Titus 3,4-7
„Gott geht in die Knie“ – oder warum „Teddy Brumm“ ein wunderbares Weihnachtsgeschenk ist | Christfest | 25.12.2025 | Titus 3,4-7 | Sabine Handrick |
Guten Morgen, liebe Gemeinde!
Wie seid Ihr heute erwacht, in der Frühe am Weihnachtstag?
Habt Ihr Euch nur schwer aus der wohligen Umarmung des Schlafes lösen können oder seid Ihr sofort frisch und froh aus dem Bett gestiegen voller Erwartung und Vorfreude auf diesen herrlichen Festtag? Ich hoffe, diese Frage ist nicht zu intim, dass ich Euch damit nicht zu nahe träte, meine Lieben! Bedenken wir ja heute eine Geburt – ein Ereignis des Lebens, das intimer kaum zu denken ist und das ins Licht der Öffentlichkeit, ja der Weltöffentlichkeit gerückt wird.
Bevor wir uns dem grossen Thema des Festes zuwenden, starten wir ganz einfach in unserem menschlichen Bereich bei der täglichen Morgenroutine.
Wie diese im Einzelnen auch aussehen mag, jede und jeder macht sich morgens auf den Weg ins Bad. Und wenn ich dann am Waschbecken stehe, geht mir mitunter ein kleiner Reim durch den Sinn, eine Reminiszenz aus Kindertagen: Wäscht man Augen, Hals und Ohren, fühlt man sich wie neugeboren…
Das stammt aus einem Bilderbuch, das ich als Kind sehr geliebt habe – doch dazu später mehr. Mir geht es im Moment um dieses frische Gefühl: Sich wie neugeboren fühlen… Wasser belebt dein Gesicht, die kalten Tropfen rinnen dir über den Nacken und du kommst an im Hier und Jetzt. Das kühle Nass hilft dir beim Wachwerden … und der neue Tag liegt verheissungsvoll vor dir.
Nicht immer kann ich das so spüren, dass es ein Geschenk ist, aufzuwachen, die Augen zu öffnen, zu atmen, aufzustehen, sich wie neugeboren zu fühlen. Doch immer einmal wieder geht es mir durch den Sinn, ähnlich wie in Paul Gerhardts Morgenlied „Lobet den Herren!“: Dass unsre Sinnen wir noch brauchen können und Händ‘ und Füsse, Zung‘ und Lippen regen, das haben wir zu danken seinem Segen. Lobet den Herren! – Heute ist so ein guter Tag, um Gott zu danken, um mit ‚Freud und Wonne‘ diesen Weihnachts-Festtag zu beginnen und zu singen. Die Töne des Gesangs mögen wie perlende Wassertropfen auf der Haut auch unsere Seele erfrischen.
Was der Text aus dem Titusbrief, den wir gehört haben, mit diesem morgendlichen Gefühl der Dankbarkeit und mit Weihnachten zu tun hat, sieht man vielleicht nicht auf den ersten Blick. Mit Bezug auf das ‚Bad der Erneuerung‘ wollte ich eine Brücke bauen zu jenen Worten im Titusbrief. Dort wird in konzentrierter Form das zusammenfasst, was man sagen kann über das wunderbare Geschehen zwischen Himmel und Erde, Gott und Mensch, das wir heute feiern. Ich lese die drei Verse noch einmal, die ein einziger langer Satz sind:
Als aber die Freundlichkeit und Menschenliebe unseres Retter-Gottes erschien,
nicht aufgrund von Taten in Gerechtigkeit, die wir getan hatten,
sondern gemäß seinem Erbarmen
rettete er uns durch das Bad der Erneuerung und Neumachung des Heiligen Geistes,
den er reichlich über uns ausgegossen hat durch Jesus Christus unseren Retter,
damit wir, gerecht gemacht durch Gottes Gunst,
Erben würden hinsichtlich der Hoffnung auf ewiges Leben.
Wir haben die Ansammlung grosser Worte erneut vernommen: Freundlichkeit, Menschenliebe Gottes, Retter, Gerechtigkeit, Erbarmen, Neuwerden, Heiliger Geist, Hoffnung, ewiges Leben. Sie schimmern wie Perlen aufgereiht zu einem kostbar-bedeutungsvollen Collier des christlichen Glaubens.
Wie ist das, meine Lieben? Gibt es unter uns Frauen, die gern Perlenketten tragen? Legt Ihr sie oft an oder eher selten wie zum Weihnachtsfest oder einem anderen feierlichen Anlass? Auf mich wirken die Worte aus dem Titusbrief wie eine Perlenkette, die nur an Feiertagen ihren grossen Auftritt hat. Da sie so wertvoll ist, wird sie gehütet und geschützt und selten hervorgenommen. Doch ich habe mir sagen lassen, dass echte Perlen ihren Glanz nur durch häufiges Tragen behalten und nicht wenn sie im Schmuckkästlein liegen bleiben. Damit es dem Titusbrief nicht ähnlich ergeht wie einem selten getragenen Schmuckstück, wollen wir versuchen, die Worte zum Leuchten zu bringen.
Im neugeborenen Kind sehen wir die reinste Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes. „Ein Kind ist uns geboren.“ – Was für ein bewegendes Bild!
Jedes Menschenkind, das das Licht der Welt erblickt, zaubert uns Betrachtenden ein Lächeln aufs Gesicht. Das haben wir alle sicher schon mal erlebt. Wer auch nur mal einen Blick in den Kinderwagen werfen darf und ein winziges Gesichtchen und die kleinen Fingerchen bestaunt, der freut sich einfach mit den Eltern. Sogar fremde Menschen werden sanft und freundlich, zuvorkommend und interessiert beim Anblick eines Neugeborenen. Auch wenn man gerade noch gestresst oder okkupiert von Alltagssorgen war – ein Baby verändert die Atmosphäre und verbessert die Stimmung der Menschen untereinander. Die grössten Ignoranten heben den Blick, verschenken freundliche Worte oder bieten Hilfe an, so was lässt sich in der S-Bahn gut beobachten.
Was ein neugeborenes Kind allein durch seine Anwesenheit bewirkt – erstaunlich! Es geht ja nicht nur darum, dass man Babys an sich niedlich und liebenswert findet… Obwohl – in eine liebevollere Form hätte Gott all die Freundlichkeit und Zuwendung zu uns Menschen gar nicht kleiden können.
In der Heiligen Nacht zeigt sich Gottes überströmende Liebe: In diesem Kind kommt Gott zu uns.
Gott will uns so nahe sein, wie es nur irgend geht. Dafür macht Gott sich klein und zart, hilflos und bedürftig, setzt sich den Gefahren der Geburt, den prekären Umständen aus, wird angewiesen auf menschliche Wärme, Zuneigung und Schutz.
Gottes Freundlichkeit und Menschenliebe sind keine abstrakte Theologie über das Wesen Gottes, sondern hier wird es konkret: sichtbar, begreifbar, verstehbar. Gott kommt als Kind zur Welt, wird geboren, so wie wir alle. Wer dieses heilige Geschehen in seiner ganze Tiefe realisiert, kann sich der überwältigenden Wirkung kaum entziehen:
Ich sehe dich mit Freuden an und kann mich nicht satt sehen;
und weil ich nun nichts weiter kann, bleib ich anbetend stehen.
O dass mein Sinn ein Abgrund wär und meine Seel ein weites Meer, dass ich dich möchte fassen.
Wie es Paul Gerhardts Lied: „Ich steh an deiner Krippen hier“ besingt.
Die Geste, die dieses Staunen ausdrückt, haben Künstler in unzähligen Varianten dargestellt. Und Ihr habt sicher Bilder vor Augen, wie Hirten und Könige auf die Knie fallen, das Neugeborene betrachten und sich am Wunder der Heiligen Nacht nicht sattsehen können.
Arme und Reiche knien vor dem Kind – sie symbolisieren uns alle. Gottes Liebe sucht uns Menschen, so wie wir sind. Sie gilt unterschiedslos uns allen. Sie richtet sich nicht auf das Perfekte, Schöne oder Vollkommene, dem wir so sehr nachstreben, sondern auf uns, vielfältig und widersprüchlich, mit all unseren Licht- und Schattenseiten.
Doch bevor wir Menschen so weit sind, dass wir lernen, die Knie zu beugen und unser Herz zu öffnen, unseren Ehrgeiz abzulegen und unsere Selbstbehauptung, bevor wir vom hohen Ross unserer Rechthaberei und unseres Egoismus herabsteigen, brauchte es den göttlichen Entschluss, selbst diese Bewegung zu vollziehen: Gott kam herab ins Erdental mit seiner Gotterkenntnis Strahl (Du Morgenstern, du Licht vom Licht, RG: 406,3)
Das Herabkommen Gottes, sein Niedersteigen in die Abgründe menschlicher Existenz – diese Bewegung zu uns hin nennt Fulbert Steffensky schlicht: „Gott geht in die Knie“ – und dies ist keine herablassende Geste sondern reinster Ausdruck seiner Menschenfreundlichkeit.
„Gott geht in die Knie“ – mit entwaffnender Freundlichkeit kommt uns Gott entgegen und zeigt uns, worin wahre Menschlichkeit besteht. Steffensky sagt weiter:
„Es ist ein fremder und zärtlicher Gedanke, dass unser Leben und dass die Welt nicht gerettet werden durch die Macht des Mächtigen, sondern durch die Teilnahme Gottes an unseren Ohnmachten und an unseren Leiden. Dies ist keine Verherrlichung der Ohnmacht, und es bedeutet nicht, dass das Leiden in sich eine erlösende Kraft hat. Die Liebe, die sich gleich macht mit dem Geliebten, ist die erlösende Kraft.“
Wer diese erlösende Kraft spüren kann, fühlt sich befreit und erfrischt und wie neugeboren. Das Bad der Erneuerung nennt es der Titusbrief, und wenn uns die Assoziation zur Taufe kommt, liegen wir damit sicher nicht falsch. Wäscht man Augen, Hals und Ohren, fühlt man sich wie neugeboren…
Wem es gelingt, sich immer wieder zu erinnern, getauft zu sein, und die Verbindung zu spüren zur liebenden, gütigen, erbarmenden Macht Gottes, wie sie sich in Jesus Christus gezeigt hat, wird nicht nur einmal im Jahr zu Weihnachten die entsprechende Haltung einnehmen, sondern wird sich Tag für Tag um Freundlichkeit und Menschenliebe bemühen.
Für seine griechisch sprechenden Adressaten hat der Titusbriefes das Ideal der Philanthropie auf Gott bezogen. Wir kennen den Begriff ja auch als Fremdwort. Philanthropia bezeichnete in der Antike eine grosszügige wohlwollende Haltung, die ein Stärkerer einem Schwächeren, ein Wohlhabender einem Ärmeren gegenüber zeigt. Wer sich als „Freund/in der Menschen“ erweist, sich für das Gemeinwohl einsetzt, agiert mit Güte, Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft.
Wenn nun mit dem „Erscheinen“ göttlicher Freundlichkeit und Menschenliebe, sprich in der Geburt Jesu, Gottes Göttlichkeit als Menschlichkeit sichtbar wurde, verändert sich alles.
Es teilt die Zeit in ein Vorher und ein Nachher. Die Geburt Jesu markiert die Zeitenwende in unserem Verhältnis zu Gott. Bevor Gottes Menschenfreundlichkeit die Herzen der Menschen erreichte, waren sie gefangen in Hass, Bosheit, Eigensucht und kreisten nur um sich selbst. Wer die Geburt Gottes in diesem Menschenkind Jesus sich nicht zu Herzen nimmt, bleibt im Grunde in diesem Vorher stecken und bleibt ein Misanthrop, ein Menschenfeind.
Doch wer die Güte und Gnade unseres menschenfreundlichen Gottes erfahren hat, möchte so nicht mehr leben. Am Beginn des 3. Kapitels im Titusbrief (Tit.3,1f.) heisst es: „Erinnere sie daran, … zu jedem guten Werk bereit zu sein, niemanden schlechtzumachen, keinen Streit zu suchen, freundlich zu sein und allen Menschen gegenüber Milde walten zu lassen.“
Gerade zu den Weihnachtfesttagen können wir solche ermutigenden Worte gut gebrauchen, denn wie leicht überladen wir das Fest mit Erwartungen. Wir wünschen uns Harmonie und Frieden und scheitern dennoch kläglich. Die feierliche Stimmung kippt und ein Streit eskaliert. Bei aller Liebe stossen wir schnell an die Grenzen unserer Nerven und gehen ungnädig und überkritisch miteinander um. Wie schnell schreiben wir jemanden ab, weil er/sie einen Fehler gemacht hat. Wie oft geben wir uns kaum Mühe, Missverständnisse aus dem Weg zu räumen.
Mitunter sind wir Erwachsene Kindern gar nicht so unähnlich, die ihr Spielzeug in die Ecke schmeissen, wenn es ihnen nicht mehr passt. Ein Gleichnis auf solches menschlich – allzu menschlichem Verhalten ist das Kinderbuch, aus dem ich eingangs den erfrischenden Reim vom „Neugeboren sein“ zitierte. Es stammt aus der Feder von Nils Werner, heisst „Teddy Brumm“. Dieses wunderbare Kinderbuch sei allen empfohlen, die ihren Kindern etwas anderes als eine Wegwerfmentalität vermitteln wollen. Es hält uns den Spiegel vor. Wer es wagt, sich ebenso auf die Ebene von Kindern „herabzulassen“, wird es mit Freude und Gewinn lesen. Nur eine kleine Kostprobe daraus:
Aber gestern sagte Klaus. Teddy, hee, wie siehst Du aus?
Denkst Du, mit Dir spiel ich noch? Nein, Dein Fell hat ja ein Loch!
Geh, Du alter Teddybär, Du gefällst mir gar nicht mehr.
Und schon flog der Spielgefährte, plumps, sehr heftig auf die Erde. …
Solch eine Behandlung lässt Teddy nicht auf sich sitzen. Er marschiert los in die grosse, weite Welt, erlebt eine Reihe von Abenteuern, begegnet einer freundlichen Bärenfamilie und kehrt schliesslich doch nach Hause zurück, wo er sehr sehnsüchtig erwartet wird.
Passt so eine naive Geschichte in eine Weihnachtspredigt? – Ich meine: Ja. Gott selbst war sich nicht zu schade, in die Knie zu gehen, sich auf die Kind-Ebene zu begeben. Versuchen wir es einfach auch! Machen wir uns kleiner, setzen wir uns zu den Kindern. Lernen wir zu Weihnachten, voller Vertrauen die Welt mit Kinderaugen zu schauen. Gehen wir gnädiger miteinander um, denn Gott liebt uns mit unseren Ecken und Kanten, Fehlern und Unzulänglichkeiten. Jesus kommt unter den kleinen Leuten zur Welt, den Ausgestossenen, schlecht Beleumundeten, den Gemobbten und Beschädigten.
Ich finde, ein Teddy mit Loch im Fell passt gut in die Reihe der geliebten Kinder Gottes.
Amen
Sabine Handrick
pfarramt@refdue.ch