht heuchlerisch.

Ordnung ohne Liebe macht kleinlich.

Sachkenntnis ohne Liebe macht rechthaberisch.

Macht ohne Liebe macht grausam.

Ehre ohne Liebe macht hochmütig.

Besitz ohne Liebe macht geizig.

Glaube ohne Liebe macht fanatisch.

Diese Zeilen sind mir sofort eingefallen, als ich unseren Abschnitt aus dem Römerbrief gelesen habe. Ich habe dann im Internet gesucht – manchmal findet man da ja so Texte komplett, dann braucht man sie nicht abzuschreiben. Aber mir haben die Zeilen schon damals gefallen, als ich sie als Jugendlicher in einem Buch mit Sprüchen und Gedanken für junge Leute gelesen habe. Lang, lang ist’s her – und ich finde die Zusammenstellung immer noch gut.

Sie erzählt von Begriffen, die zu unserem Leben dazugehören. Pflicht, Verantwortung, Gerechtigkeit, Wahrheit, Erziehung, Klugheit, Freundlichkeit, Ordnung, Sachkenntnis, Macht, Ehre, Besitz, Glaube. Lauter Dinge, die bei uns auftauchen, nicht bei allen immer, aber ganz sicher irgendwann mal bei jeder und jedem.

Nennen wir das Ganze ein kleines Gedicht. Viele haben es ins Netz gestellt – offenbar sprechen die Gedanken viele an. Das Ulkige war: manche haben daruntergeschrieben: da und da habe ich das gefunden. Andere haben ihren eigenen Namen daruntergesetzt. Das fand ich ein bisschen verwegen. Ein paarmal stand da: anonym – ok. Und ein- oder zweimal wurde es dem chinesischen Philosophen Laotse zugeschrieben.

Aber egal: Es ist eine kluge Zusammenstellung. Die Begriffe sind, auf unterschiedliche Weise, „Wegmarken“ zu einem guten Leben. Und sie helfen nicht nur dir selber, sondern auch den anderen Menschen um dich herum. Wenn du pflichtbewusst oder gerecht bist, wenn du klug und freundlich handelst, wenn du deine Dinge in Ordnung hältst und dich auskennst – dann ist das nützlich. Für dich selbst und die anderen.

Nun stehen da aber auch Worte wie Macht, Ehre, Besitz oder Glaube. Da sieht es unter Umständen anders aus. Macht kann missbraucht werden. Wer die Ehre hoch hängt, kann in eine Schieflage geraten. Manche hüten ihren Glauben wie einen Privatbesitz.

Und deshalb ist es wirklich weise, dass – wer auch immer dieses Gedicht geschrieben hat – er oder sie eine Ergänzung eingefügt hat, ganz regelmäßig, wie eine Art Litanei. Damit wir uns den Zusammenhang merken: Das Gedicht sagt: „Macht OHNE LIEBE ist“; „Klugheit OHNE LIEBE ist“ und so weiter. Und das ist der Punkt. Alle diese „Wegmarken“ brauchen eine Richtungsangabe, sie müssen qualifiziert werden. Sonst verkehren sie sich in Untugenden. Die Liebe macht, dass etwas Gutes daraus wird.

Das ist ähnlich wie in dem Werbespot, der jeden Abend direkt vor der Tagesschau kommt, ganz kurz: „BAUHAUS – wenn’s gut werden muss“. Jeden Abend, damit man sich’s auch wirklich merkt.

Hier müsste es heißen: „LIEBE – wenn’s gut werden muss“; „denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.“

Ihr merkt schon, hier spricht Paulus, nicht Rosamunde Pilcher oder Hedwig Courts-Mahler. Es geht nicht um Romantik und Seifenoper, sondern um eine Lebenshaltung. Eine Haltung gegenüber dem anderen Menschen. Puh, mag da mancher denken, das ist aber anstrengend – immer und in allem die anderen zu lieben. Woher soll denn all diese Liebe kommen? Nee, Freunde, sagt Paulus, DIE IST JA SCHON DA, die Liebe. Sie ist schon ausgegossen in unsere Herzen.

Eine kleine Erinnerung sei an dieser Stelle eingeflochten: Den Brief an die Gemeinde in Rom schrieb Paulus, bevor er dorthin kam. Ganz am Anfang des Briefes, im 1. Kapitel, schreibt er:

10In jedem Gebet bitte ich darum, dass ich nach Gottes Willen endlich zu euch kommen kann.

11Denn ich möchte euch so gerne einmal treffen. Ich möchte euch etwas von der Gabe weitergeben, die mir vom Heiligen Geist geschenkt wurde. So sollt ihr gestärkt werden.

12Oder besser gesagt: Ich möchte, dass wir uns bei meinem Besuch gegenseitig ermutigen durch den Glauben, der uns verbindet. Durch diesen Glauben ermutigt ihr mich und ebenso ich euch.

13Ich will euch eines nicht verschweigen, Brüder und Schwestern: Ich habe mir schon oft vorgenommen, zu euch zu kommen. Aber bis jetzt wurde ich immer daran gehindert. Denn ich wollte, dass meine Arbeit auch bei euch Frucht trägt wie bei den anderen Völkern.

14Das bin ich allen schuldig – ganz gleich, ob sie Griechen sind oder nicht, gebildet oder ungebildet.

15Wenn es nach mir geht – ich bin bereit, auch bei euch in Rom die Gute Nachricht zu verkünden.

(Röm. 1, 10-15, BasisBibel)

Damit hätte der Apostel es bewenden lassen können – kurze Info: Ich komme demnächst bei Euch vorbei, um mit Euch den Glauben zu teilen. Tschüss, bis bald!

Das tut Paulus nicht. Vielmehr entfaltet er ausführlich die Grundzüge seiner Theologie, seiner Glaubenslehre für die Gemeinde in Rom – die er überhaupt nicht kennt! Das ist anders als in Thessaloniki oder Korinth – da konnte er anknüpfen an Gemeinschaft, an Erlebnissen und Erfahrungen, die sie miteinander gemacht hatten. Der Römerbrief ist ein Schreiben, in dem er sich selbst und seine Botschaft empfiehlt – also entwickelt er sein Verständnis des Evangeliums, der guten Botschaft von der Gnade Gottes, über die er sagt: „Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die glauben, die Juden zuerst und ebenso die Griechen. Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben; wie geschrieben steht Hab 2,4: »Der Gerechte wird aus Glauben leben.«“ (Röm. 1, 16f.)

Das, liebe Schwestern und Brüder, ist ein Schlüsselsatz in der Geschichte des Christentums geworden. Ich will Euch jetzt nicht mit griechischer Grammatik langweilen, aber genau an diesem Satz ist, zugespitzt gesagt, das abendländische Christentum auseinandergebrochen. Martin Luther, der von Glaubenszweifeln geplagte Mönch, las den Genitiv von Gottes Gerechtigkeit anders als die übergroße Mehrheit der Theologen bis dahin. Die „Gerechtigkeit Gottes“ erkannte er als nicht die Gerechtigkeit, die Gott von dir fordert (und hinter der du als Mensch immer zurückbleiben musst); vielmehr las er „die Gerechtigkeit, die Gott dir schenkt, wenn du nur daran glaubst (und dann daraus lebst)“. Das löste eine Lawine neuer Einsichten aus: in den Glauben, in die Stellung des Menschen vor Gott, in das Wesen und die Lebensformen von Kirche. Viele sind Luther und seinen Mitdenkern gefolgt – bis heute – bis hierher (an den Ort, an dem die Predigt gehalten wird).

Ich für mein Teil finde weiterhin: Luther beruft sich zurecht auf Paulus, auch wenn zwischen den beiden fast 1.500 Jahre liegen. Unser Abschnitt knüpft an die Kernbotschaft des Apostels unmittelbar an – sie ist der rote Faden durch den Brief:„1Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus.“

Die Sache mit der Glaubensgerechtigkeit ist nicht nur so ein Schlagwort. Gerecht vor Gott – dieses altmodisch klingende Wort bedeutet doch so viel wie: Gott ist dir gut, Gott ist mit dir im Reinen, jedenfalls, wenn Du an ihn glaubst. Folge – nach Paulus: es gibt keinen Streit, keinen Konflikt mehr zwischen dir und Gott; wir haben Frieden, den „Shalom“, das komplette Heil und Wohlergehen für uns selbst, in unseren Beziehungen, in unserer Umwelt, mit Gott. Das und nicht weniger ist gemeint. Und wodurch, besser: durch wen? Durch Jesus, den Christus, den von Gott gesandten Messias.

So weit, so gut.

2Durch ihn haben wir auch den Zugang im Glauben zu dieser Gnade, in der wir stehen, und rühmen uns der Hoffnung auf die Herrlichkeit, die Gott geben wird.“

Für mich sind das Orientierungslichter, von Gott gesetzt, Wegweiser, die sogar in dunklen Zeiten leuchten: Die gute Botschaft – Gott – seine Gerechtigkeit – der Glaube – Seligkeit – Frieden – für alle Welt – Hoffnung auf Gottes Herrlichkeit – und dieser Hoffnung können wir uns sogar rühmen; ja, Freunde, sie leuchtet!… Die Perlenkette ließe sich weiterfädeln. Paulus sagt also Leuten, die er noch nicht kennt: Ich bringe euch eine durch und durch gute Botschaft, die kommt von Gott und wird in eurem Leben Wurzeln schlagen und Früchte tragen. Wie im Weihnachtslied: „ich bring euch gute neue Mär“. Das singen alle mit!

Aber – wie ich sagte, Paulus ist nicht Rosamunde Pilcher – er malt nicht in Pastelltönen. Seine Botschaft ist keineswegs nur auf offene Ohren gestoßen; er hat auch Ärger und Feindschaft erfahren. Konfliktfrei ging es nicht ab, deutet er gleich zu Beginn an: Ich schäme mich des Evangeliums nicht – wir denken weiter: auch wenn manche es für blöd oder weltfremd oder glatten Unsinn halten. In unserem Abschnitt führt er das aus: „3Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch der Bedrängnisse, weil wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, 4Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung, 5Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden;“

Es ist nicht immer leicht, Christin oder Christ zu sein. Paulus erinnert an seine Lebenserfahrungen – und ich kann mir vorstellen, damit rührte er auch Erinnerungen bei seiner Leserschaft an. Und auch wir – bald 2000 Jahre später – kennen das doch, dass unser Glaube infrage gestellt wird: durch Begebenheiten in unserem Leben, in denen wir Gnade und Segen vermissen! Wir erleiden Verluste von lieben Menschen; Pläne und Hoffnungen werden zerschlagen; Beziehungen werden enttäuscht; Krankheiten und Notsituationen machen uns zu schaffen. Weitgehend hilflos müssen wir zusehen, wie Menschen um ihres Glaubens willen verfolgt werden, wie der Friede immer und immer wieder angegriffen und beschädigt wird (in diesen Tagen denke ich wieder besonders an die Menschen in der Ukraine). Die Sorge um die Schöpfung und das Wohl unserer Nachkommen treibt uns um. Wieder: das ließe sich verlängern; und ich bin mir sicher, Sie kennen dazu eigene Beispiele.

All das kann am Glauben kratzen und den Glauben an Gottes Güte infrage stellen. Paulus hält dagegen. Eindringlich wirbt er dafür, dass wir erkennen: der Glaube ist stärker. Der Glaube ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben. „Denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.“

Gott hält den Kontakt zu uns, sagt Paulus. Von Gott geht sie aus, die Liebe, die in unsere Herzen ausgegossen ist durch den Heiligen Geist. Von Gott geht sie aus, die gute Botschaft, derer sich der Paulus eben nicht schämt, sondern für die er aufrecht steht, allen Widrigkeiten zum Trotz. Weil er davon durchdrungen ist, dass Gottes Liebe stärker ist, dass sie siegen wird und dass sie durch uns in die Welt soll – zu all denen, die sie so bitter nötig haben. Mit uns, sagt Paulus, will Gott seine Liebe zu den Menschen tragen. Hinein in diese konfliktbeladene Welt.

Und daher – zum Schluss – noch einmal auf das kleine Gedicht vom Anfang zurückgegriffen, diesmal aber etwas anders:

Pflichtbewusstsein mit Liebe macht fröhlich

Verantwortung mit Liebe macht hilfsbereit

Gerechtigkeit mit Liebe macht weise

Wahrheit mit Liebe macht zurückhaltend

Klugheit mit Liebe macht ehrlich

Freundlichkeit mit Liebe macht glaubhaft

Sachkenntnis mit Liebe macht bescheiden

Erziehung mit Liebe macht gerecht

Ordnung mit Liebe macht großzügig

Macht mit Liebe macht verständnisvoll

Ehre mit Liebe macht demütig

Besitz mit Liebe macht freizügig

Glaube mit Liebe macht ansteckend

Ein Leben mit Liebe ist wirklich Leben.

Und der Friede, der Shalom Gottes, der weiter reicht als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.


Dekan i.R. Uland Spahlinger, Dinkelsbühl

Email: uland.spahlinger@elkb.de

Seit Anfang 2025 im Ruhestand, nehme ich inzwischen eine Vakanzvertretung in drei kleinen Dörfern in Westmittelfranken nahe der Grenze zum hohenlohischen Württemberg wahr. Die Menschen dort leben zum Teil in Dörfern, in denen man sehr deutlich spürt, wie der ländliche Raum abgehängt wird.

Gleichzeitig sind in diesen Tagen wieder Bilder aus dem Februar 2014 vor meinen Augen – es war das Ende meiner Dienstzeit als Bischof der Deutschen Evangelischen Kirche in der Ukraine (DELKU). Verzweifelte und Trauernde auf dem Maidan in Kyjiw trauerten um ca. 100 junge Männer, die von Scharfschützen, vermutlich auf Befehl des Präsidenten Janukowytsch, erschossen worden waren. Tausende trauerten und fanden sich zu Friedensgebeten zusammen. Die Vertreibung Janukowytschs bot dem russischen Präsidenten den Vorwand für den ersten Einmarsch in das Donbass und die Annexion der Krim. Der zweite Einmarsch fand vor nunmehr über vier Jahren statt.

Bedrängnisse, verursacht durch autokratische Gewaltherrscher; Bedrängnisse, die nicht und gerade auch nicht vor diesem Predigttext vergessen werden dürfen.