Römer 7,14–25a
Der werden, der ich bin | 22. So. n. Trinitatis | 1. November 2026 | Römer 7,14–25a | Thomas Muggli-Stokholm |
Der werden, der ich bin
Das Erlebnis in einer Seniorenferienwoche vor gut zwei Jahren bleibt mir unvergesslich: Wir waren unterwegs auf einer Pferdewagenfahrt beim Murtensee durch eine wunderschöne Gegend. Das Wetter war zwar wechselhaft, und es windete stark. Doch niemand ahnte Böses. Als wir aber an einem Holzlager vorbeifuhren, welches mit Wellblech abgedeckt war, gingen die Pferde des vorderen Wagens durch, völlig unerwartet und plötzlich. Offensichtlich brachte sie das Scheppern des Wellblechs im Wind aus der Fassung. Mit dem Wagen, auf welchem sich ein gutes Dutzend ältere Menschen befanden, galoppierten sie quer über eine Wiese einem steilen Abhang entgegen. Wir konnten nur noch entsetzt schreien. Mich als Leiter und Hauptverantwortlichen packte das nackte Grauen: Eine fürchterliche Katastrophe bahnte sich an – doch der Kutscher wirkte total passiv, dem Unheil machtlos ausgeliefert.
Als ich mich in den heutigen Predigttext vertiefte, kam die Erinnerung an dieses dramatische Erlebnis in mir hoch. Paulus schreibt: «Was ich bewirke, begreife ich nicht; denn nicht, was ich will, treibe ich voran, sondern was ich hasse, das tue ich.» Der Mensch ist sich selbst und dem Leben so ausgeliefert wie unsere Gruppe den durchgebrannten Pferden. Er kann das Gute und Richtige noch so wollen. Seinem Tun und dem Lauf des Lebens steht er völlig machtlos gegenüber.
Wie geht es uns mit dieser knallharten Diagnose? Stimmen wir zu? In mir selbst regt sich zuerst Widerspruch: Unsere Lage ist doch nicht gar so hoffnungslos. Es gibt durchaus Bereiche, wo unser Wollen zum Tun führt. Mir fallen rasch ein paar Beispiele ein: Raucherinnen und Raucher schaffen es, mit ihrer Sucht aufzuhören. Workaholiker beschliessen nach einem Burnout, ihr Leben neu zu ordnen, sich und ihrer Familie mehr Raum zu geben – und ziehen das konsequent durch. Bewegungsmuffel entdecken, dass ihnen Fitness guttut und nehmen diszipliniert ein entsprechendes Training auf.
Das Wollen liegt in meiner Hand, das Vollbringen des Rechten und Guten aber nicht. Nein, lieber Paulus, so sehr ich dich sonst schätze; deine pessimistische Sicht kann ich nicht teilen.
Wobei: Bin ich ehrlich mit mir selbst, muss ich eingestehen, dass es bei mir Bereiche gibt, wo Wollen und Tun auseinanderklaffen. Und leider geht es da um Grundsätzliches. Gerne zeige ich meine Stärken, bei denen es mir leichtfällt, sie zu pflegen und zu fördern. Anders verhält es sich mit meinen Schwächen. Da scheitern meine Bemühungen, sie auszumerzen. Sie gehören zu meiner Persönlichkeit. Ich bin ihnen ausgeliefert wie die Menschen auf dem Pferdewagen. Darin liegt die grosse Herausforderung: Mich anzunehmen, wie ich bin, gerade auch mit dem Hässlichen und Dunklen, das ich loswerden möchte. Zu dem werden, der ich bin. Das ist die Lebensaufgabe, die mich voll und ganz fordert, ja oft überfordert, so dass ich an mir selbst verzweifle. Ich will schön und stark sein, meine Aufgaben mit Bravour meistern –
und muss erkennen, dass mein Tun niemals dem Wollen entspricht. Ich mache eine schlechte Figur, weiss im entscheidenden Moment nicht, was ich reden oder tun soll und beneide jene, denen das gelingt. Ich will ein lieber Mitmensch sein, geduldig und verständnisvoll und verliere schon beim geringsten Anlass die Fassung.
«Ich entdecke also folgende Gesetzmässigkeit: Dass mir, der ich das Gute will, das Böse naheliegt.» Ach, lieber Paulus, vielleicht hast du doch Recht. Der Mensch ist von Grund auf unfähig, das Gute, das er will, zu tun. Es ist schmerzhaft, himmelweit hinter dem Idealbild, das ich mir von mir selbst mache, zurückzubleiben. Irgendwie muss ich damit umgehen. Gross ist die Versuchung, so zu tun, als ob es meine Schwächen nicht gäbe. Im öffentlichen Bereich hat das sogar eine gewisse Berechtigung: Ich muss mir nicht die Hosen herunterlassen. Das wäre zu peinlich, nicht nur für mich selbst, sondern auch für jene, die mich kennen. Darum habe ich im Lauf der Jahre Taktiken entwickelt, meine Schwächen zu verbergen.
Was in der Öffentlichkeit sinnvoll sein kann, wird vor mir selbst und vor Gott zur problematisch. Ich gaukle mir vor, ich sei ein grundguter Mensch, ohne Makel, ohne Fehl und Tadel. Alles Ungemach ist dann selbstverständlich nicht mein Fehler, sondern fremdverursacht. Dass mich die Welt nicht als strahlenden Sieger und Held wahrnimmt, das liegt nicht an mir, sondern am Schicksal und an den Menschen, die mir böse wollen. So baue ich mir eine Lebenslüge auf, die mich durch und durch bestimmt.
Es gibt Menschen, die damit von der Geburt bis zum Tod durchkommen. In ihrer Sicht sind sie und alles, was sie tun, völlig gut und in Ordnung. Nur die anderen machen Fehler. Diese Haltung zieht momentan weltweit Kreise. Das traurigste Beispiel ist der Mann mit den orangen Haaren: Er versteht sich als Erlöser und Befreier der USA und der ganzen Welt. Fehler macht er keine. Wenn etwas schiefläuft, dann sind die anderen schuld. Das gibt ihm die Legitimation, ausschliesslich seine eigenen Interessen zu verfolgen. Auch bei uns werden die Diskussionen zur Zukunft unserer Gesellschaft zunehmend gehässiger und aggressiver, weil alle davon überzeugt sind, dass sie allein wirklich gute und weise Menschen sind und darum wissen, wohin für unser Land die Reise geht.
Zehn Verse lang führt uns Paulus vor Augen, wie hoffnungslose Fälle wir sind. Er insistiert gnadenlos und wiederholt denselben Befund mehrmals: Wir sind radikal unfähig, das Gute, das wir wollen, voranzutreiben und tun stattdessen das Böse, das wir nicht wollen. Erst ganz am Schluss kommt er in knappster Form auf das zu sprechen, was uns aus unserer verzweifelten Lage rettet: «Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen aus diesem Todesleib? Dank sei Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn!» Offen bleibt, was die Erlösung konkret bewirkt.
Der Römerbrief ist vor gut 500 Jahren entscheidend für den Reformator Martin Luther. Gesellschaftlich herrschen katastrophale Verhältnisse, insbesondere im Bereich der Kirchenleitung: Der Papst und die Bischöfe verfolgen nur ihre eigenen Interessen. Es geht ihnen nicht um den Glauben und die Nachfolge Christi, sondern um Macht und äusserlichen Prunk. Sinnbild dafür ist der Bau des Petersdoms in Rom, der grössten Kirche aller Zeiten. Um ihn zu finanzieren, lanciert man den Ablasshandel: Wer grosszügig spendet, kann sich die Zeit im Fegefeuer massgeblich verkürzen. Weil die Angst vor der Hölle allgegenwärtig ist, läuft dieser «Deal» blendend. Martin Luther leidet an der Veräusserlichung der Kirche und durchschaut das lügnerische Wesen des Ablasshandels. Zugleich bemüht er sich mit all seiner Kraft darum, ein gutes und vor Gott gerechtes Leben zu führen, um das Himmelreich zu erben. Wie Paulus muss er jedoch erkennen, dass er radikal unfähig ist, dieses Wollen und Sehnen in die Tat umzusetzen. Sein Scheitern am guten und vollkommenen Leben treibt Martin Luther zur Verzweiflung, solange, bis er erkennt, dass die Gerechtigkeit Gottes keine Forderung, sondern ein Geschenk ist: Gott spricht die Menschen gerecht, die seinem Sohn Jesus Christus glauben, der sein Leben hingibt, um unsere Sündenschuld zu tilgen. Auf der Grundlage des Römerbriefs kommt er zur Einsicht Der Mensch ist «simul peccator et iustus», gleichzeitig Sünder und Gerechter. Von sich aus ist der Mensch, wie Paulus im heutigen Predigttext schreibt, nicht Herr seines Lebens, sondern der Sünde ausgeliefert, die in ihm wohnt und handelt, ob er will oder nicht. Erlösung finden wir einzig im Glauben an Jesus Christus. Er ist gestorben für uns und unsere Sünde. So erlöst er uns aus unserem Todesleib. Dank sei Gott dafür!
Und nun, was hat das für Konsequenzen für unser Leben? In Bezug auf unsere eigenen Fähigkeiten bleiben wir auch als Glaubende hoffnungslose Fälle. Geändert hat sich nur unser Grundgefühl: Wir sind nicht mehr ewig verloren, weil Gott uns liebt und annimmt, obwohl wir alle «arme, stinkende Madensäcke» sind, wie Luther schreibt. Seine geradezu verächtliche Sicht des Menschen ist geprägt durch die Erbsündenlehre, welche sein Vorbild und Lehrer Augustin um das Jahr 400 entwickelt. Die Sündenschuld Adams und Evas vererbt sich für immer auf die gesamte Menschheit, die damit zu «massa perditionis» verkommt, zur Masse der Verderbnis, aus der nichts Gutes kommen kann.
Ich wehre mich gegen diese Sicht und berufe mich auf unsere reformierte Tradition. Der Zürcher Reformator Huldrych Zwingli stösst sich an der Erbsündenlehre. Er findet diese weder in der Bibel noch kann er nachvollziehen, dass Gott den Menschen dazu erschafft, dass er in der Hölle landet. Zugleich bleibt Zwingli realistisch im Hinblick auf unsere Fähigkeit zum Guten. So spricht er vom «Präst», vom Gebresten, von der Krankheit, unter der wir seit Adam und Eva leiden. Der Mensch ist wie ein Wolf: Bei der Geburt und in der frühen Kindheit ist er noch harmlos und süss. Je älter er wird, desto unausweichlicher entfaltet er aber seine gewalttätige Natur. So kann er – in Anlehnung an unseren Text gesprochen – noch so sanft und harmlos sein wollen. Von Natur aus tut er das, was er nicht will: Er reisst Lämmer.
Auch für Zwingli gilt der Grundsatz, dass allein der Glaube uns vom «Präst», von der Sünde und ihren Folgen erlöst. Stärker als Luther hat er jedoch die Konsequenzen daraus im Auge: Jesus Christus ist nicht nur unser Retter. Er ist auch unser Hauptmann, dem wir folgen. Mit dem Schritt zum Glauben vollziehen wir einen Herrschaftswechsel: Wir dienen nicht mehr den Herren dieser Welt, sondern Jesus Christus allein. Für Zwingli betrifft dieser Wechsel sowohl den geistlichen als auch den weltlichen Bereich. Auf dieser Grundlage können später der Genfer Reformator Johannes Calvin und Heinrich Bullinger, der Nachfolger Zwinglis, von einem «tertius usus legis», einem dritten Gebrauch des Gesetzes sprechen. Das Gesetz des Mose soll ursprünglich und erstens das Zusammenleben regeln. Zweitens führt es uns unsere Sünde vor Augen, weil wir nicht fähig sind, es zu halten. Drittens ist es uns eine Hilfe, unser Leben im Glauben zu führen, aus Dankbarkeit dafür, dass Gott uns durch Jesus Christus annimmt und gerecht spricht.
«Ich elender Mensch! Wer wird mich erretten aus diesem Todesleib? Dank sei Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn!» Auch bei Paulus bleibt es nicht bei diesem dankbaren Seufzer. In den letzten Kapiteln des Römerbriefs legt er ausführlich dar, wie unser Zusammenleben als Gerettete aussieht. Am schönsten bringt er es im 14. Kapitel auf den Punkt, wo er schreibt: «Das Reich Gottes ist Gerechtigkeit, Frieden und Freude im Heiligen Geist.» Ja, wir sind mehr als arme, stinkende Madensäcke. Gott spricht uns in Jesus Christus zu, dass wir seine geliebten Kinder sind. Darin finden wir unsere innere Heimat und den Mut, unsere Bestimmung wahrzunehmen, als Kinder Gottes zu leben, einander wie Geschwister zu behandeln und der Schöpfung, dem Haus Gottes, Sorge zu tragen.
Am Schluss meiner Predigt kehre ich nochmals zu unserer Pferdewagenfahrt in den Seniorenferien zurück. Wie gesagt konnte ich zuerst nicht verstehen, warum der Kutscher nicht schnell und hart eingriff, als seine Pferde durchgingen. Doch der Eindruck trügt: Während wir alle den Kopf verloren und nur noch schrien, blieb er die Ruhe selbst und behielt den Überblick. Mit sicherem Griff und beruhigenden Gesten brachte er die Pferde nach einigen Schrecksekunden zum Stehen. Damit ersparte er unserer Gruppe Schlimmes. Wir kamen mit einigen Schrammen und dem Schrecken davon. Der Kutscher wird zum Bild, wie ich mit mir selbst umgehe. Ich, ein Kind Gottes, wie schön! Unser Predigttext verhindert, dass mir dieser Zuspruch Gottes zu Kopf steigt. Auch als Gottes Kind kann ich niemals aus meiner Haut fahren. Oder mit Luther gesprochen: Den alten Adam in mir kann ich nicht ersäufen. Das ist gut so, denn sonst verstiege ich mich dazu, mich selbst zu rühmen, mit den bereits erwähnten verheerenden Folgen. Gott allein gehört die Ehre. Nachdem das klar ist, darf ich mich an die Arbeit an mir selbst machen, im Vertrauen, dass Gott mir dabei beisteht. Ich bleibe realistisch in Bezug auf mich und meine Schwachstellen. Ich stehe zu letzteren und lerne sie lieben, annehmen und damit umzugehen. So zähme ich die wilden Pferde in mir – oder stelle mindestens sicher, dass sie nicht sofort durchgehen, wenn es stürmisch wird. Bestimmt kommt es dabei regelmässig zu Rückfällen. Ich vertraue aber darauf, dass niemand und nichts mich aus der Hand des gnädigen Gottes reissen kann. Seine Liebe umfängt mich, jetzt und immer. Dank sei Gott dafür, durch Jesus Christus, unseren Herrn. Amen.
Verfasst von:
Thomas Muggli-Stokholm