Römer 7,14–25

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Der gespaltene Mensch | 22. So. n. Trinitatis | 1. November 2026 | Römer 7,14–25 | Thomas Bautz |

 

„Es steht außer Frage: Das Gesetz ist ‚geistlich‘, es kommt von Gott. Wir aber sind ‚fleischlich‘, schwache Menschen, der Macht der Sünde ausgeliefert. Wir sind uns nicht im Klaren darüber, was wir anrichten. Wir tun nämlich nicht, was wir eigentlich wollen, sondern das, was wir verabscheuen. Wenn wir aber das Böse, das wir tun, gar nicht tun wollen, dann beweist das, dass wir dem Gesetz zustimmen und seine Forderungen als berechtigt anerkennen. Nicht wir sind es also, die das Böse tun, vielmehr tut es die Sünde, die sich in uns eingenistet hat.

Wir wissen genau: In uns selbst, so wie wir der Sünde ausgeliefert sind, lebt nicht die Kraft zum Guten. Wir bringen es zwar fertig, uns das Gute vorzunehmen; aber wir sind zu schwach, es auszuführen. Wir tun nicht das Gute, das wir wollen, sondern gerade das Böse, das wir nicht wollen. Wenn wir aber tun, was wir gar nicht wollen, dann verfügen wir nicht selbst über uns, sondern die Sünde, die sich in uns eingenistet hat.

Wir finden demnach unser Leben von folgender Gesetzmäßigkeit bestimmt: Ich will das Gute tun, bringe aber nur Böses zustande. In meinem Innern stimme ich dem Gesetz Gottes freudig zu. Aber in meinen Gliedern, in meinem ganzen Verhalten, sehe ich ein anderes Gesetz am Werk. Dieses Gesetz liegt im Streit mit dem Gesetz, das ich innerlich bejahe, und macht mich zu seinem Gefangenen. Es ist das Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern regiert und mir mein Verhalten diktiert.

Ich unglückseliger Mensch! Wer rettet mich aus dieser tödlichen Verstrickung?

Nun diene also ich, ein und derselbe Mensch, mit meinem bewussten Streben dem Gesetz Gottes, aber mit meinen Gliedern dem Gesetz der Sünde.“

 

Der gespaltene Mensch

Liebe Gemeinde!

Zu Beginn des 7. Kapitels des Römerbriefes (V. 1.4–6) redet Paulus die Gemeinde an und verwendet dann auch die Wir-Form. In unserem Abschnitt spricht er durchgehend in der Ich-Form. Dennoch haben wir uns für den Text der Gute Nachricht Bibel (GN) entschieden, also für die Wir-Form. Wir sind der Ansicht, dass sich Paulus grundsätzlich damit konfrontiert sieht, dass der Mensch schlechthin gespalten ist. Zugegeben: bei Paulus zeigt sich – angesichts seiner „Bekehrung“[1] (Acta/ Apg 9,3–19; 22,6–16; 26,12–18) – durch die Intensität des Ereignisses und Erlebnisses eine Besonderheit; dennoch kann theoretisch jeder Mensch in dem einen oder anderen Sinne gespalten sein. Wiederum muss man allerdings erkennen, dass Paulus ein Menschenbild (eine Anthropologie) entwirft, das eng verbunden ist mit seinem Verständnis von Sünde (Hamartologie) und zu einer außergewöhnlichen Auffassung vom Gespaltensein des Menschen führt:

„Es ergibt sich also, dass ich mit meiner Vernunft dem Gesetz Gottes diene, mit dem Fleisch aber dem Gesetz der Sünde“ (Röm 7,25 Einheitsübersetzung, EÜ).

„Mit meinem Verstand diene ich zwar dem Gesetz Gottes, aber so wie ich von Natur aus bin, diene ich dem Gesetz der Sünde“ (Röm 7,25 BasisBibel).

Wir sehen einen Zusammenhang zwischen der extremen Denkweise des Paulus und dem Geschehen bei seiner Bekehrung: „Auf dem Weg nach Damaskus, kurz vor der Stadt, umstrahlte ihn plötzlich ein Licht vom Himmel; er stürzte zu Boden (auf die Erde) und hörte eine Stimme […]“ (Apg 9,3–4). „Auf dem Weg nach Damaskus umstrahlt Paulus am hellen Mittag plötzlich ein gleißendes Licht vom Himmel. Er stürzt zu Boden und hört eine Stimme […]“ (Apg 22,6–7). „Da sah ich unterwegs […] mitten am Tag ein Licht, das mich und meine Begleiter vom Himmel her umstrahlte, heller als die Sonne. Wir alle stürzten zu Boden und ich hörte eine Stimme […]“ (Apg 26,13–14).

Das Ereignis wird dreimal erzählt, was dessen Bedeutung unterstreicht; dabei werden drei Phänomene jeweils wiederholt: eine Vision, ein Sturz zu Boden, eine Audition. Der Erzähler spart die physische und psychische Wirkung des Geschehens auf Paulus aus; nach heutigen Kriterien können diese Faktoren als extreme Stress- und Belastungssituationen durchaus eine dissoziative Störung hervorrufen.[2] Zu äußern vermag sich diese auch als Selbstentfremdung und als Spaltung.[3] Man weiß nicht, wie heftig Paulus (Saulus) gestürzt ist und welches Körperteil davon betroffen war – womöglich sein Kopf. Dann wäre die dissoziative Störung desto ausgeprägter. Es kommt „zu einem subjektiven Gefühl von Fremdheit, Irrealität, Abtrennung und Ungewohntheit dem eigenen Selbst, seinen Handlungen und seiner Umgebung gegenüber“.[4] Betroffene spüren eine eigentümliche „innere Zerrissenheit“.[5] Das Gefühl von Fremdheit äußert sich auch darin, dass man zum „ohnmächtigen Zuschauer seiner selbst“ wird (Röm 7,21–25 u. 15–20).[6]

Was sich Paulus in Römer 7 von der Seele schreibt, entspricht genau der Selbstentfremdung und Spaltung, unwirklichen Abtrennung vom eigenen Selbst und seinem Handeln. Er befindet sich in einem furchtbaren Zwiespalt – hin und her gerissen zwischen dem Gesetz des Geistes (Gottes) und dem Gesetz der Sünde, zwischen dem Gehorsam gegenüber dem Gesetz Gottes und dem zwanghaften Agieren nach den Begierden seiner Natur, nach seinem „Fleisch“, in dem „das Gute nicht wohnt“. Diese Spaltung wirkt sich aus: „Denn nicht das Gute, das ich will, tue ich, sondern das Böse tue ich, das ich nicht will“ (Röm 7,19). „Wenn ich aber tue, was ich nicht will, vollbringe nicht mehr ich es, sondern die in mir wohnende Sünde“ (V. 20).

Eine gewisse Parallele findet sich bei dem Stoiker Epiktet,[7] der davon ausgeht, dass jede Sünde einen Wider-spruch enthält. Weil ein Sünder nicht sündigen, sondern vernünftig handeln will, tut er als solcher aber nicht das, was er will. Wird er nicht daran gehindert, Widersprüchliches zu tun, indem er begreifen lernt, dass er im Widerspruch handelt oder lebt, muss er scheitern. Wenn er es aber begriffen hat, wird er „dem Widerspruch absagen“. Fazit bei Epiktet: „Derjenige, der jedermann den Widerspruch, in dem er sich als ‚Sünder‘ befindet, aufzeigen und ihm überzeugend darlegen kann, wie er nicht tut, was er will, sondern tut, was er nicht will, der ist ein tüchtiger Anwalt der Vernunft sowohl in Ermunterung wie in Kraft.“[8]

Bevor wir versuchen, dem Anliegen oder der Argumentation des Paulus weiter zu folgen, bedarf es einer Erörterung dessen, was unter „Sünde“ zu verstehen sei.

ἁμαρτία im NT und חַטָּאָה/חַטָּ֣את im Tanach bedeuten Verfehlen eines Ziels, Zielverfehlung, konkret und im übertragenen Sinn, in deutschsprachigen Bibeln mit Sünde übersetzt; die Herkunft des Wortes ist nicht geklärt; vieles verweist auf Bedeutungen wie „Schuld“, „Straffälligkeit“, aber auch „Schande“.  Im Deutschen wurde Sünde erstmals als christlicher Begriff gebraucht. Eine falsche, volksetymologische Deutung führt es auf das germanische sund zurück, weil Sund eine Trennung bezeichne; Sund bezeichnet aber im Gegenteil etymologisch eine Enge, eine Verbindung, z.B. eine Meerenge.

„Schuld“ und „Zielverfehlung“ sind zunächst anthropologische Kategorien und sagen nichts Direktes über eine angebliche Trennung von einer „Gottheit“ aus. Schuld kann man aber auf sich laden, und es kann auch jeder sein Ziel – grundsätzlich das Lebensziel oder mehrfach im Leben einzelne Ziele – verfehlen; das betrifft „Fromme“ wie „Unfromme“. So verstanden, ist „Sünde“ nur grammatisch Abstraktum und Personifikation; sie äußert sich in menschlichen Beziehungen, in autoritären, hierarchischen Strukturen; sie unterdrückt und versklavt unter massiver Gewaltanwendung die Mehrheit eines Volkes, duldet keinerlei Pressefreiheit, entmachtet jegliche Opposition. Das Verhalten aller Autokraten und Diktatoren stellt eine grobe Verletzung der Menschenrechte dar, die sie selbstherrlich mit Füßen treten und mit Verachtung strafen. Mit ihrer Propaganda verführen sie Leichtgläubige, Arme, Ausgebeutete und Verängstigte.

Diese Machthaber schaffen sich ihre Folterer, Vergewaltiger und Erschießungskommandos; wer sich dem gehorsam fügt oder sich zur Verfügung stellt, steht vermutlich vor der Scheinalternative, selbst erschossen zu werden. Die Mittäter handeln und quälen, bis ihnen ihr horribles Handwerk zur Routine wird. Für die Autokraten, Diktatoren und Gewaltherrscher, für das im Grunde Undenkbare, wofür sie stehen, gibt es in keiner Sprache einen angemessenen Ausdruck; sie sind Mutanten, ein Unfall der Evolution, Personifikation des Bösen und der Perversion in Potenz. Sie haben kein Problem mit innerem Zwiespalt, worüber Paulus klagt, denn sie tun einfach, was sie wollen. Es ist für sie völlig unerheblich, nach welchem Gesetz sie sich ausrichten. Sie sind sich sozusagen selbst Gesetz. Geistliche Kriterien und Unterscheidungen treffen sie nicht, gehen an ihnen vorbei oder werden (bewusst oder unbewusst) ignoriert.

Die Sprachlosigkeit gegenüber dem Bösen zeigt sich auch in der Diskussion um den Ausdruck Banalität des Bösen[9] von Hannah Arendt in Eichmann in Jerusalem,[10] womit sie durchaus auf Widerstand stieß, obschon sie Eichmann lange und haargenau während des Prozesses im Blick, ihn also genügend studiert hatte. Allein die Kritiker waren zu naiv, um zu erkennen, dass das Böse auch einen Hang zum Nichts, zur Sinnlosigkeit haben kann, „eine Leidenschaft ohne Gehalt“, die ihre Energie nur als Widerpart in der Gegnerschaft zum Guten bezieht. „Sünde und Böses“ sind „in sich nichtig“, „genau genommen: zutiefst leer“.[11] Deshalb müssen diese destruktiven Kräfte „sich sättigen“ und „aufwerten“ mit den Schreien der Gequälten und Gefolterten.

Selbstredend gibt es sehr viele Versuche, den Begriff „Sünde“ allgemein[12] und speziell bei Paulus zu klären.[13] Dabei werden die jeweiligen Kontexte beleuchtet, wie auch die Rolle, welche die Sünde jeweils spielt. Wir müssen uns heute auf Paulus beschränken und nur auf einen kleinen, aber zentralen Teil seiner Theologie.[14] Teil Eins ist klar: „Es gibt keinen Ersatz für Worte wie ‚Sünde‘ und ‚Gnade‘.“ Man muss versuchen, den Sinn immer wieder neu zu entdecken; wir begehen dabei einen Weg, „der uns in die Tiefe unserer menschlichen Existenz führt.“[15] Sünde ist ein widernatürlicher Missbrauch, „bei dem Macht über andere auf ausbeuterische […] und alle Beziehungsverhältnisse zerrüttende Weise ausgeübt wird.“[16]

Besonders tiefschürfend wäre es gewiss nicht, wenn wir uns dem aufrichtigen Bekenntnis derer widmeten, die allzu kalorienreiche Kost genossen haben: „Ich habe wieder gesündigt!“ Es wäre ebenfalls nicht erbaulich, wenn wir uns um Verkehrssünder kümmerten; das sollten wir Polizei und Justiz überlassen, was nicht ausschlösse, dass man dem Betreffenden einmal tüchtig ins Gewissen redete.

Umgangssprachlich spricht man vom „armen Sünder“, meist mitleidig für jemanden, der beim Glücksspiel eine Pechsträhne hat, Unannehmlichkeiten ertragen muss oder Unrecht erleidet. Die Armesünderbank ist ursprünglich die Sitzgelegenheit für den „armen Sünder“ (Angeklagten) vor Gericht.

Aber mit alldem sind wir noch nicht einmal auf halbem Weg zu Paulus, denn bei ihm waltet – nicht nur theoretisch als Erörterung – die Macht der Sünde, der er sich hilflos ausgeliefert weiß: Ausschließlich die Sünde erscheint als handelndes Subjekt, nicht aber der Mensch (V. 17a.20a: nicht mehr ich wirke), sondern es wirkt die in mir wohnende Sünde (Röm 7,17b.20b). An dieser Stelle ist es jedoch sehr wichtig darauf hinzuweisen, dass der Mensch dadurch nicht entlastet werden soll. Die Rede von der in mir wohnenden Sünde nimmt dem Menschen nicht die Verantwortung, sondern belastet ihn, weil sie die Einwilligung des Menschen und damit durchaus die Schuld des Menschen voraussetzt.[17] Dieser Einwand erscheint zwar plausibel, aber nur für sich genommen; für Paulus hingegen ist die Sünde de facto eine mächtige Instanz, die ihn entmachtet. Hier sollte seine Anschauung und Erfahrung (!) nicht relativiert werden,[18] obschon die Gefahr besteht, dass jemand seine Schuld „auf die Sünde abwälzt“ und meint, sich dadurch zu entlasten.[19]

Was Paulus aber umtreibt, sind mehrere antagonistisch wirkende Kräfte, an denen er beinahe zwanghaft beteiligt ist, die sogar in ihm miteinander streiten und jedes die Oberhand gewinnen will, so dass Paulus am Ende nur mit einem Aufschrei reagieren kann (Röm 7,24): „Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem Leib des Todes?“ (Luther) „Ich elender Mensch! Wer wird mich aus diesem dem Tod verfallenen Leib erretten?“ (EÜ) „Ich unglücklicher Mensch! Mein ganzes Dasein ist dem Tod verfallen. Kann mich denn niemand davon befreien?“ (BasisBibel) „Ich unglückseliger Mensch! Wer rettet mich aus dieser tödlichen Verstrickung?“ (GN) „O ich armseliger Mensch! Wer wird mich retten aus diesem Todesleib?“[20]

Wahrhaftig, eine erschreckende Selbsterkenntnis: er, Paulus, stets bemüht gewesen, der Tora und den einzelnen Geboten Folge zu leisten, ein vorbildlicher Schriftgelehrter – muss nun erkennen, dass ihn die Treue zur Tora und dem geistlichen Schrifttum überhaupt seinem eigentlichen Lebensziel, nämlich der unverbrüchlichen Gemeinschaft mit JHWH und die Geborgenheit bei IHM nicht wirksam näherbringt.

„Aus diesem Wirbel des Sprechens über Gesetz, Sünde, fleischlich, geistlich, gut und böse hört man zunächst heraus, wie Paulus eine vertraute menschliche Erfahrung beschreibt: Man weiß genau, was gut und richtig wäre, aber man tut das Falsche. Obwohl man es besser weiß, macht man genau das, was man nicht tun wollte und sollte.“[21] Paulus vergleicht diesen Zwiespalt mit einem inneren Kampf seines Leibes mittels der „Glieder als Waffen“ gegen die „unheimliche Sündenmacht“. Die „Glieder“ (μέλη) werden „genannt, wenn es darauf ankommt, den wirklichen Menschen zu bezeichnen, dessen Sündigen [kraft seiner Begierden] ein konkretes sündiges Handeln ist.“[22]

Martin Luther unterscheidet „zwischen herrschender und beherrschter Sünde“. Die „unheimliche Gewalt der Sünde“ stecke „tiefer in uns als unsere vernünftigen Überlegungen, bewußten Willensentscheidungen und kontrollierten Emotionen.“ Luther vertraut aber dennoch auf die „seufzende Selbstdistanzierung der Glaubenden von der Sünde.“[23] Nach Jean Calvin wird der Mensch durch eine „Konfrontation von Fleisch und Geist“ beherrscht; die gesamte Natur (Vernunft, Wille, Seele, Leib) wird zum Opfer einer „Selbstpreisgabe an die Begierden“ als „Selbstversklavung“.[24] Nach Paul Tillich „zerreißt“ „der Unglaube“ „die […] Bindung an den tragenden Urgrund des Seins“ und zeigt sich als „sündige Entfremdung“.[25]

Es sei noch etwas dazu gesagt, welche Haltung Paulus dem Gesetz gegenüber einnimmt. Die Frage als solche ist ohne Klärung dessen, was bei ihm mit „Gesetz“ (Nomos) gemeint ist, nicht ergiebig und führt womöglich zu Irrtümern. In Röm 7 bezieht er sich auf eine regelrechte Macht, eine Gesetzmäßigkeit, die dem Menschen „wie ein Gesetz“ auferlegt ist, das „Gesetz der Sünde“. Außerdem spricht er immer wieder vom „Gesetz Gottes“ oder „Gesetz des Geistes“, das dem Menschen Leben schenkt. Damit beruft sich Paulus auf die maßgeblichen Überlieferungen, namentlich auf die Tora als die Weisung zum Leben. Man hüte sich vor einer Reduktion der Tora und ihrer Bedeutung auf den Nomos.[26] Man muss festhalten, dass Paulus eine „positive Sicht des Gesetzes“ und dessen „Apologie“ teilt (Röm 7,12.14a).[27] Im Judentum und auch bei Paulus wird die Tora nicht nur als „Joch des Gesetzes“, sondern auch als „Freude am Gesetz“[28] empfunden; zahlreiche Belege dafür finden sich in der hebräischen Bibel (Psalmen, Sprüche).

Wir (als Nichtjuden) täten gut daran, uns zumindest teilweise die Tora als Weisung für eigene Wege und Nöte zu erschließen, häufig nicht viel anders beschaffen als diejenigen der Generationen vor uns. Die Tora beinhaltet die gesamte hebräische Bibel. Nähmen wir also die prophetischen Bücher noch hinzu, würde unser sozialpolitisches Bewusstsein wie auch unser politisches Urteilsvermögen insgesamt erstarken.

Man müsste Benjamin Netanjahu die Tora „um die Ohren hauen“. Hat er keinen Respekt vor der Tora und den darin enthaltenen Geboten, z.B. wie man Fremdlinge, die Nachbarvölker, die Armen, die Schutzlosen – nicht nur des eigenen Volkes behandeln soll?! Wer ist hier der Sünder par excellence? Die Menschen im Gazastreifen sicher nicht. Auch nicht jene aus ihren Häusern Vertriebene, die vor der Gewalt der Siedler – von Netanjahu sanktioniert – weichen müssen. Man darf keinesfalls seine autokratische Politik mit den religiösen Traditionen Israels gleichsetzen. Den Fehler begeht aber die Bundesrepublik Deutschland. Es ist absolut verlogen und dumm, uns Deutsche in diesem Kontext damit zu konfrontieren, wir hätten eine „besondere Verantwortung für Israel“; wenn damit Religion, Kultur und Volk des Landes gemeint wären – völlig einverstanden, wir sind aber nicht verantwortlich für die herrschende Politik des Staates Israel.

Welches Fazit, welche Lehre lässt sich aus dem Gesagten ziehen? Ich meine, mit Paulus könnte man in sich gehen und schauen, ob mich auch eine gewisse Zerrissenheit befallen hat: „Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust“, so dass wir hin und her gerissen werden und wir nicht wissen, welcher Seite wir nachgeben sollen. (Faust I) Heinrich Faust sagt dies im Gespräch mit seinem Gehilfen Wagner (Szene „Vor dem Tor“). Damit beschreibt er sein inneres Zerrissensein: Auf der einen Seite zieht ihn das Irdische, Triebhafte an, auf der anderen Seite strebt er nach Erkenntnis, dem Geistigen und Höheren.

Paulus ist viele Probleme, auch seine eigenen angegangen, indem er Briefe schrieb. Heute schreiben wir nur selten Briefe, aber dafür E-Mails, SMS oder nutzen andere digitale Medien, die alle deutlich kürzer ausfallen. Wünschenswert und hilfreich wäre es, wenn unsere Gesprächskultur (abseits der Talkshows) wieder auflebte. Ich führe öfter spontan Gespräche in Bus und Bahn, erlebe dabei, wie Menschen sich gern beteiligen und sich öfter sogar bedanken. Es geht dabei nicht nur um das Wetter oder die schlechten Verbindungen im Nahverkehr, zwar auch nicht um Tiefschürfendes wie „Sünde“ oder „Seelenheil“, aber doch um etwas, das einzelne Menschen umtreibt und ebenso um ähnliche, gemeinsame Erfahrungen.

Amen.


Pfarrer Thomas Bautz
im Unruhestand
bautzprivat@gmx.de


Fussnoten

[1]Heute eher als „Berufung“ angesehen; TRE 26 (1996), Art. Paulus, Apostel. I. Neues Testament (Hans Hübner): (3.2.) Die Berufung des Paulus, 136f. Es wird nur gesagt, sie sei „in dramatischer Form erzählt“.

[2]S. Peter Fiedler: Dissoziative Störungen, Fortschritte der Psychotherapie 17 (2., überarb. Aufl. 2002, 2013): Dissoziative Phänomene und dissoziative Störungen, S. 1–26: 2f.

[3]Fiedler: Dissoziative Störungen (2013), S. 6–7.

[4]Fiedler: Dissoziative Störungen (2013), S. 6.

[5]Fiedler: Dissoziative Störungen (2013), S. 7; cf. Ernst Käsemann: An die Römer, HNT 8a (41980): (III.) (1.b) 7,14–25: Die Klage des Versklavten, 190–204: 196.

[6]Käsemann: Römer (41980): (III.) (1.b) 7,14–25: Die Klage des Versklavten, 197.

[7]Metzler Lexikon antiker Autoren, hg. v. Oliver Schütze (1997), Art. Epiktet(os) (ca. 55–135 u. Z.), 235–237.

[8]Zit. n. Walter Schmithals: Die theologische Anthropologie des Paulus. Auslegung von Röm 7,17–8,39 (1980): (2.) Die Sünde (S. 34–83): Das Wesen der Sünde, 47–51. 48 (Beleg dort).

[9]Es war, „als zöge Eichmann selbst das Fazit der langen Lektion in Sachen menschlicher Verruchtheit, der wir beigewohnt hatten – das Fazit von der furchtbaren Banalität des Bösen, vor der das Wort versagt und an der das Denken scheitert.“ Arendt: Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen (1963), 371.

[10]Cf. https://de.wikipedia.org/wiki/Eichmann_in_Jerusalem; Deborah E. Lipstadt: The Eichmann Trial (2011).

[11]Christof Gestrich: Die Wiederkehr des Glanzes in der Welt. Die christliche Lehre von der Sünde und ihrer Vergebung in gegenwärtiger Verantwortung (1989): (I) Sieben hinführende Meditationen (1–32); (III) Systemati-sche Entfaltung: Was ist Sünde? (§ 7) Der Vorgang des Sündigens in seinen elementaren Aspekten (196–236): (a) Über die Verstehbarkeit und die Erkennbarkeit der Sünde, 196–199: 197–198 (A. 3).

[12]Cf. Gestrich: Die Wiederkehr des Glanzes in der Welt (1989): (I) Sieben hinführende Meditationen (1–32); (§ 8) Hauptfragen neutestamentlicher Hamartiologie (237–256).

[13]Cf. Günter Röhser: Metaphorik und Personifikation der Sünde. Antike Sündenvorstellungen und paulinische Hamartia, WUNT II 25 (1987); Röhser: Das ‚Ich‘ in Römer 7. Vorchristlich oder christlich?“, ZNT 32 (2013) 49–60; Röhser: Paulus und die Herrschaft der Sünde; s. bibliographie.uni-tuebingen.de/; Käsemann: Römer, (41980): (III.)  (1.b) 7,14–25: Die Klage des Versklavten, 190–204.

[14]TRE 26 (1996), Art. Paulus, Apostel. I. Neues Testament (1.) Vorbemerkungen, 133f.

[15]Gestrich: Die Wiederkehr des Glanzes in der Welt (1989): Die Ur-Sehnsucht und hemmungslose Jagd des Menschen nach Bestätigung, 199–203: 199 (A. 5); Gestrich zitiert Paul Tillich (Quelle dort, 196).

[16]Gestrich: Die Wiederkehr des Glanzes in der Welt (1989), 198.

[17]Cf. Röhser: Paulus und die Herrschaft der Sünde, pdf S. 96.

[18]Mitunter gilt dann doch der sensus litteralis (Literalsinn; Luthers Anliegen für die Exegese).

[19]Stattdessen steht es dem Menschen frei, seine Last auf JHWH zu wälzen (Ps 37,5); Psalm 37 beleuchtet den Weg dessen, der JHWH vertraut und empfiehlt ihm, in allen Widrigkeiten und Anfeindungen im Vertrauen zu verharren; die Frevler und Verbrecher werden hingegen – so die Zusage JHWHs – einst vernichtet.

[20]Cf: Ulrich Wilckens: Der Brief an die Römer (Röm 6–11), EKK VI/2 (1980): 7,1 – 8,17 Vom Sein im Fleisch zum Sein im Geist (a) 7,1–6 Der Herrschaftswechsel, 62–72; (b) 2,.7–25 Die Vergangenheit: Ich unter dem Gesetz der Sünde und des Todes, 72–117: 74. Die Aufteilung, faktisch: Spaltung in Vergangenheit und Gegenwart: „(c) 8,1–17 Die Gegenwart: Wir im Geist des Lebens“ (S. 117–146) ist problematisch, ja, fatal; sie wird der offenkundigen Spaltung des Paulus und der grundsätzlich bleibenden Belastung durch den Dualismus von Fleisch und Geist, Gesetz der Sünde und Gesetz des Geistes (Gottes) im Menschen nicht gerecht.

[21]Katharina Wiefel-Jenner: Mit Paulus in den Abgrund schauen und Christus entdecken. Römer 7,14–25a. Predigt-impuls zum 22. So. n. Trin. am 1.11.2026, DtPfBl 126 (2026), Heft 9, 512–514: 512.

[22]ThWNT IV (1990), Art. μέλος, (2.) Paulusbriefe, 565–572: 565–566.

[23]Albrecht Peters: Der Mensch. Handbuch Systematischer Theologie 8 (1979): Anthropologie bei den Reformatoren (I.) Martin Luther (b) Anthropologisches Übereinander von Leib, Seele, Geist – theologisches Gegeneinander von Geist und Fleisch, 32–43: 41 (Beleg dort).

[24]Peters: Der Mensch (1979): (III.) Jean Calvin (c) Gebundenheit und Befreiung des menschlichen Willens (1.) Fleisch und Geist in theologischer Sicht, 89 – 90: 90 (Belege dort).

[25]Peters: Der Mensch (1979): (B.) Anthropologie in den Systematiken der Vätergeneration (I.) Paul Tillich (c) Der Mensch in existenzieller Entfremdung vom wahren Sein, 107–111: 110 (Beleg dort).

[26]Cf. Schalom Ben-Chorin: Paulus. Der Völkerapostel in jüdischer Sicht (1970; 1978; 1981): (4.) Das Leiden am Gesetz, 52–65: 53ff.

[27]TRE 26 (1996), Art. Paulus, Apostel. I. Neues Testament (H. Hübner): (3.5.5.) Der Römerbrief, 145–148: 145.

[28]Schalom Ben-Chorin: Paulus (1981), 57f.