Sacharja 2,14-17
Weihnachten und die Wohnung Gottes | Christmette | 24.12.2025 | Sacharja 2,14-17 | Andreas Pawlas |
Freue dich und sei fröhlich, du Tochter Zion! Denn siehe, ich komme und will bei dir wohnen, spricht der Herr. Und es sollen zu der Zeit viele Völker sich zum Herrn wenden und sollen mein Volk sein, und ich will bei dir wohnen. – Und du sollst erkennen, dass mich der Herr Zebaoth zu dir gesandt hat. – Und der Herr wird Juda in Besitz nehmen als sein Erbteil in dem heiligen Lande und wird Jerusalem wieder erwählen. Alles Fleisch sei stille vor dem Herrn; denn er hat sich aufgemacht von seiner heiligen Stätte! (Sacharja 2,14-17)
Liebe Gemeinde!
Uns freuen und fröhlich sein, ja, das wollen wir am Heiligen Abend. Vielleicht reicht schon allein dieser eine Satz des Propheten, damit es unter uns tatsächlich Weihnachten werden kann! Übrigens: War es denn mit uns in Kinderzeiten nicht ganz ähnlich? Natürlich haben wir im Gottesdienst das Kind in der Krippe gesehen, auch Maria und Josef und Ochs und Esel und auch die Hirten. Ja, vielleicht haben wir uns sogar in der vollen Kirche etwas vorgedrängelt, um das alles auch wirklich mit eigenen Augen sehen zu können. Jedoch, haben wir denn dabei alles verstanden von dem Wunder, dass uns der Heiland der Welt geboren ist? Ja, nicht nur für Juda und Jerusalem, wie es beim Propheten anklingt, sondern wie er genauso verkündet für alle Völker und daher auch für uns! Hatten wir damals irgendetwas davon verstanden wie wohl dieses Kind in der Krippe diese Welt erlösen können sollte? Und dennoch hat uns wunderlicherweise dieses Sich-freuen und Fröhlich-sein erreicht, am Heiligen Abend. Und es wurde Weihnachten für uns.
Darum: Wen es so ganz von selbst überkommt, dieses vor Gott Sich freuen und fröhlich sein, was sollte der mehr brauchen an diesem Heiligen Abend? Es reicht, die Hände zu falten und sich zu freuen und fröhlich zu sein. Ja, vielleicht sogar schlicht still zu sein. Denn in unserem Gotteswort für heute Abend, da heißt es doch auch am Ende: Alles Fleisch sei stille vor dem Herrn; denn er hat sich aufgemacht von seiner heiligen Stätte!
Jedoch, mit dem Stille-sein ist da ja nicht so einfach. Denn wir wissen doch alle, wie es auf dieser Welt rumort und tobt, wie auch unter uns so viele leidend, krank, erschöpft und verletzt sind. Ja, gerade zu Weihnachten, wo alle so große Erwartungen haben, wo alle besonders aufmerksam und empfindsam sind, wo alle Enttäuschungen und Verletzungen doppelt schwer wiegen. Wie sollte man da einfach stille sein können?
Aber es geht jetzt ja gerade nicht um ein simples Stille-sein. Vielmehr ruft uns doch der Prophet kaum Fassbares zu, kaum fassbare Gründe dafür, innezuhalten und aufzumerken. Denn der Prophet ruft Dir und mir zu: Der Herr will zu Dir kommen und will bei dir wohnen.
Moment! Wie sollte das denn gehen? Bei mir wohnen? Bei mir? Nein, das geht doch garnicht. Dazu habe ich doch gar nicht genügend aufgeräumt. Überhaupt bin ich doch dazu gar nicht eingerichtet. Allein, wo sollte er denn bei mir in all seiner Herrlichkeit Platz finden? Ausserdem weiß ich doch gar nicht, wie ich ihn empfangen soll, wenn er sich tatsächlich aufmacht von seiner heiligen Stätte! Wie unbegreiflich ist das alles! Oder – oder verstehen wir da nur irgendetwas ganz falsch? Haben wir vielleicht nur ein ganz verkehrtes Bild von dem, um was es da eigentlich geht?
Zunächst: was wäre das für ein Gott, wenn der nicht wissen würde, wie leicht wir verwirrt werden können und was für falsche Bilder uns so manches Mal in den Kopf kommen?
Aber eben genau deshalb platzt er ja nicht mit all seiner für uns Menschen unbegreiflichen Pracht und Unbegreiflichkeit, mit all seiner Herrlichkeit und Unendlichkeit in meine bescheidene und so begrenzte Behausung. Sondern die heutige weihnachtliche Botschaft: lautet doch ganz anders! Gott will zu Dir und mir kommen, bei Dir und mir wohnen und in Deiner und meiner Welt eingehen als kleines hilfloses Kind, als kleines hilfloses Kind in der Krippe.
Ja, genau: magst Du Dir das einmal vorstellen? Und sei Dir sicher dabei: wenn Gott auf diese Weise zu Dir kommen will, dann musst Du nicht weglaufen oder die Decke über den Kopf ziehen. Nein, sondern Du darfst ihm so begegnen, wie man einem geliebten Kind begegnet, wenn man es auf den Arm nimmt. Du darfst das fühlen und mit großen Augen schauen und staunen und Dein Herz weit werden lassen. Und wie traurig Du auch bist, und wie sehr Dein Herz auch schmerzt, es wird alles anders, wenn Du das göttliche Kind wirklich zu Dir kommen lässt – in Dein Haus, in Deine Stube, in Dein Weihnachtszimmer, ja, auch unter Deine Bettdecke, unter der Du immer so geweint hast.
Und Du musst auch nicht gleich etwas sagen. Du darfst das alles an Dir geschehen lassen. Du wirst dann erfahren wie das ist, wenn alles hinter Dich tritt, wenn Gottes Nähe Dich anrührt. Ja, so will Gott bei Dir wohnen, sodass Du gar nicht mehr anders kannst, als ihn zu loben und zu preisen und erfüllt und dankbar zu sein. — Und mehr ist eigentlich zu dem Wunder der Heiligen Nacht nicht zu sagen. Und so sollte es auch sein.
Und dennoch, dennoch meldet sich jetzt unser kritischer Verstand, pocht an die Tür unserer Gedankengebäude und fragt doch zurecht, wie das wohl gehen würde, dass ein kleines hilfloses Kind die Welt erlösen können sollte. Ja, was sollte denn wohl ein kleines Kind in der Krippe tun können, um in dieser brutalen und zerstörten Welt Rettung zu schaffen?
Und was hat denn auch bisher dieses kleine Kind, das noch nicht einmal in Jerusalem geboren ist, sondern im judäischen Bethlehem, bewirken können, um die Welt zu retten? Die Welt tobt doch nach wie vor! Die Mächtigen halten die Völker nieder. Die Reichen ersticken die Armen mit ihrem Geiz. Es wird gelogen und betrogen. Es wird gelitten, geweint und gestorben. Man ist enttäuscht und vergräbt sich vor Gram. Was kann darum an dieser Welt überhaupt noch gerettet werden?
Aber wie wäre das wohl, wenn Du jetzt innehalten könntest, wenn Du jetzt offen dafür wärest, dass Dich das kleine Christus-Kind jetzt fragt: Mein Lieber, meine Liebe, wohin schaust Du denn in Deinem Leben? Nur immer weit weg auf die vielen Stürme der Welt? Nur auf das, was Dich verletzen und krankmachen will? Warum schaust Du nicht auf das, was Dein Gott Dir zugesagt hat? Warum hörst Du nicht auf sein Versprechen, dass er Dich führen und halten und bis in Ewigkeit vollenden will? Nein, Du sollst Dich doch nicht täuschen lassen durch die Gewalt der Mächtigen und das Geld der Reichen. Das alles bewegt nur das Vergängliche auf dieser Welt, so sehr es sich auch aufbläht. Sondern Du darfst Dich verlassen auf das göttliche Lenken und Fügen, Trösten und Stärken. Denn das will als Kind in der Krippe offenbar werden, und über das Vergängliche hinausgehen und das Unvergängliche bewegen.
Was wären das für Worte für Dich und mich?! Oder sind sie etwa für Dich zu weit weg und zu fremd? Aber wie kann das sein? Denn will nicht genau dieses Unvergängliche bereits hindurchschimmern, wenn sich unter uns ein kleines Kind blind darauf verlässt, dass Mutter und Vater ihm Gutes tun? Und genau so will doch Dein Gott bei Dir wohnen. So will Dein Gott bei allen Menschen wohnen und sie mit seinem Frieden erfüllen. Jetzt und ewig. Und wie sollte da noch Platz für irgendetwas Schlimmes sein?
Ja, wirklich, was würde das mit uns machen, wenn wir solche weihnachtlichen Worte hören dürften? Müsste dann nicht wirklich alle unsere Not zum Ende kommen und weihnachtlicher Friede unter uns und in alle Welt einziehen? Müsste dann nicht wirklich aller Kampf um den eigenen Platz im Leben überflüssig werden, weil wir unseren Platz schon haben jetzt und ewig? Müsste dann nicht wirklich alle Lebens- und Verlustangst überwunden sein, weil unser Gott uns gefunden hat? Und warum sollte man dann etwa noch stehlen und betrügen, um sich zu bereichern, wenn man fühlen kann, wie reich man in Gottes Nähe ist? Und warum sollte der Kämpfer dann noch kämpfen, um fremde Länder zu erobern, wenn er fühlen kann, dass er in Gottes Nähe bereits alles hat? Warum auch sollte man noch andere klein machen und sich vordrängeln wollen, um bewundert zu werden, wenn man fühlen kann, wie Gottes Liebe einen mehr als genug erfüllt und froh macht?
Also was für ein folgenreicher weihnachtlicher Besuch, der Erfüllung und Frieden bringen will! Was für ein folgenreicher weihnachtlicher Besuch, der auch gern den Nächsten in diesen Frieden einschließen will! Und ist es nicht so, dass gegenwärtig selbst über jedem Weihnachtsmarkt irgendwie eine Ahnung von diesem weihnachtlichen Frieden schwebt?
Allerdings wissen wir auch, wie leicht manche diese Erfahrung als schönes Gerede abtun. Aber wie sollte man derart dem Weihnachtsgeschehen ausweichen können, wenn man darauf schaut, wie hoch der Preis ist, den unser Gott als weihnachtliches Kind in der Krippe für einen jeden von uns zahlt? Denn es ist doch genau dieses kleine Kind, welches bei uns wohnen will, das dann an das Kreuz zu Golgatha gehen wird, um sein Leben zu geben, damit unser Leben gerettet wird. Es wird sterben, damit wir leben. Es wird damit alle unseren weltverhafteten Lebens- und Gedankenwege, Nöte und Verwirrungen aufreissen und abtun, damit wir österlich daraus auferstehen können in Gottes ganz andere Wirklichkeit.
Ja, das alles will wirklich an uns geschehen, wenn wir uns endlich trauen, Gott bei uns wohnen zu lassen. Ja, das alles will an uns geschehen, wenn wir es endlich bei uns selbst in unseren Herzen Weihnachten werden lassen wollen. Ja, das alles will an uns geschehen, wenn wir es endlich zulassen, dass uns zu Weihnachten Gottes ganz andere Wirklichkeit so überwältigen will, dass wir nur noch staunen und froh und dankbar sein können. Halleluja. Amen.
Pastor i. R. Prof. Dr. Andreas Pawlas
Eichenweg 24
25365 Kl. Offenseth-Sparrieshoop
Andreas.Pawlas@web.de