Römer 7,14–25

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22. So. n. Trinitatis | 1. November 2026 | Römer 7,14–25 | Suse und Christian Günther |

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit euch allen. AMEN

Denn wir wissen, dass das Gesetz geistlich ist. Ich aber bin fleischlich, unter die Sünde verkauft. Denn ich weiß nicht, was ich tue. Denn ich tue nicht, was ich will. Sondern was ich hasse, das tue ich. Wenn ich aber das tue, was ich nicht will, so gebe ich zu, dass das Gesetz gut ist. So tue nun nicht ich es, sondern die Sünde, die in mir wohnt. Denn ich weiß, dass in mir, das heißt in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt.

Wollen habe ich wohl aber das Gute vollbringen, das kann ich nicht. Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht. Sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich. Wenn ich aber tue, was ich nicht will, so tue nicht ich es, sondern die Sünde, die in mir wohnt.

So finde ich nun das Gesetz, das mir, der ich das Gute tun will, das Böse anhängt. Denn ich habe Lust an Gottes Gesetz nach dem inwendigen Menschen. Ich sehe aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das widerstreitet dem Gesetz in meinem Gemüt und hält mich gefangen im Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern ist. Ich elender Mensch!

Wer wird mich erlösen von diesem todverfallenen Leib?

Dank sei Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn (Römer 7,14–25).

 

Gott, gib uns ein Herz für Dein Wort und nun ein Wort für unser Herz. AMEN

 

Liebe Gemeinde!

Als Paulus den Römerbrief schreibt, ist er etwa 45 Jahre alt. Das ist in seiner Zeit ein hohes Alter. Er hat viel erlebt, überlebt: Folter, Seenot und Gefängnis. Er ist krank: Der Gedanke, dass es jederzeit vorbei sein kann, lässt sich nicht mehr aus dem Kopf verbannen.

Paulus tut also das, was Leute bei uns auch tun, wenn sie ihr Ende nicht mehr aus dem Blick verlieren können: Er lässt sein Leben Revue passieren. Was war gut, was war falsch. Anders als manch anderer geht er mit diesen Überlegungen nicht so um, dass er nochmal so richtig auf den Putz haut, um allen zu beweisen, was er noch draufhat und wieviel Macht er noch besitzt. Er zieht sich keine rote Mütze an und schwört seine Anhänger mit erhobener Faust auf seinen Willen ein.

Nein, Paulus blickt zurück. In seinem Leben gibt es ein ganz entscheidendes Ereignis: seine Begegnung mit Jesus Christus. Die liegt nun auch wieder 20 Jahre zurück. Damals war Paulus noch jung. Aber schon ein gemachter Mann. Er hatte im Judentum eine wichtige Position. Die diente ihm dazu Christen zu verfolgen. Er war damals überzeugt, das Richtige zu tun, das Gute.

Anders als andere, die einen solchen Schatten auf ihrer Biografie haben, rettet er sich nicht auf die Aussage: „Ich konnte ja nicht anders, ich musste ja diesen Befehl ausüben“, sondern geht mit sich ins Gericht.

Für einen frommen Juden ist der Begriff des „Gesetzes“ entscheidend. So auch für Paulus. Das meint er, wenn er im Predigttext vom Gesetz des Fleisches spricht. Mit diesem ist er aufgewachsen, es ist gut für ihn gewesen und für das Gesetz wollte er es gut machen. Inzwischen ist er längst überzeugter Christ, er setzt sein Leben für die Sache Jesu ein. Aber er ist, der er ist, geworden in seinem Umfeld, in seiner Denkweise, mit seiner Sprache.

Dem stellt Paulus das geistliche Gesetz, das Gesetz Jesu gegenüber.

Für einen Juden ist es entscheidend, die Gesetze, deren es im Alten Testament hunderte gibt, möglichst genau einzuhalten. Eine große Aufgabe, die man nie ganz erfüllen kann, so sehr man sich auch bemüht. Jesus ist ebenfalls Jude. Auch ihm sind die Gesetze von Kindheit an vertraut. Er fasst sie zusammen in dem einen:

„Du sollst Deinen Nächsten lieben, wie Dich selbst. Und Du sollst Deinen Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all Deiner Kraft.“

Endlich. Ein Gebot, das man sich merken kann. Überschaubar, einfach, befreiend – mag man sich denken.

Wer sich aber einmal daran versucht hat, wird merken, wie schwer es ist, dieses Gebot wirklich zu erfüllen.

Paulus war Mitte 20, als er die entscheidende Wende in seinem Leben erfuhr. Sie kennen die Geschichte: Er war auf dem Weg nach Damaskus, um auch dort Christen zu verfolgen. Damals hieß er noch Saulus, nach König Saul. Unterwegs wurde er plötzlich so geblendet, dass er vom Pferd fiel. „Er hörte deutlich die Stimme Jesu: Saulus, Saulus, was verfolgst Du mich?“ Auf seine Rückfrage. „Herr, wer bist Du?“ kam die Antwort: „ich bin Jesus, den Du verfolgst. Steh auf, geh in die Stadt, dort wird man Dir sagen, was Du tun sollst.“ Die Begleiter des Paulus waren sprachlos, denn sie sahen niemanden, hörten aber wohl die Stimme. Paulus, der durch das Licht blind war, wurde von ihnen nach Damaskus geführt und blieb dort drei Tage, konnte nichts essen und nicht sehen. In Damaskus lebte Hananias, ein Christ, der von Saulus gehört hatte und große Angst vor ihm hatte. Der, so erzählt die Geschichte, bekam von Gott den Auftrag, zu Saulus zu gehen und ihm zu erzählen, wer ihm da begegnet sei. Hananias überwand seine Angst, ging zu Saulus, erzählte ihm von Jesus. Saulus ging es daraufhin sofort besser, er konnte wieder sehen.

Die Begegnung hatte ihn aber so grundlegend erschüttert, dass er sich von nun an ganz in den Dienst Jesu stellte. Und auch einen neuen Namen bekam: Paulus. Der Kleine. Der Diener.

Eine solche Erfahrung vergisst man nicht. Eine solche Erfahrung begleitet einen, drängt sich umso mehr auf, wenn man am Ende seines Lebens Bilanz zieht.

Paulus hat sich im Dienst Jesu nicht geschont. Er hat sich auf gefährliche und für die damalige Zeit unvorstellbar weite Reisen mehrfach in Lebensgefahr begeben. Er wurde gefangen genommen. Alles in dem Bemühen, von nun an das, wie er es nennt, geistliche Gesetz zu befolgen, das Gesetz Jesu. Davon will er den Menschen auch in den entlegensten Gegenden erzählen. Er hat das Christentum nach Europa gebracht und dort auch Gemeinden gegründet. Er hat zu diesen Gemeinden Kontakt gehalten, indem er ihnen Briefe schrieb. Das alles in der festen Überzeugung, dass es für jeden von uns befreiend ist, sich im Leben von Jesus helfen zu lassen, statt sich selbst ständig unter Druck zu setzen, um Gesetze einzuhalten. Dessen ist sich Paulus sicher. Und trotzdem ist eben auch der alte Paulus noch in ihm, der, der gelernt hat, dass das Leben darin besteht, Gebote zu befolgen.

Wir alle kennen diese Erfahrung, Dinge zu tun, von denen man eigentlich weiß, dass sie falsch sind. Und alle wissen, wie sehr man unter dieser Zerrissenheit leidet.

Die Bilanz, die Paulus zieht in all den zermürbenden Gedanken, mit denen er sich den Kopf zermartert, die Bilanz, die er an uns weitergibt, sein Testament ist dies: „dank sei Gott durch Jesus Christus, unsren Herrn“.

Denn wenn, so sagt sich Paulus, Jesus mein Herr ist, dann wird er alle meine Zerrissenheit, meine Fehler, die ich früher gemacht habe und trotz aller Bemühungen immer weiter mache, bei sich aufnehmen. Bei Jesus wird gut, was ich falsch mache, bei ihm bin ich gut aufhoben, auch wenn die Kräfte nachlassen, bei ihm werden alle die Bruchstücke meines Lebens zu einem neuen Ganzen zusammengefügt.

Ich freue mich mit Paulus, dass er für sich diese Bilanz ziehen kann. Ich freue mich mit jedem, der in seinem Leben die Ruhe finden kann, die daraus erwächst, sich sagen zu dürfen: Ich muss das nicht alles alleine schaffen. Ich habe einen Gott, der mir hilft, der mich begleitet. Bei ihm habe ich Zukunft trotz allem und immer wieder.

Auch für mich ist die Befreiung, die durch Jesus in die Welt gekommen ist, der Weg, dem ich nachfolgen möchte

Natürlich ist das Christentum kein Freibrief. Das weiß auch Paulus. Deshalb bewegt ihn ja alles das, was in seinem Leben falsch gelaufen ist, so sehr. Aber Paulus weiß, zu wem wer kommen kann mit dieser Last und fasst es in Worte: „Danke Gott“

Ich meine, es würde uns in unserer Welt heute helfen, wenn wir das wieder anerkennen können: Es gibt jemanden, der mich begleiten möchte. Zu dem ich kommen kann. Bei dem ich der oder die sein kann, die Gott gewollt hat.

AMEN


Verfasst von:
Suse und Christian Günther